Warum ist ein Christ gegen Sterbehilfe?

Ich fragte in einer Diskussion über Sterbehilfe den linientreuen Katholiken MS1, warum er gegen diese ist. Seine Antwort halte ich für symptomatisch.

Ausgangspunkt der Diskussion war der folgende Kommentar von ihm:

MS : Mit Selbstmorden a la Exit hat die Kirche zu recht nichts zu tun und lehnt sie ab, da sie im klaren Widerspruch zum christlichen Glauben und den Geboten Gottes steht.
Angebote wie die von Exit welche den Selbstmord verherrlichen und als legitime ja gar wünschenswerte und angeblich würdevolle Option zu sterben darstellen gefährden das Seelenheil der Menschen verführen eine erschreckend Grösse Anzahl Menschen Selbstmord zu begehen.
Aus diesem Grund kann sowas als gläubiger Christ nicht gutheissen.

Sterbehilfe steht im Widerspruch zum Willen Gottes und ein gläubiger Christ darf sie deshalb gern so wenig gutheissen, wie er will. Eine komplett andere Sache ist jedoch, ob er sie demzufolge auch anderen zu verbieten dürfen glaubt? (Das Muster ist bekannt: Ein gläubiger Christ kann die Homosexualität nicht gutheissen, deshalb darf sie keiner praktizieren. Egal ob nun Christ oder nicht.)
Es ist möglich, dass es gute Gründe gegen die legale Sterbehilfe gibt. Wenn man mir diese zeigt und mir die Gelegenheit bietet, diese zu prüfen, und ich sie für überzeugend erachte, werde ich mich sehr gerne für ein entsprechendes Verbot aussprechen. Eine Zusicherung, dass ein unsichtbarer Mann im Himmel im Besitz der Gründe ist, reicht mir jedoch nicht.
Dass Sterbehilfeorganisationen den Selbstmord verherrlichen (und damit wohl populär machen) sollen, kommt mir arg übertrieben vor. Sie vertreten aber sicherlich die Meinung, dass es würdevoller ist selbstbestimmt aus dem Leben zu treten als als fahler Schatten seiner selbst unter Schmerzen dahin zu vegetieren. Und dem neige ich eigentlich zuzustimmen.

btw. Ich frage mich, wie populär das Christentum heute wohl wäre, wenn Jesus nicht in der Blüte seiner Jahre sondern altersschwach und ein bisschen senil gestorben wäre? Wie ein normaler Mensch eben. Er wäre dann nicht gekommen um für unsere Sünden zu sterben, sondern bloss um uns zu informieren, dass Gott uns unsere Sünden verziehen hat und jetzt ein neuer Bund gilt.
Ich schätze, das Christentum wäre bestenfalls eine kleine, kuriose jüdische Sekte.
Halbnackt ans Kreuz genagelt zu werden, ist nämlich sexy. Und es bediente und befeuerte Freude am eigenen Martyrium, welche im Christentum ja sehr ausgeprägt ist. Eine Neigung übrigens, die politisch äusserst vorteilhaft ist, weil es dem Leid die Notwenigkeit nimmt, an der Ursache etwas ändern zu wollen.
Hinzu kommt, dass das Jesus genug Zeit gegeben hätte alle seine Gedanken so zu formulieren, dass unterschiedliche Interpretationen weitgehend ausgeschlossen wären.

btbtw. Ich frage mich, als wie erfolgreich ein jeder Christ das Christentum einschätzen würde, wenn es von allen Christen seit jeher genau so verstanden worden wäre, wie er es versteht?
Die Gräuel der Kirchen in der Vergangenheit lehnt nämlich jeder ab, denn sie entsprechen nicht dem, was man denkt, was Jesus im Sinn gehabt hatte, allerdings ist nicht zu leugnen, dass diese fehlgeleiteten Christen früherer Zeiten damit das Christentum in die Welt getragen und erfolgreich gemacht haben, wie es auf eine liebenswürdige Art nie gegangen wäre.

Ob eine liberale Suizid-Handhabung jedoch tatsächlich zu mehr „unnötigen“ Suiziden führt, wie MS vermutet, müsste erst noch belegt werden. Schauen wir uns also die Daten an.

Die folgende Grafik habe ich zum Thema Alterssuizid auf der Webseite von Swiss Medical Forum gefunden. Sie zeigt die Suizidrate in der Schweiz von 1880 bis 2014. Auf der Webseite des Forum für Suizidprävention und Suizidforschung Zürich findet man die gleiche Grafik, allerdings nur bis 2010, wo der Aufwärtstrend gerade noch nicht eingesetzt hat. Dort wird erklärt, dass der unerwartete Rückgang seit den 1980er Jahren wahrscheinlich auf die Entwicklung und Verschreibung neuer Psychopharmaka sowie auch auf die besser Ausbildung von Medizinern und Therapeuten zurückzuführen sei, vor allem aber auf Umstand, dass Menschen mit psychischen Beschwerden zunehmend Hilfe in Anspruch nehmen. Sprich der zunehmend offene Umgang mit psychischen Problemen.

 

Bild-Quelle: SMF

Die Trendwende um 2010 herum von einem Plateau zu einer deutlichen Zunahme geht offensichtlich alleine auf die Sterbehilfe zurück, weil der Trend der nichtassistierten Suizide weiter kontinuierlich sinkend ist. Das heisst, dass eine grosse Zahl derer, die die Sterbehilfe in Anspruch nehmen, andernfalls wohl keinen Suizid begangen hätten. Von daher ist an der Aussage, dass Exit & Co Leute zum Selbstmord „verführen“, schon etwas dran.
Wenn man sich allerdings die Altersverteilung der Suizide anschaut und insbesondere, welche Altersgruppen den assistierten Suizid in Anspruch nehmen, dann lässt das vermuten, dass dies vor allem dann geschieht, wenn die Menschen ohnehin schon im Sterben liegen.

 

Bild-Quelle: SMF

Das wird auch durch die Richtlinien der Sterbehilfe-Organisationen bestätigt, die als Voraussetzung für die Sterbebegleitung die folgenden Voraussetzungen nennen: Urteilsfähigkeit und hoffnungslose Prognose oder unerträgliche Beschwerden oder unzumutbare Behinderung oder anhaltendes psychisches Leiden. Ob diese Punkte im konkreten Fall zu lax kontrolliert werden, darüber lässt sich streiten, festhalten muss man aber, dass man sich nicht einfach aus einer spontanen Laune heraus einen Exit buchen kann.

btw. Wenn Exit & Co also tatsächlich erfolgreich den Selbstmord verherrlichen und populärer machen würden, sollte der Trend dann nicht nur bei den assistierten Suiziden, sondern auch bei den jüngeren Jahrgängen und den nicht assistierten nach oben gehen?

btbtw. Ausser natürlich die Massnahmen und Medikamente sind so gut, dass der Trend eigentlich noch viel steiler nach unten gehen müsste. Doch das müsste man erst noch irgendwie belegen.

Die Menschen, welche die Sterbehilfe in Anspruch nehmen, liegen also offenbar im Sterben. Wenn sich jemand für den Freitod entscheidet statt für ein langes Dahinsiechen, dann würde ich das nicht unbedingt als einen Erfolg einer Verherrlichung des Suizids oder eine Verführung zum Selbstmord betrachten, denn hier wird nicht mehr sondern schneller gestorben.

Und wenn alles, was die Sterbehilfeorganisationen leisten, nur verkürztes Leiden ist, dann kann schnell der Verdacht aufkommen, dass Christen nur deshalb gegen den Freitod sind, weil dadurch auf der Welt weniger gelitten wird – was wir btw. schon immer vermutet haben.

Anyway. Gott mag es nicht und für einen Christen ist das Grund genug es abzulehnen.

EG : In einem säkularen Staat haben die Wünsche Gottes nichts zu suchen. Wenn man für oder gegen etwas ist, muss man es rational begründen.

[…]

EG : Die Frage ist nicht, ob ein Land die Sterbehilfe verbietet, sondern warum es das tut. Wenn es das tut, weil es Gott es verbietet, dann ist das problematisch, weil das nicht rational ist (weil für andersgläubige nicht notwendigerweise nachvollziehbar). Wenn es das aus rationellen Gründen tut, dann ist das okay.
Und zum Punkt, wo es um die Gefühlskälte in der Schweiz geht, präsentiert sogar MS den Punkt: „Es mag Dinge Situationen und Handlungen geben für die man Verständnis entwickeln kann.“
Sterbehilfe wird aus Mitleid geleistet. Von daher ist diese ultimative Geste des Mitgefühls vielleicht nicht das optimale Beispiel dafür, wie arm an Menschlichkeit die Schweiz ist ;)
[…]
Die Frage ist, warum MS gegen die legale Sterbehilfe ist. Wobei  in der Begründung kein Verweis auf Gott enthalten sein sollte.

Und jetzt geht es los. Hier kommt die Antwort.
DIE Antwort um genau zu sein:

MS : „In eineme säkularen Staat“? Als ob das in irgendeiner Form eine bessere Erklärung ware als „Gott sagt“.

„In einem säkularen Staat“ ist keine Erklärung für irgend etwas, sondern der Rahmen, welcher gewisse Arten von Erklärungen toleriert und andere nicht.
Die Schweiz ist ein säkularer Staat, das heisst Staat und Religion sind getrennt.
Manche meinen, noch lange nicht genug.
Andere dagegen, das sein nicht gut.

Ich nehme an2, MS will damit sagen, dass ein rationeller Grund nicht zwangsläufig ein besseres Ergebnis hervorbringt als ein theologischer. Das mag schon stimmen3, aber ein rationelles Argument spricht alle gleichermassen an, während dies bei „Gott sagt“ nur für einen Teil gilt, der darüber hinaus noch massiv schrumpft je spezifischer man wird, welchen Gott man konkret meint.

Jetzt kommt erstmal eine Liste von Klarstellungen

1. Geht es hier um was die Menschen glauben zum Thema Leben und Sterben und nicht um den Staat.

Ich bin mir nicht so sicher, ob es einen Unterschied gibt zwischen dem was die Menschen im Plural über das Thema „Leben und Sterben“ denken und dem, wie der Staat dazu steht. Zumindest sollte es idealerweise möglichst deckungsgleich sein, weil man andernfalls die Gesetze für ungerecht halten würde. Und da wir in einer Demokratie leben, liegt es durchaus in unserer Macht die Gesetze so zu gestalten, dass sie die Mehrheit für mehr oder weniger gerecht hält.
So oder so, die Frage, auf welche MS antworten soll, lautet, welche rationellen Argumente es gegen die Sterbehilfe gibt, so dass es gerechtfertigt wäre, diese zu verbieten. Wie die Menschen für sich damit umgehen wollen, ist dabei völlig unerheblich.

2. Geht es um den Sinn des Lebens..:Darum den Sinn im Leben zu erkennen egal in welcher Situation..egal ob gesund, krank…egal ob mit Schmerzen oder ohne…egal ob heilbar oder unheilbar krank.

Der Sinn des Lebens kann eine Person durchaus in der Entscheidung beeinflussen, ob sie die Sterbehilfe in Anspruch nehmen will, doch ich wüsste nicht, inwiefern das in dieser Diskussion relevant ist. Sofern man nicht davon ausgeht, dass es einen einzigen für alle gültigen Sinn des Lebens gibt und man im Besitz der Kenntnis von diesem ist und man deshalb das Recht, nein, die Plicht hat, den Leuten vorzuschreiben, was sie auf Grund dessen tun und nicht tun dürfen. So nach dem Motto: „Der Sinn des Lebens ist Jesus in seinem Martyrium nachfolgen, deshalb ist der Suizid, der dieses verkürzt, niemandem gestattet!“

Suizid-Gedanken, Absichten und Selbstmord sind Ausdruck von Hoffnungslosigkeit, Angst, Resignation, bei gewissen Leuten so scheint es von Feigheit, Verlust von Perspektive bzw. Unfähigkeit einen Sinn zu erkennen und ja oft Krankheit.

Natürlich ist die Planung eines (assistierten) Suizids Ausdruck von Hoffnungslosigkeit, Angst und Resignation. Genau darum geht es ja. Man ist zur Überzeugung gelangt, dass man nicht weiter kämpfen will. Man kann es feige nennen, wenn man will, das ändert aber nichts daran, dass diese Entscheidung von niemand anderem getroffen werden kann.
Sofern man sich – wie oben beschrieben – nicht im Besitz der Kenntnis des für alle gültigen Sinns des Lebens befindet. Denn dann kann man anhand dieses so ziemlich jeden Lebensaspekt aller Menschen bestimmen.

3. Sterbehilfe ist es einen Menschen egal wie schwierig es sein mag bis zu seinem natürlichen Tod zu begleiten, beizustehen und allfällige Schmerzen und zu liedern.

Auch, aber nicht nur. Hilfe braucht nicht notwendigerweise einen guten Ausgang zu haben. Man kann auch jemandem helfen sein Bein zu brechen – wobei hier natürlich vorausgesetzt wird, dass er es will – aus welchen Gründen auch immer.

Hier könnte man aber auch fragen, warum die Schmerzen lindern? Auch die haben schliesslich einen gottgegebenen Sinn… Es heisst doch sinngemäss: Gott bürdet uns nicht mehr auf, als wir zu ertragen fähig sind. Und nicht: Gott bürdet uns nicht mehr auf, als wir mit einer Dosis Morphium zu ertragen fähig sind.

4. Was Exit und co tun ist Beihilfe zum Selbstmord. Dafür das Wort Sterbehilfe zu benutzen ist reiner Euphemismus

So kann man es sehen.
Wobei bei einem Mord eigentlich jemand aus niederen Motiven gegen seinen Willen stirbt, was hier aber nachweislich nicht der Fall. Von daher halte ich den Begriff Mord im Zusammenhang mit Suizid für ein etwas irreführendes, vorverurteilendes Wort. Das mag früher okay erschienen sein (vgl. Eselsbegräbnis), aber heute? Was spricht gegen den Begriff Totschlag?

5. Beihilfe zum Selbstmord zu leisten als noble Geste bzw. ultimative Geste des Mitleids zu verkaufen verzerrt die Wahrheit…den es ist nichts anderes als das Richtige aus falschen Gründen tun…wobei das Richtige das Mitleid wäre und der falsche Ausdruck dieses Mitleids Beihilfe zum Selbstmord zu leisten und die Unterstützung von Exit und co.

Meint er hier wirklich, dass das Richtige aus den falschen Gründen zu tun, falsch sei?
Ich halte ein solches Richtiges zwar für nicht nachhaltig, weil es aus den falschen Gründen geschah, aber ich ziehe es dennoch immer dem Falschen vor.
(Beihilfe zum Selbst-)Mord ist eine Tat und Mitleid ein Grund. Dass MS es umgekehrt zu interpretieren versucht, um nicht schreiben zu müssen: „Das Falsche aus den richtigen Gründen tun.“, kann ich allerdings nachvollziehen, denn idealerweise sollte es eigentlich gar nicht möglich sein mit guten Gründen etwas falsches zu tun. Sowas kann nur passieren, wenn die Gründe nicht zu den Fakten passen und man irgendwas übersehen hat.

Und jetzt kommen endlich die langersehnten rationalen Argumente(?)

Rationale Argumente?

Was wäre das in Ihren Augen?
-> Leid der Angehörigen und Freunde über den oft unbegreifenbaren Selbstmord eines Angehörigen oder nahen Freundes oder eines Partners/Partnerin?

Ja, das ist ein Argument.
Das Traumatische am Selbstmord für die Angehörigen ist in der Tat, dass es unbegreifbar ist.
Mit einem assistierten Selbstmord hat man aber die Gelegenheit den Hinterbliebenen seine Entscheidung zu erklären und sich von ihnen zu verabschieden, weil man eben nicht befürchten muss, sie würden einen rechtskräftig davon abhalten. (Und selbst wenn der Patient sich das nicht traut und die Angehörigen damit überrascht, dann hat er es doch stellvertretend der Sterbehilfeorganisation erklärt, die ohne eine rationale Erklärung nicht aktiv geworden wären.)
Man wird vielleicht nicht damit einverstanden sein, weil man noch Hoffnung hatte, umbegreifbar ist die Entscheidung aber nicht. Ganz im Sinne, wie es MS weiter oben ausgeführt hat: „Es mag Dinge Situationen und Handlungen geben für die man Verständnis entwickeln kann.“
Von daher ist dieser Punkt wohl doch kein Argument, weil er von falschen Voraussetzungen ausgeht.

Hinzu kommt, und das wird sich in seinen weiteren Ausführungen durchziehen, dass MS keinen Unterschied zu machen scheint zwischen den Selbstmorden, welche von Sterbehilfeorganisationen unterstützt werden (nachweislich hoffnungslose Fälle nach dem aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand) und solchen, sie aus eine verzweifelten Situation heraus begangen werden ohne vorher Hilfe in Anspruch genommen zu haben (hoffnungslose Fälle nach persönlicher Einschätzung).

-> Kosten für die Gesellschaft wenn jemand Selbstmord begeht anstelle weiterhin einen Beitrag zu leisten?

Leute, die Sterbehilfe in Anspruch nehmen, sind tödlich kranke Patienten, die eine „hoffnungslose Prognose oder unerträgliche Beschwerden oder unzumutbare Behinderung oder anhaltendes psychisches Leiden“ haben. Also Leute die, vielleicht abgesehen von einem spirituellen, keinen wirtschaftlichen Beitrag mehr für die Gesellschaft zu leisten vermögen.
Wie gesagt, man kann der Meinung sein, dass Leiden heilsam sein kann für einen selbst und für jene, die es mitansehen müssen. Dem will ich auch gar nicht widersprechen. Allerdings ist dem ab einem gewissen Punkt das Nichtleiden dennoch vorzuziehen. Wir wollen schliesslich Leute nicht Leiden lassen nur damit wir was draus lernen, oder?

Ich denke es ist der Gesellschaft mehr gedient, wenn man in Suizidprävention und Palliativ care investiert.

Das eine schliesst das andere ja nicht aus.
Wobei hier vielleicht nach der interessante Effekt erwähnt werden sollte, dass das Wissen um die Möglichkeit, dass man „problemlos“ das Leben würdevoll beenden kann, wenn man nicht mehr kann, vielen Leuten Mut und Kraft zum Weiterkämpfen gibt. Seine Sehnsucht nach der Erlösung in einem frühzeitigen Tod nicht aussprechen zu dürfen, weil das als etwas unmoralisches betrachtet würde, führt dagegen zu einer Isolation, welche alles viel schlimmer machen kann. Ein offener Dialog mit allen Optionen kommt jedem zugute. Doch dieser ist nur möglich, wenn alle Optionen auch legal sind.

Seit es Exit, Dignitas und co gib, hat der Suzid/die Akzeptanz von Suizid stark zugenommen und die Leute so scheint es haben verlernt des Tod als normalen und natürlich Teil des Lebens anzunehmen und man bringt sich lieber präventiv vorher selbst um statt sich mit Alterbeschwerden oder Krankheit zu arrangieren:

„Neuchâtel, 11.10.2016 (BFS) – Im Jahr 2014 wurden in der Schweiz 742 Fälle von assistiertem Suizid verzeichnet, 26 Prozent mehr als im Vorjahr und zweieinhalbmal so viel als noch 2009. Die Betroffenen waren zu 94 Prozent über 55-jährig und litten in den allermeisten Fällen unter einer schwerwiegenden, zum Tod führenden Krankheit. Die Suizidzahlen ohne Sterbehilfe sind seit mehreren Jahren stabil: 2014 haben sich 1029 Personen das Leben genommen. Dies sind die neuesten Ergebnisse des Bundesamts für Statistik (BFS), das hierzu zum zweiten Mal einen Bericht vorlegt.“

Dass die Akzeptanz an etwas, das nicht falsch ist, stark zugenommen hat, ist doch was gutes. Dass die Akzeptanz von Ausländern, berufstätigen Frauen, Homosexuellen und unverheirateten Eltern zugenommen und deren Diskriminierung abgenommen hat, ist doch was gutes?
Wahrscheinlich nicht in den Augen von allen…
Und der Zeitungsausschnitt bestätigt übrigens meine Position. Es sind alte Menschen mit einer schwerwiegenden, zum Tode führenden Krankheit. Sprich (nochmals), sie verkürzen lediglich das Leid. Von negativen Folgen für die Gesellschaft steht hier nichts.
Und ich finde es eigentlich ganz okay zu verlernen, wie man leidet.

Suizidprävention erscheint mir doch wesentlich besser als Sterbefantasien zu bedienen und aus dem Tod ein Geschäft zu machen in dem man ähnlich wie bei einer Luxusreise im luxuriös abtritt oder gar sowas draus macht wie David Goodall.

Wieso sollen der Abschied und der Tod nicht schön gestaltet werden dürfen?
Aber dass es potentiell gefährlich ist, aus dem Tod ein Geschäft zu machen, stimmt. Da ist die Politik tatsächlich in der Pflicht das adäquat zu regeln. Das ist aber ein altes Problem, welches genauso bei der Medizin besteht.

Im übrigen sehe ich nicht ein warum Christen ihren Glauben an Gott verleugnen sollten und rein säkulare Argumente liefern müsse um Atheisten von ihren ethisch und moralischen Positionen zu überzeugen. Als ob deren Weltbild das einzige richtige wäre.. Damit wird doch im Klartext Religion, Glaube und Gott jede relevanz abgesprochen. Dazu kommt noch, dass es Ziel des Christentums ist Nicht-Gläubige von der Existenz Gottes zu überzeugen und dass kann man eben nicht wenn man sich selbst zensiert und so tut als zähle Glaube an Gott nicht. Wenn man nicht von seiner eigenen Botschaft überzeugt ist hat diese auch keine Kraft.

Ich finde es bezeichnend, dass rationale Argumente zu liefern als ein Akt der Verleugnung des Christentums betrachtet wird!
Rationale Argumente müssen gebracht werden, weil die theologischen die Nichtchristen nicht überzeugen. Und wir wollen doch überzeugen und nicht bevormunden, oder?
Niemand hindert irgendjemanden daran zu glauben, was er will. Und auch nicht daran, jeden von der Existenz Gottes zu überzeugen. Man darf lediglich keine Gesetze erlassen, welche den Glauben an Gott vorschreiben. Das verlangt die Trennung von Religion und Staat. Man darf die Macht des Staates nicht einsetzen um eine Religion zu propagieren.

Von einer Zensur kann also keine Rede sein. Ihr werdet höchsten ausgelacht. (Das ist unser Evangelium und das werden wir doch auch verkünden dürfen ;)

Was ist das für eine Gesellschaft, die den Tod entweder verleugnet oder vor dem Leben davonläuft?

Inwiefern ist Sterbehilfe eine Verleugnung des Todes? Eine Verleugnung der Existenzberechtigung des Leidens vielleicht, aber ganz sicher nicht des Todes.
Und das Leben, vor dem man beim (assistierten) Suizid davonläuft, ist ein unerträgliches Leben. Man läuft also nicht vor dem Leben, sondern vor dem Leid davon.
Es ist eine Gesellschaft, welche den Leuten nicht vorschreibt, was sie zu tun uns lassen haben. Und das ist doch eigentlich gut.

Wahre Würde ist die positive Annahme des Lebens und des Todes auch in schwierigen Situationen und nicht das krankhafte Festhalten an einer illusionären Kontrolle über das Leben und den Tod. Angst ist ein schlechter Ratgeber.

Würde. Ja, die darf nicht unerwähnt bleiben.
MS versucht sich hier an einer Definition. Ich würde zwar eine vorziehen, die den Besitz einer einzigartigen Seinsbestimmung und den von allen Unterscheidungsmerkmalen unabhängigen Wert hervorhebt, aber ich kann mit dieser leben.

Ich kann aber nicht nachvollziehen, wie aus diesem Verständnis von Würde eine Ablehnung des Suizids abgeleitet werden soll. Indem ich das Leben und den Tod annehme und die Grenzen des Kontrollierbarkeit akzeptiere, gebe ich doch nicht meine Freiheit ab, über mein Leben zu bestimmen? Ich weiss, Christen sehen das Leben als ein Geschenk Gottes, für das es in seinem Sinne zu sorgen gilt. Doch ich sehe das nicht so. Aus meiner Sicht gehört mein Leben mir und es steht mir frei damit umzugehen, wie ich will. (Wobei ich aber schon auch noch eine gewisse Verantwortung meinen Mitmenschen gegenüber habe, was meinen Spielraum beträchtlich einschränkt.)
Und ja, Angst ist ein schlechter Ratgeber. Ob er in der Entscheidung zum assistierten Suizid viel zu sagen hat, wage ich zu bezweifeln, schliesslich sind es rationale Argumente, welche vorgebracht werden müssen. Und die sind im Gegensatz zu theologischen relativ befreit von der Angst.
Wenn man wegen der angedrohten Hölle vom Suizid zurückschreckt, ist das nicht eine sehr viel mehr von Angst geleitete Entscheidung?

Unsere Gesellschaft insbesondere die Befürworter von „Freitod“ geben da ein völlig falsches Beispiel…ein weiterer Grund warum ich gegen Sterbehilfe a la Exist bin.

Befürworter vom Freitod zeigen in der Tat, dass man selbstbestimmt in den Tod gehen kann. Dass das ein schlechterer Tod ist, als ein erlittener, müsste erst noch gezeigt werden. Ob nun für die Gesellschaft oder für den Toten selbst.

Hoffnung und Sinn ist besser als Hoffnungslosigkeit und Sinnlosigkeit.

Durchaus. Aber es gibt einen Punkt, ab dem Hoffnung und Sinn nur noch Illusionen sind. Und sollte man Illusionen nicht vermeiden?

Im übrigen ist Suzid was komplett irrationales..

Ein Mensch ist krank ohne Chance auf Genesung und leidet unerträglich Schmerzen. Der Suizid bringt Erlösung. Was ist daran irrational?
Nur ein Wunder könnte hier noch was ändern. Ist auf ein Wunder zu hoffen rational?

ebenso irrational ist es etwas kontrollieren zu wollen das man nicht kann.

Aber hier kann man es ja gerade kontrollieren. Ich kann bestimmen, wann genug ist, wann ich den Kampf beenden will.

Selbstmord ist doch nur die Reaktion auf etwas Unkontrollierbares und der fehlgeleitete Versuch die Kontrolle wieder zu erlangen.

Man mag es für fehlgeleitet halten, weil man das Leiden dem Tod vorzieht, aber es ist nicht bloss der Versuch die Kontroll wieder zu erlangen, es ist die Kontrolle tatsächlich zu besitzen.

Also ist ein Selbstmord nie ein Freitod.

Was wäre denn ein Freitod, wenn nicht ein Tod für den man sich furchtlos, selbstbestimmt entscheidet?

Wahre Souveränität und Würde ist doch die Situation anzunehmen wie sie nun mal ist und nicht von ihr davon zu rennen und sich von ihr sein Leben bestimmen zu lassen bzw. in diesem Fall sich von ihr sein Leben nehmen zu lassen. Der Tod kommt schon ganz von alleine und wenn er kommt, dann kommt er eben.

Wegrennen, das Erfolgsrezept von Doctor Who

Das ist die Meinung von MS. Und die darf er ruhig haben. Sie ist aber nicht überzeugend, weil er nicht dargelegt hat, warum davonrennen nicht auch eine souveräne und würdevolle Reaktion auf eine Situation sein kann. Wenn ich fortrennen will, dann sollte es mir frei stehen, es zu tun.

Als Christ weiss und glaub ich, dass der Tod nicht das Ende ist sondern nur ein Übergang in neues ewiges Leben ist.

„25 Jesus sagte zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt,
26 und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das?“ Johannes 11, 25-25

Nein, das glaube ich nicht.

Und ich glaube auch nicht, dass hier ein Punkt gegen die legale Sterbehilfe gemacht wurde. MS hat deutlich gezeigt, dass Suizid aus der Perspektive seiner Weltanschauung ein Akt der Feigheit ist. Er hat aber nicht gezeigt, warum Feigheit und Fluchthilfe strafbar sein sollten.

  1. Identität der Redaktion bekannt.
  2. Im Sinne des Prinzips der wohlwollenden Interpretation.
  3. Wobei mir ehrlich gesagt kein einziges Beispiel bekannt wäre, wo eine religiöse Position sich gegenüber einer rationellen als ethisch überlegen erwiesen hätte.

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