oder sonst

Okay, man kann von Jesus nicht verlangen, dass er für uns die Probleme der Welt löst. Das ist unsere Aufgabe…

Moment Mal!

Warum eigentlich können wir nicht erwarten, dass Jesus bei der Lösung unserer Probleme mit anpackt? Ja, wir haben sie uns selbst eingebrockt1. Aber das ist doch kein Grund uns nicht dennoch zu helfen, oder?
Ganze Berufszweige leben davon uns aus dem Schlamassel zu helfen, in das wir uns selbst geritten haben. Zahnärzte zum Beispiel. Oder Schlüsseldienste. Oder Babysitter.
Apropos Babies. Auch als Eltern tun wir nichts anderes. Wir retten die Kinder vor Scheren, Erdnüssen und hungrigen Bären. Und das sogar umsonst. Und wir verlangen noch nicht mal Dankbarkeit. Ja, wir wünschten sie uns schon, aber helfen tun wir auch ohne.
Klar, manchmal lassen wir die Kleinen etwas zappeln. Doch das hat (vom Unterhaltungswert mal abgesehen) stets pädagogische Motive: Wir hoffen, dass sie was draus lernen. Wobei wir es natürlich nicht übertreiben und der Gesundheit des Kindes stets grösseres Gewicht beimessen als dem angestrebten Lerninhalt. Und auch wenn die Probleme die Fähigkeit des Kindes übersteigen, helfen wir. Und auch, wenn es uns ganz lieb drum bittet.
Kurz, wir helfen eigentlich immer.
Und selbst wenn wir nicht direkt helfen, dann weil wir überzeugt sind, dass das Nichthelfen eine indirekte Hilfe ist. Wobei aber schon wichtig ist, dass das Kind das auch weiss. Die Familie zu verlassen und dann 30 Jahre später den Erfolg des Sprösslings sich zuschreiben zu wollen, so funktioniert das nicht.
Aber auch die direkte Hilfe ist eine indirekte Hilfe: Zu wissen, dass einem geholfen wird, wenn man Hilfe benötigt, ist eine wertvolle Erfahrung, die einen lehrt auch anderen zu helfen. Wie sonst sollten die Kleinen lernen, anderen Leuten in schwierigen Situationen beizustehen? Indem man mit guten Beispiel vorangeht.

Wieso also hilft uns Jesus nicht?

Ich meine deutlich! Beispielsweise indem – Zack! – alle Ebola-Kranke auf wundersame Weise von einem Moment auf den anderen wieder gesund sind. Und nicht bloss durch kryptische Zeichen, die nur ein paar Auserwählte zu lesen verstehen, denen aber ohnehin nie jemand irgendetwas glaubt – und Jesus weiss sehr genau, dass ihnen nie irgendjemand irgendetwas glaubt…

Will er uns damit lehren Verantwortung für unser Tun zu übernehmen? Vielleicht. Doch tastet man sich bei dieser Lektion nicht nach und nach an die Verantwortung heran? Erst lehrt man das Kind Verantwortung für die eigenen Schnürsenkel zu übernehmen. Und erst später… sehr viel später für vollautomatische Waffen und Komplikationen bei der Niederkunft…
Und indem uns Jesus auch dann nicht hilft, wenn wir dabei drauf gehen, geht auch der pädagogischer Effekt flöten. Ausser vielleicht bei den Nächsten, die lernen, dass Jesus nie hilft. Was meines Erachtens nicht wirklich eine gute Lektion von einem liebenden Wesen ist, das sich angeblich Sorgen um mich macht.
Ich hege daher den leisen Verdacht, dass es Gott eher sogar ein Dorn im Auge ist, wenn wir uns gegenseitig helfen. Sich gegenseitig lieben, durchaus, sich gegenseitig helfen, ich weiss nicht. Als die gesamte Menschheit sich das letzte Mal zusammengetan hat um gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen, stieg Gott vom Himmel herab, schaute sich um und zerstört den Turm von Babel. Und sabotierte ein für alle Mal die Kommunikation zwischen den Menschen – was für die gegenseitige Unterstützung schon ziemlich hinderlich ist.
Ich meine, wo lehrt Gott uns, uns gegenseitig zu helfen? Mit dem barmherzigen Samariter? Jenem Gleichnis, wo ein Priester und ein Levit, welche beide bestens bewandert waren in den Lehren des Herren, an einem Verletzten vorbei liefen und erst der Samariter, der von dem, was Gott von uns will, keine Ahnung hat, sich seiner erbarmte? Ja, mit dieser Geschichte gibt Jesus den Menschen tatsächlich den Auftrag anderen zu helfen, gesteht damit aber auch ein, dass das vorher nirgends erwähnt wurde.
Und selbst hier ist die Hilfe nur ein Mittel zum Zweck. Worum es eigentlich ging, ist zu klären, wer denn gemeint ist mit dem Nächsten in der Nächstenliebe. Deshalb wird auch nicht spezifiziert, wie weit die Hilfe gehen soll – ich meine in der institutionellen Richtung. Was uns Jesus hier gebietet, ist, im übertragenen Sinn, dem Hungernden einen Fisch zu geben, nicht jedoch ihn zu lehren, wie man fischt. Und nur letzteres ist nachhaltige Hilfe. Und wie ich schon sagte, ich argwöhne, dass Gott solche nicht gerne sieht. Jesus hat Leprakranke geheilt, nicht jedoch die Lepra aus der Welt getilgt. Manchmal ist eine kleine Hilfe eigentlich gar keine Hilfe.

Irgendwie passt das alles aber schon zusammen.
Einfach weniger zu der liebenden Vaterfigur, als die er sich gerne in den Werbeprospekten präsentiert. Als solcher würde er uns nämlich durchaus immer mal wieder helfen.
Sondern viel mehr zu einem Klempner, der durch sein Nichts- und Wenigtun nur den Preis in die Höhe zu treiben versucht. Und die Währung ist in diesem Fall Unterwürfigkeit der Anbetung.

Ich will Gott nicht unterstellen, dass es ihm nur um unterwürfige Anbetung geht. Dass das der ganze Grund für die Schöpfung war. Die unterwürfige Anbetung könnte alternativ auch ein Mittel zum Zweck sein:
Jemandem, den man unterwürfig anbeten muss, traut man nicht auf Augenhöhe zu begegnen. Warum könnte es im Interesse Gottes sein, dass wir ihm nicht auf Augenhöhe begegnen? Klar er ist mächtig und wissend, aber das war Einstein auch. Das ist kein Grund nicht zusammen ein Bier zu trinken und wenigstens für kurze Zeit so zu tun, als sei man ebenbürtig. Nur so macht es Spass. Die ganze Zeit drauf rum zu reiten, wie unwürdig man ist, da kommt doch keine Freude auf (okay, bei manchen vielleicht schon). Vor allem aber, was wirft das für ein Licht auf jemanden, der sowas einfordert? Im Fall der englischen Königin dient das der Machterhaltung, weil wenn man vergisst, dass sie Macht hat, hat sie keine Macht mehr. Wenn man dagegen vergisst, dass Einstein schlau ist, kann er uns jederzeit relativ schnell das Gegenteil berechnen. Wieso verhält sich Gott wie die englische Königin und nicht wie Einstein? Was sagt das über seine Wissen und seine Macht aus?
Jemanden, dem man sich nicht auf Augenhöhe zu begegnen traut, zieht man tendenziell nicht zur Rechenschaft, wenn er was fürchterliches angestellt hat. Man wird viel eher vor sich hinmurmeln, dass das so schon seine Richtigkeit haben wird. Was könnte Gott angestellt haben? Keine Ahnung. Ich hoffe, es ist die Sintflut. Und nicht etwas, das er mit der Sintflut zu vertuschen versucht, denn was immer man zu vertuschen versucht, sollte so als Daumenregel schlimmer sein als das, womit man es vertuscht.
Wäre Gott sowas zuzutrauen? Ein Verlangen nach unterwürfiger Anbetung oder allein auf Illusion basierende Macht oder eine unrühmliche Vergangenheit? Also ich finde, dass die Indizien dafür sprechen… Allerdings ist er nicht von dieser Welt und deshalb ist es prinzipiell nicht möglich, irgend etwas über ihn und sein Motive auszusagen mit Begriffen von dieser Welt.

Oder vielleicht doch?

Das alte Testament lehrt uns, dass Leute – seien sie nun von dieser Welt oder von einer anderen – , die Gott persönlich kennen und tatsächlich das tun, was er will, die grosse Ausnahme sind.
Gläubige schliessen daraus, dass die Welt deshalb in einem so jämmerlichen Zustand ist. Doch übersehen sie dabei, dass viele der Dinge, die Gott von den Menschen damals wollte, – nun ja – sagen wir mal – haarsträubend waren.
Da kann man es niemandem verdenken, wenn er sich weigerte seinen Nachbaren zu töten, nur weil sich dieser rasierte.
Eine naheliegendere Schlussfolgerung wäre daher, dass die persönliche Bekanntschaft mit Gott trotz seiner Göttlichkeit keinen besonders überzeugenden Eindruck hinterlässt. Ich meine gut ein Drittel seiner Engel ist desertiert. Adam und Eva haben in den Apfel gebissen, wohl wissend, dass sie damit ihrem ewigen Aufenthalt im Paradies ein jähes Ende setzen würden. Und die Juden, die mit Moses aus Ägypten flohen und das Wunder des geteilten Meeres hautnah miterlebten, zogen ihm schon bald ein goldene Kalb vor!
Keine Bilanz, auf die ein Chef stolz sein sollte…

Und überhaupt, ich sehe nicht ein, warum man jemandem, der sich nach hiesigen Massstäben lausig verhält, alles durchgehen lassen soll, nur auf sein Versprechen hin, es uns nach unserem Tod zu erklären?
Es ist natürlich durchaus möglich, dass ich dann tatsächlich die versprochene Erklärung bekomme und mich diese auch überzeugt und ich auch einsehe, warum sie mir erst dann und nicht schon vorher gegeben werden könnte, doch ich würde nicht viel drauf wetten.

Aber vielleicht irre ich mich ja und Jesus will uns helfen mit all seiner Macht. Bloss dass die aus seiner transzendenten Position heraus nicht mehr sehr stark ist. Wer weiss? Oder vielleicht sind seine Kenntnisse über unsere Universum auch nur sehr, sehr beschränkt und die einzige Form der Interaktion mit unserer Welt sind Stimmen im Kopf. Auch darauf würde ich nicht viel wetten, aber möglich wäre es durchaus.
Aber auch in diesem Fall könnte er sich nützlich machen. Beispielsweise indem wir ihn zum Übermitteln von Nachrichten über weite Distanzen einsetzen: „Eda an Jesus. Eda an Jesus. Sag bitte Siggi in seinem nächsten Zwiegespräch mit dir, er solle den roten Draht kappen und auf keinen Fall den blauen.“
Skeptiker würde dies zwar nicht von der Existenz des biblischen Gottes überzeugen. Zurecht, muss man sagen. Aber ist das so wichtig? Ist das Entschärfen einer Bombe, die viele Menschen in den Tod gerissen hätte, nicht wichtiger?

Kommt schon, Christen. Sagt Jesus, dass zu viel auf dem Spiel steht, um sich darüber zu streiten, wer wie und ob an wen glaubt. Sagt ihm, dass er jetzt gefälligst den Arsch in Bewegung setzen soll. Und droht ihm, wenn nötig. Erklärt ihm, dass er euch andernfalls vergessen kann. Ich meine, wenn ihr zwischen der Rettung von einer Million Menschen und eurer Seele entscheiden müsstet, wie würdet ihr euch entscheiden?

Stellt ihm ein Ultimatum!

Zugegeben, eine geliebten Person vor ein Ultimatum zu stellen, ist nie gut. Doch den schlechten Ruf, den das Ultimatum hat, hat es nicht wirklich verdient. Es stellt nämlich die Liebe nicht in Frage. Im Gegenteil, es bestätigt sie sogar. Es nimmt der geliebten Person einfach die Möglichkeit sich weiterhin verschiedene Optionen offen zu halten. Was meist eh unfair dem anderen gegenüber ist. Von daher, ist ein Ultimatum nichts anderes als den gegenüber zu zwingen, das Richtige zu tun. Und das sollte doch eigentlich im Interesse eines aufrichtigen und liebenden Jesus sein.
Zwingt Jesus sich für eine Fussballmannschaft zu entscheiden. Und zwar in einer Art, dass beide Mannschaften seine Entscheidung erfahren. Und wenn ihm beide Schnuppe sind, dann sollen ach das beide Mannschaften wissen.

Beendet daher eure Gebete ab heute nicht mehr mit „Amen“. Sondern mit „oder sonst…“
Ich meine, ihr habt euch ja gut überlegt, wofür ihr betet. Nach eurer Ansicht wäre die Erfüllung eures Gebets völlig im Interesse Gottes.
Einverstanden. Aufgrund unserer Nichtganzallwissenheit, kann das auch mal nach hinten rausgehen, aber das gehört zum Lernprozess.

Vielleicht sollte Gott langsam lernen, uns zu lehren Verantwortung zu übernehmen, wofür wir beten?

Jesus im anderen Hosenbein der Zeit

Ob die Geschichte des Abendlandes blutiger verlaufen wäre, wenn Jesus uns nicht geboten hätte dem Ohrfeiger die andere Backe hin zu halten, sondern ihm stattdessen den Kopf ab zu schlagen?
Ian Hazelwood, Philosoph

Nop
Milton Flannan, Experimental-Zeitreisender

Was wenn sich Jesus durch ein Wurmloch beim Masturbieren beobachten liesse? Welchen Einfluss hätte das auf die christliche Einschätzung der Selbstbefriedigung?
Oder wenn man ihn mit Judas vögeln gesehen hätte? Wäre Homosexualität dann okay?

Ich bin mir ziemlich sicher, man hätte schnell Bibelverse zur Hand, welche genau das schon seit jeher gemeint haben – bloss dass die Heilige Schrift bedauerlicherweise all die Jahre nicht gut genug gelesen wurde.
Das liesse sich sogar testen: Man nehme einen Theologen, setze ihn ein bisschen unter Drogen, präsentiere ihm gefälschte Evidenzen für die gelebte Homosexualität von Jesus sowie eine Bestätigung vom Papst höchstselbst, dass dies inzwischen allseits akzeptiert sei, und dann gibt man dem Theologen den Auftrag, er möge doch bitte einschlägige Bibel-Zitate suchen, die das erwähnen und gutheissen.

Kann Jesus überhaupt etwas moralisch verwerfliches anstellen? Ich meine natürlich nicht, dass er irgendwie mental programmiert ist, dass er beispielsweise Schweinefleisch nicht sehen kann, oder dass er aus einem Material besteht, durch welches Schweinefleisch einfach durchfällt. Das wäre zwar auch eine Möglichkeit, aber ich meine, dass Schweinefleisch, wenn er es isst, augenblicklich aufhört per se unrein zu sein. Wodurch er quasi der König Midas der Moral ist.

Die Verfluchung des Feigenbaums wäre ein anderes Beispiel. Bloss weil man hungrig ist und ein Feigenbaum aussererhalb der Erntezeit keine Früchte trägt, ist kein guter Grund diesen verdorren zu lassen. Und doch hat es Jesus getan. Und ich habe von niemandem gehört, der je Schwierigkeiten bekommen hätte, weil er einen Feigenbaum verflucht hat.

Im Beispiel, das ich mir etwas genauer ansehen will, geht es darum, dass man Jesus für seine Unnachgiebigkeit bewundert, es aber meines Erachtens genauso für dein Nachgeben hätte tun können.

Die Versuchung Jesu

Da gibt es doch diese Episode, wo Jesus für 40 Tage in die Wüste geht und dort vom Satan versucht wird. (Davon, dass niemand dabei war, der hätte bestätigen können, dass es sich tatsächlich so zugetragen hat und dass es da nicht noch ein paar weitere Versuchungen gab, denen Jesus nicht widerstand, soll hier nicht die Rede sein.)

Satan empfahl dem hungrigen Jesus, seine göttliche Macht zu nutzen und Steine zu Brot zu machen und damit seinen Hunger zu stillen (Davon, ob es auch dann eine Versuchung ist, wenn Jesus zu so etwas gar nicht in der Lage ist1, soll uns hier auch nicht interessieren.). Jesus tat es nicht2. Was aber wäre gewesen, wenn er getan hätte? Man hätte gejauchzt: Halleluja, ein Wunder! Und auf den Einwand, er habe dem Feind zugehört und eigennützig gehandelt, hätte man gekontert: Es ist gut, mit dem Feind zu reden. Das ist Nächstenliebe… Hat sich eigentlich schon mal jemand überlegt, ob die „Versuchung“ nicht vielleicht ein Angebot Satans war, sich mal zusammen an einen Tisch zu setzen und bei einem Schluck Wein (wenn schon dann schon!) zu überlegen, ob sich nicht irgendwo einen Kompromiss finden liesse, mit dem alle Seiten leben können, welches Jesus aber schnöde ausschlug?

Dann fragte Satan Jesus, wie sie so oben auf dem Tempel stehen, ob er als Sohn Gottes sich nicht von Engeln runter bringen lassen könne? (Wer noch nie nach einer durchzechten Nacht an einem völlig verrückten Ort aufgewacht ist, werfe den ersten Stein!) Jesus will  nicht3. Was aber wäre gewesen, wenn er es getan hätte? Auch hier hätte man gejauchzt: Halleluja, ein Wunder! Wie in der Schrift prophezeit, befielt er seinen Engeln, ihn auf ihren Händen zu tragen, damit sein Fuß nicht an einen Stein stößt.

Und zuletzt schlägt Jesus auf einem sehr hohen Berg4, das Angebot aus die Weltherrschaft anzutreten. Was aber wäre geschehen, wenn er sie übernommen hätte? Im alten Testament wird prophezeit, dass er Herrscher über die Welt werden würde. Und die Christen sind ohnehin überzeugt, dass er es ist. Von daher hätte es keinen Unterschied gemacht.
Wenn da nicht die Sache mit dem Niederwerfen gewesen wäre. Was wäre gewesen, wenn er sich niedergeworfen hätte? Halleluja, er zeigt Bescheidenheit und Demut. Ein König kniet nieder bei deiner Krönung.
Und das mit dem Anbeten? Hm… Es wäre ein unbequemer Kompromiss, welcher symbolisiert, dass ein König sich auch manchmal die Hände schmutzig machen muss um gutes zu tun. Doch indem er es offen tut, steht er dafür gerade. Nicht so geheime Vereinbarungen hinter verschlossenen Türen. Es ist kein Zuckerschlecken ein König zu sein. Und überhaupt, was wäre die Alternative? Soll der Gute Mann wegen einer Formalität die Herrschaft einem Strümper überlassen und damit die Welt vor die Hunde gehen lassen?

Wir sehen also: Alles wird gut, wenn Jesus es tut.

Quantitätstheorie der Unmoral

Wenn Masturbation auf einmal nicht mehr übel ist, welche theologischen Konsequenzen hätte das? Kommt einem Religion mit einer stetig schrumpfenden Zahl an Sünden zurecht? Oder ist da mehr dran?
Ich habe da eine Theorie: die Quantitätstheorie der religiösen Unmoral. Dieser zufolge braucht eine Religion immer eine kritische Masse an unmoralischen Handlungen, welche sicherstellt, dass man sich nie ganz sicher sein kann, wie es um das eigene Seelenheil bestellt ist. Religionen sind Schlepperbanden, welche die Schäfchen retten. Und das Geschäft funktioniert umso besser, je weniger man weiss, wo die Grenzen liegen5. Deshalb poppt für jedes rehabilitierte Gräuel irgendwo ein neues auf.
Es ist natürlich nicht so, dass der Papst über den Stand der Sünden Buch führt und systematisch neue einführt. Das geschieht ganz von alleine, wenn das Dogma „Wir alle sind Sünder“ ist. Wenn man Sünder sein will und einem die Sünden ausgehen, gewichtet man die übrigen neu oder schämt sich (und andere) eben für was anderes.

Andersrum

Sich verführen zu lassen ist doof und kann einen schnell mal das ewige Leben kosten6. Man kann sich allerdings auch von der anderen Seite verführen lassen (siehe Bild links) und damit gewinnt man das ewige Leben7. Verführung ist also nur dann verdammenswürdig, wenn Jesus im anderen Hosenbein der Zeit8 steckt.

Bei den Versuchungen oben verkniff sich Jesus Wunder.
Bei anderen Gelegenheiten vollbrachte er sie durchaus. Obgleich auch dort galt, dass man nicht vom „Brot“ allein lebt („Brot“ kann hier für alles stehen, was sich mit einem Wunder in Ordnung bringen lässt) und dass man Gott nicht auf die Probe stellt (ein Wunder ist nichts anderes). Hätte er sich die vollbrachten Wunder nicht konsequenterweise auch verkneifen müssen? (Die Sache sähe natürlich ganz anders aus, wenn er die Versuchungen deshalb ausgeschlagen hätte, weil er keine Wunder für sich selbst vollbring will. Doch genau das wird nicht angeführt… Sollte einen das nicht stutzig machen?)

Aber eben, es ist egal, in welchem Hosenbein der Zeit Jesus steckt, es ist immer das richtige.

Wenn ich etwas für ethisch richtig halte und das Gegenteil davon tue, dann ist das böse.
Wenn Jesus etwas für moralisch richtig hält und das Gegenteil davon tut, dann ist das immer noch gut. Weil er es tut9.
Die Konsequenzen können aber verschieden sein. Auf der einen Seite könnte der Himmel auf Erden stehen und auf der anderen Nordkorea. Beides unausweichliche Folge der Vorbildfunktion seiner Taten. Und doch ist Jesus lieb und alles was er macht, moralisch spiegelniegel.

Ausübung des freien Willens

Wenn man Christen fragt, wieso Gott Menschen in Not nicht hilft, dann erklären sie, dass der liebe Gott uns einen freien Willen gegeben hat und er uns so sehr liebt, dass er uns diesen auch lässt. Mit allen – bisweilen traurigen – Konsequenzen.

Wenn also ein Psychopath sein Opfer foltern und umbringen will, dann kann Gott das Opfer leider nicht retten, ohne damit den Peiniger in der Ausübung seines freien Willens zu behindern.

Wenn ich aber mit der Absicht meinem tristen Leben ein jähes Ende zu setzen von einem Kreuzfahrtschiff springe, mir dann aber beim Anblick des unbeirrt weiter tuckernden Dampfers die Sache nochmals überlege, dann würde die von Gott verliehene Fähigkeit übers Wasser laufen zu können mich nicht in der Ausübung meines freien Willens behindern.

Der einzige, dessen freier Wille dadurch vielleicht ein bisschen missachtet würde, ist derjenige, der nicht will, dass es Wunder gibt1. Sein freier Wille würde damit aber genau so fest ignoriert wie meiner, der ich (sehr inbrünstig) nicht will, dass es Fenchel gibt. Ich denke, den kann Gott getrost ignorieren ohne damit gleich den Heilsplan aufs Spiel zu setzen.

Insbesondere da es noch das hier gibt:

atheistpig_freewilly

 

Wo die Magie läuft

Diese liturgischen Rückbesinnungen sind für Sarah weder Selbstzweck noch Nostalgie. Er meint, dass sie den Glauben an das Mysterium des Altarsakraments wiederbeleben könnten, der bei vielen Katholiken verloren gegangen sei – eine Beobachtung, die mir nicht ganz falsch zu sein scheint. Kirchen-Experten rätseln nun, ob der Kardinal für seine Vorschläge die Rückendeckung von Papst Franziskus hat.
Ludwig Ring-Eifel in Der richtige Weg

Mich erstaunt, dass Kirchenexperten sich nicht fragen, ob die liturgische Rückbesinnung tatsächlich den Glauben an das Mysterium des Altarsakraments wiederbeleben kann (geschweige denn, ob es da überhaupt so etwas wie ein Mysterium des Altarsakraments gibt, an welches zu glauben lohnen würde), sonder nur, ob der Papst dahinter steckt. Allerdings ist das auch irgendwie symptomatisch. Die Autorität macht es aus und nicht die Qualität des Arguments.

Ich frage mich ob Sarah und Gleichgesinnte denken, dass der Verlust an Bedeutung, den die Kirchen in den letzten Jahrhunderten hinnehmen mussten, auf eine falsche Form der Liturgie zurückgeht und mit der Korrektur die Verhältnisse der guten alten Zeiten  wieder hergestellt werden könnten?

Ich frage mich, wovon die Kirchenfürsten träumen?
Was ihre verwegensten Fantasien sind?
Träumen sie davon, dass die Kirchen wieder voll sind?
Träumen sie davon, dass Weihnachten nicht mehr so kommerziell ist?
Träumen sie davon, dass man die Evolution wieder vergessen wird?
Träumen sie davon, dass man sich nicht über Religion lustig machen darf?
Träumen sie davon, dass Abtreibung verboten wird?
Träumen sie davon, dass Homosexuelle wieder mit dem Tod bestraft werden können?
Oder träumen sie einfach von Ministranten?
Unter welchen Voraussetzungen würde ihre Arbeit, den Menschen den Weg in den Himmel ebnen, die schönsten und meisten Früchte tragen?

Denken sie, dass wenn alles richtig gemacht wird, dass dann die Effekte, die man sehen würde, als Gottesbeweis durchgehen könnten?

Und was wäre sie bereit zu opfern um ihre Wünsche zu erfüllen?

Das Wunder der Befreiung von einer Sucht

Wenn man religiöse Leute fragt, woher sie ihre Gewissheit haben, erwidern sie ziemlich oft, dass sie ein Wunder erlebt haben. Meist in der Form von einer Sucht, von der sie befreit worden seien.
Ich bezweifle nicht, dass es ein wunderbares Gefühl sein muss, endlich frei zu sein. Und im Angesicht all der früheren Anstrengungen, die sie bis dahin erfolglos auf sich genommen haben, überrascht mich auch nicht, dass sie es sich nur noch durch die Intervention eines übernatürlichen Wesens erklären können. Nichtsdestotrotz braucht das nicht wirklich die einzig mögliche Erklärung gewesen zu sein.
Es stimmt schon, die Befreiung von der Sucht fand zeitgleich mit dem Finden von Gott statt. In solchen Fällen stellt man gern eine Kausalität her. Doch objektiv betrachtet, fanden zu dem Zeitpunkt auch noch ganz andere Dinge statt, so dass die Kausalität auch ganz woanders liegen könnte.

Schauen wir uns an, was Johann Hari zum Thema Sucht zu sagen hat:

[…] maybe we shouldn’t even call it addiction. Maybe we should call it bonding. Human beings have a natural and innate need to bond, and when we’re happy and healthy, we’ll bond and connect with each other, but if you can’t do that, because you’re traumatized or isolated or beaten down by life, you will bond with something that will give you some sense of relief. Now, that might be gambling, that might be pornography, that might be cocaine, that might be cannabis, but you will bond and connect with something because that’s our nature. That’s what we want as human beings.
Johann Hari, 6:03

Als Gott in sein Leben getreten ist, tat er es nicht alleine. Es war eine Gemeinschaft, die an den Süchtigen herangetreten ist. Sie nahm ihn auf und kümmerte sich um ihn. Sie gab ihm die Bindung, die ihm Erleichterung verschaffte. Und wenn man Hari glauben darf, dann reicht das allein schon um das „Wunder“ zu vollbringen. Gott braucht dafür nicht real zu sein.
Okay, manchmal findet ein Süchtiger auch ohne Anreiz von aussen zu Gott, schliesslich gilt Gott (ob zu recht oder unrecht, sei mal dahin gestellt) als ein patentes Heilmittel gegen alle Art von Beschwerden. Ein verzweifelter Suchender wird daher früher oder später auch mal diese Option probieren. In diesem Fall tauscht er eben etwas, das ihm Erleichterung verschafft gegen etwas anderes das ihm Erleichterung verschafft. Ob es Glücksspiel ist oder Pornographie, Esoterik oder ein imaginärer Freund, macht da keinen allzu grossen Unterschied. Auch hier braucht Gott dafür nicht real zu sein.

Dem Menschen ist das Bindungsbedürfnis angeboren. Wie er es befriedigt ist eigentlich egal, so lange es nur befriedigt wird. Bloss dass gewisse Formen gesünder sind und andere ausgesprochen schädlich. Die Bindung zu Menschen ist sicherlich die beste, allein schon auch deshalb, weil sie einen immer wieder auf den Boden zurück bringen, während Ideen und imaginäre Freunde einem auch beim absurdesten Vorhaben nicht Einhalt gebietet.

Und wenn es doch Gott war, der einen von der Sucht befreit hat, dann scheint er mehr Wert darauf zu legen, dass man in einer spannenden Umgebung lebt, welche einem viele Möglichkeiten bietet mit Artgenossen eine Bindung eingeht, als dass man ihn akzeptiert oder auch nur an seine Existenz glaubt (was eine Ratte wohl nicht tut). Sprich, er stört sich nicht am Atheismus, dafür aber unterstützt er vehement die Entkriminalisierung von Drogen – was er durch die Platzierung von Wundern unmissverständlich zum Ausdruck bringt1.

Von Hexen und der Hexerei

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Wenn sie mal gross ist, verkündete Ava kürzlich, will sie Hexe werden.
Als aufgeklärter Vater versicherte ich ihr, dass ich sie dabei natürlich vollkommen unterstützen würde, dass sie bei dieser Berufswahl aber bedenken müsse, dass sie dann lieber einen grossen Bogen um gewisse Länder machen müsse – und überlegte mir, ob das wohl der Grund sei, wieso es keine „Hexen ohne Grenzen“ gibt?
Ich erklärte ihr auch, dass wenn es ihr darum ginge, die Welt nach ihrem Willen zu gestalten, dass sie dann bei der Wissenschaft und Technik (und dazu zähle ich natürlich auch die Medizin) vielleicht besser aufgehoben wäre. Tatsächlich habe sich alles, was man früher (und auch heute noch) Hexen zuschrieb, in gewissem Sinne durch Wissenschaft und Technik erfüllt – und zwar für alle zugänglich. Hexen flogen auf Besen, wir tun es in Flugzeugen. Hexen beobachteten in ihren Kristallkugeln, was in weit entfernten Ländern passiert, wir tun es mit dem Fernseher. Hexen heilten von Warzen, wir inzwischen auch von vielen Arten von Krebs. Hexen tanzten nackt in Vollmondnächten, wir wissen wo wir Frauen auch während des übrigen Monats nackt tanzen sehen können1. Hexen kannten alle Kräuter und Pilze, mit dem iPhone können wir sie inzwischen auch identifizieren und erfahren, welche Wirkstoffe sie enthalten. Und all das können wir, ohne riskieren zu müssen auf dem Scheiterhaufen zu landen. Ja, Wissenschaft und Technik sind vielleicht die besseren Gehilfen, wenn man sich seine Wünsche erfüllen will…
Wieso sie den Hexe werden möchte, fragte ich sie.
Dann würde sie machen, dass sie morgen Geburtstag hat.
*schluck*

Welche Wunder man auch immer Gott und den Hexen zuschrieb, irgendwie schafften Wissenschaft und Technik (und Kunst, wenn es darum geht fantastische Geschichten zu erzählen) diese über kurz oder lang irgendwie auch ohne Magie zu replizieren. Ob Gott und Hexen sie tatsächlich vollbrachten, ist dagegen umstritten, denn dabei zusehen liessen sie sich nie – zumindest nicht von jemandem, der mit den nötigen Skepsis dabei gewesen wäre.

Viel mehr fand man raus, dass es sich oft gar nie so zugetragen hat – und der Schöpfer es sich nur ausgedacht hat.
Oder man fand raus, dass viele Dinge von ganz allein geschehen – und der Designer sich hier mit fremden Lorbeeren schmückt.
Oder man fand raus, dass es mit natürlichen Mittelnd geht – und der Magier das Woohoo nur anstellte um mehr Geld daran zu verdienen.

Die Wunder wurden des Wundersamen beraubt, die Wirkung aber blieb erhalten.
Nein, die Wirkung wurde sogar massiv besser, weil sie vom Wundersamen nicht länger behindert wurde.