Eda Gregr
30.05.2016 um 00:12

„Wahre Christen“ erkennt man angeblich daran, dass sie versuchen, das gleiche wie Jesus zu tun. Damit ist selbstverständlich nicht das übers Wasser laufen gemeint, was ich jeden Sommer immer mal wieder versuche, ohne damit gleich zu einem Christen zu werden. Auch nicht die wundersame Brot- und Fischvermehrung1, was den überfischten Gewässern zwar eine bitter nötige Verschnaufpause gewähren, andererseits aber wohl die Back- und Fischereiindustrie ruinieren würde. Und auch nicht die ganzen anderen Wunder2. Sondern das Nett- und Hilfsbereitsein zueinander und das Keine Angst vor dem Tod haben müssen.
Dass er nicht immer nett war zu den Leuten, im besonderen zu den Kanaanitern (vgl. Matthäus 15,21ff), und dass er den Leuten mit der Hölle eine Heiden Angst vor dem Tod eingejagt hat, ignorieren wir mal. Wir ignorieren auch, dass er keine Ehe führte und auch nicht Geld verdienen musste. Zwei Aspekte, in denen wir dringend ein taugliches Rollenmodell bräuchten: Wie bewältigt man wie Jesus die täglichen ehelichen Probleme? Wie fest beteiligt mann sich wie Jesus am Haushalt? Wie erzieht man wie Jesus seine Kinder? Wie borgt man sich wie Jesus etwas Mehl vom schwulen Nachbarn? Wie arbeitet man wie Jesus in einer Firma, wo der Chef ein Arsch ist3? Wie führt man wie Jesus eine Firma mit begriffsstutzigen Mitarbeitern/Sklaven? Wie soll man sie entlöhnen? Und wie soll man sich zu überrissenen Lohnvorstellungen und sechs Wochen Urlaub stellen? Wie viel Wert soll man auf Nachhaltigkeit legen? Und wenn das Land von den Kanaanitern angegriffen wird, wie soll man sich wie Jesus verhalten? Wie als Soldat, wenn man eingezogen wird? Wie als Offizier? Und wie soll man wie Jesus abstimmen, wenn die Initiative von der SVP kommt? Und was soll man mit Leuten, die das Gesetz übertreten haben, machen, nachdem man ihnen verziehen hat?…
Wenn Jesus und seine Jünger einen Kibbuz oder sowas gegründet und dort Familien und bescheuerte Nachbaren gehabt hätten, dann könnte man sich sein Leben als Vorbild nehmen. Aber so? Jetzt haben wir nur einen umherziehenden „Philosophen“, bei dessen Ideen sich die Leute nicht einig werden, wie sie konkret im täglichen Leben umgesetzt werden sollen.
Und überhaupt, das Problem ist ja nicht, was man tun soll, wenn man arm ist, denn dann ist der Handlungsspielraum eh sehr begrenzt, sondern was man machen soll, wenn man fähig ist, tatsächlich was zu bewegen. Oder im Sinne von Laotse: Jesus verschenkte Fische, aber er lehrte nicht, wie man sie vermehrt.

Aber egal, ein Christ hofft, dass die Welt eine bessere4 wird, wenn jeder ein Leben führt, wie es Jesus in seiner Situation (ohne die wundersamen Fähigkeiten) gelebt hätte.
Persönlich halte ich das für naiv, denn wenn man sich schon an einem hausierenden Philosophen ein Vorbild nehmen will, dann bitte an Sokrates. Aber sei’s drum.

Doch was zum Teufel soll dann dieses ganze Tamtam rund um seinen Tod?
Inwiefern wird die diesseitige Welt besser, wenn mein Vorbild ans Kreuz genagelt wird?
Auch Sokrates liess man über die Klinge springen, weil er allmählich nervig wurde, doch hatte das keinen Einfluss welcher Art auch immer auf die Gültigkeit seiner Argumente. Der Tod des Sokrates zeigt uns lediglich, dass er seine Contenance auch im Angesicht der Todes nicht verlor. Mehr aber auch nicht. Behaupten zu wollen, dass es der Schierlingsbecher gewesen sei, der die Menschen auch noch nach Jahrtausenden sich mit seinen Ideen beschäftigen lässt, ist absurd. Genauso die Vorstellung, wir täten es aus schlechtem Gewissen, resp. um zu verhindern, dass er nicht umsonst gestorben ist. Es war allein die Qualität der Ideen. Genauso wie bei Aristoteles, Platon und Pythagoras, welche auch ohne spektakulären Tod „unsterblich“ wurden.

Jesus ohne Kreuzigung scheint aber nicht ganz zu funktionieren. Die Qualität seiner Ideen war offenbar nicht überzeugend genug5 um allein durch diese in Erinnerung zu bleiben. Irgendwie sieht das ganze so aus, als ob Jesus ein Strassenkünstler gewesen ist, der sein Publikum mit immer unglaublicheren Tricks und verrückteren Ideen unterhalten hat. Und als ihm dann allmählich das Material ausging, holte er zum spektakulären Finale aus, bei welchem er sich kreuzigen liess und dann drei Tage später wieder auferstand um dann wenig später die Bühne (ziemlich unspektakulär) (mit dem Versprechen eines baldigen Comebacks) für immer zu verlassen.

Es entbehrt übrigens nicht einer gewissen Ironie, dass eine der zentralen Ideen von Jesus jene des ewigen Lebens ist und er diese zu verkaufen versucht, indem er sich umbringen lässt. Wäre einfach ewig weiter zu leben nicht irgendwie naheliegender? Und überzeugender? „Nein Jesus ist nicht gestorben, er lebt noch, einfach in einem anderen Leben.“, finde ich jetzt nicht wirklich überzeugend6.

Tatsächlich geht es bei Jesus nicht primär darum, die Welt besser zu machen. Das ist – wenn überhaupt (!) – nur ein netter Nebeneffekt. Es geht vor allem anderen um das ewige Leben. Und dieses hat er angeblich mit seinem Leiden am Kreuz überhaupt erst möglich gemacht. Das Leiden war also der Schlüssel. Und Leiden ist auch weiterhin der Schlüssel:

Ich nenne dir die wahren Schätze des Menschen auf dieser Erde, damit du sie dir nicht entgehen läßt: Hunger, Durst, Hitze, Kälte, Schmerz, Schande, Armut, Einsamkeit, Verrat, Verleumdung, Gefängnis…
Textabschnitt 194 aus Der Weg vom Heiligen Josemaría Escrivá de Balaguer y Albás, dem Gründer von Opus Dei

Das Problem ist, ich hatte „sie versuchen, das gleiche wie Jesus zu tun“ irrtümlich auf die Taten von Jesus bezogen statt auf sein Leiden!
Wie konnte ich das übersehen? Das Leiden zieht sich schliesslich wie ein roter Faden durch das ganze christliche Denken: von Adam und Eva, die irgendeinen Blödsinn anstellten, für den sie und alle ihre Nachkommen dann zur Strafe Leiden müssen, über Jesus, der die Menschen lehrte auch die andere Wange hin zu halten, wodurch er uns darauf hinwies, dass sich jede Meinungsverschiedenheit auch ohne weitere Gewalt beenden lässt, der dann aber nichtsdestotrotz ans Brett genagelt werden musste um irgendein Karma auszugleichen, bis hin zu den armen Christen, die seelische Höllenqualen durchleiden, wenn sie wissen, dass ihre schwulen Nachbaren nebenan trotz Gottes Abscheu legal Sex miteinander haben.

Das Leiden ist nicht nur eine bedauerliche Konsequenz einer unperfekten Welt, es ist die Bestimmung des Christentums:

Alle aber auch, die gottselig leben wollen in Christus Jesus, werden verfolgt werden.
2. Timotheus 3:12

Werden sie verfolgt, weil Satan in seiner Verschlagenheit alle anderen gegen sie aufstachelt hat?
Oder werden sie verfolgt, weil Jesus aus versehen das Schwert statt des von Jesaja versprochenen Friedens mit zur Party brachte?

Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.
Matthäus 10:34

Nicht so schnell! Die beiden letzten Zitate zusammengenommen, sind doch ganz eindeutig Slapstick! Das ist doch die klassische Szene, wo jemand auf der eigenen Bananenschale ausrutscht und damit allgemeine Heiterkeit provoziert7.

Jesus versuchte den von Jesaja versprochenen Frieden durch Humor herzustellen! Das Schwert ist ein Gag-Schwert, das den Schwertträger schneidet, während er den Gegner umzubringen versucht! Das ist doch zum Schiessen komisch! Und wie wir alle wissen, eint Menschen nichts so sehr wie gemeinsam zu lachen! Das ist doch einfach genial!
Wir werden es gleich sehen, wenn die Spannung sich im nächsten Vers in einer grandiosen Pointe auflöst:

Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater, und die Tochter mit ihrer Mutter, und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz nimmt und mir nachfolgt, der ist meiner nicht wert.
Matthäus 10:35-388

Ups… Okay, es war vielleicht doch nicht ironisch gemeint…
Escrivás Lob des Leidens entspringt also weniger seinem Masochismus als viel mehr der göttlichen Kartografie, in welcher der richtige Weg stets gepflastert ist mit Leiden.

Wenn wir leiden, ist das also schon mal ein gutes Zeichen dafür, dass wir sicher nicht auf dem Holzweg sind. Damit kann man arbeiten.

Allerdings… Wie wahrscheinlich ist es, dass der Teufel nicht bemerkt, dass ihm viele Seelen allein deshalb durch die Lappen gehen, weil sie stur immer den steinigsten Weg nehmen? Wie lange würde es da wohl dauern, bis er einen noch viel verlockenderen steinigen Weg errichtet, der an Steinigkeit alles bisher gesteinigte weit hinter sich lässt?
Wie wir in „Die Grosse Verführung“ gesehen haben, brauchen wir uns wegen der guten Gründe, die dafür sprechen, dass auch das Leiden eine Form der Verführung sein könnte, keine Sorgen zu machen, weil Gründe ein Teufelswerk sind und ein wahrer Christ sich von solchen niemals überzeugen lassen sollte. Also pfeif aufs „Allerdings…“

Und selbst wenn Leiden doch noch kein Garant für den Himmel sollte, ist das Wohlbefinden schlussfolgernd aus 2. Timotheus 3:12 auf jeden Fall einer für die Hölle.
Deshalb wird der wahre Christ immer aufs Leiden setzen9. Das macht im Angesicht der Erbsünde durchaus auch Sinn, denn Leiden ist eine Form von Sühne ist und und von dieser kann man entsprechend gar nicht genug haben.
Deshalb interpretiert der wahre Christ zur Sicherheit alles, was sich als Angriff interpretieren lässt, grundsätzlich als Angriff.
Deshalb fühlt sich der wahre Christ als Märtyrer, wenn nebenan seine schwulen Nachbarn poppen.
Deshalb fühlt sich der wahre Christ verfolgt, wenn man ob dieser Bigotterie den Kopf schüttelt.
Und deshalb hat die Bibel auch kein Problem mit Vergewaltigung, Sklaverei und Genozid, dafür aber mit dem Verzehr von Hummer. Weil nur beim Hummer kein Mensch leidet. Denn wo niemand leidet, kommt auch niemand in den Himmel.

Deshalb macht es für einen wahren Christen auch keinen Unterschied, ob sein Mitbruder gefoltern oder nur diskriminiert wird. Klar für den Mitbruder fühlt es sich sehr verschieden an, doch da beides Formen von Verfolgung sind, sind beides klare Hinweise darauf, dass er auf dem richtigen Weg ist10. Und wenn der Mitchrist auf dem gleichen Weg, den ich beschreite, gefoltert wird, dann bin auch ich auf dem richtigen Weg und mein Leid müssen die leidigen schwulen Nachbaren sein.

Randnotiz : Open Doors, die alljährlich den Weltverfolgungsindex herausgeben, welcher dokumentiert, dass das Christentum die am meisten verfolgte Religion ist, unterscheidet in der Beurteilung der Situation tatsächlich nicht zwischen Folter und Diskriminierung, wie Markus Rode, der Vorsitzende von Open Doors Deutschland auf Anfrage von kath.net bestätigt: „Die Grenzen zwischen Verfolgung und Diskriminierung sind fließend. Deshalb haben wir den Begriff «Verfolgung» als Oberbegriff gewählt. Es steht uns nicht zu, Christen per Definition vorzuschreiben, ob sie erst dann als verfolgt gelten, wenn sie gefoltert oder ins Gefängnis geworfen werden, oder bereits wenn ihre Kinder von Ausbildungs- und Berufschancen bewusst ausgeschlossen werden. Verfolgung hat viele Facetten, die auch von den Christen vor Ort subjektiv, und somit unterschiedlich stark erlebt werden.
Der Open Doors Logik folgend, die vor allem auf der schiere Zahl beruht und überhaupt nicht auf Verhältnissen, müsste das Christentum mit 1.9 Milliarden nicht verfolgten Anhängern auch die am wenigsten verfolgte Religion der Welt sein und mit den Einschränkungen, welche das Christentum Frauen angedeihen lässt, die am meisten verfolgende Religion. Für einen Vergleich, der überhaupt erst bestimmen könnte, welche Religion am meisten verfolgt wird, müsste man auch die anderen Religionen auswerten, was Open Doors, wie sie selbst einräumen, kaum tut.
Man muss hier allerdings schon auch erwähnen, dass Open Doors den grossen Kirchen etwas zu weit gehen.
Eine morbide Faszination für Märtyrer teilen sie aber alle.

Wieso diese Besessenheit für Märtyrer?
Dass man für seine Überzeugungen bereit ist ein gewisses Mass an Leid zu ertragen, kann ich nachvollziehen. Dass man womöglich auch das Risiko eingeht zu sterben beim Versuch seine Überzeugungen zu verteidigen oder durchzusetzen, kann ich auch noch verstehen. Doch dass man im Tod für die „richtige“ Sache die bewundernswerte Erfüllung der eigenen Bestimmung sieht, übersteigt meine Vorstellungskraft.
Damit will ich nicht abstreiten, dass der Tod des Märtyrers ein mächtiges Symbol darstellen kann, welches seiner11 Überzeugung zum Durchbruch verhilft12. Ich sage nur, dass jeder Tod eine Tragödie ist und es für alle (und insbesondere für den Märtyrer) besser gewesen wäre, wenn er die Sache auf wundersame Weise (ohne damit die Symbolwirkung zu schmälern) heil überstanden hätte.

Für Christen sieht das allerdings anders aus. Wenn nämlich das Martyrium „das erhabenste Zeugnis [ist], das man für die Wahrheit des Glaubens ablegen kann; es ist ein Zeugnis bis zum Tod“13, dann wäre ein wundersames Weiterleben eine Katastrophe, weil der Märtyrer das ewige Leben später wieder verspielen könnte. Und das würde die Frage aufwerfen, ob die Bewohner des Himmels ihren Einzug nicht bloss dem Umstand verdanken, dass sie zufälligerweise im richtigen Moment mit der richten Einstellung abgetreten sind14. Wie nachhaltig wäre dann das, was man für die richtige Einstellung hält?15

Das Leben für seine Überzeugung zu opfern braucht sicherlich Mut, es mag also durchaus ein erhabenes Vertrauenszeugnis sein, das schwierigste und grösste ist es aber nicht.
Wer beweist mehr Vertrauen in eine Brücke? Der, der sie zuerst selbst ausprobiert, oder der, der einen anderen über sie schickt? Jede halbwegs integre Person wird, bevor sie andere Menschen wissentlich in Gefahr bringt, erst mal selbst herauszufinden versuchen, ob die Brücke sicher ist. Es ist schwieriger die Gesundheit jemandes aufs Spiel zu setzen, für den man die Verantwortung trägt, als seine eigene. Denn was riskiere ich, wenn ich mich zum Schutz anderer in Gefahr bringe? Mein Leben. Was riskiere ich, wenn ich das Leben anderer in Gefahr bringe? Deren Leben und meine Seele. Was ist aus Sicht eines Christen das grössere Risiko? (Was nicht heisst, dass sich in einer solchen Dilemma der Atheist anders entscheiden würde als der Christ!)
Wenn man der Sache aber wirklich vertraut, wird man nicht zögern seinen Schützling über die Brücke zu schicken. Das ist der grösste Vertrauensbeweis: wenn einem nicht mal einfällt, dass man den anderen einer Gefahr aussetzt. Auf Gott umgemünzt heisst das: Das grössere Vertrauen in Gott beweisst der, der die diesseitigen Qualen seines Schützlings im Angesicht des jenseitigen Lohnes genau wie der Doktor, der dem Kind eine schmerzhafte Impfung gibt, guten Gewissens ignoriert.

Wohlgemerkt, von aussen ist ein solcher völlig überzeugter Gläubige, der andere lächelnd16 in den Tod schickt, von einem verschlagenen, machthungrigen Psychopathen kaum zu unterscheiden. An den berühmten Früchten lässt es sich nämlich nicht erkennen, wenn diese nicht die Anzahl älterer Damen sind, welchen man über die Strasse geholfen hat, sondern die Anzahl der Menschen, welchen man zielbewusst zum Eintritt in den Himmel verhalf.17 Man darf mich gern einen Zyniker nennen, denn ein herzensguter, gottesfürchtiger Mensch würde sowas angeblich nie tun. Ausser natürlich Abraham. Er war ein herzensguter, gottesfürchtiger Mensch und er zögerte nicht das Messer zu zücken…
Im Angesicht dieses Dilemmas, welches entsteht, weil wir nicht in die Herzen der Menschen sehen, könnte man vielleicht auf die Idee kommen, dass wir zumindest bei den Märtyrer sicher sein können, dass sie mit ihrer Tat ein unerschütterliches Zeugnis für ihren Glauben ablegen. Doch können wir auch hier von aussen nicht unterscheiden, ob den Märtyrer – ich nenne es mal – „die politische Notwenigkeit“ dazu trieb oder ein Verdruss am Leben, den er mit einer edelmütigen Tat zu kaschieren versuchte, um damit seiner Familie die Schmach zu ersparen.

Fakt ist, wenn man das Martyrium als das erhabendste Zeugnis für die Wahrheit des Glaubens zu Ende denkt, dann ist man, wo man bereit ist für etwas zu sterben, auch schnell mal bereit jemand anders dafür sterben zu lassen. Christen widersprechen dem zwar vehement, doch wo auch immer die Kirchen politisch stark genug waren um damit durchzukommen, da geschah genau das.


Meine Einstellung zum Märtyrerkult:
Schokoladeneis mag so köstlich sein, dass man an einem heissen Tag beim Versuch an eins ran zu kommen ein zu grosses Risiko eingeht und stirbt. Wenn aber jemand mich dadurch zu überzeugen versucht, dass Schokoladeneis das einzig wahre ist, indem er sich anzündet, dann hat er einen an der Waffel!

mmm flambiertes schoko-cornet

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Eda Gregr
29.05.2016 um 00:23

Hier eine Idee: Je nach dem, ob sie eine Minderheit oder eine Mehrheit anspricht, gibt die Moral den Leuten andere Tipps.

Ein harmonisches Zusammenleben ist zwar nett, oberste Priorität hat für die Moral1 aber ihr eigenes Fortbestehen. Warum sonst wären unter den Anleitungen der verschiedenen Religionen, die sich ja als Hüter der Moral2 verstehen, immer auch solche, die mit einem harmonischen Zusammenleben überhaupt nichts zu tun haben? Und dann auch noch an so prominenter Stelle. Das erste Gebot der Bibel zum Beispiel ist keine Anweisung, wie man sich verhalten soll, sondern bloss eine Feststellung3, die keinem anderen Zweck dient, als dass der angeblichen Urheber der Regeln im Gespräch bleibt.

Vielleicht wird es deutlicher anhand eines Beispiel aus einer anderen Domäne, wo man Regeln befolgen sollte:

  1. Es gibt nur Betty Bossi.
  2. 300g Mehl, 250g Zucker, 1 Päckli Vanillezucker, 2EL Kakaopulver, 2TL Backpulver und 1 Prise Satz in einer Schüssel mischen.
  3. 3 Eier, 3dl Milch und 200g flüssige, abgekühlte Butter gut darunterrühren. Teig in die vorbereitete Form füllen.
  4. Backen: ca. 30 Min. in der Mitte des auf 180 Grad vorgeheizten Ofens. Kuchen herausnehmen, etwas abkühlen, mit einem Holzspiesschen mehrmals einstechen.
  5. 200g Puderzucker, 1 Päckli Vanillezucker, 2EL Kakaopulver, 50g flüssige Butter und 4EL Espresso gut verrühren, auf dem warmen Kuchen verteilen. Kokosraspel darüberstreuen, Kuchen in der Form auskühlen, in Würfel schneiden.

 

Wenn man gegen eins der Gebote verstösst, mit welcher Konsequenz muss man dann rechnen? Das Ergebnis wird anders schmecken und/oder aussehen – im Idealfall schlechter/hässlicher, weil andernfalls das Rezept noch verbesserungsfähig gewesen wäre. Das gilt aber nicht für das erste Gebot. Wenn man dieses ignoriert, wird das Ergebnis genau das gleiche bleiben. Was zum Teufel sucht es dann im Pentalog?

Gar nichts! Ausser natürlich wenn die Kokos-Schoko-Würfel gar nicht das eigentliche Ziel ist: Vielleicht sollen diese den Konsumenten nur schmecken (oder sie dick machen), um sie davon abzulenken, dass es einzig und allein darum geht, dass die Betty Bossi AG auch weiterhin prosperiert! Die Kokos-Schoko-Würfel sind ein Trojanisches Pferd!
Ausser natürlich die Betty Bossi AG versucht dem Klientel weiss zu machen, dass mit dem Glauben an die Gültigkeit des ersten Gebots während der Zubereitung irgendeine besondere Qualität hinzukomme. Doch welche könnte das sein? Besserer Geschmack? Denkbar, doch dieser Effekt wird in einer Doppelblind-Verkostung nicht mehr auftreten. Hübscher? Auch denkbar, aber ebenfalls bloss ein Placeboeffekt. Dann halt etwas im Jenseits!
Wenn der Betty Bossi AG also weniger ihr Gewinn am Herzen liegt als viel mehr unser seits-übergreifendes Wohlergehen, dann stellt sich die Frage, ob der Glaube an den Monobettybossismus wirklich das einzige ist, was einen Einfluss aus die besondere Qualität im Jenseits hat. Sollte nämlich beispielsweise eine Prise weniger Kakaopulver ebenfalls jener besonderen Qualität förderlich sein, dann frage ich mich, auf welches Seits sie das Rezept optimieren?

Analog werden dann wohl auch gewisse Regeln, die man befolgen muss um in den Genuss der von den Göttern in Aussicht gestellten jenseitigen Privilegien zu kommen, im Bezug auf ein harmonisches Zusammenleben im Diesseits noch optimierbar sein. Wenn beispielsweise Jesus uns aufträgt, in die Welt hinaus zu gehen und alle Menschen zu taufen4, so ist das von den Gläubigen, die in die Welt hinaus gehen um alle Menschen zu taufen, sicherlich gut gemeint5, doch da manche Leute nicht getauft werden wollen, hat die Regel, die mehr Seelen in den Himmel führt, ein grosses Potential zumindest kurzfristig Zwietracht unter den Menschen zu sähen.
Die Verteidiger der Missionsbefehls werden zweifellos zu argumentieren versuchen, dass abgesehen von der himmlischen Belohnung nach dem Tod, auch im Diesseits längerfristig Vorteile zu erwarten sind, weil in einer homogenen Gruppe weniger Reibereien entstehen, und dass das daraus resultierende harmonische Zusammenleben das bisschen genervt sein mehr als wett macht. Das klingt zwar plausibel, wird durch die Geschichte Europas aber nicht wirklich bestätigt. Denn irgendwie scheinen Religionen die Tendenz zu haben, grossflächig nicht homogen zu bleiben. Es scheint im Gegenteil viel mehr so, als ob eine bunte Durchmischung von sehr verschiedenen Moralvorstellungen auf engem Raum die Leute motiviert tolerant zu sein. Und das kommt einem harmonischen Zusammenleben weit mehr zugute. Wo es dagegen nur eine einzige gesicherte Wahrheit gibt, braucht es keine Toleranz. Da ist Toleranz sogar eine Gefahr für die gesicherte Wahrheit.

Interessanterweise verstärken gesellschaftliche Konflikte den Ruf nach Moral, statt dass sie diese in Frage stellen. Konflikte wie solche, die entstehen, wenn einer einer Minderheit aufgrund der Moralvorstellung der Mehrheit gewisse Rechte vorenthalten werden. Das ist ein klares Versäumnis der Moral, auf die Wünsche von Andersdenkenden einzugehen, selbst wenn diese keine Abstriche am eigenen Lebensstandard zur Folge hätten.
Ich kann ja verstehen, dass man seine eigenen Frauen und Homosexuellem diskriminiert, wenn man zufälligerweise an einen sexistischen und homophoben Gott glaubt. Aber dass man die gleichen Regeln auch für Frauen und Homosexuellen anderer Glaubensrichtungen durchzusetzen versucht, nur weil man mächtig genug dafür ist, halte ich für gefährlich. Wenn schon, dann muss man sie erst (behutsam6) bekehren. Ihnen die eigene Religion zuzugestehen, nicht aber die von dieser gewährten Rechte, halte ich für einen Zug, der aktiv am Stuhlbein des harmonischen Zusammenlebens sägt.

(Das war jetzt komplett aus der Perspektive der Religion argumentiert. Und ich wollte damit zeigen, dass wenn die Moral ein anderes Hauptziel als das harmonische Zusammenleben hat, dass sie das harmonische Zusammenleben gefährdet. Und jede religiöse Moral hat ein anderes Hauptziel!
Demgegenüber konzentrieren sich säkulare Moralvorstellungen allein auf das harmonische Zusammenleben im hier und jetzt. Das ist natürlich kein Garant für Erfolg. Und man kann natürlich nicht ausschliessen, dass sie noch schlimmere Ergebnisse liefern als religiöse. Aber wenigstens können sich deren Vertreter im Angesicht der von ihnen angestellten Katastrophen nicht damit herausreden, dass es den Leuten dafür im Jenseits umso besser gehe und man ihnen eigentlich dafür danken sollte.)

Das Hauptziel der religiösen Moral ist aber auch nicht, möglichst viele Seelen auf die hübsche Seite des Jenseits zu befördern, wie uns das die Betty Bossi AG weiss zu machen versucht. Himmel und Hölle sind genauso wie der Zucker und der Kakao nur ein Lockmittel – wenn auch eins dessen Schädlichkeit sich nicht nachweisen lässt. Worum es geht, ist der Fortbestand. Moral ist die Überlebensstrategie einer Kultur. Sie tut alles dafür, dass sie in genau der gleichen Form fortbesteht. So stur wie möglich, so flexibel wie nötig.

Allerdings braucht es je nach dem, „wo“ sich die Kultur, welche sich  durch die Moral definiert, gerade befindet, andere moralische Regeln. Unter „wo“ verstehe ich hier weniger den den geografischen Standort, obwohl der hier sicherlich auch eine Rolle spielt, sondern den Standort im – ich nenn es mal – globalen sozialen Fluss. Also ob die Kultur eine dominierende ist wie beispielsweise jene der Römer, oder ob es sich um eine unterdrückte Minderheit irgendwo weit Abseits vom Schuss handelt wie jene der Juden.

Das Überleben der Minderheit liegt nicht wirklich in ihrer Hand. Sie ist auf den Goodwill der dominierenden Kultur angewiesen. Da man sich nicht auf das ewige Fortbestehen des Goodwills verlassen kann, liegt es im Interesse der Minderheit zu einer dominierenden Mehrheit zu werden. Das jedoch möglichst auf eine Weise, mit der man sich den Goodwill der Mehrheit nicht verspielt.
Die Mehrheit dagegen muss zu ihrem eigenen Schutz versuchen eine Mehrheit zu bleiben, was bedeutet, dass sie verhindern muss, dass eine Minderheit zu einer Mehrheit wird. Und das möglichst auf eine Weise, die die Motivation der Minderheit möglichst schnell eine Mehrheit zu werden nicht beflügelt.
Oberflächlich betrachtet, sind beide Gruppen also darauf bedacht eine friedliche Koexistenz zu wahren. Eine offene Auseinandersetzung ist nämlich für beide mit unberechenbaren Risiken verbunden. Für die Minderheit, weil sie damit ihre Existenz aufs Spiel setzt und für die Mehrheit, weil sie vielleicht doch nicht so stark ist, wie sie denkt. Oft zeigt sich nämlich erst im Konflikt, ob wirklich alle die, die man auf seiner Seite wähnt, auch wirklich auf der gleichen Seite stehen. Die Mehrheit definiert sich nämlich weniger durch die absolute Zahl, sondern viel mehr durch das, wie sich die Leute zu verhalten scheinen. Was durchaus trügerisch sein kann. So mögen die meisten Menschen in Europa Katholiken sein, doch wenn die katholische Kirche zur Tötung aller Schwulen aufruft, wird sich ihr niemand mehr anschliessen. Insofern ist es besser für sie, den Status quo zu akzeptieren und die Welt glauben zu lassen, man vertrete die Mehrheit.

Die friedliche Koexistenz wird jedoch bei Mehrheit und Minderheit auf sehr unterschiedliche Weise gewahrt. So ist Toleranz den eigenen Leuten gegenüber bei der Mehrheit ein Vorteil, weil Andersdenkende damit nicht ausgeschlossen und in die Arme des Gegners gedrängt werden, während in einer Minderheit abweichende Meinungen nicht toleriert werden können, weil es die eh schon schwache Position noch mehr schwächt.
Bei der Mehrheit ist die Toleranz anderen gegenüber jedoch auch nur insofern okay, wie die Intoleranz die Gegenseite nicht zu einem ernstzunehmenden Gegner macht. Wenn die Mehrheit dermassen überwältigend ist, können auch leichte Abweichler als externe Minderheit betrachtet werden. Eigene Leute aus der Gruppe raus zu werfen ist riskant, kann sie insgesamt aber durchaus stärken.

Deshalb stand die Moral dem Fortbestand ihrer Gruppe auch noch nie im Weg. Dem Fortbestand der Individuen und dem anderer Gruppen durchaus, nicht jedoch der Idee, die die Gruppe zusammen hält. Moral ist der Überlebensinstinkt der Gruppe, wie der Egoismus der Überlebensinstinkt des Individuums ist.

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Eda Gregr
Kommentare geschlossen
25.05.2016 um 22:03

„Auge für Auge, Zahn für Zahn“ ist zwar barbarisch und nachweislich nicht besonders effizient in Sachen Verbrechensprävention, eine gewisse naive Eleganz aufgrund der Klarheit im Strafmass kann man einem solchen Rechtssystem aber nicht absprechen. Wenn einem Bürger der Zahn ausgeschlagen wird, sorgt die Gesellschaft dafür, dass dem Übeltäter ebenfalls ein Zahn ausgeschlagen wird. Und die Sache ist geregelt1. Der Trick ist, dass man die Strafe von einer unbeteiligten Drittperson ausführen lässt, wodurch beide Parteien halbwegs überzeugt sein können, dass die Strafe weder zu hart noch zu mild vollstreckt wurde.

Klar, noch besser wäre, wenn das Opfer dem Täter einfach so verzeihen würde. Damit wäre der Welt der Verlust eines weiteren Zahnes erspart geblieben. Das Problem ist aber, dass dies den Täter nicht davon abhalten wird im Bedarfsfall nochmals wem einen Zahn auszuschlagen.
Die Sache sieht jedoch auf einmal anders aus, wenn das Opfer dem Täter auch noch den anderen Zahn zum Ausschlagen anbietet2 3. Wegen dem einen Zahn hat der Täter nämlich noch kein schlechtes Gewissen, schliesslich hat es das Opfer nach seiner Ansicht ja verdient4, doch spätestens nach dem zweiten, dritten Zahn ist die Schuld beglichen und ein ungutes Gefühl macht sich bemerkbar. Von diesem Moment an geht der Täter mit Schuldgefühlen durch die Welt und trachtet danach diese wieder gut zu machen. Beispielsweise indem er dem nächsten, der es verdient einen Zahn ausgeschlagen zu bekommen, keinen Zahn ausschlägt5, was idealerweise ein Glücksgefühl hervorruft, welches ihn veranlasst niemals mehr irgendwem einen Zahn ausschlagen zu wollen.6
Doch selbst wenn die Andere-Zahn-Hinhalten-Strategie tatsächlich den Täter langfristig davon abhält, nochmals gewalttätig zu werden, so bezweifle ich, dass sie das auch bei anderen potentiellen Zahn-Ausschlägern schafft. Die Aussicht7, jemandem auch einen zweiten Zahn ausschlagen zu müssen, wird wohl kaum jemanden davon abhalten den ersten – wohlverdienten – auszuschlagen. Klar, der zweite Zahn wird, wie oben erwähnt, schlussendlich dazu führen, dass dem Täter die Lust vergeht, je wieder einen Zahn ausschlagen zu wollen, doch dieser Effekt ist meines Erachtens nur erfahrbar, nicht aber vermittelbar, weil nicht wirklich abschreckend.
Und auch wenn es die zukünftigen Täter entgegen allen Erwartungen doch überzeugen sollte, dass das schlechte Gewissen hinterher ziemlich übel sein wird, dann werden diese dem einfach dadurch vorbeugen, dass sie erstmal nur einen halben Zahn ausschlagen um sich – als treue Gesetzesbürger – einfach etwas später8 auch noch der zweiten Hälfte des nach ihrer Ansicht völlig begründeten Gewaltausbruchs zu widmen.

Randnotiz: Ist es nicht irgendwie komisch, dass in der Erziehung9 von Fremden auf die Strategie des Verzichts auf Gewalt gesetzt wird („Ich aber sage euch: Verzichtet auf Gegenwehr, wenn euch jemand Böses antut! Mehr noch: Wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die linke hin.“ Matthäus 5:39), während man dies bei der der eigenen Kinder offenbar tunlichst zu unterlassen hat(„Wer seine Rute schont, der haßt seinen Sohn; wer ihn aber liebhat, der züchtigt ihn bald.“ Sprüche 13:24)?
Der Schluss liegt daher nahe, dass es bei der anderen Backe gar nicht um die Erziehung des Täters geht, sondern allein um die persönliche Verarbeitung des an einem verübten Unrechts – wobei die Frage, ob es nicht vielleicht ein bisschen „verdient“ war, gänzlich ausgeklammert wird.
Das Argument, dass es bei Kindern einfach einer anderen Art von Erziehung bedürfe als bei Erwachsenen, halte ich für wenig überzeugend, denn die Trennung zwischen Kindheit und Erwachsensein wurde zu jener Zeit noch nicht so gelebt, wie man es heute tut10. Und hinzu kommt noch, dass es Christen gibt, welche die körperliche Züchtigung der Ehefrau für ein von der Bibel gestütztes Erfolgsrezept halten11, was meinen Schluss über den Zweck der anderen Backe klar unterstützt.

Beide Methoden konzentrieren sich auf das Opfer: Im Zahn-für-Zahn Fall wird dessen Rachelust gestillt und im Andere-Backe Fall wird das Leid als willkommene Etappe auf dem Heilsweg verkauft. Beides ziemlich egoistisch, finde ich. Es wird nämlich nirgends das nächste Opfer berücksichtigt. Dabei ist doch eigentlich das das wichtigste. Denn im Gegensatz zu nächsten Opfer ist beim aktuellen der Schaden bereits angerichtet und lässt sich auch nicht mehr rückgängig machen. Damit will ich das Opfer nicht alleine lassen, ganz im Gegenteil, ihm soll jede nur erdenkliche Hilfe zuteil kommen – sofern diese Hilfe das nächste Opfer nicht in Gefahr bringt.
Wenn es das nächste Opfer nicht gäbe (was es nach Ansicht des Endzeitpropheten Jesus wohl nicht mehr tun sollte), wäre es Johannes wie Thaddäus wie man mit den Täter umspringt. Daher ist ein versöhnlicher Ansatz gar keine schlechte Idee. Wenn es aber mehr oder weniger nächste Opfer geben kann, sollte man sich – so finde ich zumindest12 – tunlichst bemühen, es weniger sein zu lassen – selbst wenn das bedeutet, dass der „Gerechtigkeit“ nicht ganz genüge getan wird13.
Und wenn die Zahl der der nächsten Opfer mit der Behandlung der Täter korreliert, so ist das ein vielversprechender Hebel um anzusetzen.

Wieso also den Täter nicht mit den folgenden Worten im Strafvollzug willkommen heissen: „Eines Tages wirst du hier wieder raus kommen und es besteht die Möglichkeit, dass du in meine Nachbarschaft leben wirst. Deshalb tue ich mein Bestes dich zu einem guten Nachbaren zu machen.“14

Ob es Kuscheljustiz ist oder nicht, sollte nicht die Frage sein. Einzig und allein sollte der Erfolg zählen. Und der Erfolg ist weniger nächste Opfer. Und die nächsten Opfer kann man zählen.
Weniger Opfer ist aber nicht gar keine. Deshalb wird man sich bei jedem nächste Opfer fragen, ob es mit einem härteren Strafsystem nicht hätte verhindert werden können? Man hätte natürlich genauso gut auch fragen können, ob es mit einem kuscheligeren Strafsystem nicht hätte verhindert werden können – was sogar naheliegender wäre, wenn man sich die Korrelation zwischen Kuscheljustiz und Kriminalitätsrate anschaut, aber in solchen Situationen fällt einem diese in der Regel nicht auf. Die Antwort auf die Frage könnte dann unter Umständen so lauten: „Ja, mit einem härteren Strafsystem hätte womöglich genau diese eine Tat verhindert werden können, doch wären stattdessen X andere, vielleicht sogar viel schlimmere Verbrechen begangen worden, die uns jetzt aber zum Glück erspart geblieben sind.“
Einem Opfer und dessen Angehörigen spendet das natürlich wenig Trost. Doch darauf dürfen wir als Gesellschaft keine Rücksicht nehmen. Wir müssen so vielen wie möglich ein so sicheres Leben wie möglich garantieren.

Uns stehen verschiedene Strategien zur Verfügung, deren Erfolg wir durch entsprechende Untersuchungen in Pilotprojekten und aus Erfahrungen in anderen Ländern durchaus grob abschätzen können. Manche der Strategien verhindern eine Art von Verbrechen, während sie auf andere Arten kaum einen Einfluss haben. Manche Strategien lassen sich mit anderen kombinieren, mit anderen hingegen nicht. Manche sind intuitiv, andere weniger…
Sich für eine Strategie oder eine Kombination von Strategien zu entscheiden, bedeutet aber immer auch die Opfer, welche eine andere Strategie oder Kombination von Strategien verhindert hätte, in Kauf zu nehmen. Deshalb muss man wirklich sehr gute Gründe haben, warum man sich so und nicht anders entschieden hat. Und „Gott will es so!!!“ ist (trotz der ansonsten durchaus überzeugenden drei Ausrufezeichen) kein wirklich sehr guter Grund. Ein wirklich sehr guter Grund ist einer, den alle (zähneknirschend15) zu akzeptieren bereit sind. Und die Wünsche einer imaginären Gestallt kann ich – wenn ich die Wünsche für verhängnisvoll erachte – nicht mal zähneknirschend akzeptieren.

Das heisst aber, dass selbst wenn luxuriöse Haftbedingungen die Kriminalitätsrate proportional um Luxus senken, so können wir diese Option durchaus über Bord werfen – sofern wir eine andere Strategie zur Verfügung haben, die mindesten die gleiche Erfolgsquote hat. Bloss um unsere Rachelust zu befriedigen – so natürlich diese auch sein mag – dürfen wir aber nicht einfach ein paar Opfer mehr hinnehmen.
Insbesondere da es ja eigentlich nicht mal wirklich unsere Rache ist. Das Opfer ist ein anderer, wir wollen bloss den Täter bestrafen. Klar, so funktioniert soziale Kontrolle: Indem man jemanden der sich gegen die Regeln verhalten hat, kollektiv bestraft: Was du deinem Peiniger antun willst, das füg auch den Peinigern von anderen zu16. Allerdings gibt es, wie wir inzwischen wissen, wesentlich effektivere Methoden jemanden daran zu erinnern sich lieber an die Regeln zu halten und unsere Neigung die Täter zu stigmatisieren – schliesslich wollen wir wissen, ob ein Zahnausschläger in unserer Nachbarschaft wohnt – ist da möglicherweise eher hinderlich dabei ihn zu einem guten Nachbaren zu machen.

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Eda Gregr
20.04.2016 um 13:05

BoobsIst eigentlich ziemlich nett raffiniert vom Teufel, dass er vor allem auf die Verführung setzt, denn im Gegensatz zu anderen Strategien der Herbeiführung von Sinneswandel, wie zum Beispiel Gewaltandrohung oder Gehirnwäsche, ist das „Opfer“ hier wenigstens begeistert/überzeugt/angetan von der Sache. Und sollte es dann zufälligerweise doch gut raus kommen, ist man überzeugt davon, dass man eine gute Intuition hatte, während bei den anderen Methoden – sofern man noch fähig ist, sich daran zu erinnern – das ernüchternde Gefühl zurück bleibt, dass man zu seinem Glück gezwungen wurde.

Es gibt grundsätzlich zwei Formen der Verführung: Argumente (möglicherweise nicht gültige) und Brüste (möglicherweise nicht echte). Da aber weder die Anwesenheit von Argumenten noch die von Brüsten die Korrektheit der Hypothese garantiert, die man ihretwegen akzeptiert hat, kann man die Unterscheidung auch ignorieren.

Wenn ich verführt werde, halte ich das, wozu ich gerade verführt werde, für richtig. Es wird sich erst später herausstellen, dass es doch nicht richtig war und das ich bei sorgfältigerer Überprüfung der „Argumente“ es eigentlich hätte ahnen müssen. Und dass der, der mich verführte, es von vornherein wusste und mich absichtlich von den Unstimmigkeiten in der Argumentationskette abgelenkt hat. (Ein Verführer, der überzeugt ist von der Richtigkeit seines Schlusses und der Gültigkeit der Argumente, die diesen nahe legen, ist kein Verführer.)

Wir gehen hier übrigens mal stillschweigend davon aus, dass das Richtige sich mit der Zeit tatsächlich als richtig herausstellen wird und dass das Falsche als falsch. Und dass es weder falsch positive, noch falsch negativ gibt. Und dass es eine Folge von logischen Schritten gibt, die das erklären kann. Voraussetzung, die im Kontext von religiösen Überzeugungen oft nicht – zumindest nicht im Diesseits – gegeben sind. So wird sich beispielsweise ein homosexueller Lebenswandel im Diesseits nicht als nachteilig erweisen – zumindest nicht, wenn irgendwelche religiösen Fanatiker nicht nachhelfen.

Sagen wir also, dass wir im Nachhinein immer wissen, dass und wie wir verführt wurden.
Wie aber stelle ich als bibelkonformer Christ fest, ob das, was ich gerade prüfe, wirklich gut und behaltenswert ist (vgl. prüft aber alles und behaltet das Gute, 1. Thessalonicher 5:21 ) und das Gefühl, dass es gut und behaltenswert ist, nicht nur ein durch Verführung herbeigeführte Illusion ist, die sich nach einiger Zeit verpuffen wird?

Die Fortsetzung des von der Verfolgungs-Prophezeihung (Alle aber auch, die gottselig leben wollen in Christus Jesus, werden verfolgt werden. 2. Timotheus 3:12) hilft uns weiter:

Böse Menschen aber und Gaukler werden im Bösen fortschreiten, indem sie verführen und verführt werden. Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast und wovon du völlig überzeugt bist, da du weißt, von wem du gelernt hast, und weil du von Kind auf die heiligen Schriften kennst, die vermögend sind, dich weise zu machen zur Seligkeit durch den Glauben, der in Christo Jesu ist. Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nütze zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, auf daß der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werke völlig geschickt.
2. Timotheus 3:13-17

Die Prüfung besteht also einzig uns allein im Abgleich mit der Bibel. Selbstständiges Denken ist keine Option – ganz im Gegenteil. Dass die richtige Position auch durch sich selbst überzeugend sein könnte, wird gar nicht erst in Betracht gezogen. Der richtige Weg wird gelernt und befolgt und basta.
Dass es auch gute Gründe für den Weg geben kann, beispielsweise indem Evidenzen für diesen sprechen, ist irrelevant und daher zu ignorieren. Weil Gründe ein Teufelswerk sind.

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Eda Gregr
10.04.2016 um 20:22

[…] und wer sein Leben verliert um meinetwillen, wird es finden.
Matthäus 10:39

Auf einen Märtyrer trifft das zu.
Auf einen Kreuzritter, der in der Schlacht stirbt, aber auch.
Und eigentlich auch auf den vom Kreuzritter Erschlagenen, weil er durch ein um Jesus willen geschwungenes Schwert starben.

Ob das, was ich einer Sache willen tue, wirklich der Sache förderlich ist, spielt keine Rolle, solange ich überzeugt davon bin, dass sie es doch ist. Es geht allein um die Motivation und die kann durchaus auch auf einem Irrtum beruhen.
Ich kann Schokolade essen um anzunehmen. Ergo kann ich der Schlankheit willen Schokolade essen – zumindest so lange ich keine Zweifel an der Seriosität der zugrunde liegenden Studie hege. Sobald ich Grund habe an ihr zu zweifeln, beispielsweise weil ich einen Artikel lese, der auf die Mängel der Studie hinweist, esse ich die Schokolade nicht mehr Wirklich der Schlankheit willen, sondern eher meiner Lust willen.

Die Frage ist also jeweils, wie nahe es liegt, dass eine bestimmte Handlung im Sinne von Jesus stattfindet.
Ich kann seinetwillen einem Verletzten helfen, weil ich denke, dass er mit der Geschichte vom barmherzigen Samariter genau da von uns erwartet.
Ich kann seinetwillen eine Kirche bauen, weil ich glaube, dass Jesus das freuen wird. Dass es Stellen in der Bibel gibt, die etwas anderes nahelegen könnten, kann man im Angesicht der vielen Kirchen, die überall rumstehen, glatt übersehen.
Ich kann seinetwillen einen Schwuler töten, weil ich weiss, was er von Homosexualität hält und dass er an den alttestamentarischen Gesetzen erst mal nichts zu ändern beabsichtigte.

Ich bin mir allerdings nicht so sicher, ob ich seinetwillen in die Welt ziehen kann um die Heiden zu bekehren.
Da gibts natürlich den Missionsbefehl in Mt 28:16-20 und von daher wird er sich sicher über meinen Versuch freuen. Selbst dann, wenn ich keinen Erfolg haben sollte.
Im Endeffekt geht es dabei aber um die Rettung der verlorenen Seelen. Natürlich freut sich Jesus über jede gerettete Seele. Jedoch nicht um seiner selbst willen, beispielsweise weil er damit ein populärer Gott geworden ist, sondern vor allem um der geretteten Seele willen.
Und etwas um etwas anderes Willen zu tun, ist doch eigentlich es gleich um des anderes Willen zu tun1.

Wie dem auch sei, etwas seinetwegen zu tun ist toll. Das ewige Leben bringt es aber nur dem, der dabei drauf geht.
Und wie es klingt, tut es das garantiert.
(Könnte man auch sagen, die Motivation heiligt die Mittel und rettet die Opfer?)

Man muss bloss wirklich felsenfest überzeugt davon sein.
Und in den Zustand der absoluten Gewissheit verfällt man bekanntlich viel zu leicht2.
Doch Vorsicht! Egoistische Motive haben hier absolut keinen Platz, denn die machen aus einem seinetwillen sofort ein meinetwillen!

Und das wirft eine heikle Frage auf: Wenn der Märtyrer aufgrund des oben Zitates darum weiss, dass ihm ein Märtyrertod die himmlischen Pforten öffnen wird, und ihm das Trost und Linderung in seinen Qualen schenkt, tut er es dann wirklich noch um Jesus willen oder doch vielleicht bloss um seiner selbst willen?
Auch beim in der Schlacht gefallenen Kreuzritter kommt dieser Verdacht auf, schliesslich nahm ihm dieses Wissen die Angst vor dem Tod, was in einer Schlacht durchaus ein Vorteil sein kann, aber wenigstens plante er nicht zu sterben, respektive schlug nicht die Möglichkeit aus nicht zu sterben, wie es Märtyrer in der Regel tun.
Die besten Karten haben hier aber zweifellos die von den Kreuzrittern Erschlagenen. Die starben um Jesus willen, wussten aber nichts von ihrem Glück, insofern sind egoistische Motive ausgeschlossen.
Die von den Kreuzrittern Erschlagenen haben aber noch ein weiteres Ass im Ärmel: Sie starben auch um Allahs willen! Sie zogen schliesslich in die Schlacht, weil sie dachten, Allah wolle es so. Und auch Allah belohnt seine Streiter, die auf dem Schlachtfeld fallen. Also kriegen die von den Kreuzrittern Erschlagenen zusätzlich zum christlichen Paradies auch noch ihre 72 Jungfrauen!

 

 

Catch 44: Wenn jemand einen anderen Menschen tötet und behauptet es im Auftrag Gottes getan zu haben, dann verschafft er dem Getöteten den Freipass in den Himmel. Was aber, wenn das gelogen war? Macht das einen Unterschied für den Getöteten? Und wer erklärt es ihm dann vor dem jüngsten Gericht?

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Eda Gregr
01.04.2016 um 10:28

Wenn man religiöse Leute fragt, woher sie ihre Gewissheit haben, erwidern sie ziemlich oft, dass sie ein Wunder erlebt haben. Meist in der Form von einer Sucht, von der sie befreit worden seien.
Ich bezweifle nicht, dass es ein wunderbares Gefühl sein muss, endlich frei zu sein. Und im Angesicht all der früheren Anstrengungen, die sie bis dahin erfolglos auf sich genommen haben, überrascht mich auch nicht, dass sie es sich nur noch durch die Intervention eines übernatürlichen Wesens erklären können. Nichtsdestotrotz braucht das nicht wirklich die einzig mögliche Erklärung gewesen zu sein.
Es stimmt schon, die Befreiung von der Sucht fand zeitgleich mit dem Finden von Gott statt. In solchen Fällen stellt man gern eine Kausalität her. Doch objektiv betrachtet, fanden zu dem Zeitpunkt auch noch ganz andere Dinge statt, so dass die Kausalität auch ganz woanders liegen könnte.

Schauen wir uns an, was Johann Hari zum Thema Sucht zu sagen hat:

[…] maybe we shouldn’t even call it addiction. Maybe we should call it bonding. Human beings have a natural and innate need to bond, and when we’re happy and healthy, we’ll bond and connect with each other, but if you can’t do that, because you’re traumatized or isolated or beaten down by life, you will bond with something that will give you some sense of relief. Now, that might be gambling, that might be pornography, that might be cocaine, that might be cannabis, but you will bond and connect with something because that’s our nature. That’s what we want as human beings.
Johann Hari, 6:03

Als Gott in sein Leben getreten ist, tat er es nicht alleine. Es war eine Gemeinschaft, die an den Süchtigen herangetreten ist. Sie nahm ihn auf und kümmerte sich um ihn. Sie gab ihm die Bindung, die ihm Erleichterung verschaffte. Und wenn man Hari glauben darf, dann reicht das allein schon um das „Wunder“ zu vollbringen. Gott braucht dafür nicht real zu sein.
Okay, manchmal findet ein Süchtiger auch ohne Anreiz von aussen zu Gott, schliesslich gilt Gott (ob zu recht oder unrecht, sei mal dahin gestellt) als ein patentes Heilmittel gegen alle Art von Beschwerden. Ein verzweifelter Suchender wird daher früher oder später auch mal diese Option probieren. In diesem Fall tauscht er eben etwas, das ihm Erleichterung verschafft gegen etwas anderes das ihm Erleichterung verschafft. Ob es Glücksspiel ist oder Pornographie, Esoterik oder ein imaginärer Freund, macht da keinen allzu grossen Unterschied. Auch hier braucht Gott dafür nicht real zu sein.

Dem Menschen ist das Bindungsbedürfnis angeboren. Wie er es befriedigt ist eigentlich egal, so lange es nur befriedigt wird. Bloss dass gewisse Formen gesünder sind und andere ausgesprochen schädlich. Die Bindung zu Menschen ist sicherlich die beste, allein schon auch deshalb, weil sie einen immer wieder auf den Boden zurück bringen, während Ideen und imaginäre Freunde einem auch beim absurdesten Vorhaben nicht Einhalt gebietet.

Und wenn es doch Gott war, der einen von der Sucht befreit hat, dann scheint er mehr Wert darauf zu legen, dass man in einer spannenden Umgebung lebt, welche einem viele Möglichkeiten bietet mit Artgenossen eine Bindung eingeht, als dass man ihn akzeptiert oder auch nur an seine Existenz glaubt (was eine Ratte wohl nicht tut). Sprich, er stört sich nicht am Atheismus, dafür aber unterstützt er vehement die Entkriminalisierung von Drogen – was er durch die Platzierung von Wundern unmissverständlich zum Ausdruck bringt1.

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Eda Gregr
28.03.2016 um 22:27

Hans ist ein netter Kerl. Er hilft gern anderen Menschen. Deshalb lernte er, wie man Menschen repariert. Insbesondere Beinbrüche. Weil er viel von der Sache versteht und sich mit seinen Kollegen austauscht, weiss er, dass nicht alle Beinbrüche gleich sind. Die meisten sind problemlos und gut behandelbar, bei manchen ist es aber schwieriger. Und hie und da, das lässt sich leider kaum vermeiden, kommt es zu bedauerlichen Komplikationen. Und weil er – wie gesagt – viel von der Sache versteht, kennt er sogar die Wahrscheinlichkeiten der Problemlosen, der Schwierigeren und der Komplikationen. Und diese Wahrscheinlichkeiten werden sich in seinen Akten, die er gewissenhaft führt, wiederspiegeln.
Wenn sich die Erfolgsrate in seinen Akten nicht mit jenen der von ihm angegebenen (und von seinen Kollegen bestätigten) Wahrscheinlichkeiten deckt, dann kriegt er Ärger. Wenn seine Erfolgsrate markant tiefer liegt, mit dem Gesetz, weil er offensichtlich ein Scharlatan ist, wenn markant höher, mit Big Pharma (just kidding).

Auch Fritz, der Autos liebt und repariert, kriegt Ärger mit dem Gesetz, wenn die Rate der nicht korrekt geflickten Autos das von ihm geschätzte Mass nicht erreicht.

Und Sepp ebenfalls, der Menschen bei ihren psychologischen Problemen hilft, wenn seine Patienten nicht die Fortschritte machen, die eigentlich hätten erwartet werden müssen.

Selbst der Schäfer Heini kann Ärger mit dem Gesetz kriegen, wenn seine Schafe sich am Salat des Nachbarn gütlich tun.

Wenn ich nun aber Heini bitte mein Auto zu reparieren, Sepp mir mein Bein zu schienen, Fritz mir bei meinen psychischen Problem zu helfen und Hans sich um die Schafe zu kümmern, dann sind meine rechtlichen Möglichkeiten im Fall von einem katastrophalen Ergebnis eher beschränkt, denn keiner von ihnen bezeichnete sich als Experte in dem Feld, in dem ich mir von ihnen Hilfe erbat.

Man ahnt wohl schon, in welche Richtung es jetzt gehen wird: Auf welchem Feld sind wohl Priester Experten? Zumindest nach ihrer Selbstdeklaration in Sachen Seelsorge und angewandte Moral – deshalb werden sie im Fernsehen auch immer dann zu Rate gezogen, wenn es um moralische Fragestellung geht. Ergo müssten sie dann doch eigentlich auch haftbar sein für die Fehltritte ihrer Schäfchen.
Nach Auffassung so gut wie aller Religionen, ist es Gott, welcher das Fundament der Moral darstellt und die heiligen Bücher unter Anleitung der Priester vermitteln diese den Menschen. Das heisst, nur aufgrund der heiligen Schriften und der helfenden Hand der Schriftgelehrten lernen die Menschen was gut und was böse ist1. Die Hilfe der Experten ist dabei unumgänglich, weil in den heiligen Schriften auch moralische Urteile und Anweisungen zu finden sind, welche inzwischen als obsolet betrachtet werden2 3 4 5 6 7 8 . . . . . . . . . . . . . .. Und deshalb könnte der eifrige Schüler ohne die Hilfe der Experten auf die Idee kommen, diese auch heute noch wortwörtlich umzusetzen.

Was aber, wenn einer der Schüler eines Priester tatsächlich anfängt Schwule, Gotteslästerer und Andersgläubige zu töten? Sollte der Priester dann nicht vor Gericht gestellt werden?

Hat der Priester ihn dazu gebracht?
Wenn ja: ab ins Gefängnis wegen Anstiftung zum Mord (Art. 24 StGB)
Wenn nein: ab ins Gefängnis wegen Unterlassung der Nothilfe (Art. 128 StGB)

Aber man kann doch einen Priester nicht dafür verantwortlich machen wollen, wenn jemand, den er womöglich noch gar nie gesehen hat, der aber zufällig in seiner Gemeinde lebt, ein Verbrechen im Namen seines Gottes verübt. Oder vielleicht doch? Die Kirche kriegt Geld vom Mörder, der Mörder wird in den Akten der Kirche geführt und die Zahl der Akten legitimiert ein besonderes Mitspracherecht bei moralischen Fragestellungen.
Durch das Akzeptieren seines Geldes geht die Kirche einen Vertrag mit dem Mörder ein und übernimmt dadurch Verantwortung für dessen moralische Entwicklung.
Die Kirche kann sich nicht damit brüsten das beste Heilmittel zu besitzen, während sie alle, bei denen es nicht anschlägt, einfach aus der Kartei wirft.
Man hat seine Akten gewissenhaft zu führen und nur das Geld von denen zu akzeptieren, deren Werdegang man auch gewissenhaft betreuen kann!

Ausser natürlich die Kirchen verstehen sich als sowas wie der Touring Club. Man bezahlt ihnen Beträge und wenn man mal vom Weg abkommt, ziehen sie einen wieder aus dem Schlammassel. Und – tadaaa – man ist sie los, die Verantwortung über den Fahrstil seiner Mitglieder. Selbst dann, wenn sich der Täter ganz genau an die Anweisungen im Betriebshandbuches hält und von offizieller Seite her eingeräumt wird, dass die Lektüre alleine zum wahren, friedliebenden Verständnis wohl nicht reicht.

Ja, das juristische Selbstverständnis der Religionen ist inzwischen9 eher jenes von Versicherungen oder Waffenhändlern als das von Ärzten oder Schäfern.

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Eda Gregr
15.03.2016 um 14:16

granter_oel_veloWenn Veloketten quietschen, gehören sie geölt.
Doch das ist nicht wirklich nachhaltig.
Deshalb Granter-Öl!
Ein Kästchen mit Granter-Öl neben der Kette montiert
und sie läuft auf immer und ewig geschmeidig und energetisiert.
Darauf geben wir Ihnen unser Wort.

Wir führen auch Motoren-Granter-Öl, Sonnen-Granter-Öl
und Oliven- und Raps-Granter-Öl für eine gesunde und fettfreie Ernährung.

 

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Eda Gregr
26.02.2016 um 10:17

Es gibt zwei Arten von Gästen: die, dich ich auch mal besuchen kann, und die, die mich dafür bezahlen, dass ich es nicht tue. Abgesehen davon, gibt es keine Unterschiede. Sie brauchen weder im Haushalt zu helfen, noch sich Sorgen zu machen, dass ich über ihre Witze nicht lache.
Ian Hazelwood

In den Kommentarspalten zu Artikeln über die Durchsetzungsinitiative liest man oft, dass wenn sich ein Gast nicht benimmt, es nur recht und billig sei, ihn vor die Tür zu setzen.

Hm… Ist es nicht in gewissem Sinne die Pflicht der Gäste sich ein bisschen neben der Spur zu bewegen? Schliesslich sind sie ja „Fremde“, was sich eben genau durch ihr anderes Verhalten äussert. Und genau deshalb beherbergen wir sie ja, um ein bisschen mit dem Exotischen konfrontiert zu werden und idealerweise unsere etwas eingefahrene Vorstellungen zu hinterfragen. (Oder einfach um bessere Geschäftsbedingungen zu schaffen…)
Und mal abgesehen davon ermöglicht es uns, wenn wir selbst mal irgendwo Gäste sind, auch etwas neben der Spur zu sein…

Nicht umsonst ist das Gastrecht eines der ältesten Gesetze überhaupt. Und ich würde sogar kühn behaupten, auch eins der effektivsten. Dass man nicht töten oder stehlen soll, braucht man einem nicht erst zu erklären. Das ist selbstredend. Dass es von Vorteil sein kann, einem Fremden sicheres Geleit zu gewähren und ihm gegenüber tolerant zu sein, ist dagegen nicht mehr so intuitiv. Und doch ist genau dies stets der erste Schritt, wenn man sich zusammen setzt und miteinander zu reden beginnt.

Wieviel neben der Spur man sich zu bewegen erlauben darf, ist natürlich eine andere Frage, doch meines Erachtens stellt sich die im Kontext der Durchsetzungsinitiative gar nicht, denn Ausländer, die hier den grössten Teil ihres Lebens verbracht haben, sind nicht mehr wirklich Gäste.

Gehört man nicht irgendwann einmal zum Inventar?

Ich denke, der exakte Zeitpunkt, ab welchem man nicht mehr bloss Gast in einem Land ist, ist, wenn man seinen Wohnsitz nach Art. 23 ZGB in diesem Land bezieht. Je nach Aufenthaltsbewilligung darf man mehr oder weniger arbeiten, Militärdienst leisten und abstimmen, ansonsten aber geniesst man die exakt gleichen Pflichten und Rechte wie jeder andere Schweizer auch.

Man könnte einwenden, dass die Schweiz (wie wohl auch so gut wie jedes andere Land) mit diesen Einschränkungen gegen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verstosse. Laut Artikel 23 hat nämlich jeder das Recht auf Arbeit, dies beinhaltet keinen individuellen Anspruch auf einen Arbeitsplatz, sondern das Recht auf einen Schutz vor unverschuldeter Arbeitslosigkeit – wie hier aufgrund des fehlenden Schweizer Passes, da man zufälligerweise irgendwo anders zur Welt kam oder Eltern hat, die zufälligerweise irgendwo anders zur Welt kamen. Laut Artikel 21 hat jeder das Recht, an der Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten seines Landes unmittelbar oder durch frei gewählte Vertreter mitzuwirken, sprich zu wählen – was Ausländer aber nicht dürfen. Und laut Artikel 20 darf niemand gezwungen werden, einer Vereinigung anzugehören – in diesem Fall wird dies gegenüber den Schweizer Männern verletzt, da diese unter Androhung von Konsequenzen gezwungen werden der Vereinigung Armee anzugehören.
Doch da die Verweigerung der in den Artikeln 23 und 21 erwähnten Rechte offensichtlich durch das exklusive Recht, nicht dem Militärverein angehören zu müssen, kompensiert wird, hat wohl alles schon seine Richtigkeit. Und überhaupt geht es, wie sich kürzlich mal jemand im Zusammenhang mit der Durchsetzungsinitiative geäussert hat, nun langsam wirklich zu weit mit den sich ständig ausweitenden Menschenrechten!

Hört man sich bei den Befürwortern der Durchsetzungsinitative ein bisschen um, so erfährt man, dass abgesehen davon, dass Unschuldigen eh keine Ungemach droht, Ausländer sich auch längst hätten einbürgern lassen können. Und dass sie das nur deshalb nicht tun, weil sie sich vor dem Militärdienst drücken wollen. Und dass wer nicht bereit sei im Notfall Blut für die Schweiz zu vergiessen, nun mal nicht wie ein Schweizer behandelt werden könne.

Das stimmt schon, wenn die Ausländer den Schweizer Pflichten nicht nachkommen, dann müssen sie mit Konsequenzen rechnen genau wie auch jeder Schweizer bei Pflichtverletzung mit Konsequenzen zu rechnen hat. Dass die Ausländer nicht Militärdienst leisten dürfen, spielt hier keine Rolle, denn sie könnten, weil sie müssten, wenn sie Schweizer werden würden, wenn sie wollten.
Und im Moment bestehen diese Konsequenzen eben aus dem Verbot zu wählen und in Zukunft im Falle einer Gefährdung der öffentlichen Sicherheit in besonderem Masse aus einer kompromisslosen Abschiebung1.

Bloss, dass Schweizer Männer, die sich vor derselben Pflicht drücken (die Unfähigen und die Memmen also), weder Stimmverlust noch Landesverweis fürchten müssen. Bei ihnen ist es mit einem Wehrpflichtersatz getan.
Und Frauen müssen gar nicht erst ins Militär2 und brauchen wie die Ausländer auch keinen Wehrpflichtersatz zu zahlen. Ergo haben Ausländerinnen exakt die gleichen Pflichten wie die Schweizerinnen, aber nicht die gleichen Rechte – was, wie mir scheint, irgendwie nicht ganz koscher ist3.
Witziges Detail nebenbei: Während Frauen und Männer in der Schweiz vor dem Gesetz nicht wirklich gleich sind, es sei hier als Beispiel nur die Wehrpflicht angeführt, sind männliche und weibliche Ausländer in der Schweiz vor dem Gesetz zumindest im diesen einen Punkt gleicher, ergo einen Schritt voraus.

Wieso verlangen wir eigentlich nicht von jedem, der nicht Militärdienst leistet, den Wehrpflichtersatz? Egal ob Mann oder Frau oder Schweizer oder Ausländer. Zu diesem Wehrpflichtersatz müsste – schliesslich geht es beim Militär um die Bereitschaft Blut zu vergiessen – natürlich auch noch eine Blutspende-Pflicht hinzu kommen!4

Okay, das nahm jetzt eine selbst für mich überraschende Wendung.

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Eda Gregr
18.02.2016 um 12:46

Für viele Vegetarier hat der Entscheid zum Verzicht auf tierische Produkte auch mit dem Karma zu tun1. Und wo Karma drauf steht, ist die Reinkarnation in der Regel nicht weit. Hier also meine Frage an die Wiedergeburtsgläubigen, die zugunsten ihres Karmas auf Fleisch verzichten:

Pfuscht ihr damit nicht im Heilsplan rum? Keinem Tier etwas zuleide tun, ist natürlich nett und kommt sicherlich auch dem Karma zugute, doch als Tier zu leben hat doch eine bestimmte kathartische Funktion. Man soll während dieser Zeit etwas lernen, was einem aber, wenn die Tierhaltung paradiesische Züge annimmt, wohl oder übel verwehrt bleibt. Traditionell unmenschlich gehalten und gegessen zu werden, ist womöglich eine Pflichtlektion fürs Nirwana, die mit zunehmendem Vegetarismus weniger und weniger angeboten wird.
Tiere gut zu behandeln hilft den eigenen Karma, verhindert aber das das karmische Weiterkommen der im Tier reinkarnierten Seele. Ist das nicht ein bisschen egoistisch? Und schadet skrupelloser Egoismus nicht dem Karma?

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Eda Gregr
15.02.2016 um 00:15

Jetzt mal ungeachtet dessen, ob sie doch funktioniert, so frage ich mich, wieso sich jemand auf sowas wie Geomantie einlässt, wenn die Fachwelt dies in aller Deutlichkeit als Humbug abtut?

Ich meine, wenn mir ein Mykologe erklärt, dass die zyklischen Oligopeptide vom Amanita phalloides dessen Verzehr zu einem tödlichen Unterfangen machen, dann würde mir doch nicht im Traum einfallen, mir zum Abendessen ein grünes Knollenblätterpilzragout zu kochen.
Ich würde selbst dann lieber die Finger von diesen Pilzen lassen, wenn mir die alte Pilz-Oma mit der Warze auf der Nase und dem schwarzen Kater auf dem Buckel1, die mir die Pilze zum Verkaufen anbietet2, versichert, dass diese ganze Giftpilzparanoia bloss Propaganda der Champignon-Lobby sei. Und ich würde auch dann nicht meine Meinung ändern, wenn die Hexe zum Nachweis der Harmlosigkeit an einem der Pilze knabbern würde – weil mir besagter Mykologe auch gesagt hat, dass für eine tödliche Dosis des Giftes etwa ein ganzer Pilz nötig sei und dass die ersten Symptome einer Vergiftung erst 8 bin 12 Stunden nach dem Verzehr auftreten.

Wieso also vertrauen so viele der Geomantie und dem anderen esoterischen Humbug?
Nur weil es nicht ganz so tödlich ist?3
Der Konsum vom Amanita muscaria verursacht ½ bis 3 Stunden nach dem Verzehr Verwirrung, Sprachstörungen, Ataxie, starke motorische Unruhe, Mydriasis, Mattigkeit und dann einen 10 stündigen Tiefschlaf. Er ist also nicht ganz so tödlich. Nichtsdestotrotz lässt man4 die Finger vom Fliegenpilz-Risotto.
Und wenn der Pilzkontrolleur uns erklärt, dass der Pilz zwar nicht giftig, aber ungeniessbar sei, belegen wir dann unsere Pizza mit Unverschämten Ritterlichen? Das bezweifle ich.

Wieso vertrauen wir den Pilzwissenschaften selbst in harmlosen Fällen, den Erdwissenschaften, die eigentlich prädestiniert dazu wären gewisse Behauptungen der Geomantiker auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, aber nicht mal in den krassen?

Weil man gute Erfahrungen damit gemacht hat?
Das mag schon sein, doch die Frage war nicht, wieso man an etwas festhält, das Fachleute für Scharlatanerie halten, sondern wieso man sich überhaupt erst darauf eingelassen hat.

Weil es eine schöne Idee ist?
Das mag durchaus stimmen, doch nur weil etwas schön ist, muss es noch lange nicht wahr sein. Natürlich ist es eine schöne Idee, Einhörner im Garten zu halten, doch werde ich mir deswegen nicht gleich einen Jahresvorrat Einhornfutter von der Hexe andrehen lassen. Wenn schon, dann sollte ich mir zunächst eine Einhornfalle kaufen. (Nein, ein Jahresvorrat Einhornfutter lockt keine Einhörner an!)

Weil alle jetzt akzeptierten Überzeugungen anfangs für nachweislich falsch gehalten wurden?
Das stimmt, doch die allerallerallermeisten Überzeugungen, die anfangs für nachweislich falsch gehalten wurden, werden auch heute noch für nachweislich falsch gehalten.
Hinzu kommt: Wer wird wohl am besten beurteilen können, ob eine bestimmte Idee vielleicht doch stimmt? Jemand, der mit der ganzen Problematik vertraut ist und sich mit den üblichen Fehlerquellen auskennt? Oder jemand, der keine Ahnung von der Materie hat? Wohlgemerkt, ich frage nicht, wer eher auf eine neue revolutionäre Idee kommt, denn das kann durchaus der Laie sein, der nicht in den althergebrachten Denkmustern klebt, ich frage, wer die Tauglichkeit der Idee einzuschätzen versteht! Das schmälert die Erfolgschancen einer neuen Überzeugung, welche auch nach längerer Zeit keine Unterstützung in der Fachwelt findet, nochmals massiv.
Ein weiterer Punkt ist, dass alle einst akzeptierten Theorien, die sich später als falsch erwiesen, durch neue Theorien ersetzt wurden. Und nicht durch alte, längst widerlegte. Da verringern sich die Chancen der Überzeugungen, welche sich auf uraltes Wissen berufen, nochmals markant.
Aber schlechte Chancen schliessen einen Erfolgt ja nicht aus. (Und gute nicht den Misserfolg.)5
Doch selbst wenn die Chancen für eine beliebige Theorie sich als irgendwann als doch richtig zu erweisen ausgesprochen gut wären (was sie, wie wir eben gesehen haben, nachweislich nicht sind), dann birgt diese neue Theorie nichtsdestotrotz Risiken. Risiken, die man eigentlich lieber nicht einzugehen bereit sein sollte. Die Theorie mag nämlich durchaus richtig sein, das heisst aber nicht, dass die Technologie sie bereits in einem Masse umzusetzen vermag, welche die Ergebnisse der noch anerkannten in den Schatten stellen würden. Von daher wäre es doch eigentlich vernünftiger zu warten, bis die neue Theorie die alte tatsächlich ersetzt hat.

Weil es von der Nachbarin empfohlen wurde?
Das muss man als validen Grund gelten lassen. Wir wissen zwar, dass es viele Möglichkeiten gibt, dass etwas aussieht als habe es funktioniert, ohne dass es wirklich funktioniert hätte, zumindest wird hier aber das Risiko minimiert. Ich meine, wenn die Nachbarin die Pilze gegessen, überlebt und gelobt hat, kann man ihnen ja mal ne Chance geben. Allerdings sollte man sich auch das vielleicht noch ein zweites Mal durch den Kopf gehen lassen, wenn die Fachwelt darauf hinweist, dass 10% der Bevölkerung unerklärlicherweise immun gegen das tödliche Gift sind6. In diesem Fall würde es sich lohnen erst mal mit einer kleinen Portion zu beginnen.
Hier ist also zwar das Risiko gebannt, nicht jedoch die Irrationalität, dass man der Nachbarin mehr vertraut als dem Experten.

Was hier vielleicht wie ein Plädoyer gegen die Neugier aussieht, möchte ich nicht als solches verstanden sehen. Denn Neugier ist gut, nein, sie ist grandios!
Ich verlange nicht, seiner Neugier nicht nachzugehen, sondern sich ihrer auf eine vernünftige Art und Weise zu bedienen7. Und dazu gehört, dass man sich nicht von den üblichen Fehlschlüssen in die Irre führen lässt. Sich aber auf etwas einzulassen, was die Fachwelt als Humbug abtut, und noch viel mehr sich durch die Gründe überzeugen zu lassen, die die Fachwelt schon im Vorfeld als Fehlschlüsse bezeichnet, hat daher nichts mit Neugier zu tun. Das ist was ganz anderes.

Man lässt sich auf die Geomantie nicht aus Neugier ein, sondern weil man keine Ahnung hat, wie absurd sie ist. Man weiss nur, dass man nichts weiss. Und das ist okay, denn – so ist man überzeugt – erst die Naivität ermöglicht es einem einen unverfälschten Blick hinter die Fassade zu werfen. Ganz in der Tradition des Simplicissimus. Die Ahnungslosigkeit wird nicht als die Gefahr betrachtet, die sie ist, nämlich indem sie einen anfällig für jede Form von Verführung macht, sondern geradezu als Tugend, die einem hoch angerechnet wird. Es ist das Lob der Ignoranz.

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Eda Gregr
07.02.2016 um 12:53

Im Artikel „Weg mit den Büchern! Das Internet mache Bibliotheken überflüssig, sagt der Chef der ETH-Bibliothek im Interview. Entweder sie räumen ihre Bücherbestände aus und erfinden sich neu – oder sie werden verschwinden.“ von Michael Furger argumentiert Rafael Ball, dass Bibliotheken in der Zeit des Internets ihre klassische Funktion verloren haben. Das Informationsmonopol sei gekippt. Im Internet hat man Zugang zu mehr Büchern als einem auch die grösste Bibliothek zur Verfügung stellen könnte. Wieso also sollen wir den Bibliotheken in ihrer jetzigen Form nachtrauern? Bibliotheken sollten sich lieber neue definieren und ihrem Auftrag, den Menschen Wissen zur Verfügung zu stellen, in einer modernen Form nachkommen, welche die zur Verfügung stehende Technik nutzt und nicht gegen sie anzurennen versucht.
Dem ist eigentlich nichts entgegen zu stellen.

Ich habe dennoch zwei Einwände:

Die Bücher sollen auch noch in 2000 Jahren gelesen werden können. Elektronische Datenträger haben ihre liebe Mühe mit der Zeit. Ihre Lebenserwartung ist zur Zeit nicht gerade berauschend, aber das lässt sich sicher lösen. Man braucht aber auch Geräte, die die Information lesbar machen. Das stelle ich mir etwas kniffliger vor, allerdings bin ich auch diesem Punkt eigentlich ziemlich optimistisch. Und irgendwie sollte auch gesichert werden, dass nicht eine Katastrophe den Büchern den Garaus machen kann. Bibliotheken lösten das bisher, indem sie die Werke dezentral lagerten, doch neue Medien haben neue Feinde und die Server bloss auf verschiedenen Kontinenten zu platzieren, reicht da vielleicht nicht mehr. Ich denke da beispielsweise an EMPs oder auch an Hackerangriffe.
All das zusammen rechtfertigt meiner Ansicht nach schon den Fortbestand von Institutionen, die gedruckte Bücher sammeln, und sei es auch nur in sowas wie einem Svalbard Global Litertur Vault.

Mein zweiter und wichtigster Einwand aber ist der Griff daneben: Was mir an (offenen) Bibliotheken und Bücherläden am meisten gefällt, sind die Bücher rechts und links und oberhalb und unterhalb von jenem, das ich eigentlich gesucht habe. So entdeckt man nämlich Neues!
Klar, in gewissem Sinne lässt sich das auch im Internet bewerkstelligen, schliesslich sind es Algorithmen, welche die Anordnung der Bücher im Regal bestimmen. Sei es alphabetisch nach den Namen der Autoren, thematisch oder nach der ISBN Nummer. Analog lassen sich da ohne weiteres auch Algorithmen implementieren, welche dem Kunden die Bücher links und rechts (und oberhalb und unterhalb) vorschlagen.
Die Algorithmen von Amazon sind da aber wesentlich raffinierter und sympathischer, weil die Wahrscheinlichkeit, dass ich das von ihnen empfohlene Buch kaufe, ohne Zweifel um Grössenordnungen höher ist als die mit den Namensvettern oder ISBN-Nachbaren. Allerdings sind die empfohlenen Bücher nichts wirklich neues für mich. Sie sagen, was ich hören will. Und ich bin mir ganz und gar nicht sicher, ob das gut ist. Wenn es in einer Bibliothek kein Buch zum Mondlandungs-Hoax gibt, dann leih ich mir eben das Buch zur Mondlandung aus, und erfahre auf dieser Weise etwas, was mir andernfalls völlig entgangen wäre. Und genau deshalb ist die beschränkte Auswahl auch eine der Stärken von Bibliotheken. Damit bringen sie die Menschen auf neue Ideen.

Der Aufrag der Bibliotheken ist daher nicht nur, den Menschen Informationen zur Verfügung zu stellen, sondern bisweilen auch die falschen Informationen. Das ist vielleicht nicht im Interesse des Betroffenen, aber auf jeden Fall in dem der Gesellschaft. Weil Information, die meine Ansichten nicht bestätigt, den Graben zwischen den Menschen nicht grösser macht.

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Eda Gregr
06.02.2016 um 11:42

smbc-comics.com

Wenn sie mal gross ist, verkündete Ava kürzlich, will sie Hexe werden.
Als aufgeklärter Vater versicherte ich ihr, dass ich sie dabei natürlich vollkommen unterstützen würde, dass sie bei dieser Berufswahl aber bedenken müsse, dass sie dann lieber einen grossen Bogen um gewisse Länder machen müsse – und überlegte mir, ob das wohl der Grund sei, wieso es keine „Hexen ohne Grenzen“ gibt?
Ich erklärte ihr auch, dass wenn es ihr darum ginge, die Welt nach ihrem Willen zu gestalten, dass sie dann bei der Wissenschaft und Technik (und dazu zähle ich natürlich auch die Medizin) vielleicht besser aufgehoben wäre. Tatsächlich habe sich alles, was man früher (und auch heute noch) Hexen zuschrieb, in gewissem Sinne durch Wissenschaft und Technik erfüllt – und zwar für alle zugänglich. Hexen flogen auf Besen, wir tun es in Flugzeugen. Hexen beobachteten in ihren Kristallkugeln, was in weit entfernten Ländern passiert, wir tun es mit dem Fernseher. Hexen heilten von Warzen, wir inzwischen auch von vielen Arten von Krebs. Hexen tanzten nackt in Vollmondnächten, wir wissen wo wir Frauen auch während des übrigen Monats nackt tanzen sehen können1. Hexen kannten alle Kräuter und Pilze, mit dem iPhone können wir sie inzwischen auch identifizieren und erfahren, welche Wirkstoffe sie enthalten. Und all das können wir, ohne riskieren zu müssen auf dem Scheiterhaufen zu landen. Ja, Wissenschaft und Technik sind vielleicht die besseren Gehilfen, wenn man sich seine Wünsche erfüllen will…
Wieso sie den Hexe werden möchte, fragte ich sie.
Dann würde sie machen, dass sie morgen Geburtstag hat.
*schluck*

Welche Wunder man auch immer Gott und den Hexen zuschrieb, irgendwie schafften Wissenschaft und Technik (und Kunst, wenn es darum geht fantastische Geschichten zu erzählen) diese über kurz oder lang irgendwie auch ohne Magie zu replizieren. Ob Gott und Hexen sie tatsächlich vollbrachten, ist dagegen umstritten, denn dabei zusehen liessen sie sich nie – zumindest nicht von jemandem, der mit den nötigen Skepsis dabei gewesen wäre.

Viel mehr fand man raus, dass es sich oft gar nie so zugetragen hat – und der Schöpfer es sich nur ausgedacht hat.
Oder man fand raus, dass viele Dinge von ganz allein geschehen – und der Designer sich hier mit fremden Lorbeeren schmückt.
Oder man fand raus, dass es mit natürlichen Mittelnd geht – und der Magier das Woohoo nur anstellte um mehr Geld daran zu verdienen.

Die Wunder wurden des Wundersamen beraubt, die Wirkung aber blieb erhalten.
Nein, die Wirkung wurde sogar massiv besser, weil sie vom Wundersamen nicht länger behindert wurde.

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Eda Gregr
31.01.2016 um 11:12

Jesus zog also durchs Land, heilte hier, predigte da und liess ich am Ende ans Kreuz nageln.

Jetzt stellt euch aber mal vor, einer der Zuhörer bei der Bergpredigt wäre Kaiser Tiberius gewesen, der zufällig gerade inkognito in der Gegend Ferien machte. Und stellt euch vor, er wäre von der Rede dermassen angetan gewesen, dass er Jesus auf der Stelle zu seinem persönlichen Berater ernannt hätte. So absurd ist der Gedanke gar nicht. Wie jeder Christ gern bestätigen wird, war Jesus liebenswürdig, loyal, klug und besass grosses Charisma. Jeder halbwegs vernünftige (und ehrliche) Mensch musste schlichtweg von ihm begeistert sein. Wieso also nicht auch der mächtigste Mann seiner Zeit?

JesusTiberius

Gut möglich, dass Jesus das nicht gewollt hätte. Sein Plan war schliesslich ein ganz anderer. Er wollte die Leute inspirieren und sie von sich selbst aus das richtige machen lassen.
Allerdings sagt man zu einem Tiberius nicht nein. Und selbst wenn man nein sagt, dann braucht dieser das noch lange nicht zu akzeptieren.

Jesus wurde also in den Stab von Tiberius aufgenommen und nach Rom gebracht1. Und Tiberius hat ihn dann (wie es Christen auch heute noch tun) immer mal wieder um Rat gefragt.

Ich sage nicht, dass Jesus Gefallen dran gefunden oder gar dass ihn am Ende die Macht sogar korrumpiert hätte2, ich bezweifle lediglich, dass er Tiberius den Rat verwehrt hätte. Denn die Möglichkeit Gutes zu tun (oder je nach Präferenz Übles zu verhindern), ist einfach viel zu gross um sie nicht beim Schopf zu packen.

Es wurden nur wenige Fragmente der Dialoge überliefert3:

„Jesus, mir ist eben zu Ohren gekommen, dass die Händler und Geldwechsler, die du damals aus dem Tempel vertrieben hast, sich dort wieder breit gemacht haben. Soll ich Verbotsschilder an den Eingängen anbringen lassen? Ich schulde dem Schildmaler Ramanus eh noch einen Gefallen.“

„Jesus, ist dir schon mal aufgefallen, wie viele Leute an mehrere und andere Götter glauben? Was denkst du, sollen wir in dieser Richtung was unternehmen? Oder lassen wir sie erst mal in Frieden? Vielleicht liesse sich durch die Einführung der Schulpflicht und des obligatorischen Religionsunterrichts die Entwicklung zu unseren (sprich ihren) Gunsten beeinflussen?“

„Jesus, mir wurde eben berichtet, dass die Germanen in unserer Provinz Belgica eingefallen sind und dort jetzt ein grausliges Blutbad anrichten. Wenn man sich vergegenwärtigt, wie die Germanen von meinen Vorgängern behandelt wurden, war das eigentlich absehbar, aber ich weiss jetzt nicht genau, wie ich darauf reagieren soll? Meine Generäle empfehlen mir fünf Legionen in den Norden zu schicken, aber mir erscheint das irgendwie ein falsches Zeichen zu setzen. Andererseits stimmt es schon, dass man in einer taktisch besseren Verhandlungsposition ist, wenn man nicht mit runtergelassenen Hosen da steht. Zur Zeit schicken sie alle unsere Unterhändler ohne Kopf wieder zurück. Was empfiehlst du mir?“

„Jesus, mein Neffe Quintus hatte gestern sein Coming out. (Überraschend kam das ja nicht wirklich, LOL!) Soll ich ihn dazu beglückwünschen oder ihn hinrichten lassen? Die heilige Schrift ist da je ziemlich deutlich.“

„Jesus, deine zwölf Jünger, ähm, du weisst, dass ich sie mag. Ehrlich. Ich meine, es ist jedesmal wieder ein Freude mit ihnen zu feiern. Aber nun ja, ich weiss nicht wie ich es sagen soll. Schliesslich habt ihr einiges zusammen durchgemacht. Aber irgendwie scheinen sie mir nicht die hellsten Köpfe zu sein. Sie sind lieb, versteh mich nicht falsch, und sehr hilfsbereit und so, aber ich fürchte, ihr Mangel an Bildung macht sich in der Qualität ihrer Ratschläge schon bemerkbar. Du weisst schon, Dunning-Kruger-Effekt.“

„Jesus, wir sprachen doch kürzlich von deinen 12 Aposteln. Wollen wir sie nicht noch mit ein paar Philosophen aufstocken? Ich habe da ein paar wirklich interessante Bewerbungsunterlagen von ein paar Stoikern erhalten.“

„Jesus, du bist ja da aus der Gegend. Da ist dieser Kerl von der Judäischen Volksfront – oder vielleicht war es auch die Volksfront von Judäa – ich bringe die immer durcheinander. Der hat uns ein Ultimatum gestellt. Er verlangt, dass wir ihn bis Sonnenuntergang kreuzigen. Andernfalls werden 10’000 Menschen sterben. Der Geheimdienst sagt, dass ihm die Mittel, um sowas umzusetzen, tatsächlich zur Verfügung stehen und man die Drohung unbedingt ernst nehmen muss. Was sollen wir tun? Keine Ahnung, ich weiss nicht ob es Kanaaniter darunter hat.“

„Jesus, darf ich vorstellen, das ist Clarcus Centus vom Quotidie Planeta. Er wird dich eine Zeitlang begleiten und eine Homestory über dich schreiben.“

„Nein, Jesus, Dictaphonos wird dich auch weiterhin begleiten – du kannst es gern auch stalken nennen. Ich will einfach nicht, dass irgendetwas von dem, was du sagst, vergessen geht.“

„Jesus, da ist eine Meute Menschen, die Wünschen eine Ehebrecherin zu steinigen. Irgendwie finde ich das etwas übertrieben, aber die heilige Schrift ist da eigentlich ziemlich deutlich. Was denkst du? Was? Der ohne Schuld ist, soll den ersten Stein werfen? Heisst das, du will das Ius primae lapidis? HAHA! Du Scherzkegs. Nein im Ernst, was sollen wir machen? Wir können das Urteil ja nicht von der moralischen Integrität des Scharfrichters/Publikums abhängig machen.“

„Jesus, ich sage ja nicht, dass Ehebruch nicht falsch ist. Ich frage mich nur, was es die anderen angeht? Die werden dadurch ja nicht geschädigt. Ausser natürlich indem sie bei ihr nicht ran durften, HAHAHA!“

„Jesus, der Sklave Spartacus hat sich mal wieder über die Sklaverei beschwert. Weiter ignorieren?“

„Ich weiss, deine Jünger sind dir heilig, aber erst kürzlich ich habe den Thaddäus dabei erwischt, wie er irgendwelchen Leuten erklärte, dass Gott eigentlich am meisten eine Insel jenseits der Säulen des Herakles liebe. Das kann er doch nicht so einfach sagen, oder? Oder habt ihr das beim letzten Abendmahl besprochen?“

„Jesus, ich weiss ja, dass du nicht gern darauf angesprochen wirst, aber Maria, war die wirkl…, okay, okay, ich geh ja schon.“

„Jesus, ich spiele mit ein paar Freunden gerade Trivial Pursuit und Pilatus beharrt darauf, dass die Welt ein Würfel ist. Sag ihm, wie es wirklich ist. Dir wird er sicher glauben.“

„Jesus, ich überlege mir, ob ich meinen Kindern nicht eine Villa an den Hängen des Vesuvs kaufen soll. Im Sommer ist es da ja immer so schön. Was denkst du?“

„Jesus, erzähl du mal einen Witz.“

„Jesus, ich habe dir doch schon von meiner Idee erzählt, deine Reden und Gedanken zu veröffentlichen. Ich habe auch schon einen Verleger gefunden, der denkt, dass sich das Buch durchaus verkaufen liesse. Wir sind jetzt an der Umschlaggestaltung. Hast du eine Idee für ein einprägsames Bild oder Symbol oder sowas? Irgendein Markenzeichen?“

„Jesus, was würdest du zu einem Musical über dein Leben sagen?“

„Jesus, hab ich mich in die Nesseln gesetzt. Ich habe meiner Schwiegermutter gesagt, sie sei so alt wie die Erde selbst… Was? Wie alt habe ich sie genannt?“

„Jesus, ist dir schon mal aufgefallen, dass sich mit deinem Name hervorragen zum Fluchen lässt?“

„Jesus, du weisst, wie sehr ich dich liebe. Aber es ist schon etwas verstörend, dass meine Frau beim Sex deinen Namen stöhnt.“

„Jesus, du kennst doch den Töpfer Stavros von Naxos, oder? Der macht ja wirklich sehr schöne Töpfe. So einfallsreich verziert. Man erkennt sie wirklich überall sofort. Nun erzählte er mir, dass es da einen anderen Töpfer gäbe, Cimdotcomix, der macht genau die gleichen Töpfer wie er und verkauft sie viel billiger. Das macht das Geschäft von Stavros kaputt, sagt Stavros. Er fragt, ob man ihn nicht für Diebstahl ran kriegen könnte? Schliesslich entgeht dadurch dem Stavros eine ganze Stange Geld? Was denkst du?“

„Jesus, sollte es nicht auch ein paar Frauen unter den Aposteln haben? Sie dürfen gern auch jünger sein.“

„Jesus, ganz unter uns, hast du wirklich noch nie masturbiert? Oh Shit, Dictaphonos, du bist ja auch hier, ich habe dich völlig übersehen…“

„Jesus, Brust oder Keule?“

„Jesus, ehrlich gesagt finde ich es ein bisschen eklig, dass du dir vor dem Essen die Hände nicht wäschst. Meinst du nicht, dass an den Reinheitsvorschriften, die du über Bord geworfen hast, womöglich etwas klitzeklitzekleines, winziges mehr dran war als nur religiöse Gründe?“

„Jesus, ich weiss von ein paar Verfehlungen, die noch nicht mit Krankheit und Katastrophe geahndet wurden. Sind die dir entgangen oder sind manchmal auch Gesundheit und Wohlstand eine Strafe?“

„Jesus, wenn ich mich recht entsinne, gab es zweimal Probleme mit Wasser: die Sintflut und das Rote Meer als Hindernis. Wieso ertränktest du während der Sintflut auch die unschuldigen Häschen und Kätzchen, wenn du nur die verdorbenen Menschen mittels einer Wassersäule hättest ersäufen können? Das hätte dir die enorme Wasserrechnung und Noah eine Menge Arbeit erspart.“

„Jesus, apropos Sintflut, gab es vor der Sintflut wirklich keine Regenbögen?“

„Jesus, wo wir schon dabei sein, gab es wirklich keinen anderen Weg als zweimal mit Inzest anzufangen?“

„Jesus, und wer genau war die Frau von Kain? Der verrückte Docus Brunneus meint, sie sei aus der Zukunft gekommen.“

„Jesus, sorry, aber ich habe das noch immer nicht ganz begriffen. Wenn du eins mit Gott und gleichzeitig Gottes Sohn bist, dann bist du doch eigentlich dein eigener Urururururururururgrossvater? HAHAHA!“

„Jesus, wie ist es eigentlich mit seiner Urururururgrossmutter zu… Jesus! Komm zurück! Das war doch nur Spass… Komm schon…“

„Jesus, du kannst nicht schwimmen, nicht wahr?“

„Jesus, meinst du das wirklich ernst mit der Hölle? Wie soll ich den Himmel geniessen, wenn ich weiss, dass gleichzeitig Freunde in der Hölle gequält werden? Wenn es mich dann nicht mehr interessiert, wie einen kastrierten Hund Weibchen nicht mehr interessieren, dann nimmt mich wunder, was genau mit dem Tod mit mir passiert. Und erspart man sich das, wenn man in die Hölle kommt?“

„Jesus, wieso heilst du mühselig einzelne Menschen vom Grauen Star statt diesen einfach komplett zu eliminieren?“

„Jesus, diese Grippe ist ja sooooo lästig. Könnte man nicht was dagegen tun, dass man sich nicht mehr ansteckt?“

„Jesus, gestern hat ein Kerl vorgesprochen, der sich Mann aus Gallien nennt. Er schlägt vor alle Arzneimittel massiv zu verdünnen. Das ist natürlich Blödsinn, würde das Gesundheitswesen aber finanziell schon ziemlich entlasten.“

„Jesus, in Nordafrika herrscht eine schreckliche Dürre und Leute sterben an Hunger. Sollen wir das als eine gerechte Strafe Gottes interpretieren oder schicken wir Hilfe hin?“

„Jesus, Pontius Pilatus bittet um medizinischen Hilfe, in der Provinz Judäa sei eine schreckliche Seuche ausgebrochen. Sollen wir den Medicus Dominus dorthin schicken? Nein, ich weiss nicht, ob es nur Kanaaniter betrifft.“

„Jesus, der Skeptiker Gwupius findet, dass allein der Umstand, dass du lieb, klug und charismatisch bist, noch kein Grund dafür ist, dass du auch recht hast. Geschweige denn, dass du Gott höchstselbst bist. Er verlangt Evidenzen. Soll ich ihn verschwinden lassen?“

„Jesus, ich habe doch letzte Woche dem berüchtigten Dieb Lyttonius seine Verbrechen verziehen und ihn laufen lassen. Du weisst doch noch, wie er hoch und heilig gelobt hat, von nun an rechtschaffen zu sein. Und heute wurde er doch tatsächlich wieder dabei erwischt, wie er sich an meinen Kronjuwelen zu vergreifen versuchte. Ich bin ja gern bereit ihm schon wieder zu verzeihen, aber sollten wir ihn diesmal nicht trotzdem in den Knast werfen?“

„Jesus, diese verzogenen Kids mit ihren aufgemotzen Kutschen bauen immer mehr Unfälle in den Strassen Roms. Sollten wie nicht sowas wie ne Geschwindigkeitsbegrenzung machen?“

„Jesus, der Maler Picassus, den ich beauftragt habe, dich zu protraitieren, fragt ob ich das Bild realistisch wünsche oder idealisiert? Keine Ahnung was er meint. Vielleicht den grossen Pickel auf deiner Stirn, die schiefen Zähne, die krumme Nase, den dritten Nippel. Jesus, du weisst, dass wir dich lieben. Du solltest aber endlich aufhören zu glauben, dass es wegen deines umwerfenden Aussehens ist. Wir sind nicht so oberflächlich, wie du es uns immer unterstellst…“

„Dictaphonos, könntest du aufschreiben, dass Jesus gesagt hat, dass man Fenchel verbieten lassen sollte?“

„Jesus, meine Generäle berichten mir, dass die Moral der Soldaten etwas nachgelassen hat, seit sie nicht mehr im Auftrag Gottes arbeiten dürfen. Die ganzen Massaker machen seither wesentlich weniger Spass.“

„Jesus, einige Generäle meinen, dass man durchaus im Namen Gottes in die Schlacht ziehen könne, wenn man vorher ein paar Kanaaniter in die Schlachtreihen der Gegner geschmuggelt hat.“

„Jesus, wenn ich mit dem Töten eines Nichtgläubigen einen anderen zum rechten Glauben bekehre, soll ich das dann tun? Ich meine vorher waren beide verlorene Seele, jetzt ist einer davon gerettet. Eindeutig ein Gewinn. Was? Dadurch bin ich dann verloren? Echt? Ich dachte, es käme nicht auf die Handlungen an, sondern auf die innere Einstellung… Und was wenn ich damit X, C oder gar M verlorene Seelen rette?“

„Jesus, da steht eine Engelmacherin vor Gericht. Sie versucht sich zu verteidigt, indem sie sagt, dass sie damit den Kindern einen Gefallen tut. So kämen sie nämlich direkt in den Himmel. Ist das so? Bis zu welchem Alter kommt man denn in den Himmel, ohne das man dich zu akzeptieren braucht? Ich mein Säuglinge und Kleinkinder sind dazu ja noch nicht in der Lage.“

„Jesus, Leute, die zu weit weg wohnen um vor dir gehört zu haben, haben ja echt die Arschkarte gezogen…“

„Jesus, kürzlich las ich bei Hypokrates, dass fast die Hälfte aller empfangenen Kinder auf natürliche Weise abgetrieben werden. Dazu kommen noch XXVII% der Kinder, die das erste Lebensjahr nicht überleben, und XLVII%, die vor Erreichen der Pubertät sterben. Was genau hat hast du gegen Engelmacherinnen?“

„Jesus, man soll also nicht töten, wieso ist es bei Hexen dann okay?“

„Jesus, könntest du bitte meinen Untergebenen sagen, was du davon hältst gegen seinen Herrscher zu rebellieren.“

„Jesus, Petrus wurde schon wieder dabei erwischt, wie er sich an Ministranten vergangen hat. In welche Gemeinde sollen wir ihn jetzt versetzen? Allmählich gehen uns nämlich die Kirchen aus? Langsam müssen wir in Erwägung ziehen zu expandieren…“

„Jesus, hast du schon mal etwas von dieser Demokratie gehört? Was hältst du davon? Ich bin da als Caesar eher skeptisch, aber ich lasse mich gern umstimmen.“

„Jesus, jetzt mal ehrlich, werden wir uns nicht mit der Zeit im Himmel etwas langweilen?“

„Jesus, ich denke, wenn einen Mann LXXII Jungfrauen im Himmel erwarten würden, das wäre schon noch geil. Und ein tolles Verkaufsargument! Könntest du mal drüber nachdenken?“

„Jesus, wenn ich dich um einen Gefallen bitte, ist das dann eigentlich beten? HAHAHA!“

„Jesus, wenn ich für einen verstorbenen Verwandten bete, wird das seine Chance steigern in den Himmel zu kommen? Könnte dich das Gebet wirklich umstimmen?“

„Jesus, ich habe mal nachgedacht. Könnte es sein, dass die Welt so im Arsch ist, weil du die Gebete der Menschen erhört und dich damit immer weiter von deinem eigentlichen Plan entfernt hast?“

„Jesus, was ist eigentlich dein Plan?“

„Jesus, Menschenrechte – ja oder nein?“

„Jesus, ich plane das bedingungslose Grundeinkommen einzuführen. Gibst du mir dazu deinen Segen?“

„Jesus, kürzlich habe ich mich mit Plinius dem Älteren unterhalten und er hält es für möglich, dass es noch andere Welten im Himmel gibt. Wie stellen wir sicher, dass die dort auch vom Christentum erfahren?“

„Jesus, was denkst du über Wissenschaft? Lohnt es sich in die zu investieren?“

„Jesus, du hilfst ja sehr vielen Menschen mit Rat und Tat. Wie schaffen wir es, dass auch Leuten geholfen werden kann, die es sich nicht leisten können nach Rom zu reisen? Oder Leuten, die erst in einer fernen Zukunft Hilfe brauchen?“

„Jesus, wie lässt sich sicherstellen, dass die Antwort, die man auf ein Gebet erhält, wirklich von dir ist? Und zwar auch für dritte. Könnte man da nicht Hash-Funktionen oder sowas einsetzen? Es liegt ja (in der Regel) nicht in deinem Interesse, dass jemandem, dem du eine Antwort gegeben hast, nicht geglaubt wird, dass er die Antwort wirklich von dir bekommen hat.“

„Jesus, was genau ist die Rolle der Frau? Was soll sie und was darf sie nicht?“

„Jesus, zweifelst du nicht auch manchmal an deinen Sinnen?“

Ich gehe davon aus, dass Jesus bis zum Ende bockig blieb und sich konsequent dem Angebot einen echten Gottesstaat einzuführen entgegengestellt hätte. So richtig sicher bin ich mir darin aber nicht, denn ob man den erst in nächsten Leben errichtet oder schon in diesem, macht keinen grossen Unterschied – vielleicht mal davon abgesehen, dass jetzt auch die Unwürdigen in seinen Genuss kommen. Und ich denke nicht, dass es ein politisches System gibt, welches eine bessere Quote an Kandidaten hat für ein himmlisches Comeback4.

Das Problem mit Jesus ist, dass er – im Gegensatz zu Mohammed – keine Armee zur Verfügung hatte. Jesus konnte nur reden und überliess es dann anderen seine Ideen in Gesetze umwandeln. Und das Problem mit Gesetzen ist, dass sie nicht immer so funktionieren, wie man sich es vorgestellt hat5. Und so blieb seinen Nachfolgern nichts anderes übrig, als die Gesetze immer den Anforderungen anzupassen und zu hoffen, damit immer noch im von Jesus gestecken Rahmen zu bleiben.
Klar, sie konnten im Gebet Zwiesprache mit Jesus halten, doch irgendwie scheint Jesus in diesen nicht wirklich konsistent zu sein, denn er flüsterte in die Ohren verschiedener Leute sehr verschiedene Anweisungen. Und anzunehmen, dass nur der eine, der meine Meinung teilt, tatsächlich mit Jesus in Kontakt war, ist nicht wirklich überzeugend.

Ich frage mich, wie die Welt heute wohl  aussähe, wenn Jesus unvermittelt in den Besitz einer Armee gekommen wäre? Und ich frage mich eigentlich auch, wie einem so charismatischen Menschen wie ihm nicht duzende Armeen geradezu nachgeworfen wurden? Er ist doch sicher irgendwelchen Leuten begegnet, die andere Leute kennen, die wiederum andere Leute kennen, die eine Armee haben.

Zeitreisende, die ihr das lest, helft Tiberius auf die Sprünge!

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