Tamiflu, der Skandal der Unwirksamkeit

Tamiflu und die Vogelgrippe wird in der Alternativ- und Komplementärmedizin-Szene gern als ein Paradebeispiel für die dunklen Machenschaften der Pharmaindustrie dargestellt: Trotz fehlendem Wirksamkeitsnachweis vertickte die Roche Unmengen von Tamiflu an die verschiedensten Länder, welche damit einer nicht existenten Vogelgrippe-Pandemie vorzubeugen hofften.
Die Regierungen schoben Panik und fürchteten sich vor apokalyptischen Zuständen und die Roche verkaufte ihnen Hoffnung, von der sie eigentlich wusste, dass sie nicht ganz das hielt, was ihre PR-Abteilung versprach. Ein Skandal, wie er im Buche steht. Mit den üblichen Verdächtigen: Naive Beamte und böse Pharma-Multis.

Jedoch eins vorweg, wovor sich die Regierungen fürchteten war kein harmloses Schreckgespengst. Man fürchtete sich nicht vor dem Virus, wie es war, sondern vor jenem, das aus diesem hätte werden können, wenn ein paar wenige Mutationen die Ansteckbarkeit des Influenza-A-Virus H5N1 erleichtert hätten.
Und Tamiflu war nicht als Mittel gegen die Vogelgrippe gedacht, sondern sollte durch die Linderung des Krankheitsverlaufts lediglich die Zeit bis zur Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs überbrücken.

Die Beamten waren also nicht ganz so naiv. Aber doch naiv genug, nicht erst alle nötigen Unterlagen einzufordern um eine optimale Entscheidung zu treffen.
Ironischerweise profitiert aber gerade die Alternativ- und Komplementärmedizin von genau dieser Naivität, denn dort gibt es einer genaueren Überprüfung standhaltende Wirksamkeitsnachweise gar nicht.

Wie, so stellt sich nun die Frage, hätte die Regierung aus Sicht der Alternativ- und Komplementärmedizin denn nun bei der Vogelgrippe handeln sollen?

  • Gar nicht, weil die Vogelgrippe ja harmlos ist, und darauf vertrauen, dass das auch so bleibt?
  • Sich auf Treu und Glauben mit billigerer Alternativ- und Komplementärmedizin eindecken?
  • Zur Hygiene aufrufen und gratis Äpfel zur Stärkung des Immunsystems verteilen?

 

Wäre das nicht der viel grössere Skandal gewesen?

Die Hunde bekommen, was unter den Tisch fällt…

Und es steht geschrieben:

21 Und Jesus ging aus von dannen und entwich in die Gegenden von Tyrus und Sidon; 22 und siehe, ein kananäisches Weib, das von jenen Grenzen herkam, schrie (zu ihm) und sprach: Erbarme dich meiner, Herr, Sohn Davids! meine Tochter ist schlimm besessen. 23 Er aber antwortete ihr nicht ein Wort. Und seine Jünger traten herzu und baten ihn und sprachen: Entlaß sie (in anderen Übersetzungen etwas grober formuliert), denn sie schreit hinter uns her. 24 Er aber antwortete und sprach: Ich bin nicht gesandt, als nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. 25 Sie aber kam und warf sich vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! 26 Er aber antwortete und sprach: Es ist nicht schön, das Brot der Kinder zu nehmen und den Hündlein hinzuwerfen. 27 Sie aber sprach: Ja, Herr; denn es essen ja auch die Hündlein von den Brosamen, die von dem Tische ihrer Herren fallen. 28 Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: O Weib, dein Glaube ist groß; dir geschehe, wie du willst. Und ihre Tochter war geheilt von jener Stunde an.
Matthäus 15

(21 Tyrus? Wie kann er in die Gegend von Tyrus gehen, wenn dieses laut Prophetie in Hesekiel 26 für immer unauffindbar sein sollte?)
22 Die Frau erbittet Hilfe, nicht etwa egoistisch für sich selbst, sondern für ihre Tochter. Sollte das nicht unser Mitleid erwecken?
23 Offenbar nicht, denn Jesus antwortete nicht. Keine Spur von Mitleid. Er ignorierte sie. Weil sie eine Heidin war? Und was waren seine Jünger für Asoziale sie vertreiben zu wollen? Ein solcher Vorschlag lässt vermuten, dass dies bei anderen Gelegenheiten so geschah.
24 Hier erklärt er sein Einsatzgebiet. Scheint also wirklich kein Interesse am Wohl aller anderen zu haben. Sein Aufruf den Nächsten zu lieben, bezieht sich wohl nur auf die Israeliten und keineswegs auch auf den Rest der Menschheit. Zumindest hat er es bisher so gehandhabt, wie es aussieht.
26 Hier vergleicht er sie (und die Heiden) gar mit einem Hund. Das war doch damals auch nicht gerade schmeichelhaft, oder? Hätte nicht gereicht etwas in der Art zu sagen: „Sorry, aber meine Magie reicht nur knapp für meine eigenen Leute.“ Wäre doch viel freundlicher gewesen. Bibelkommentatoren sehen hier gern eine Test, ob die Frau ihre Unwürdigkeit anerkennt, was sie wenig überraschend auch tat, denn wenn man verzweifelt ist, kann man sich Stolz nicht leisten.
Wenn man noch hinzu nimmt, dass dies eine Gelegenheit war, wo er seinen Jüngern eine Lektion erteilen konnte auf dem Buckel der verzweifelten Frau, dann hinterlässt das schon einen sehr hässlichen Nachgeschmack, finde ich.

Jaja, nach dem Vorbild von Jesus leben. Wenn man in die 3. Welt reist um dort zu helfen, bezeichnet man die Leute dort auch als Hunde und lässt die Hilfsbedürftigen erst ihre Unwürdigkeit erklären und hilft erst, wenn sie ihren Glauben unter Beweis gestellt haben?

Der Garten Eden

Im Garten Eden gab es keinen Tod. Und wenn man davon ausgeht, dass mit dem Sündenfall die Sexualität kam, dann auch keine Fortpflanzung.

„Und Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen:
Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde.“
(Gen 1:28)

Doch wie soll das gehen?
Wie sollen sich Adam und Eva mehren und die Erde füllen ohne miteinander zu poppen?

Okay, dann hat es die Fortpflanzung eben doch gegeben im Garten Eden. Warum sonst hätte Gott sonst von allen Tieren zwei verschiedenen Geschlechts erschaffen? Wenn die Fortpflanzung nicht vorgesehen war, dann wären auch die geschlechtliche Differenz nicht nötig gewesen und der Gefährte Adams hätte nicht notwenigerweise eine Frau zu sein brauchen – Männer verstehen sich ja auch untereinander zu unterhalten … wenn nicht sogar viel besser.
Und mal abgesehen davon gab es da ja überall Früchte, von denen sich alle Menschen und Tiere ernährten. Früchte, die Teil der Reproduktionszyklus sind.

Aber den Tod gab es nicht, soviel steht mal fest, oder? Jap, bloss mal abgesehen von dem, was die Pflanzen ereilte, die im Früchtestadium verzehrt wurden. Pfff, aber was ist schon der Tod einer Pflanze? Die leidet ja nicht, oder?

Wie dem auch sei, Fakt ist, dass zumindest Menschen und Tiere nicht starben. Es kann ja nicht für alle ein Paradies gewesen sein. Doch wenn sich die Tiere und Menschen getreu Gottes Anweisung munter gemehrt hätten ohne je den Nachfahren durch das eigene Ableben Platz zu machen, dann wäre selbst bei der moderatesten Reproduktionsrate früher oder später der Garten Eden aus allen Nähten geplatzt. Davon, dass es bald mal nichts mehr zu futtern gab, ganz zu schweigen.
Was passiert mit Tieren und Menschen im Paradies, die nichts zu essen kriegen? Verhungern können sie ja nicht. Ob das aber auf die Stimmung schlägt? Und wenn man bis in alle Ewigkeit eingepfercht wie in einer Sardinenbüchse dahinvegetieren muss, hat auch das keinen Einfluss aufs Gemüt? Wird man erst stinkig, wenn man von der Frucht der Erkenntnis gegessen hat?
In dem Fall verstehe ich, wieso Gott es Adam und Eva vorsorglich verbot, von dieser zu kosten.

Die Streifen vom Tiger dienen der Tarnung. Wozu war das gut im Garten Eden? Wäre das nicht ein ungerechter Vorteil beim Versteckspielen? Aber vielleicht veränderten sich die Tiere ja beim Auszug aus dem Paradies. Und die Streifen, Krallen und die scharfen Zähne entwickelten erst an der Pforte… Genauso wie die Hörner, das Wehrsekret von Stinktieren und die etwas eklige Eigenschaft gewisser Tiere den Tod anderer Arten für die eigene Fortpflanzung zu nutzen.

Wie sahen dann aber Adam und Eva im Paradies aus? Wenn die Geburt erst nach der Vertreibung schmerzhaft wurde, was ja eine Folge des Missverhältnisses zwischen Kopfgrösse und Geburtskanal ist, dann muss das Verhältnis vorher ein anderes gewesen sein. Entweder ein kleinerer Kopf (bei Adam und Eva) oder ein breiteres Becken (zumindest bei Eva).

Vitruvianische Eva
Vielleicht wurden wir ja für die Erbsünde nicht nur bestraft?

 

 

If You Were God…

(via The Atheist Pig)

Eine Welt zu erschaffen, der man auch ansieht, dass sie von einem lieben Gott erschaffen wurde, ist keine triviale Herausforderung, es aber besser als Jehova hin zu kriegen ist nicht weiter schwer. Alles was man braucht, ist, dass Gott immer mal wieder ein bisschen aktiv wird. Jemanden zu lieben bedeutet ja, ihm zu helfen, wo es geht, nicht einfach abzuwarten und zu hoffen, dass alles gut läuft.
Andernfalls bedürfte es eines gänzlich anderen physikalischen, biologischen, psychologischen und reproduktiven Setups um nicht über kurz oder lang in Naturkatastrophen, Epidemien, Kriegen und Hungersnöten zu enden.

Witzigerweise hat aber Gott noch „eine“ weitere Welt mit einem völlig anderen Setup erschaffen, der man auch tatsächlich ansieht, dass sie von einem lieben Gott erschaffen wurde: das Paradies (sowohl der Garten Eden als auch der Himmel).
Dort gibt es keine Meteoriten und Erdbeben, keine Viren und Bakterien, nur nachweislich liebe Menschen und keine Fortpflanzung.

Dann gibt es noch eine dritte Welt, die Hölle. Und die sieht ziemlich genau so aus, als sei sie von einem sehr, sehr bösen Gott erschaffen worden. Was natürlich nicht stimmt. Ihre Erschaffung wurde lediglich von einem lieben Gott nicht verhindert.

Sollte es uns nicht stutzig machen, dass Jehova eine Welt nur dann wie eine Welt, die ein lieber Gott erschaffen hat, aussehen lassen kann, wenn sie nur von Speichelleckern bevölkert wird?
Und wenn man sich anschaut, was der Teufel auf die Beine gestellt hat, bedarf es offensichtlich gar keiner Allmacht um eine Welt erschaffen zu können.

Pontifex-Dialoge: Sprachunterricht

Seit mir der Papst für ein Twitter-Follow einen Ablass vom Fegefeuer offeriert hat, führe ich von Zeit zu Zeit kleinere Dialoge mit dem Pontifex. Dies ist ein weiterer davon:

25. November

Papst Franziskus @Pontifex_de
Lernen wir, auf das Wort Gottes zu hören, bereit zu sein für die Überraschungen des Herrn, der mit uns spricht.

Eda Gregr @meskinaw
@Pontifex_de Und wie lernt man sowas? Und lerne ich so auch auf den Osterhasen zu hören? Wäre da die Überraschung gleich gross?

Genau hier liegt der Hund begraben. Wie lernt man selbst, resp. bringt man jemanden bei eine übernatürliche Stimme zu hören?
Lassen wir das Wie erst mal beiseite und schauen einfach mal Ob das überhaupt schon mal klappte:
Also, woran erkenne ich, dass ich eine Sache gelernt habe?

Dass ich eine Sprache gelernt habe, erkenne ich daran, dass ich das bestellte Bier auch tatsächlich bekomme.
Dass ich zu mikroskopieren gelernt habe, erkenne ich daran, dass ich das gleiche sehe wie mein Lehrer.
Dass ich fahrradfahren gelernt habe, erkenne ich daran, dass ich fahrradfahren kann und dass es mir jemand auch bestätigt (bloss um mögliche Missverständnisse auszuräumen – ich hätte ja auch fahrradfahren und Bananen schälen verwechselt haben können).

Ist erkennbar, in welcher Richtung der Hase läuft?
Wenn ich etwas gelernt habe, dann kann das jemand bestätigen.
Wenn ich etwas gelernt habe, das keiner bestätigen kann, dann kann nicht ausgeschlossen werden, dass ich da nicht was durcheinander gebracht habe. Und dass Menschen dazu neigen Sachen durcheinander zu bringen, ist leider eine Konstante unserer Welt.

Wenn ich als erster Mensch eine Million Nachkommastellen von π gelernt habe, dann kann das auch von jemandem bestätigt werden, der es auf nur 5 Kommastellen gebracht hat. Er braucht die Ziffern einfach mit der bekannten Zahl zu vergleichen.
Wenn ich lerne die Lottozahlen voraus zu sagen, dann kann das auch bestätigt werden, wenn man nicht die geringste Ahnung hat, wie das geht.
Zu behaupten etwas gelernt zu haben, was keiner überprüfen kann, ist dagegen … na ja … könnte man es „Scharlatanerie“ nennen?

Nun zurück zum Tweet vom Pontifex. Gesetzt den Fall, dass es mir wirklich gelungen ist, die Worte Gottes zu hören, wer kann das bestätigen? Wie lässt sich ausschliessen, dass es sich nicht um eine Halluzination handelt?
Eine Möglichkeit wäre, wenn verschiedene Personen, die glauben gelernt zu haben, die Worte Gottes zu hören, das gleiche gehört haben (es sollte aber schon etwas überraschenderes sein als das offensichtliche „Habt euch alle lieb.“).
Eine solche Übereinstimmung könnte eine unparteiische Drittperson ohne weiteres bestätigen.
Wurde sowas schon gemacht? Hörten verschiedene Personen unter kontrollierten Bedingungen die gleichen Worte?

Nein? Die Überraschung darüber hält sich bei mir ziemlich in Grenzen…

Andererseits, ich habe keine Worte gehört, was meines Wissens exakt dem entspricht, was viele andere auch gehört haben. Bestätigt das nun, dass unerwarteterweise wir es sind, die gelernt haben die Worte Gottes zu hören?
Ich dachte eigentlich immer, dass sich die katholische Kirche von persönlich übermittelten Nachrichten von Gott distanziert und sich lieber auf die Bibel verlassen hat. Denn woher soll sie wissen, welche Sprachrohre Gottes echt und welches nur halluzinierende Tröten sind? Zu leicht kann sowas aus dem Ruder laufen, wie die unzähligen Sekten weltweit eindrücklich beweisen, wo immer eine persönliche Kontaktaufnahme von Gott am Anfang stand. Man denke nur mal an Uriella…

指導員

Ich bin nun schon seit fast 20 Jahren Skilehrer. Da sollte man doch eigentlich schon langsam Skifahren können, finde ich…

Nicht, wenn die Kunst des Skilehrens nach der japanischen Methode gelehrt wird:
Während der ersten 5 Jahre muss der Aspirant nur Stöcke putzen, erst dann darf er einen Ski berühren.

Schrödingers Ski

Wenn man tiefschneefährt, dann sieht man seine Skier nicht. Diese Ungewissheit, ob sie noch da sind, macht einem echt zu schaffen.

Die Sache ist nämlich die, dass man so lange nicht weiß, ob die Skier noch da sind, wie man nicht nachschaut. Und erst wenn man nachschaut, weiß man, ob man auf den Latz geflogen ist.

Ich glaube, es ist genau diese Superposition, die das Powdern so geil macht.

Justizopfer

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Gefunden im 20min
zum Thema Carlos

Justizdirektor Martin Graf meint: «Wenn man eine solche Vergangenheit hat, kann man kein Justizopfer sein.»

Kann kein Justizopfer sein?
Ist das mit einer solchen Vergangenheit kategorisch ausgeschlossen?

Leben wir nicht mehr in einem Rechtsstaat, in dem auch Verurteile Rechte haben?
Hätte da Vroni Fehlmann nicht nachhacken müssen?

Dankenswerterweise wurde für diesen Artikel die Kommentarfunktion nicht hochgefahren.
Doch keine Bange, damit ist niemandes Meinungsfreiheit beschnitten worden, denn zum Kommentieren der ganzen finanziellen Feinheiten im Fall Carlos gibts auch bei 20min noch Platz genug.

Eine Randbemerkung zum vielen Geld

Laut 20min vom 28. November entstanden vom Oktober 2006 bis zur Aufhebung des Sondersettings Ende August 2013 Kosten von 998’199 Franken. Wäre Carlos stattdessen im Vollzug gewesen, der laut dem am 17. Mail 2013 erschienen Bericht des Bundesrates zum Postulat Rickli 10.3693 „Kosten des Strafvollzugs in der Schweiz“ (Seite 9, unten) durchschnittlich 390 Franken beträgt, dann hätte es ungefähr 38 Tage mehr gebraucht um die Million voll zu machen.

Nachtrag zum Nächstenliebe-Rant

Gestern zog ich über einen päpstlichen Nächstenliebe-Tweet her. Hier noch ein paar Ergänzungen:

Die Nächstenliebe ist keine Erfindung des Christentums.
Die Christen haben dem Altruismus, einer natürlichen Denk- und Handlungsweise, lediglich einen hippen Namen gegeben und ihn sozial gefördert.

Das ist natürlich okay und durchaus dankenswert. Vor allem dort, wo kein institutionalisiertes soziales Netz vorhanden ist. Wo der Sozialstaat allerdings gut funktioniert, verliert die Nächstenliebe etwas an Dringlichkeit und konzentriert sich auf die menschliche Wärme.
Wenn man heute an einem schwer verletzten Raubopfer vorbei kommt, hilft man ihm mehr, wenn man den Krankenwagen ruft, als wenn man eine Thoraxdrainage legt, die man mal in Greys Anatomy gesehen hat.
Den Krankenwagen als einen Akt der Nächstenliebe zu bezeichnen ist aber etwas absurd, schliesslich ist es meine Bürgerpflicht, der nicht nachzukommen Sanktionen folgen können. Nächstenliebe beweisst man hier eher indem man während man auf den Krankenwagen wartet dem Opfer die Hand hält und ihm Mut zuspricht.

Die Geschichte der Menschlichkeit ist geprägt von ein paar ziemlich wesentlichen zivilisatorischen Fortschritten: der Abschaffung der Sklaverei, der Medizin, der Gleichstellung von Mann und Frau, den Menschenrechte, etc. (vgl. Steven Pinkers Eine Geschichte der Gewalt)
Ich frage mich wieviele davon verdankt sich der Nächstenliebe?
Nichts davon wurde jedenfalls vom Vatikan vorangetrieben.

Mit seiner Nächstenliebe hat Jesus die Sklavenhaltung verbessert, aber nicht abgeschafft. Er hat sich dafür eingesetzt, dass die Hinrichtung einer Ehebrecherin nicht vollstreckt wurde, doch er hat die Rechtmässigkeit einer Bestrafung von Ehebruch nicht in Frage gestellt.

Die Nächstenliebe hat ihn dazu veranlasst es besser zu machen. Nicht aber es zu ändern.

Verdankt sich die Abschaffung der Sklaverei also wirklich der Nächstenliebe? Waren es nicht viel mehr die wirtschaftlichen Anforderungen, die der Sklaverei den Garaus machten?
Die von der Nächstenliebe getriebenen Christen stören sich auch nicht weiter daran, wenn sie Homosexuelle diskriminieren. Natürlich ganz lieb und nur zu deren bestem. Sie verstehen die Diskriminierung viel mehr sogar als einen Akt der Nächstenliebe.

Das Problem ist, dass die christliche Nächstenliebe eingebettet ist in einer Weltanschauung, die weiss, was richtig und was falsch ist, und sich entsprechend schwer damit tut etwas, was früher okay war als falsch zu erklären.

Pontifex-Dialoge: Von der Nächstenliebe

Seit mir der Papst für ein Twitter-Follow einen Ablass vom Fegefeuer offeriert hat, führe ich von Zeit zu Zeit kleinere Dialoge mit dem Pontifex. Dies ist ein weiterer davon:

25. November

Papst Franziskus @Pontifex_de
Den Nächsten lieben heißt, nicht die eigenen Interessen suchen, sondern die Lasten der Schwächeren und Ärmeren tragen.

Da geht einem doch glatt das Herz auf, wenn man solche Worte von einem Pontifex liest. Wer stört sich dann da noch an logischen, ethischen und historischen Mängeln?

Eda Gregr @meskinaw
@Pontifex_de Niemand würde je sagen, dass Nächstenliebe heisst, die eigenen Intressen zu suchen. Dafür gibt es andere Worte. #Tautologie

1. WOW, was für eine Einsicht in die Natur der Dinge…
Mal sehen, ob ich das auch hinkriege…
Velo fahren heisst, nicht in einem Flugzeug sitzen, sondern die Pedalen eines Drahtesels treten.
Fussball spielen heisst, nicht einen Baum fällen, sondern in deinen Ball treten.“
Kochen heisst, nicht das Essen essen, sondern das Essen machen.“
WOW…

2. Okay, vielleicht meinte er, dass den Nächsten zu lieben heisst, NIE die eigenen Interessen zu suchen, sondern IMMER die Lasten der Schwächeren und Ärmeren zu tragen. Also sein gesamtes Leben auf das Helfen auszurichten. Doch das steht nicht da – obschon noch Zeichen genug zur Verfügung gestanden hätten.
Hinzu kommt, dass sich die Hilfe und die Interessen gar nicht notwenigerweise auszuschliessen brauchen. Eigene Interessen brauchen keineswegs egoistisch oder gar zerstörisch zu sein. Allein schon beim Papst scheint die Nächstenliebe einem sehr grossen eigenen Interesse zu entsprechen. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass Nächstenliebe sich genau durch das eigene Interesse definiert, nämlich jenes anderen zu helfen.

3. Eine weitere Interpretationsmöglichkeit könnte sein, dass man bei der Nächstenliebe die Hilfe nicht daran ausrichten sollte, was einem am besten passt, sondern was dem anderen am meisten nützt. Das wäre ein sehr schöner Gedanke, doch für einen so weisen Mann mit einem solchen Heer an weisen Beratern, hat er das ziemlich lausig formuliert.

Andererseits leben die Kirchen ja gerade davon, dass sie etwas immer anders sagen, so dass man es auch verschieden verstehen kann. Gemeint ist also nicht, was da steht, sondern was gerade gebraucht wird – wodurch es perfekt zur dritten Interpretationsmöglichkeit passt.

Eda Gregr @meskinaw
@Pontifex_de Wie nah ist der Nächste? Ist ja nicht so, dass Gott im alten Testament die Nächstenliebe an Andersgläubigen praktizieren liess.

1. Jesus wurde mal gefragt, wer denn genau der Nächste sei und er antwortete mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas 10,29-37). Die Quintessenz ist, dass jener dem Hilfsbedürftigen am nächsten war, der diesem geholfen hat.
Das ist allerdings eine etwas schräge Antwort auf die Frage, woran man den Nächsten erkennt, den man gemäss „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ lieben soll, denn obgleich der Samariter sich hier sehr zuvorkommend gegenüber dem Hilfsbedürftigen verhalten hat, muss er keineswegs eine allzu grosse Zuneigung gegenüber diesem empfunden haben. Chirurgen helfen schliesslich auch Tausenden von Leuten ohne sie deswegen Lieben zu müssen. Und der Hilfsbedürftige empfindet sicherlich eine überschwängliche Dankbarkeit gegenüber seinem Wohltäter, was hier und da gern mit Liebe verwechselt wird, dann jedoch in der Regel nur Transferenz ist.
Wir kennen die tatsächlichen Motive des Samariters nicht. Es wird Altruismus gewesen sein, wie wir ihm immer wieder mal begegnen. Diesen mit Liebe gleichsetzen zu wollen, wäre allerdings eine bedenklich inflationäre Verwendung des Begriffs Liebe – und ich glaube kaum, dass sich Gott mit dieser Art von Liebe zufrieden gibt, die einen dazu veranlasst einer alten Dame über die Strasse zu helfen.

Wenn man den Nächsten also tatsächlich analog zu diesem Gleichnis zu definieren versucht, dann ist mir jener der nächste, der sich – aus welchem Grund auch immer – dazu entschlossen hat, mir zu helfen? Und den soll ich lieben wie mich selbst?
Und wenn der Nächste nur anhand der an mir geleisteten Hilfe offenbar wird, dann kann der Auftrag: „So gehe hin und tue desgleichen!“ als Antwort auf meine Frage, woran ich meinen Nächsten erkennen kann, nur bedeuten, ich soll mich von Räubern überfallen lassen.

1.5 Dass der Samariter für das Raubopfer während der Reanimation der nächste ist okay, doch wäre dieser Logik folgend dem Opfer während des Raubes nicht sein Peiniger der Nächste? Auch hier geschieht es bisweilen, dass das Opfer seinem Peiniger gegenüber ein positives emotionales Verhältnis aufbaut (vgl. Stockholm Syndrom).

2. Wenn man aber einen Christen fragt, wer denn genau mein Nächster ist, dann sind das für diesen ganz klar alle Menschen der Welt. Da fragt man sich aber, wieso heisst es: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. (Lev, 19:18)“ und nicht „Du sollst alle lieben wie dich selbst„?

Wohl weil der erste Teil des besagten Verses „An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen“ lautet und damit sehr deutlich klar gestellt wird, dass die Nächstenliebe sich nur auf eine sehr beschränkte Gruppe von Menschen bezieht.
Das unterstreichen auch die im alten Testament von Gott höchstselbst ausgesprochenen Kriegserklärungen gegen alle Andersgläubigen und der Missionsbefehl im neuen Testament sowie die Tweets vom Papstes (hier, hier und hier).

Was aber eigentlich alles auf das gleiche hinausläuft: Am Ende gibt es nur noch das eigene Volk. Früher indem man alle anderen umbrachte, heute indem man sie zum eigenen Volk konvertieren lässt. Wodurch dann tatsächlich alle zu den Nächsten gehören, sei es weil sie bereits zum eigenen Volk gehören oder es bald tun werden.

Andere Völker auszumerzen kann dann auch leicht als ein Akt der Nächstenliebe verstanden werden: Der Nächstenliebe den Kindern und Kindeskindern jener Völker gegenüber, denen dadurch eine Geburt und die ewige Verdammnis aufgrund eines falschen Glaubens erspart bleibt. Ein bedauerliches Opfer, aber was ist schon eine Generation Mord und Totschlag im Vergleich zu den vielen, vielen, vielen Generationen in glückseeliger Ewigkeit?

Ganz zu schweigen von der leicht utopischen Überzeugung, dass wenn erst mal alle Schäfchen in der Herde sind, dass dann Milch und Honig fliesst. Oder geht es beim Missionieren gar nicht um den Weltfrieden?

Eda Gregr @meskinaw
@Pontifex_de Sollte Nächstenliebe nicht unabhängig von Religion, Rasse, Geschlecht, sozialem Status, sexueller Vorliebe und Vermögen sein?

Die Schwachen und Armen bedürfen selbstverständlich unserer Hilfe. Doch nicht aus Liebe, sondern weil es unsere ethische Pflicht ist. Wenn ich aus Liebe helfe, werde ich denen, die ich mehr liebe, mehr helfen. Und den Arschlöchern entsprechend etwas weniger. Den Leuten einreden zu wollen, dass sie allen Leuten die gleichen Emotionen entgegen bringen sollen, ist absurd. Genau deshalb überlässt man die soziale Sicherheit lieber nicht der Nächstenliebe, sondern der Bürokratie, die zwar bisweisweilen ziemlich bescheuert sein kann, doch es immerhin allen gegenüber im gleichen Masse ist.
Des weiteren lässt die Liebe uns nicht helfen, weil es unserer Hilfe bedarf, sondern weil wir helfen wollen. Und deshalb ist es eigentlich völlig egal, ob die betreffende Person unsere Hilfe überhaupt braucht. Insofern müsste uns die Nächstenliebe auch gebieten den Starken und Reichen zu helfen.

Die Liebe ist bei der Hilfeleistung noch in einem anderen Punkt eher hinderlich. Wenn ich eine Person liebe, dann liebe ich sie, wie sie ist. Und da werde ich ihr kaum zu einer Nasenkorrektur raten. Dies kann ich nur tun, wenn ich eine gewisse emotionale Distanz aufzubauen fähig bin und die Zusammenhänge etwas grossräumiger zu überblicken vermag. Die Liebe dagegen macht blind.

Eda Gregr @meskinaw
@Pontifex_de Ist es wirklich Liebe, wenn man die Lasten der Schwächeren nur trägt, wenn sie dafür Jesus annehmen? Ist das nicht Geschäft?

Wenn man die Hilfe an Bedingungen knüpf – und seien diese noch so subtil formuliert – dann ist es keine Liebe, sondern ein Geschäft.
Jemandem nur Essen zu geben, wenn er sich vorher eine Predigt angehört hat, ist genauso ein Akt der Liebe, wie es die Ausstrahung eines mit Werbung gespickten Films im Fernsehn ist.
Wenn das Ziel ist am Ende mehr Geld in der Kasse, mehr Schäfchen in der Herde oder weniger weniger Schäfchen in der Herde zu haben, dann war Eigennutz im Spiel. Selbst dann, wenn es nachgewiesenermassen zum Wohle aller ist.

Wie glaubwürdig ist es eigentlich zu sagen, dass ich einen Befehl aus Liebe befolge, wenn mir andernfalls eine schreckliche Strafe droht? Was ist das für eine Liebe? Vor allem wenn man annimmt, dass der Befehl auch aus Liebe formuliert wurde…

Es braucht noch nicht mal die Bedingung, allein schon das durch die Hilfsbedürftigkeit bedingte Machtgefälle lässt Werte übernehmen und die Herde anwachsen. Man nutzt die Situation aus und das ist ethisch verwerflich. Deshalb sollten Helfer jeglicher Art sich genauso weltanschaulich neutral Verhalten wie wir es von Lehrern und Beamten verlangen.

Missionieren für den Weltfrieden?

Wenn die Religionen mit ihren Evangelien hausieren gehen, dann machen sie das doch aus der Überzeugung, dass sie damit den Menschen helfen. Vor allem natürlich in Sachen Seelenheil und Jenseits, doch sicher schwingt da auch noch die Überzeugung mit, dass wenn erst mal alle Schäfchen in der Herde vereint sind, dass dann die gemeinsamen Werte eine vielversprechende Grundlage für eine funktionierende, friedliche und fröhliche Gesellschaft darstellen.

Auf jeden Fall sehen sie keinen Widerspruch zwischen Weltfrieden und „alle unter der einen richtigen Religion“.

Doch stimmt das aus wirklich?
Jemanden zu missionieren zeugt doch von einer gewissen Verachtung gegenüber seiner ursprünglichen Weltanschauung und der Bereitschaft entsprechende korrigierende Massnahmen einzuleiten. Klingt nicht gerade nach Einstellungen, die einem friedlichen Zusammenleben besonders förderlich wären.

Das humanistische Ideal, jedem seine Freiheit zu lassen und sich so wenig wie möglich in seine Angelegenheiten einzumischen, erscheint mir etwas erfolgsversprechender zu sein. Wenn ich mich nicht dran störe, was der andere tut, sagt und denkt, dann habe ich auch nicht das Bedürfnis ihm den Kopf einzuschlagen in der Bemühung das zu korrigieren.

Scharlatane unter der Lupe

Das Problem mit den esoterischen Fähigkeiten ist ja, dass sie sehr störungsanfällig zu sein scheinen gegenüber „skeptischen Schwingungen“.
Ob es „skeptische Schwingungen“ tatsächlich gibt, müsste natürlich erst mal nachgewiesen werden, doch sei das vorerst mal dahingestellt. Nehmen wir einfach mal an, dass es sie gibt und dass sie bisher alle ernsthaften Versuche esoterische Fähigkeiten nachzuweisen vereitelt haben. Wir müssen also unsere Nachweisexperimente so gestalten, dass diese nicht reinfunken können.
Das heisst dann wohl, dass beim Versuch niemand zugegen sein darf, der nicht voll und ganz an den Erfolg glaubt. Nicht einmal per Video oder durch einen anderen Trick.

Der Versuchsaufbau beispielsweise für einen Pendler, der ein Wasserglas unter einem Papierhut mittels eines Pendels finden zu können behauptet, besteht darin, dass er an einem Ort seiner Wahl zehnmal je 10 Papierhüte in einer Reihe aufgestellt hat, wobei jeweils unter einem eine Wasserglas steht. Beobachtet wird der Versuch von 10 von ihm selbst verlesenen treuesten Fans. Wenn er vier Mal richtig liegt, hat er seine Fähigkeit nachgewiesen.
Nennt mich blauäugig, aber ich denke nicht, dass diese Leute über das Ergebnis offen lügen werden, denn damit würden sie sich und ihrer Überzeugung wohl mehr schaden als es ein Misserfolg tun könnte. (Aber Randis Million Dollar würde ich dann doch noch nicht gleich auszahlen.)

Das Problem ist, dass man sich wohl auch hier herausreden wird können, dass die Befragung danach ein Akt der skeptischen Beobachtung ist, der auf den Versuch in die Vergangenheit ausstrahlt und irgendetwas Schrödinger Katze.


 

Anschlussfrage: Gibt es Esoteriker, die „skeptische Schwingungen“ aufspüren können? Ein solcher könnte den Versuchsaufbau und den Ablauf während der ganzen Zeit beobachten. Und vielleicht könnte man ihm noch einen zweiten solchen hinzugesellen, der kontrolliert, ob der erste selbst nicht die „skeptischen Schwingungen“ ausstrahlt.
Damit er die „skeptischen Schwingungen“ nicht aufgrund des Misserfolgs detektiert, müssten die Enthüllung des Ergebnisses natürlich erst ganz am Schluss erfolgen, statt nach jeder Runde.