Von Kugeln und Bibeln

Ich habe da so eine Theorie. Sie besagt, dass die Welt ihrem Wesen nach kugelig ist und alle Dinge sich irgendwie kugelig verhalten. Ich nenne sie daher in Ermangelung eines besseren Wortes die Nejkulaťoulinkatějšíon-Theorie.

Genau deshalb kommt es auch nicht von ungefähr, dass niedliche Tiere, die sich zu niedlichen Kugeln zusammenknüllen können, unwiderstehlich niedlich sind.

Da ist offensichtlich was dran. Die Theorie leistet aber noch wesentlich mehr. Ihr steht ein Set von Formeln zur Verfügung, mit der sie die Welt beschreibt. Die berühmteste ist wohl die folgende:

t = U * ♣

Sie besagt, dass die Zeit t, die eine Kugel braucht um runter zu fallen, exakt deren Umfang U mal der Naturkonstante ♣ = 4.2 s/m entspricht.

Ich habe das auch überprüft: Ich habe einen 6.77 m hohen Baum in unserem Garten vakuumiert und eine 1 kg schwere Aluminium-Kugel von ihm runterfallen lassen. Sie brauchte exakt 1.17 Sekunden, was tatsächlich dem 4.2 fachen des Umfangs der Kugel in Sekunden entspricht. Da mir keine Hochleistungs-Mess-Technologie zur Verfügung steht, kann ich natürlich nicht ausschliessen, dass sich irgendwo tief im Nachkommabereich irgendwelche Abweichungen auftun, die es nötig machen könnten ♣ anzupassen, ich finde aber, dass das Ergebnis durchaus für die Theorie spricht.
Und da die Wahrscheinlichkeit astronomisch klein ist, dass ich völlig zufällig einen Baum von der richtigen Grösse und eine Kugel mit dem richtigen Umfang und eine Vakuumiergerät vom Typ Solis EasyVac Pro Typ 5691 herumliegen habe, kann das nur heissen, dass mein Experiment tatsächlich die postulierte Äquivalenz bestätigt.

Da gibt es aber ein klitzekleines Problem. Trotz der schier unendlichen Unwahrscheinlichkeit, dass sie nicht korrekt ist, funktioniert sie für alle anderen Bäume und Kugeln und Vakuumiergeräte2 nicht wirklich.

Was also tun?
Ich meine, die Theorie ist schön. Ich meine, schaut euch die süssen Tiere an!
Aber es gibt Teile, die ausgemachter Blödsinn sind. Und diese Teile, sollte einem die Idee kommen eine Technologie daraus zu entwickeln, könnte einer Menge Menschen das Leben kosten.

Trotzdem…

Dennoch...
Wenn substantielle Bestandteile einer Theorie nichts taugen, dann taugt die ganze Theorie nichts!
Selbst dann nicht, wenn sie andere Teile enthält, die einem sehr am Herzen liegen.

Man kann die funktionierenden, wirklich süssen Teile gern nehmen und in eine andere Theorie zu integrieren versuchen. Das ändert aber nichts daran, dass die alte Theorie mausetot ist. Ins Grass gebissen hat. Die Radischen von unten anschaut. In die ewigen Jagdgründe eingegangen ist. Sich endgültig verabschiedet hat. Den Löffel abgegeben hat. Eine Ex-Theorie ist.

Ich erwähnte kürzlich die persönliche Bibel des Pfarrers und fragte mich, ob man an ihr ablesen könne, welche Passagen dieser lieber habe und welche weniger.

Sollte sich da nicht auch die Frage stellen, ob unsere Erkenntnisse zur Gültigkeit von Theorien sich auch auf Religionen übertragen lassen? Denn auch diese ist ein System von Aussagen, das dazu dient, Ausschnitte der Realität und die zugrundeliegenden Gesetzmässigkeiten zu erklären und Prognosen über die Zukunft zu erstellen: Die Religion erklärt die Entstehung der Welt durch einen an den Menschen interessierten Schöpfer. Sie erklärt, welches Verhalten dem Schöpfer Freude bereitet und welches weniger. Und sie prophezeiht uns, dass wir es bitterlichst bereuen werden, wenn wir die Empfehlung des Schöpfers nicht beherzigen.

Die Empfehlungen sind in einem Buch notiert, welches man als die ausformulierte Theorie betrachten kann. Dort steht zum Beispiel, dass man nicht morden soll. Das ist eine durchaus vernünftige Empfehlung. Jetzt nicht irgendwie originell oder so, aber solide.
Aber wenn nur ein paar Kapitel später erklärt wird, dass man eine geliebte Person steinigen lassen soll, wenn diese einem im Vertrauen eine andere Theorie empfohlen hat, dann stellt das einen vor eine wichtige Entscheidung.
Entweder man hält die Theorie für wahr (inkl. all ihrer Bestandteile) und setzt sich dafür ein, dass Steinigen für Apostasie wieder ins Obligationenrecht aufgenommen wird.
Oder aber man findet, dass an einen anderen Gott zu glauben, jetzt keine so grosse Sache sein kann, dass man deswegen extra jemanden umbringen müsste. Und ich denke nicht, dass wenn man zu dieser Erkenntnis kommt, dass man sich irgendwelche Umstände vorstellen kann, unter denen es nichtsdestotrotz gerechtfertigt wäre. (Dass andere es taten und tun, ist keine Rechtfertigung!) In diesem Fall muss man sich wohl oder übel eingestehen, dass hier ein essentieller Bestandteil der Theorie nicht wahr ist und dass demzufolge die Theorie als ganzes auch nicht wahr sein kann! Und daran, dass der Umgang mit Abtrünnigen ein zentraler Bestandteil der Religion ist, sollte kein Zweifel bestehen, schliesslich kommt beim christlichen Gott der Hinweis, dass es nur einen Gott gibt und einzig und allein nur dieser verehrt werden darf, in der Liste der „Dos and Don’ts“ noch weit vor dem Tötungs-Verbot. Dieser Punkt hat sogar Top-Priorität!

Wie gesagt, man kann gerne die Überzeugung mitnehmen, dass die Erde von einem liebenden Gott erschaffen wurde und dass Homosexualität etwas verabscheungswürdiges ist, und damit eine gänzlich neue Theorie zu formulieren versuchen, die Bibel in ihrer jetzigen Form mit ihrem Anspruch auf Wahrheit ist aber ein für alle mal vom Tisch.

Okay okay okay, es gibt noch eine weitere Alternative: Man überarbeitet die Bibel (und behauptet es sei unter der Anleitung des Heiligen Geistes geschehen) und kann die Religion weiterhin Christentum nennen. So schwierig würde das gar nicht sein. Man reisst einfach alle noch fast jungfräulichen3 Seiten der der persönlichen Bibel des Pfarrers raus. Aber auch in diesem Fall hätte das letzte Stündlein der Bibel in ihrer jetzigen Form geschlagen. Sorry, aber daran führt für einen halbwegs moralischen Menschen, der Andersgläubige nicht umbringen will, einfach kein Weg vorbei.

  1. Will sich die Firma Solis vielleicht für das nette Product-Placemant dankbar zeigen?
  2. Ich denke, ich mache hier tatsächlich superbe Werbung für Solis.
  3. Sollte es in diesem Kontext nicht vielleicht eher „jungknäblich“ heissen? 🙊

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