Eda Gregr
29.10.2016 um 14:59

Das Urteil

84% der Zuschauer hätten den Kampfpiloten freigesprochen, der ein Passagierflugzeug mit 164 Passagieren abschoss, um 70’000 Menschen in einem Fussballstadion zu retten.

Es ist das klassische Trolley-Problem1:

trolleyproblem

zumindest fast:

Hier sind nämlich noch etwas zu berücksichtigen:

  • Weder die Beweggründe, noch der Zweck der Tat oder die Art der Ausführung waren besonders verwerflich.

Wodurch eine Mordanklage eigentlich etwas fehl am Platz ist. Über Todschlag könnte man aber reden.

Doch genau das ist ja das Dilemma bei Trolley-Problem ist: dass man mit beiden Varianten gegen das Gesetz verstösst. Denn sowohl eine Handlung, die zum Tod einer Person führt, wie auch das Unterlassen einer Handlung, die einen Menschen retten würde, stehen unter Straffe.
Und so lange es keine verbindliche Richtlinie gibt, die das regeln würde, kommt man aus dem Dilemma nicht raus.

In unserem Szenario gibt es aber diese Richtlinie, wodurch es noch einige weitere Punkte zu beachten gilt:

  • In der Verfassung steht ausdrücklich geschrieben, dass in einem solchen Fall nicht geschossen werden darf, weil man Leben nicht gegeneinander aufwiegen darf.
  • Der Pilot weiss um den obigen Punkt, hat sich intensiv mit ihm auseinander gesetzt und hält die Entscheidung für falsch.
  • Der Pilot ist ein Soldat und handelte gegen den ausdrücklichen Befehl seiner Vorgesetzten, die sich an die Verfassung halten.

Wie gesagt, all das berücksichtigend, sprachen ihn 84% der Zuschauer von der Mordanklage frei.

Ich frage mich – und darauf will ich eigentlich hinaus -, wie sich das Verhältnis verändert hätte, wenn man ein paar Details verändert hätte. Wobei wir weiterhin voraussetzen, dass der Pilot auch weiterhin für den Tod aller ums Leben gekommener verantwortlich gemacht worden wäre, selbst wenn es nicht wirklich Sinn macht.

Wie viele hätten den Piloten von der Anklage freigesprochen, wenn sie Situation wie folgt ausgesehen hätte:

Ein von (islamistischen / christlichen / veganen / einfach nur verrückten) Terroristen entführtes Flugzeug voller (normaler Leute / Schweizer / schwangerer Frauen / Wirtschaftleute / Politiker / Kleriker / Ärzte / Lehrer / Journalisten / Juristen / Wissenschaftler / Flüchtlinge / Häftlinge) fliegt auf ein Stadion in (der Schweiz / Deutschland / Indien, Syrien) voller (normaler Leute / Schweizer / schwangerer Frauen / Wirtschaftleute / Politiker / Kleriker / Ärzte / Lehrer / Journalisten / Juristen / Wissenschaftler / Flüchtlinge / Häftlinge) zu. In der Maschine sitzen 164 todgeweihte Menschen, im Stadion (7’000’000 / 700’000 / 70’000 / 7’000 / 700 / 70 / 7). Die einzige Möglichkeit die Leute im Stadion zu retten, ist das Flugzeug abzuschiessen. Die Verfassung schreibt für diesen Fall (den Nichtabschuss / den Abschuss) vor, die Vorgesetzten geben dem Befehl zum (Nichtabschuss / Abschuss) und der Pilot, der ein (Soldat / ehemaliger Soldat / Zivilist) ist, schiesst. Noch zu erwähnen ist, dass die Familie des Piloten (ganz weit weg / im Flugzeug / im Stadion) ist.

Das sind 4 x 13 x 4 x 13 x 7 x 2 x 2 x 3 x 3 = 681’408 Varianten und wenn es ums Prinzip geht, müsste das Ergebnis eigentlich immer das gleiche sein. Es müsste das gleiche sein, weil die 164 Menschen im Flugzeug in diesem Szenario auf jeden Fall sterben würden. Dadurch ist es auch nicht mehr so wichtig, wie viele Leute im Stadion sind. Zum Tragen käme die Zahl nur, wenn die Leute im Flugzeug im Fall eines Absturzes ins Stadion irgendwie garantiert überleben würden. Dann würde man nämlich Menschenleben gegeneinander aufwiegen, was man laut der Verfassung im Film eben nicht darf.

84% sprachen den Piloten frei. Das heisst, für die Mehrheit sind die Konsequenzen wichtiger als die Gesetze.
In der Gesprächsrunde schien das vor allem bei den Konservativen (Hurter, Müller) der Fall gewesen zu sein, während die Liberalen (Galladé, Lang) sich lieber nach dem Gesetz richten wollten.

Wenn die Passagiere den Terroranschlag irgendwie garantiert überlebt hätten und man Menschenleben gegeneinander abwiegen müsste, hätte das die Position der Liberalen wohl nicht geändert. Vor die Wahl gestellt, hätten sie sich der Entscheidung zwischen Menschenleben abzuwägen entzogen und sich an den geltenden Regeln orientiert.
Für die Konservativen dagegen würde das Urteil vermutlich sehr von den Umständen abhängen. In manchen Konstellationen zweifellos zu Recht. Beispielsweise je nach dem, ob 70’000 oder 7 Menschen im Stadion wären. Oder ob die Familie des Piloten in der entführten Maschine sitzt. In anderen Konstellationen wäre es jedoch äusserst bedenklich. Wenn es beispielsweise davon abhängen würde, welche Art von Menschen im Stadion und im Flugzeug sind (normaler Leute / Schweizer / schwangerer Frauen / Wirtschaftleute / Politiker / Kleriker / Ärzte / Lehrer / Journalisten / Juristen / Wissenschaftler / Flüchtlinge / Häftlinge).

Wir gingen jetzt immer davon aus, dass der Pilot unter allen Umständen geschossen hätte. Und wir fragten uns, welchen Einfluss die Umstände auf das Urteil gehabt haben.
Man könnte sich aber auch fragen, wie das Urteil ausgesehen hätte, wenn er nicht geschossen hätte. Und welchen Einfluss die Umstände dann auf das Urteil gehabt hätten, wenn er wegen „Mord“ in 70’000 Fällen angeklagt worden wäre.
Ich denke – und das ist das faszinierende am Trolley-Problem -, dass auch wenn die Handlung moralisch geboten sein mag, das Unterlassen der Handlung nicht wirklich übel genommen werden kann. Was in sich schon wieder ein Dilemma darstellt.

Auch ungeklärt bleibt die Frage, ob für einen Soldaten, der Befehlen gehorchen muss, welche aus strategischen Gründen durchaus auch Opfer kosten können, andere Regeln gelten als für einen Zivilisten, dem der „Weitblick“ fehlt und seine Entscheidung auf der Basis wesentlich kurzfristigerer Konsequenzen treffen muss.

 


 

Und dann, eine Woche später:

Reimann kritisiert, dass Besko die Schweiz verlassen musste.«Es ist eine verpasste Chance.» Der ausgeschaffte Rapper hätte junge Migranten positiv beeinfussen können. «Man muss abwägen: er nützt uns hier mehr als in Kosovo.» Reimann interveniert sogar schriftlich beim Chef des Staatssekretariat für Migration, Mario Gattiker. Zwar sei er immer noch für eine strenge Haltung bei der Ausschaffung von kriminellen Ausländern. «Aber was, wenn nicht das, ist ein Härtefall?»
SVP-Reimann unterstützt ausgeschafften Rapper – 20min

Lukas Reinmann scheint aus dem TV-Film «Terror – Ihr Urteil» gelernt zu haben, dass die Konsequenzen schwerer wiegen als die Buchstabentreue.
Und der beliebteste Leser-Kommentar zu diesem Artikel war der folgende:

20min-reimann_unterstuetzt_rapper

Ich weiss zwar nicht, wofür „murrli“ beim Fernsehexperiment war, aber ich vermute sehr für Freispruch.
Und ich unterstelle jetzt mal verwegen, dass „murrli“ Galladé und Lang es da ziemlich übel nahm, dass sie lieber 70’000 Menschen sterben liessen als das bestehende Gesetz nicht anzuwenden.

Macht nur mich das stutzig?

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
Loading...
+ + + + + + + + + + + + + + +   d i s o r g a n i z e r   + + + + + + + + + + + + + + +
Eda Gregr
15.10.2016 um 14:30

Muslima-Bikini„Wenn jemand denkt, dass die Integration dieser Kulturen möglich ist, ist er ein Idiot.“, heisst es als Kommentar zum Bild links.
Genau das gleich könnte man auch von zwei Punks meinen, die zwischen ein paar im Gras liegenden Anzugträgern hindurch spazieren.

Aber was ist eigentlich diese Kultur, in die sich die beiden Muslimas auf dem Bild nicht zu integrieren fähig sind?
Das Tragen von Bikinis im Sommer?
Niemand muss im Sommer einen Bikini anziehen.

Aber man kann! Und genau das ist unsere Kultur: Ich kann tun und lassen, was ich will – sofern ich damit nicht einen anderen in seiner Freiheit behindere.
Andere Kulturen behaupten zwar auch, dass man bei ihnen alles tun und lassen könne, was man wolle – sofern man damit nicht einen anderen in seiner Freiheit behindere – , doch unterscheiden sich dort oft die Freiheiten, in der man behindert werden kann, je nach Ethnie, sozialer und wirtschaftlicher Herkunft, Sprache, Alter, Geschlecht, Religion, politischer und sonstiger Überzeugung, sexueller Orientierung, körperlichen und geistigen Fähigkeiten, körperlichem Erscheinungsbild und Artzugehörigkeit.
Unsere Kultur ist dagegen zunehmend blind auf diesen Augen. Sie macht keinen Unterschied zwischen den Unterschieden. Und das ist gut so.
Das heisst, in unserer Kultur ist es für Frauen genauso okay Burkas zu tragen, wie für Männer Bikinis.

Fahnenschwingen, Fondue und Fasnacht sind lokale Folklore. Hübsch und zweifellos wichtig für unsere Identität als Teil der Kultur, doch brauchen nicht alle die gleichen Sitten, Lebensweisen, Traditionen, Bräuche und Gewohnheiten zu zelebrieren um ein Teil der gleichen Kultur zu sein.

Ein Gedanke am Rande: Von welcher Kultur sprechen wir eigentlich, wenn wir von UNSERER Kultur1 reden? Kreis 5? Zürich? Kanton Zürich? Deutschschweiz? Schweiz? Mitteleuropa? Europa? Oder die Fans von Züri West? Berner Mundartrock? Berner Musik? Schweizer Musik? Europäischer Musik? Europäisch-amerikanischer Musik? Oder meinen wir die Kirchgemeinde St. Josef? Bistum Chur? Katholische Kirche? Christentum? Oder FCZ? SFV? UEFA? FIFA? Oder die Verehrung von langhaarigen Brünette? Brünette? Behaarte? Oder Spieler von Ego-Shootern? Shootern? Actionspielen? Computerspielen? Spielen? Oder Anhänger von Komplexmittelhomöopathie? Homöopathie? Alternativmedizin? Medizin? Und meinen wir diesen Sommer? Dieses Jahr? Dieses Jahrzehnt? Dieses Jahrhundert? Dieses Jahrtausend?
Es gibt so viele Möglichkeiten eine Kultur zu bestimmen, dass es für beliebige drei Menschen auf der Welt immer eine Kultur mit ihrer eigenen Folklore gibt, der zwei von ihnen angehören, der dritte aber nicht.

Obschon sie um ihr Brauchtum fürchten, wird niemand ernsthaft die Abschiebung von jemandem verlangen, nur weil dieser nicht hornussen tut. Es sind andere Gefahren, die besorgte Bürger heraufziehen sehen, wenn sie vor der Masseneinanderung warnen – insbesondere vor jener aus dem arabischen Kulturkreis.

Sie fürchten um ihren Wohlstand.
Das ist zwar von allen Gründen der jämmerlichste, weil er dem Leid anderer gegenüber gleichgültig ist, aber okay, man kann nicht ausschliessen, dass die Einwanderung tatsächlich den Wohlstand reduziert. Andere sehen darin zwar vielleicht sogar eine Chance für den Wohlstand, das spielt aber eigentlich keine Rolle. Wichtig ist, dass die gleiche „Gefahr“ von Einwanderern aus dem Nachbarland oder Nachbarkanton ausgeht, die genau die gleiche „Kultur“ haben, und demzufolge eigentlich nichts mit der Kompatibilität von Kulturen zu tun hat.

Sie fürchten um ihre Sicherheit.
Die Kriminalitätsrate scheint allerdings mehr von sozioökonomischen Faktoren abhängig zu sein als von kulturspezifischen2 – was bedeutet, dass wenn man die Einwanderer aufs gleiche Bildungsniveau hebt und ihnen auf dem Arbeitsmarkt die gleichen Chancen gibt wie den Einheimischen, dass sich die Kriminalitätsraten zwischen diesen nicht unterscheiden werden. Die Kultur stellt also keine unmittelbare Gefahr für die Sicherheit dar – sondern der Rassismus.

Den Terror als Sicherheitsrisiko klammere ich hier explizit aus, weil der Terror nur ein Mittel ist, mit dem etwas erzwungen werden soll, was wir ansonsten grundsätzlich ablehnen. Insofern fürchten wir uns eigentlich weniger vor dem Terror selbst, sondern nehmen diesen eher widerwillig in Kauf, während wir uns eigentlich vor der Umsetzung dessen fürchten, was die Terroristen fordern. Würden wir es nicht fürchten, würden wir es umsetzen und der Terror wäre nicht nötig.
Knifflig ist aber, dass es oft nicht so leicht ist eine Ungerechtigkeit vom natürlichen Lauf der Dinge zu unterscheiden. Nur weil etwas schon immer so war, muss nicht heissen, dass es so auch richtig ist. Und deshalb braucht die Sache, welcher mit Gewalt Nachdruck verliehen wird, nicht notwendigerweise immer schlecht zu sein. Und möglicherweise liesse sich mit der Umsetzung der anscheinend absurden Idee vielleicht sogar das Wohlergehen und Sicherheit insgesamt steigern. Ich denke da beispielsweise an die Sklaverei, wo die Sklavenaufstände durchaus ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Befreiung darstellen. Diese Revolten wurden zweifellos als terroristische Akte betrachtet, legten aber dennoch den Grundstein für einen wichtigen sozialen Fortschritt. Das Problem damals war, dass offenbar keine politischen Mechanismen zur Verfügung standen, soziale Ungerechtigkeiten effizient zu identifizieren und zu eliminieren.
Die Frage ist, ob sich mit unseren heutigen Rechtsmitteln Zustände wie Sklaverei oder ein fehlendes Frauenstimmrecht auf institutionellem Weg beseitigen lassen? Und das schnell genug, dass es sich nicht lohnen würde die Sache mit Gewalt zu beschleunigen? Ich hoffe schon.
Liesse sich auf die gleiche Weise auch die klare Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern (wieder) einführen, wie sie von der Sharia verlangt wird? Und das Verbot der Homosexualität? Und der Blasphemie – zu der in gewissem Sinne auch die Apostasie gehört?3 Ja, ich denke auch das liesse sich auf friedlichem, demokratischem Weg erreichen. Es bräuchte Zeit4 und sehr viel Überzeugungsarbeit5 und vielleicht sogar eine Verfassungsänderung und die Minderheit der Gegner wäre dann wesentlich unglücklicher als die Minderheit der Befürworter dieser Konzepte heute, aber es liegt wohl im Bereich des Möglichen.

Sie fürchten also um ihre Freiheit.
Insbesondere um jene ihrer Frauen. Weil wenn so viele Muslime hierher kommen, werden sie selbstverständlich früher oder später die Sharia einführen und unsere Frauen unterdrücken wollen. Und das ist doch eigentlich schön – also dass sich die Schweizermänner so vehement für die ausserordentlich jungen Rechte ihrer Frauen einsetzen! (Es bleibt zu hoffen, dass sich die Schweizermänner genau so gegen den Brazilian wehren werden, wenn ihn die Südamerikaner einzuführen versuchen werden…)
Die Freiheit ist natürlich eins unserer wertvollsten Güter, die es unbedingt zu schützen gilt. Sie erlaubt den Menschen ohne Zwang zwischen mehreren Möglichkeiten zu wählen, sollte aber nur so weit gehen, wie sie die Freiheit anderer nicht einschränkt. Obwohl diese Einschränkung eigentlich von allen akzeptiert wird, kann die Umsetzung manchmal ziemlich tricky sein, denn in vielen Fällen scheint nicht ganz klar zu sein, wessen Freiheit es nun ist, die in einer konkreten Situation eingeschränkt wird: Wenn ein Mädchen hochallergisch auf Nüsse ist, wird dann die Freiheit des Mädchens eingeschränkt, wenn man allen anderen Schülern der Schule weiterhin erlaubt Nüsse zu essen, oder wird allen Schülern die Freiheit Nüsse zu essen eingeschränkt, wenn man in der Schule zur Sicherheit des Mädchens eine Nussverbot ausspricht? Oder wenn eine Gerichtsschreiberin eine Christin ist, wird dann ihre Freiheit eingeschränkt, wenn sie gezwungen wird eine Hochzeitsbescheinigung zu unterschreiben, die entsprechend ihrem Glaubens nicht gültig sein kann, oder wird das homosexuelle Paar in seiner Freiheit beschränkt, wenn ihm die Heirat verweigert wird?
Tatsächlich könnte an dieser Befürchtung aber was dran sein – sogar abgesehen davon, dass wir uns aus Angst vor den Flüchtlingen durch Überwachungs- und sonstige Gesetze selbst die Freiheit einschränken. Den Flüchtlingen stehen nämlich, wenn sie nur lange genug hier bleiben, unsere Rechtmittel zu Verfügung, welche Veränderungen entsprechend ihrer Vorstellungen in Gang setzen können, welche, wie die besorgten Bürger glauben, sicherlich in Richtung Sharia weisen werden. Es ist zwar nicht ganz klar, warum sie hier Zustände einführen wollen, vor denen sie aus ihrer Heimat geflohen sind, aber immerhin muss man dann anerkennen, dass sie – so sie tatsächlich die demokratischen Mittel einsetzen um ihre Agende durchzuziehen – dann unsere Kultur wohl besser verinnerlicht haben als jene, welche ihnen die demokratischen Mittel vorzuenthalten versuchen?
Im Zusammenhang mit der Anziehungskraft der Sharia auf Muslime sollte man vielleicht noch eine Sache bedenken: Niemand hindert jemanden daran sich nach allen Regeln zu richten, nach denen er sich zu richten wünscht. Wenn eine Frau sich verschleiern und ein Dieb sich selbst die Hand amputieren will, so sind sie frei das zu tun. Weil Handlungsfreiheit. Sie dürfen einfach nicht andere diesen Regeln unterwerfen. Weil Religionsfreiheit. Nicht mal ihre Kinder. Weil Recht auf körperliche und geistige Unversehrtheit.

Unsere Werte sind in Gefahr!
Echt? Unsere Werte sind ein buntes Sammelsurium von sich entwickelnden und zum Teil sogar widersprechenden Einschätzungen. In unserer Gesellschaft reichen dir Werte von alttestamentarischen bis hin zu transhumanistischen Vorstellungen und unterscheiden sich in Europas wahrscheinlich innerhalb der Ländern mehr als zwischen den Ländern. Wenn wir uns nicht einig sind über Vegetarismus, Abtreibung oder soziale Verantwortung, wie sollte dann eine weitere Position eine Gefahr für unsere Werte darstellen?
Wenn man unter Werten aber Dinge wie „Du sollst nicht grundlos lügen, stehlen und töten“ versteht, dann teilen die eigentlich alle Kulturen. Also auch in diesem Fall keine Gefahr für unsere Werte.
Die Angst um die Werte ist eigentlich das grössere Gefahr, weil sie an den jetzigen Werten umsverrecken festhalten will. Werte sind aber nicht in Stein gemeisselt. Sie sollen diskutierbar und verbesserbar sein. Neue Inputs können da nicht schaden.

Ob es den besorgten Bürgern gefällt oder nicht, wir sind bereits Multikulti. Wir haben Stadt und Land, wir haben Akademiker und Bauarbeiter, wir haben Katholiken und Reformierte, wir haben Fleischesser und Vegetarier, wir haben Bier- und Cüplitrinker. Die Philosophie haben wir von den Griechen, die Zahlen von den Arabern, die Religion von den Italienern, die Kartoffeln von den Amerikanern und die Pokémon von den Japanern. So etwas wie eine Leitkultur, die ein Zuzügler übernehmen könnte gibt es gar nicht.
Wie soll dann eine Integration möglich sein? Woran liesse sich erkennen, dass die Integration der verschleierten Frauen auf dem Bild oben geglückt ist?

Integration in UNSERE Kultur bedeutet nicht, dass Frauen keine Burkas mehr tragen, sondern dass es keine Rolle spielt, ob sie eine tragen. Und wenn die Frauen in der Burka oder die Männer, deren Frauen eine Burka tragen, in ihrem Verhalten keinen Unterschied machen zwischen burka- und mankinitragenden Menschen, dann haben sie sich in unsere Kultur integriert. Und das sogar wesentlich besser als manch ein Eingeborener, der den Frauen das Recht das Kleidungsstück ihrer Wahl zu tragen streitig zu machen versucht.

Das heisst nicht, dass ich eine Einstellung gutheisse, welche Frauen nahelegt eine Burka zu tragen (übrigens genauso wenig wie eine, die ihnen nahelegt einen Bikini zu tragen), doch ich werde es keiner Frau übel nehmen, wenn sie es dennoch tut. Ich werde es mir aber auch nicht verkneifen sie darauf hin zu weisen, dass ungeachtet ihrer besten Absichten und der gänzlich eigenständigen Entscheidung sie mit dieser zur Schau getragenen Keuschheit der Sache der Frauen, die vielleicht andere Überzeugungen haben als sie, keinen guten Dienst erweist.

Das wirft ein paar interessante Fragen auf: Wenn ein freiwilliges Verhalten anderen als Motivation zur Unterdrückung Dritter dient, ist es dann ethisch okay, sich so zu verhalten?
Wenn eine Frau aus freien Stücken6 eine Burka anzieht um Gott zu gefallen und sie weiss, dass ein Vater seine Tochter gegen ihren Willen zwingen wird eine Burka anzuziehen um Gott zu gefallen und sie dabei als Referenz anführt, kann sie dann die Burka guten Gewissens tragen? Unterstützt sie damit dann nicht ein System, welches anderen Frauen die Freiheit nimmt, welche ihr überhaupt erst die Möglichkeit gegeben hat, sich freiwillig für die Burka zu entscheiden? Müsste Sie dann nicht zumindest öffentlich erklären, dass am Nichttragen einer Burka aus ihrer Sicht überhaupt nichts auszusetzen sei?7
Das ist allerdings ein bisschen paradox, denn eigentlich ist sie ja überzeugt davon, dass es Gott nicht gefällt. Aber das muss jedes Mädchen selbst mit Gott ausmachen und es liegt nicht am Vater diese Frage für die Tochter zu entscheiden.
Und das ist übrigens auch das Hauptproblem der Religionen: Sie drängen erziehen komplimentieren die Leute zu Entscheidungen, die sie angeblich aus freien Stücken treffen sollen.

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
Loading...
+ + + + + + + + + + + + + + +   d i s o r g a n i z e r   + + + + + + + + + + + + + + +
Eda Gregr
02.10.2016 um 01:27

Dass die katholische Kirche im finsteren Mittelalter nicht wirklich ein Lichtlein der Hoffnung war, bestreitet wohl niemand. Inzwischen nicht mal die katholische Kirche selbst.
Ob damals die A2H-Bilanz1 aber übler war als heute, dazu will sich irgendwie niemand äussern. Natürlich kann man das nicht wissen, nichtsdestotrotz richtet man als eine religiöse Institution seine Handlungen danach aus den A2H-Wert möglichst hoch zu schrauben. Und alle Empfehlungen (heute sind Befehle nicht mehr so populär) der Kirchen zielen genau darauf ab. Insofern sollten der Klerus schon eine sehr genaue Vorstellung haben, unter welchen Umständen der A2H rauf und unter welchen er runter geht.
Auf jeden Fall würde sicherlich jeder Theologe zustimmen, dass mit der Einführung des Christentums in Saudi-Arabien, die A2H-Bilanz Saudi Arabiens sicherlich steigen wird.

Da im Mittelalter die Kirche fast allmächtig war und da ihr nie etwas mehr am Herzen lag als das Seelenheil seiner Schäfchen2, sollte man doch eigentlich davon aus gehen, dass die A2H-Bilanz damals vorzüglich war.

Es ist natürlich auch gut möglich, dass die Vorstellungen darüber, was den A2H-Wert nach oben treibt, damals nicht korrekt waren. Sei es aufgrund von bedauerlichen Fehlschlüssen, einem Pakt mit dem Teufel oder kaltschnäuzigem Kalkül. So oder so sollte das eigentlich egal gewesen sein, denn im Angesicht der übermächtigen Position der Kirche sowohl in weltlicher wie auch in geistiger Hinsicht, konnte der liebe Gott es den Schäfchen unmöglich übel nehmen, wenn sie sich nach den Vorgaben der Kirche richteten, von welchen die Menschen nur annehmen konnten, dass sie die seinen waren.

Vor allem die Vorstellung, dass es kaltschnäuziges Kalkül war, fasziniert mich. Wohl wissend, dass der richtige Weg zu Gott über Friede, Freude, Eierkuchen geht, entschloss sich die Kirche ein Schreckensherrschaft zu etablieren, die mächtig genug ist, die frohe Botschaft in die ganze Welt zu tragen, sie dort zu durchzusetzen und gleichzeitig sich gegen innere wie äussere Feinde zu behaupten. Was sie die Menschen lehrten und was sie sie machen liessen, war eine Perversion des christlichen Gedankens, aber genau so brachten sie maximal viele Seelen in den Himmel, weil der Glaube an Jesus als Minimalbedingung für den Einlass in den Himmel vorhanden war und für alles andere der Klerus die Verantwortung übernahm. Eigentlich unglaublich selbstlos.

Ein Pakt mit dem Teufel ist dagegn unwahrscheinlich, weil auf diese Strategie überdurchschnittlich viele Seelen in den Himmel schwemmte3. Und bedauerliche Fehlschlüsse werden es wohl eher nicht gewesen sein, weil solche kaum langfristige Erfolge verbuchen werden. Der Erfolg des Christentum ist indessen unbestreitbar:

Aktuelle Verbreitung des Christentums

weltkarte christentum

Entstanden ist das Christentum in Jerusalem und verbreitete sich von dort erst im Nahen Osten und kurz darauf über Rom im Römischen Reich. Diese Ausbreitung verdankte sich anfangs noch der Überzeugungskraft der Worte. Später dann, als das Christentum zur Staatsreligion Roms wurde, wurde mehr und mehr der Gladius zum überzeugendsten Argument fürs Christentum.
Da fragt man sich doch glatt, an wie vielen von den Orten, wo heute inbrünstig Hymnen gesungen werden, die Ureinwohner wohl „liebenswürdig“ in die christliche Gemeinschaft aufgenommen wurden?

liebenswuerdig

Und genau hier liegt das Dilemma der modernen Kirchen: Auf der einen Seite verurteilen sie die Methoden der katholischen Kirche im finsteren Mittelalter, auf der anderen Seite aber beneidet man sie um ihren Erfolg. Und um ihre Fähigkeit ihren Willen kompromisslos durchzusetzen. Jeder, der es besser weiss, bedauert nicht die Möglichkeit zu haben, seine Ideen ohne lästige Kompromisse umsetzen zu können…

Der Vatikan würde die Macht – so sie ihm wieder zurück gegeben würde – natürlich nicht mehr in mittelalterlicher Manier nutzen.
(Obwohl bisher jeder, dem solche Macht gegeben wurde, sie früher oder später immer in mittelalterlicher Manier genutzt hat.)
Er würde sich auf die Kernelemente des Christentum konzentrieren: Jesus, die Nächstenliebe und das Leid. Ja das Leid! Weil durch das Leid eine besondere Nähe zu Jesus Christus erfahrbar ist. Schmerzen und Leid sind nämlich positiv zu bewerten. Das sagte Mutter Teresa. Und die muss es wissen, schliesslich ist sie eben erst heilig gesprochen worden. Und zwar genau für ihre Aufopferung für Leidende. Sowas meinte auch der Heilige Josemaría Escrivá de Balaguer y Albás, der Gründer von Opus Dei, als er Hunger, Durst, Hitze, Kälte, Schmerz, Schande, Armut, Einsamkeit, Verrat, Verleumdung, Gefängnis… die wahren Schätze des Menschen auf dieser Erde nannte.

Ich frage mich, wie die Welt wohl aussehen würde, wenn man jemandem die absolute Macht gibt, der Leid als einen vielversprechenden Weg betrachtet? Würde er seinen Gegnern böswillig das Leid vorenthalten?

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
Loading...
+ + + + + + + + + + + + + + +   d i s o r g a n i z e r   + + + + + + + + + + + + + + +
Eda Gregr
01.10.2016 um 12:50

Islam ist eine Religion, die auf Freiheit beruht. Es gibt keine Obermoslem. Es gibt keinen Moslem, der einem anderen Moslem sagen dürfte, wie er seine Religion zu praktizieren hat. Jeder muss aufgrund seiner Vernunft selber entscheiden, wie er denkt, was er sagt und wie er handelt. (…) Und es steht auch den Eltern nicht zu zum Beispiel den Kindern zu befehlen, ihr habt zu fasten oder ihr habt zu beten, weil das Gebet dann vollkommen ungültig ist. Es muss aus innerem Antrieb, aber immer aufgrund der Freiwilligkeit erfolgen und der Islam kennt eine zentrale Aussage im Koran: Es gibt keinen Zwang in der Religion. Das ist verbindlich für alle Muslime.
Farhad Afshar, im Club am 12.7.2016 25:38 zum Thema Religion: Toleranz ohne Grenzen? 

Das klingt doch schon mal gar nicht schlecht. Man könnte zwar darüber streiten, ob die Kinder je auf die Idee kommen würden zu fasten und zu beten, wenn die Eltern sie nicht vorher irgendwie auf die Idee gebracht hätten. Und ob sie dem Beispiel des Propheten folgen würden, wenn die Eltern sie nicht auf die Idee gebracht hätten, dass alles andere gefährlich und verdammenswert ist.
Ich meine, ich habe auch meine Helden, denen ich nacheifere. Deswegen werde ich aber nicht jeden ihrer Spleens imitieren.

Es fragt sich aber auch, ob eine nett gemeinte Empfehlung wie

Es ist besser, dass einer von euch mit einem Eisenstachel in den Kopf gestochen wird, als das er eine Frau berührt, die er nicht berühren darf.

nicht einen gewissen Erwartungsdruck aufbaut? Der Grund, warum man den Eisenstachel vorziehen soll, ist natürlich, dass die weibliche Berührung den Mann erregen und damit zu allem möglichen Blödsinn verführen kann. Dieser Blödsinn ist das Problem, das mit allen Mitteln vermieden werden soll, nicht die Berührung selbst. Doch da der Blödsinn bei muslimischen Männern offenbar unausweichlich ist, wenn sie erst mal geil sind, muss eben die Geilheit mit allen Mitteln unterbunden werden.

Ich meinte eigentlich Fenchel in Leggings und nicht Fenchel auf Leggings – aber wahrscheinlich kommt es aufs gleiche raus.

Da haben wir Männer im Westen es schon besser. Wir brauchen nur kurz an Fenchel in Leggings zu denken und schon ist tote Hose1.

Solchen Empfehlungen setzen Rolligkeit mit einer tickenden Zeitbombe gleich. (Und um eine Bombe zu entschärfen würde selbst ich mir mit einem Eisenstachel in den Kopf stechen. Jeder Mensch mit einem Fünkchen Anstand würde das tun. Zumindest vorsichtig.) Damit wird Angst geschürt und die möglichen Konsequenzen einer weiblichen Berührung werden als fürchterlich gefährlich dargestellt. Doch das Problem ist, dass wo die Angst lauert, in der Regel nicht viel Freiheit herrscht.

Wenn er den Zwang aus der religiösen Empfehlung hätte heraushalten wollen, hätte der Prophet eher verkünden sollen, dass es besser sei ein Schokoladeneis zu essen als einer fremden Frau die Hand zu geben. Damit hätte er recht gehabt, es hätte den gleichen Anit-Wuschelig-Effekt und das, ohne damit irgendwem eine Heidenangst einzujagen.

Nur so nebenbei bemerkt, diese drakonische Praxis ist auch dem Christentum nicht unbekannt:

Wenn di dein zesms Aug strauchen laasst, naacherd reiß s aus und schmeiß s wögg! Lieber laauffst mit aynn Glid weeniger umaynand, als däßst als ayn Gantzer eyn d Höll abhingworffen werst.
Matthäus 5:29

Rohe Gewalt (respektive das In-Aussicht-stellen von roher Gewalt) scheint in Erziehungsfragen seit jeher das beste Mittel gewesen zu sein…

Unterdessen wissen wir aber, dass man „Gewalt“ auch subtiler einsetzen kann. Es muss nicht mehr unbedingt die Rute sein, den gleichen – wenn nicht sogar den besseren – pädagogischen Effekt erzielt man (um beim Beispiel von oben zu bleiben) mit dem Entzug aller Schokoladeneisprivilegien2.
Das Dilemma im Zusammenhang mit dem von Herrn Farhad Afshar geäusserten Gedanken ist meines Erachtens aber folgendes: Erziehung – ob nun mit roher oder subtiler Gewalt – ist stets eine Form von Zwang. Man lässt die Kinder nicht frei entscheiden, ob sie sich an die gesellschaftlichen Regeln halten wollen, sondern bringt sie auf die eine oder andere Weise dazu, sich diesen zu unterwerfen3. In der Hoffnung, dass sie irgendwann einmal – genau wie wir selbst – erkennen werden, dass das eigentlich eine ziemlich vernünftige „Entscheidung“ war. Wenn nun aber für den Islam, wie Herr Farhad Afshar sagt, die Freiheit in der Entscheidung so wichtig ist, dann müsste man die Religion von der Erziehung trennen und deren Konzept den Leuten erst in einem Alter näher bringen, wo sie sich tatsächlich selbstständig und frei dafür oder dagegen entscheiden können.
Womit man bei den Freidenkern übrigens offene Türen einrennen würde…

Eine Frage bleibt aber noch offen. Nämlich ob Geilheit wirklich so gefährlich ist? Es ist unbestritten, dass Erregung zu fatale Veränderungen im Entscheidungsfindungs-Prozess der Betroffenen führen kann4, das heisst aber nicht, dass wir uns nicht dagegen wehren können. Tatsächlich ist es gerade die Tabuisierung der Erregung und deren pauschale Verteufelung, welche die Leute daran hindert zu lernen mit der Situation umzugehen und wirkungsvolle „Rettungsstrategien“ zu entwickeln. Nicht selten leiden gerade die am meisten unter den Folgen einer unmoralischen Handlungsweise, während anderen, die damit kein Problem haben, diese erspart bleiben5.

Die schrecklichen Konsequenzen lassen sich also durchaus in den Griff kriegen. Vielleicht sind Gott die Konsequenzen auch egal und er mag es einfach nicht, wenn die Menschen sich in diesem Zustand befinden (und es in den Griff kriegen;).

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
Loading...
+ + + + + + + + + + + + + + +   d i s o r g a n i z e r   + + + + + + + + + + + + + + +
Eda Gregr
30.09.2016 um 22:25

Too often we judge other groups by their worst examples, while judging ourselves by our best intentions.
George W. Bush

Hätte nicht gedacht, dass das mal passieren würde, aber hier hat Jabba the Bush tatsächlich mal den Nagel auf den Kopf getroffen. Respekt!

Genau vor diesem Problem steht man auch in der Wissenschaft. Jeder Wissenschaftler ist von 2 Sachen felsenfest überzeugt: Erstens dass seine Hypothese super ist. Und zweitens dass alle anderen Idioten sind.
Auch jeder Apologet teilt diese Ansichten.
Allerdings haben sich die Wissenschaftler darauf geeinigt, dass etwas erst dann als okay gilt, wenn dem auch die Idioten zustimmen.
Und genau das fehlt in der Religion.

Auch Religionen sollten sich der wissenschaftlichen Methode bedienen und nur die Dogmen propagieren dürfen, die von den Peers aus anderen Religionen nicht als unhaltbar verworfen wurden.
Als Atheist gehe ich natürlich davon aus, dass auf diese Weise alle religiösen Ansichten für absurd erklärt werden, doch selbst wenn sich alle Religionen in stiller Übereinkunft gegenseitig den Bauch pinseln würden – schliesslich ist das erklärte Ziel einer jeden Religion Friede, Freude, Eierkuchen -, wäre das noch immer ein gewaltiger Fortschritt, weil sie in allen zentralen Fragen einer Meinung wären und weil Einigkeit weniger Opfer fordert als Uneinigkeit.

Wäre das aber wirklich ein Fortschritt? Klar, verschiedene aufeinander prallende Wertesysteme stellen ein gewaltiges Konfliktpotential dar. Die Angst, die zur Zeit in Europa um geht, gründet sich genau in den unvereinbaren Wertvorstellungen. Andererseits gäbe es, wenn nur ein einziges Wertesystem gelten würde, keine Spannung und kein Verbesserungspotential. Homogene Gesellschaften neigen nicht gerade dazu soziale Probleme schnell zu lösen. Heterogene Gesellschaften dagegen, wo man Leben und Leben lassen praktiziert, sind in dem Punkt wesentlich effizienter.

Allerdings leben Religionen davon, dass man das auserwählte Völkchen ist, das die Zeichen als einzige richtig verstanden hat, und mit dem Peer Review ginge das natürlich flöten.

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
Loading...
+ + + + + + + + + + + + + + +   d i s o r g a n i z e r   + + + + + + + + + + + + + + +
Eda Gregr
29.09.2016 um 01:09

Wieso wird Superman in Metropolis eigentlich nicht angebetet? Er erfüllt so ziemlich jedes Kriterium um ein Gott zu sein: Er hat Röntgenaugen, ist stark und in seinem Bestreben gut zu sein, nicht besonders effektiv1.

 

 

Mir ist eben aufgefallen, dass die Kombination Allmacht + Allwissen + Allgüte von der Allmacht alleine nicht zu unterscheiden ist.
Schon mit Taschenspielertricks bin ich fähig jeden dazu zu bringen, dass er beschwört, dass ich alles schon vorher wusste.
Und mit genügend Macht bin ich fähig jeden zu zwingen, meinen moralischen Kompass zu übernehmen.
Um den Eindruck von Allwissen und Allgüte zu vermitteln braucht es nicht viel. Nur etwas Macht.

Wie Allmacht sieht es aus, wenn alle Menschen glauben, dass ich Gott bin.2 Dafür braucht es schon etwas mehr Macht – aber auch längst nicht alle.

Definitiv keine echte Allmacht hingegen ist, wenn auch nur ein einziger Mensch entgegen meinem ausdrücklichen Wunsch nicht glaubt, dass ich Gott bin.

Will Gott, dass ich an ihn glaube?
Kann ich mich von Gott abwenden, wenn ich weiss, wer er ist? So wie Satan und ein Drittel der himmlischen Heerscharen es tat?
Sich mir als Gott zu offenbaren, schränkt meine Willensfreiheit in keinster Weise ein.

Wenn ich (grosszügig) zulasse, dass auch nur ein einziger an meiner Göttlichkeit zweifelt, dann setze ich meine Allmacht nicht ein. Das ist okay. Das darf ist. Allerdings gibt es dann keine Garantie dafür, dass ich tatsächlich über Allmacht verfüge… Es könnten stattdessen auch Taschenspielertricks sein, mit denen ich gerade genug Menschen übers Ohr haue, dass ich mir einen angenehmen Lebensstil leisten kann.

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
Loading...
+ + + + + + + + + + + + + + +   d i s o r g a n i z e r   + + + + + + + + + + + + + + +
Eda Gregr
28.09.2016 um 11:49

“We did this because our holy texts exhort us to to do it.”
“No you didn’t.”
“Wait, what? Yes we did…”
“No, this has nothing to do with religion. You guys are just using religion as a front for social and geopolitical reasons.”
“WHAT!? Did you even read our official statement? We give explicit Quranic justification. This is jihad, a holy crusade against pagans, blasphemers, and disbelievers.”
“No, this is definitely not a Muslim thing. You guys are not true Muslims, and you defame a great religion by saying so.”
Quelle: I am a jihadist and I am tired of not being given credit

Das klingt absurd. Geradezu montypythonesk. Doch so abwegig, wie es auf den ersten Blick zu sein scheint, ist die Weigerung die religiösen Motive zu akzeptieren vielleicht gar nicht.

Dass jemand überzeugt von etwas ist, bedeutet ja nicht automatisch, dass es sich auch wirklich so verhält. Leute, die überzeugt davon sind, dass sie von Ausserirdischen entführt worden sind, wurden in der Regel nicht wirklich von Ausserirdischen entführt. Leute, die überzeugt davon sind, dass Homöopathie sie vom Schnupfen befreit hat, wurden nicht wirklich von den Globuli geheilt. Und Leute, die überzeugt davon sind, dass sie nur das auf dem Einkaufszettel eingekauft haben, haben nicht wirklich nur das auf dem Einkaufszettel eingekauft.
Wieso gehen wir dann davon aus, dass der islamistische Terror seine Ursache tatsächlich in der Religion hat und der angebliche Auftrag Gottes nicht auch nur ein Konstrukt des Geistes ist, der aus Versatzstücken der Weltanschauung eine möglichst plausible (und gewissenberuhigende) Geschichte zusammen zu schustern versucht?

So einfach kann man die Religion dann aber auch nicht vom Hacken lassen, weil Weltanschauung und Globuli zwei verschiedene Sachen sind, Weltanschauung und Religion aber das gleiche. Wenn etwas aus den Versatzstücken einer Weltanschauung zusammen gesetzt ist, dann ist es diese Weltanschauung, welche die Situation erklärt und eine überschaubare Auswahl von moralisch akzeptablen (wenn auch nicht immer ethisch verantwortbaren) Handlungsmöglichkeiten anbietet. Sprich sie liefert und legitimiert die Ideen, während im Fall der Globuli diese die Idee liefern und die Weltanschauung die Glaubwürdigkeit der Wirkung legitimiert.
Im Gegensatz zu anderen Weltanschauungen sind Religionen aber nicht abstrakte philosophische Konstrukte, sondern sie erzählen von auserwählen Leuten, die ein gottgefälliges Leben führten und dadurch der Menschheit als moralisches Vorbild dienen sollen. Es gibt da zwar schon auch Regeln, viel wichtiger sind aber die Geschichten, mit denen man sich identifizieren kann. Geschichten, in denen die Menschen ihre Probleme damit lösen, dass sie – im Auftrag Gottes – anderen den Kopf einschlagen. Und Geschichten in denen sie in Schwierigkeiten geraten, weil sie anderen den Kopf nicht genug eingeschlagen haben – wie Gott es eigentlich befohlen hatte. Und dadurch eignen sich diese ganz besonders als Inspiration für Leute, die mit Gewalt etwas zu ändern versuchen.

Eine Gedanke am Rande: Ich hege den Verdacht, dass diese Art von Religionen womöglich auf Geschichten zurückgehen, die von Taten berichten, die ohne den göttlichen Befehl, ein Schandfleck in der Geschichte des Volkes gewesen wäre. Zur Verdeutlichung der folgende Gedanke: Selbst wenn die Nazis den 2. Weltkrieg gewonnen hätten, wäre die Vernichtung der Juden eine bittere Pille geblieben. Man hätte sicher die Macht es das Volk als eine notwendige Massnahme schlucken zu lassen, zu einer ruhmreichen Tat hätte man es aber nicht hochstilisieren können. Wenn Frauen und Kinder zu Tode gequält werden, hinterlässt das immer einen hässlichen Nachgeschmack. Ausser es geschah im Auftrag Gottes. Dann ist es nicht mehr „bedauerlich aber notwendig“, sondern auf einmal „bewundernswert“. Das Schaffen eines Mythos hat – meines Erachtens – auch den Vorteil, dass man sich nicht mehr länger rechtfertigen muss, sondern die Sache hinter sich lassen und wieder ein unbeschwertes Leben führen kann1.

Damit wäre der Schwarze Peter wieder bei den Weltanschauungen und Religionen. Doch die Religionen wissen ihn schnell wieder weiter zu geben: Im Gegensatz zu weltlichen Weltanschauungen, wie jene oben erwähnten2, relativ abstraktere philosophische Konzepte sind, lassen Religionen durch ihre Geschichtenartigkeit einen enormen Interpretationsspielraum zu. Nicht für eine konkrete Denomination, denn für die gibt es natürlich nur eine einzige richtige Interpretation und zwar ihre, jedoch durchaus für die Gemeinschaft, die sich aufgrund einiger gemeinsamer Überzeugungen als zur gleichen Religion zugehörig fühlen3.
Da die Geschichten je nach Interpretation etwas anderes bedeuten und man demzufolge andere Parallelen zur Realität zieht, wird die Situation, welche Gott bewogen hat seinem auserwählten Volk zu befehlen jemandem den Kopf einzuschlagen, für jede Denomination eine andere sein. Der Aufruf zum Terror geht also nicht von der Religion als ganzes aus, sondern von einer von der verschiedenen Interpretationen4. Insofern erscheinen die Akte des Terrors den anderen Mitgliedern der Religion ebenso absurd wie den aller anderen Weltanschauungen. Vielleicht sogar noch absurder, weil sie um die Abwegigkeit der zugrundeliegenden Interpretation wissen – während die Angehörigen anderer Weltanschauungen, weil sie wissen wonach sie suchen müssen, nur allzu leicht eine Verbindung zwischen einem bestimmten Zitat und der Tat herzustellen fähig sind5 6.
Andererseits schwingen bei den Glaubensbrüdern anderer Interpretationstraditionen auch gewisse Sympathien mit, denn es ist die gemeinsame Religion, die dermassen angegriffen wurde, dass der Täter sich zu diesen drastischen Gegenmassnahmen7 genötigt fühlte: Das Mittel ist nicht akzeptabel, das Motiv indessen nachvollziehbar.

Die Mythen der Religion lassen den Gläubigen sein Leid wiedererkennen und dadurch automatisch zu einem Angriff auf die Religion interpretieren.
Dass ihm und seinen Leidensgenossen Unrecht angetan wird, stimmt zweifellos. Sowohl in den Banlieue von Paris, wie auch im Nahen Osten. Doch die Gründe sind heutzutage eher nicht mehr religiöse. Man diskriminiert sie aufgrund der Hautfarbe, der Bildung, der politischen Einstellung, der kulturellen Eigenheiten und vor allem wegen dem Profit. Niemand verlangt jedoch, dass sie dem Glauben abschwören sollen. Und das allein wäre ein Angriff auf die Religion.
Die Religionsfreiheit sitzt inzwischen im Westen zu tief, als dass man jemandem seine Religion abspenstig machen wollte. Klar, man verbietet das Schächten (Tierschutz), das Beschneiden (Kinderschutz) oder das Tragen von Schleiern (Frauenrechte), doch werden diese Dinge von jenen, die sie verbieten, nicht mehr als notwendige Bestandteile der Religion verstanden. Das mag überheblich und unsensibel sein, wo dies für viele tatsächlich noch zur religiösen Identität gehört, doch die Rechte von Tieren, Kindern und Frauen wiegen heute mehr als die religiösen Gefühle. Sorry.
Und ich bezweifle, dass es viele Muslime gibt, die ihren Glauben an den Nagel hängen werden, nur weil sie kein halal Fleisch mehr kriegen8.

Religionen verfolgen übrigens noch ein anderes Ziel als Friede, Freude und Eierkuchen zu verbreiten. Nämlich ihren eigenen Fortbestand zu sichern (um auch in Zukunft noch Seelen retten zu können). Und jede Religion fühlt sich deshalb immer und überall stets in ihrer Existenz bedroht!
Es besteht also ein fundamentaler Interessenkonflikt innerhalb jeder Religion, wenn die oberste Direktive nicht gleichzeitig für deren Fortbestand zu sorgen vermag. Im Christentum beispielsweise steht im Zentrum das Gebot der Nächstenliebe. Dieses ist zweifellos äusserst attraktiv und wird dem Christentum sicherlich viele Sympathien einbringen9. Sich ihm deshalb aber gleich anzuschliessen, ist auch wieder nicht nötig. Man kann den Nächsten lieben wie sich selbst auch ohne Christ zu sein. Und will man von der Nächstenliebe profitieren, reicht es vollkommen, sich mit Christen zu umgeben.
Deshalb übt man sich in der theologischen Sophisterei, um Ideal und Selbsterhaltung unter einen Hut zu bringen10 11. Und die Konstruktionen, die das ermöglichen, tragen ohne weiteres auch die Überzeugung, dass Terror nichts mit Religion zu tun hat.

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
Loading...
+ + + + + + + + + + + + + + +   d i s o r g a n i z e r   + + + + + + + + + + + + + + +
Eda Gregr
27.09.2016 um 21:51

Ist irgendwie lustig, dass der Klerus sich gegen die Homosexualität äusstert, weil er angeblich gegen die Natur ist, und dabei mit dem Zölibat einen ebenso widernatürlichen Lebensstil praktiziert.

Interessant finde ich auch, dass inzwischen nicht mehr von der Position der Bibel aus argumentiert wird, sondern die Natur als Referenz genommen wird.
Doch seit wann ist der Klerus ein Experte in Naturkunde?

Gibt es eigentlich ein Thema, bei dem der Klerus das Handtuch wirft? Bei dem er sich nicht in eine Diskussionsrunde einladen liesse?

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
Loading...
+ + + + + + + + + + + + + + +   d i s o r g a n i z e r   + + + + + + + + + + + + + + +
Eda Gregr
25.09.2016 um 10:43

Wie schützt man sich vor einer Flut?

Man sorgt dafür, dass das Mobiliar stets über dem Wasser bleibt. Und das schafft man, indem man in einem Boot wohnt oder in einem Appartement, das hoch genug liegt.
In einem Boot zu leben ist zwar romantisch, hat aber auch seine Tücken: Es schaukelt und es ist dauernd feucht.
Dann doch lieber in einer Villa am Zürichberg oder im Penthouse des Prime-Towers.

Eine Sintflut jedoch steigt höher als jeder Berg. Damit bleibt nur noch der Turm von Babylon.

Und tatsächlich war laut Josephus der Schutz vor einer zweiten Sintflut mit einer der wichtigsten Gründe für den Bau des Turms. Kann man das den Menschen verdenken im Angesicht eines jähzornigen Gottes?

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
Loading...
+ + + + + + + + + + + + + + +   d i s o r g a n i z e r   + + + + + + + + + + + + + + +
Eda Gregr
25.09.2016 um 10:41

Es gibt wirklich Leute, die glauben, die Sintflut und die Arche hätte es tatsächlich genau so gegeben, wie in der Bibel beschrieben. Und solche Leute gibt es nicht nur in Amerika.

Die Tausenden von Fragen, die diese Geschichte aufwirft1, bringt sie nicht ins wanken. Woher kam all das Wasser? Wie konnte so viel Wasser so schnell fallen ohne die Arche zu zerstören? Wann gingen die Faultiere los um sich rechtzeitig einschiffen zu können? Wie überlebten Süsswasserfische, wenn es Salzwasser regnete, und wie Salzwasserfische, wenn es Süsswasser regnete? Haben die Tiere gekackt? Womit wurden die Fleischfresser gefüttert? Wie konnten sich aus den wenigen Grundarten, die mitgenommen wurden, so schnell wieder so viele Arten entwickeln? Wann erreichten die Faultiere wieder ihre Heimat in Südamerika? War das nach so vielen Generationen noch ihre Heimat? Und nahmen Kängurus die Überreste der verstorbenen Gefährten in den Beuteln mit?

Natürlich haben besagte Leute auf jede einzelne Frage eine Antwort parat. In der Regel lautet sie, dass Gott ein klitzekleines Bisschen nachgeholfen hat.
Dass das alles durchaus im Rahmen der Fähigkeiten eines allmächtigen Gottes liegt, will ich gar nicht bestreiten.
Bloss, was sollen wir damit anfangen? Wenn Wundersames getan wurde und weiteres Wundersames getan wurde um das Wundersame wieder unkenntlich zu machen, dann ist da am Ende nichts Wundersames mehr, was als Beleg für das Wundersame dienen könnte. Ausser einer wundersamen Anekdote.

Gestern zwischen 13:35 Uhr und 14:17 Uhr habe ich die ganze Welt blau angemalt. Und dann habe ich alles wieder geputzt und alle Menschen und Tiere, die darüber verständlicherweise ziemlich erstaunt waren, das ganze wieder vergessen lassen. Was für ein Spass das war!

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
Loading...
+ + + + + + + + + + + + + + +   d i s o r g a n i z e r   + + + + + + + + + + + + + + +
Eda Gregr
19.09.2016 um 23:01

Durch die Sozialen Medien ging der folgende Vergleich zwischen dem Islamischen Staat und Saudi Arabien:

In den Sozialen Medien wurde auch der folgende Ausschnitt aus der Serie Newsroom oft geteilt:

Die Tea Party ist inzwischen ein bisschen von der Bildfläche verschwunden. Ihre Basis findet man inzwischen wohl hinter Donald Trump.
Auch die Taliban hat an Medienpräsenz eingebüsst. Heute hätte Will McAvoy daher eher vom IS gesprochen.

In Europa ist die religiöse Komponente nicht so ausgeprägt, die Ressentiments sind aber mehr oder weniger die gleichen.

Die AfD verlangt vielleicht nicht das gleiche Strafmass wie Saudi Arabien und der IS, aber was bestraft werden soll, ist verblüffend ähnlich.
Und was die AfD in Deutschland ist, ist die SVP in der Schweiz.

Die Generäle der SVP poltern gegen die Kuscheljustiz.
Und unter den Fusssoldaten ist die Einführung der Todesstrafe für besonders abscheuliche Verbrechen und die Idee Dieben die Hände zu amputieren aber oft gar nicht so abwegig.

 

 

Nachtrag 22.9.2016:

Schweizer Rechtsstaat und Sharia widersprechen sich übrigens nicht zwangsläufig. Wenn ein Dieb sich selbst nach den Vorschriften seiner heiligen Schrift bestrafen will, dann kann er das gerne tun. Weil Handlungsfreiheit. Er kann sich allen Gesetzen unterwerfen, denen er sich unterwerfen will, er darf einfach nicht andere diesen Gesetzen unterwerfen. Weil Religionsfreiheit.

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
Loading...
+ + + + + + + + + + + + + + +   d i s o r g a n i z e r   + + + + + + + + + + + + + + +
Eda Gregr
17.09.2016 um 12:00

Die Keuschheit (und insbesondere jene der Frau) ist das Problem!
Nicht, dass nicht Sex zu haben etwas schlechtes ist, das Problem ist das Interesse aller anderen am Nichthaben!
Was aber jemand im Bett tut oder nicht tut, geht weder die Gesellschaft etwas an, noch den zukünftigen Partner!

Warum zum Teufel interessiert sich überhaupt jemand dafür?

Das lästige an sexuell übertragbaren Krankheiten ist, dass man nicht weiss, ob der Partner sie hat. Wenn der Bräutigam eine gesunde Braut haben möchte, bleibt ihm daher nichts anderes übrig als sich auf die Übertragung zu konzentrieren, sprich sich mit Heuristiken1 zu begnügen wie jener, dass die Enthaltsamkeit des Partners das Risiko vermindert, sich sexuell übertragbare Krankheiten einzufangen. Deshalb das Interesse an der Enthaltsamkeit (und dem Ehrenwort, welches alleine für die Wahrhaftigkeit der Enthaltsamkeit bürgen kann), obwohl es eigentlich *nur* um die Gesundheit geht.

Zur Illustration: Wenn wir die Mitglieder einer Expedition zum Nordpol zusammenstellen, ist es essentiell, dass alle noch beide Beine haben. Im Rekrutierungsprozess werden wir aber nicht nach den Holzhackgewohnheiten fragen, sondern (mehr oder weniger unauffällig) die Beine zählen. Anders sähe es aus, wenn beispielsweise Zigarettenrauchern mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit hie und da einfach ein Bein abfallen würde. Da wir dann nicht wissen könnten, ob einem Kandidaten während der Expedition ein Bein abfallen wird, würden wir ihn nach seinen Rauchgewohnheiten befragen – und uns eine Vorstellung zu machen versuchen, wie ehrlich wohl die Antwort war.
Das Holzhacken wird kein Thema sein2 – auch dann nicht, wenn es die häufigste Beinverlustursache ist. (Wenn uns das konkrete Verhältnis von Beinen zu Expeditionsteilnehmern so wichtig ist, werden wir höchstens eine Klausel in den Vertrag setzen, dass im Fall eines Beinverlusts vor dem Start der Expedition, die Teilnahme nochmals überdacht werden kann.)

Wenn man es von dieser Seite betrachtet, dann zielen eigentlich alle gesellschaftlichen Regeln darauf ab, Handlungen zu verhindern, welche nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit negative Folgen haben werden. Verhalten, deren Konsequenzen sofort offensichtlich sind, interessieren dagegen nicht wirklich, respektive nur dann, wenn ein Regel die Wahrscheinlichkeit für solche Vorkommnisse zu ändern vermag.3

Insofern machte es für eine Gesellschaft schon Sinn, der Ausbreitung von sexuell übertragbaren Krankheiten mittels weiblicher Enthaltsamkeit (und der Besessenheit von Ehre, welche grundsätzlich ein Garant für die Wahrhaftigkeit sein soll und überall dort zum Einsatz kommt, wo verlässliche Evidenzen fehlen) vorzubeugen4. Entsprechend musste sich die Gesellschaft auch für die Umsetzung der verordneten Lösungsstrategie interessieren und nötigenfalls angemessene Sanktionen ergreifen. Schliesslich gilt es Epidemien vorzubeugen, welche eine ernstzunehmende Gefahr für die ganze Gesellschaft darstellen.
Die Enthaltsamkeit selbst interessiert also nur insofern, als dass deren Fehlen, aufgrund der Unsichtbarkeit der Krankheit, eine potentielle Gefahr für den Rest der Gesellschaft darstellt. Genau wie die Gesellschaft sich weniger für der Impfstatus um des Kindes selbst willen interessiert, denn dessen Sorge obliegt der Verantwortung seiner Eltern, sondern viel mehr zum Wohl der Gesundheit seiner Klassenkameraden und aller anderen.

Bloss dass man heute dank des medizinischen Fortschritts eine ansonsten nicht sichtbare Infektion durchaus diagnostizieren kann!
Damit braucht der Bräutigam sich nicht mehr auf Heuristiken (und Ehrenworte) zu verlassen, sondern kann sich die vollständige Information in Form von einem ärztlichen Attest besorgen. Gesund oder Nichtgesund, das ist, was ihn interessiert. Wieso es dieses oder jenes ist, braucht ihn dagegen nicht zu kümmern. Ausser natürlich wenn es da noch was anderes gibt, das ihm Sorgen macht…5
Vielleicht die Frage, ob das Kind wirklich seins ist? Auch hierfür gibt es Atteste.
Oder vielleicht interessiert es ihn, mit welchen Leistungen die seinen verglichen werden? … Ist es wirklich gerechtfertigt aus Rücksicht auf die Unsicherheit vereinzelter Männer Frauen pauschal zu diskriminieren?

Die Gesellschaft interessiert es nicht, von wem ein Kind ist – vorausgesetzt es ist nicht von einem fremden Fötzel. Es interessierte sie nur so lange, wie die Unmöglichkeit der Klärung der Vaterschaft es unmöglich machte, gemäss klarer Regeln zu handeln. Wenn ich nicht rausfinden kann, wer der biologische Vater ist, taugt die Regel nichts, dass der biologische Vater für die Kosten aufkommen muss. Die Pflicht zur Enthaltsamkeit, welche einen Dritten als Vater ausschliessen sollte, wurde ersetzt durch die Pflicht zur Kontrolle, welche im Bezug auf Vaterschaftsfragen (wie auch auf den Gesundheitszustand der Gesellschaft) gleichermassen zuverlässiger wie auch wesentlich weniger diskriminierend ist.

Wenn jemand der Pflicht zur Kontrolle nicht nachkommt, dann ist das sein Problem6
Und wenn die Frau dem Mann ein gefälschtes Attest gezeigt hat, dann interessiert es die Gesellschaft nur insofern als es sich um Urkundenfälschung handelt, welche, wenn toleriert, zu massiven Problemen führen würde. Was die Sache war, über die gelogen wurde, spielt hier dagegen keine Rolle mehr7.

Und dann gibt’s da noch dieses seltsame Religion-Gott-Gespann, das auch unbedingt mitreden will.
Dass es ihnen um die Gesundheit geht, ist geheuchelt. Nicht umsonst stemmen sie sich regelmässig gegen medizinischen Fortschritt, weil sie darin ein Herumpfuschen in den Plänen Gottes sehen. Krankheiten füllen die Kirchen und eine solide medizinische Versorgung leert sie.
Auch die Ehelichkeit der Kinder geht es nicht. Priester lieben schliesslich alle Kinder gleichermassen.
Das Interesse der Religionen an der Keuschheit ist meines Erachten rein voyeuristischer Natur. Sie wollen wissen was in den Schlafzimmern läuft. Und sie wollen dabei mitreden8.

Fazit

Keuschheit ist ein Relikt aus einer Zeit, in der die Ehre überall dort einspringen musste, wo die Evidenzen fehlten. Und genau wie all der andere Blödsinn, den man dachte im Namen der Ehre tun zu müssen, gehört sie entsorgt. Und jeder, der seine Keuschheit zur Schau tragen zu müssen glaubt, sollte wie jeder andere behandelt werden, der der Öffentlichkeit Dinge auf die Nase zu drücken versucht, die niemanden zu interessieren haben. Wie beispielsweise die Grösse seines Gemächts.
Daher plädiere ich dafür das Tragen des Schleiers als einen Akt von Exhibitionismus zu interpretieren.

Wohlgemerkt, ich verlange nicht, den Schleier verbieten. Wenn schon, dann das Flitzen zu legalisieren!

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
Loading...
+ + + + + + + + + + + + + + +   d i s o r g a n i z e r   + + + + + + + + + + + + + + +
Eda Gregr
16.09.2016 um 11:40

svp-sp-initiativeAm 25. September 2016 wird im Kanton Luzern über die Volksinitiative «Für faire Unternehmenssteuern» abgestimmt. Die Parole der Gegner ist die Frage, ob man wirklich jene bestrafen will, die Arbeitsplätze schaffen. Gemeint sind natürlich die Unternehmen.

Die Frage ist durchaus berechtigt. Wenn die Unternehmen Arbeitsplätze schaffen, sollte man sie doch eigentlich lieber belohnen statt sie zu bestrafen.
Nicht zuletzt, weil man mit Belohnung ein Verhalten fördert und mit Bestrafung es zu verändern versucht. Und Arbeitsplätze zu schaffen ist zweifellos ein wünschenswertes Verhalten.

Daher gilt:
Jedes zusätzliche ‰ Unternehmenssteuern reduziert den Gewinn eines Unternehmens.
Kleinere Gewinnspannen machen den Standort für Unternehmen weniger attraktiv.
Weniger attraktive Standorte ziehen weniger Unternehmen an.
Weniger neue Unternehmen schaffen weniger neue Arbeitsplätze.
Und jeder nicht geschaffene Arbeitsplatz macht macht den Kanton traurig, weil Nichtarbeitende weniger Steuern zahlen.

Umgekehrt macht jedes ‰ weniger Unternehmenssteuer den Kanton glücklicher, weil er von arbeitenden Arbeitnehmern mehr Steuern bekommt als vom nicht arbeitenden Arbeitsfähigen.

Fazit:

Der Sinn einer Steuersenkung ist es, dass man im Endeffekt mehr Geld einnimmt.
Finanzdirektor Marcel Schwerzmann1

Ich nehme an, der Mechanismus dieser Win-Win-Win-Strategie2 ist folgender: Jeder nicht für Steuern ausgegebene Franken wird in neue Arbeitsplätze investiert, was Produktivität und Gewinne steigert, die wiederum in neue Arbeitsplätze investiert werden, was Produktivität und Gewinne steigert, … Und alle sind beschäftigt und glücklich und fleissig am Steuern zahlen.3

Wieso dann nicht die Unternehmen für ihren Effort Arbeitsplätze zu schaffen nicht mit viel, VIEL, V I E L tieferen Steuern belohnen?

Vielleicht liesse sich sogar eine negative Unternehmenssteuer einführen? Statt Steuern bezahlen zu müssen, würden die Firmen Subventionen erhalten! Das würde die Erfolgsspirale noch viel, VIEL, V I E L mehr ankurbeln.

Dass tiefere Steuern die Wirtschaft ankurbelt, bestreiten die Befürworter der Initiative gar nicht. Sie merken lediglich an, dass man trotz florierender Wirtschaft nicht wie erwartet mehr Geld eingenommen hat und dass es allmählich wirklich knapp wird bei der Finanzierung von Bildung, Sozialem, Sicherheit, Umwelt und Infrastruktur – was sich übrigens über kurz oder lang nachhaltig auf die Standortattraktivität auswirken wird. Und sie merken auch an, dass grosse Firmen nicht notwendigerweise auch viele Angestellte zu haben brauchen und sich daher über deren Steuern weniger an der Finanzierung der von der Gemeinschaft zur Verfügung gestellten Infrastruktur beteiligen, als sie sie in Anspruch nehmen – was unfair ist, weil das dann von anderen gestemmt werden muss.

Schauen wir uns also mal die Gründe an, warum man laut nein-zur-sp-steuerinitiative.ch die Initiative ablehnen soll:
(ich beziehe mich auch auf die Ausführungen zu diesen Punkten auf der Webseite)


  • Wenn man falsch abgebogen ist und man zurück fährt, wirft einen das zurück? Schon, aber wäre man besser dran, wenn man einfach weiter geht? Kaum. Und dass hinter einem andere in die gleiche Strasse einbiegen, bedeutet nicht, dass man demzufolge doch auf dem richtigen Weg ist. Vielleicht können sie es sich im Gegensatz zu uns ja leisten.
  • weil sie unser Finanzproblem verschärft
    Hier gestehen die Gegner ein, dass es tatsächlich ein massives Finanzproblem im Kanton Luzern gibt, welches die aktuelle Steuerpolitik verursachte, verschärfte oder zumindest nicht zu beseitigen fähig war. Dass der Effekt der Steuerinitiative aber einen gegenteiliger zum erhofften sein könnte, ist durchaus ein valider Einwand, der aber wesentlich ausführlicher begründet werden müsste als mit dem Satz: „Eine Abkehr von der eingeschlagenen Steuerstrategie würde jene wenigen Unternehmen aus unserem Kanton vertreiben, die für den Grossteil der Unternehmenssteuern im Kanton Luzern aufkommen und die ihren Steuersitz jederzeit problemlos verlegen können.“ Wenn sie nämlich so problemlos wieder abziehen können, dann werden sie es tun, sobald sich die Gelegenheit bietet – und andere Kantone sind ja drauf und dran Gelegenheiten zu bieten. Interessant wäre es, zu erfahren, wie viel diese wenigen Unternehmen,  im Kanton Luzern in Infrastruktur und Arbeitsplätze investiert haben? Denn je freizügiger sie es taten, desto weniger problemlos wird ein Abzug sein. Und wir wollen ja nur die nicht bestrafen, die Arbeitsplätze schaffen.

  • Dass man Volksentscheidungen Zeit geben sollte um sich zu entfalten, sehe ich als experimentalpolitisch orientierter Stimmbürger natürlich ein. Allerdings weiss ich auch, dass man Kriterien haben muss, welche einem bestimmen lassen, ob ein Experiment gescheitert ist. Die Gegner sagen nicht, dass es bald besser wird. Sie sagen nur, dass es sich anders zu überlegen schlecht ist. Auf Fehler nicht zu reagieren ist aber auch ein Risiko für die so hoch geschätzte Planungssicherheit.

  • Das ist ein witziger Einwand. Die SP nennt ihre Initiative „Für faire Unternehmenssteuern“ und die Gegner erwidern, dass die Umsetzung der Initiative unfair wäre. Können wir uns darauf einigen, dass beide Seiten unter Fairness etwas anderes verstehen?
  • weil sich tiefe Firmensteuern auszahlen
    Es stimmt schon, dass „Wer Gewinne erzielt, zahlt Steuern“. Die Frage ist nur, ob sich mit den Steuern, die man erhält, alles nötige finanzieren lässt? Und das allgemeine Eingeständnis, dass es Finanzprobleme gibt, bedeutet, dass es sich noch nicht wirklich ausgezahlt hat, auch wenn der eine oder andere Posten sich vergrössert haben mag.

Unter dem Strich heisst das: Es gibt ein wachsendes Finanzproblem, welches die aktuelle Steuerpolitik offenbar nicht zu entschärfen fähig war. Die Befürworter hoffen mit ihrer Initiative das Steuer herum zu reissen, die Gegner befürchten, dass man sich damit nur noch tiefer in den Schlamassel rein manövrieren würde. Als Lösung schlagen diese statt dessen vor, vorerst einfach mal weiter zu machen und zu hoffen, dass es gut kommt.

Persönlich neige ich zur Befürwortung der Initiative, ziehe aber den Hut vor den Bürgerlichen für ihren Einsatz zugunsten der Experimentalpolitik.

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
Loading...
+ + + + + + + + + + + + + + +   d i s o r g a n i z e r   + + + + + + + + + + + + + + +
Eda Gregr
05.09.2016 um 19:12

Wenn man Christen fragt, wieso Gott Menschen in Not nicht hilft, dann erklären sie, dass der liebe Gott uns einen freien Willen gegeben hat und er uns so sehr liebt, dass er uns diesen auch lässt. Mit allen – bisweilen traurigen – Konsequenzen.

Wenn also ein Psychopath sein Opfer foltern und umbringen will, dann kann Gott das Opfer leider nicht retten, ohne damit den Peiniger in der Ausübung seines freien Willens zu behindern.

Wenn ich aber mit der Absicht meinem tristen Leben ein jähes Ende zu setzen von einem Kreuzfahrtschiff springe, mir dann aber beim Anblick des unbeirrt weiter tuckernden Dampfers die Sache nochmals überlege, dann würde die von Gott verliehene Fähigkeit übers Wasser laufen zu können mich nicht in der Ausübung meines freien Willens behindern.

Der einzige, dessen freier Wille dadurch vielleicht ein bisschen missachtet würde, ist derjenige, der nicht will, dass es Wunder gibt1. Sein freier Wille würde damit aber genau so fest ignoriert wie meiner, der ich (sehr inbrünstig) nicht will, dass es Fenchel gibt. Ich denke, den kann Gott getrost ignorieren ohne damit gleich den Heilsplan aufs Spiel zu setzen.

Insbesondere da es noch das hier gibt:

atheistpig_freewilly

 

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
Loading...
+ + + + + + + + + + + + + + +   d i s o r g a n i z e r   + + + + + + + + + + + + + + +
+ + + + + + + + + + + + + + +   d i s o r g a n i z e r   + + + + + + + + + + + + + + +