Wunder?

Vieles von dem, was heute völlig alltäglich ist, wäre vor wenigen Jahrhunderten noch problemlos als Wunder durchgegangen. Zumindest wenn man es richtig inszeniert hätte.
Falsch inszenierte Wunder konnten leicht als Hexerei interpretiert werden und einen in Teufels Küche bringen.

Wollte man beim „Wundervollbringen“ auf der sicheren Seite sein, musste man lieber von Substanzen jeglicher Art die Finger lassen: Denn wenn Kräuter, Pulver oder Maschinen involviert waren, dann war das Unerklärliche automatisch Teufelswerk.
Während man mit Gebeten (sowie Weihwasser und Hostien, welche eigentlich nichts anderes sind als von autorisierten Personen mit Gebeten beschalltes Wasser und Brot)1 in der Regel keinen grossen Verdacht erregte.

Theoretisch hätte man auch mit Gebeten beschallten Wein benutzen können, das Risiko wäre hier aber gewesen, dass wenn die Transsubstantiation mal wirklich geklappt und man mit echtem Blut herumhantiert hätte, dass einem das wohl dennoch zum Verhängnis hätte werden können.


1. Randnotiz: Wäre die Wandlung während des Gottesdienstes nicht etwas glaubhafter, wenn Ausgangsprodukt und Endprodukt nicht unverwechselbar wären? Jesus hat bei einer Gelegenheit aus Wasser Wein gemacht und bei einer anderen aus Wein Blut. Hätte er uns da statt nur den einen nicht auch den anderen Trick beibringen können? Die Wandlung von Wein zu weinähnlichem Blut ist vielleicht wundersamer, die Wandlung von Wasser zu (gern auch verwässertem) Wein ist dagegen spektakulärer. Kombiniert hätte man auch gleich sowas wie einen liturgischen Lackmustest, der zeigt, dass die Wandlung wirklich stattgefunden hat. (Das Bimmeln der Glöckchen ist zwar nett, aber sehr durchschaubar.)


Wie gesagt, abgesehen von Blut, war die Gebetsbeschallung eigentlich nie ein Problem. Sei es nun bei Speisen, Werkzeuge oder Waffen.

Unter dem Strich lief die Sache mit den Wundern ungefähr auf Folgendes hinaus:

Wunder korrelieren mit Gebeten,
Hexerei mit Erfolgen.

Wenn man davon ausgeht, dass Wunder Interventionen vom allwissenden, allmächtigen und superlieben Gott sind und Hexereien die von seinem Widersacher, dann sollte das ein bisschen überraschen.


2. Randnotiz: Kann der Teufel eigentlich in einem Wunder herumpfuschen, das Gott gerade wirkt, und es damit zu einer Katastrophe werden lassen? Respektive kann Gott in eine Hexerei, die der Teufel gerade ausheckt, eingreifen und sie einem guten Ende wenden? Oder ist sowas Tabu, vielleicht weil es die beiden in der Vergangenheit zu bunt getrieben haben?


Dass Hexereien mit Erfolg korreliert, heisst aber noch nicht zwangsläufig, dass der Erfolg ohne die Hilfe des Teufels nicht möglich gewesen wäre. Selbst dann nicht, wenn die „Hexe“ es während der hochnotpeinlichen Befragung gestanden hat. Ja noch nicht mal dann, wenn die „Hexe“ während der Zubereitung ihres Kräutertees den Teufel sehr bewusst angerufen hat.
Der Erfolg des verhexten Kräutertees kann sich nämlich auch ganz allein den Kräuters verdankt haben!
Ob dem so ist, wäre leicht zu überprüfen durch die folgenden Modifikationen am Setting: Einmal den Kräutertee durch Wasser ersetzen und einmal das Anrufen des Teufels durch das Anrufen von Schneewittchen2.


3. Randnotiz: Können wir uns darauf einigen, dass man auf den Scheiterhaufen nur kommen können sollte, wenn man mit Beihilfe des Teufels jemandem übel zugespielt hat? Wenn man jedoch das Unglück des Opfers ganz allein zustande gebracht hat, dass einem dann nur Gefängnis drohen sollte? Darüber, ob es okay ist, jemandem, der mit Beihilfe des Teufels jemandem nett zugespielt hat, auch auf den Scheiterhaufen zu stellen, werden wir uns wohl nicht einig, doch ich bin bereit das zu akzeptieren, weil es weder den Teufel noch seine Beihilfe gibt3 und der Scheiterhaufen deshalb ohnehin nie zum Einsatz kommen wird.
Was mich aber erstaunt, ist, dass die Leute, die an die Existenz des Teufels glauben und die Hexenverbrennung für eine göttliche Idee halten, sich nicht daran störten, dass man für eine Tat, zu der man verführt wurde (es ist schliesslich unwahrscheinlich, dass in einer Partnerschaft mit dem Teufel der Mensch die Oberhand hat), strenger bestraft wird als wenn man alles selbst ausheckt hat.


Das gleiche gilt übrigens auch für Wunder und Gott und Heilige!

Über das Wesen von Wundern (und Hexereien)

Wunder und Hexereien, die sich Wunder und Hexereien nennen wollen (um Heiligsprechung und Verbrennung zu rechtfertigen), müssen meines Erachtens nur ein einziges Kriterium erfüllen:

Wunder und Hexereien müssen die Naturgesetze ausser Kraft setzen.

Das bedeutet, dass es umso leichter ist, etwas für ein Wunder, respektive eine Hexerei zu halten, je weniger Naturgesetze man kennt.

Zugegeben, dieses Verständnis von Wunder und Hexerei ist relativ modern, denn es setzt voraus, dass sich die Erkenntnis etabliert hat, dass es in der Natur gesetzmässig zu und her geht. Und dafür muss man natürlich erst einen Grundstock an wissenschaftlichen Erkenntnissen zusammengetragen haben.
Davor blieb einem nichts anderes übrig als alles, was verblüffend war, für eine Intervention von aussen zu halten. In manchen Fällen, wie beispielsweise beim Teilen des Roten Meeres oder bei der wundersamen Brotvermehrung, mag das aufs gleiche rauskommen, aber zum Leidwesen von Kräuterhexen und ihren Tränken eben nicht in allen.

Ich frage mich, ob Christen, die an heute stattfindende Wunder glauben, die Gesetzmässigkeit der Natur bezweifeln? An dieser Stelle klammere ich bewusst die – ich nenn sie mal – „Christentum definierenden“ Wunder wie Jungfrauengeburt, Auferstehung und die Wandlung aus, denn das sind Dogmen, die man einfach akzeptieren muss um überhaupt mitspielen zu dürfen. Bei „alltäglichen“ Wundern, wie zum Beispiel bei geheiltem Krebs, nicht verbrannten Bibeln oder Jesustoasts, hat es dagegen keine (spirituellen) Konsequenz, wenn man nicht akzeptiert, dass diese sich zwingend einer göttlichen Intervention verdanken.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass bei diesen Christen alles natürlich zugeht und dass Gott einfach in ausgewählten Momenten eingreift. Dafür sind die Wunder, die sie heute zu erkennen glauben, irgendwie zu bescheiden. Mehr Sinn macht für mich, wenn sie überzeugt davon sind, dass jegliche Ordnung (und Schönheit) in der Welt sich unmittelbar Gott verdankt. Sprich, dass es so etwas wie einen natürlichen Gang der Dinge ohne Gott nach ihrer Ansicht gar nicht geben kann, wodurch die Naturgesetze selbst zu einem steten wirken Gottes werden.


4. Randnotiz: In der Bibel werden Kranke, Behinderte und Schwiegermütter geheilt, Stöcke verwandeln sich in Schlangen, Wasser in Wein, Wein in Blut, ein Mann lebt in einem Wal, ein anderer wird nicht von Löwen gefressen, Tote werden zum Leben erweckt, auf einem See wird spaziert, ein Meer wird geteilt und die Sonne und der Mond stehen still.
Heute werden auf wundersame Weise Kranke und Behinderte geheilt (über Schwiegermütter konnte ich leider nichts finden), weinen Statuen und Toastbrote.
Die Heilung der Kranken4 ist die gleiche, doch der Rest geht, was die Spektakulärhaftigkeit betriff, diametral auseinander.
Die Wunder früher waren alles andere als subtil. Man hätte sie untersuchen können und nichts hätte daran zweifeln lassen, dass es hier unmöglich mit rechten Dingen zu gehen konnte.
Die Wunder heute sind Zeichen für die, die sie zu sehen bereit sind. Für alle andren sind es einfach nur zufällige Ereignisse, ohne statistisch signifikante Häufung.
Sind so lausige Wunder den Christen nicht peinlich? Dass ihr allmächtiger Gott dermassen nachgelassen haben soll?


Wenn ein Wunder nun also das Ausser-Kraft-Setzen von Naturgesetzen ist, dann ist es völlig egal, ob es sich ohne erkennbares Muster ereignet oder jedes Mal, wenn man darum bittet.
Ein Wunder hört nämlich nicht auf ein Wunder zu sein, wenn es sich gezielt herbeirufen lässt. (Dann ist lediglich die Gefahr grösser, dass man dahinter kommt, wenn doch alles mit rechten Dingen zu und her geht.)

Hinzu kommt, dass der Umstand, dass etwas ein Wunder ist, respektive dass man nicht weiss, wie etwas funktioniert, nicht notwendigerweise bedeutet, dass man es nicht nutzen dürfte.
Ich meine, wenn sich jedes Mal, wenn man drum bittet, das Wasser vor einem teilt, dann könnte man sich gern den Bau von teuren Brücken sparen. Vielleicht nicht bei Meeren, aber sicherlich bei Bächen.

Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass wenn man kein Wunder heraufbeschwören kann, dass man dann auch nichts über den Zweck eines verblüffenden Ereignisses sagen kann, welches sich wie zufällig ereignet hat. Denn dann sind sie von einer Laune der „Natur + Übernatur“ nicht zu unterscheiden.
Wunder sollten nur dann theologische Betrachtung verdienen, wenn sie „berechenbar“ sind (was keineswegs auch „erklärbar“ heissen muss).

Und dann würden sie auch wissenschaftlich relevant werden.
Die Wissenschaft hat mit Wundern nämlich kein Problem. Sofern sie sich untersuchen lassen.

Tatsächlich gehören Wunder, respektive Dinge, die sich so eigentlich nicht verhalten dürften, weil sie damit doch offensichtlich gegen die Naturgesetze verstossen, zum täglichen Geschäft der Wissenschaft. Sie nennt sie einfach nicht so. Sie nennt sie „ungelöste Probleme“.
Man könnte diese aber gern auch Wunder nennen. Vorausgesetzt es wird dann nicht als ein Sakrileg betrachtet, wenn ein Wunder untersucht und seinen natürlichen Ursachen nachgespürt wird. Und wenn sie gegebenenfalls wieder von der Liste der Wunder gestrichen werden.
Denn vor allem mit dem letzteren haben Religionen ihre Mühe.
Nicht vom Konzept her, aber irgendwie macht es eine schlechte Figur, wenn von den verblüffenden Wundern, die von der Macht und der Liebe des allmächtigen Gottes zeugen, eins nach dem anderen seine Wundersamheitigkeit verliert…

Doch selbst wenn sich alle Religionen damit einverstanden erklärten, dass keine Sanktionen verhängt werden auf das entzaubern der Wunder Gottes, so würde doch zweifellos jede einzelne von ihnen darauf beharren, dass die Wunder auf der Liste der Wissenschaft sich einzig und allein dem hauseigenen Gott verdanken.
Doch noch bevor sie sich darob in die Haare kommen, würden sie eine gemeinsame Petition an die Wissenschaft verfassen, dass diese die Wunder mit den üblen Konsequenzen doch bitte Hexereien nennen möge!

Wohlgemerkt, für diese wissenschaftlich vorläufig anerkannten Wunder und Hexereien lässt sich in den allermeitsen Fällen niemand heilig sprechen oder auf den Scheiterhaufen stellen. Eben weil um es auf die Liste zu schaffen die Wunder reproduzierbar sein, respektive berechenbar auftauchen müssen.
Und um jemanden heilig sprechen, resp. auf den Scheiterhaufen stellen zu können, müsste sich nämlich das erforderliche Ereignis jedesmal einstellen, wenn die besagte Person ein bestimmtes Ritual vollführt, nicht aber wenn einer dieser Parameter geändert worden wäre. Und meines Wissens sind „ungelöste Probleme“ selten so personen- und ritualspezifisch.

Ein weiterer, amüsanter Punkt wäre, dass es schnell Uneinigkeit darüber geben würde, ob ein bestimmtes Phänomen nun ein Wunder oder eine Hexerei ist. Zumindest wenn man sich nicht darauf beschränkt, als Wunder nur die Ereignisse mit Dingen zu verstehen, die von einer offiziell autorisierten Person beschallt wurden, sondern auch den Benefit auf Mensch und Umwelt in die Beurteilung einfliessen lässt.
Kirchen, die es sich zu leisten bereit sind (und das werden wohl alle sein), werden dann zweifellos sehr schnell eine Inquisition einsetzen um all diese Fragen sauber zu klären.

Nobody expects the Spanish Inquisition!

Die Frage der Urheberschaft der Wunder interessiert mich jetzt heute mal nicht, sondern wirklich vor allem der Umstand, dass Wunder so unberechenbar sind.
Wenn kein Muster auszumachen ist, wie weiter oben schon angesprochen, dann kann man eigentlich auch nicht wissen, ob der Grund für die Gewährung wirklich der ist, an den man denkt.

Wenn ein Passagier auf wundersame Weise einen Flugzeugabsturz unverletzt überlebt, dann können wir uns nie wirklich sicher seine, ob es tatsächlich geschah, weil damit ein gutmeinender Gott einen heilsbringenden Plan verfolgt. Möglich wäre das natürlich schon. Und im Nachhinein werden wir vielleicht auch den Plan erkennen. Doch irgendeinen Plan hätten wir nachher auch erkannt, wenn er schwer verletzt oder ein ganz anderer überlebt hätte.
Wir könnten aber auch einen Plan entdecken, der darauf hindeutet, dass einer der Widersacher Gottes dahinter steckt, weil die Konsequenzen mannigfaltig sind und man sich genau so gut üble wie hübsche herauspicken kann.
Möglich wäre aber auch, dass Aniger, die Göttin der zerquetschten Tiere, den Menschen nur hat überleben lassen, um das Leben ihrer auserwählten Laus zu retten, die während des Absturzes um Rettung gebetet hat. Und wenn jedes Gebet von Läusen durch ein mehr oder weniger grosses Wunder erhört wird, dann müssten wir die Vorstellung wohl aufgeben, dass die biblischen Gestalten irgendwas auf die Reihe kriegen… (ausser vielleicht indem der biblische Gott von langer Hand geplant hat, dass die Laus auf eben diesem Flug bei eben dieser Person mitfliegt?)


Letzte Randnotiz: Wie stellt man sicher, dass man das verlässliche Wunder nicht einfach zu den „Naturgesetzen“ zählt?
Wieso sollte man dann beispielsweise nicht die Gravitation als Wunder betrachten, wo sie sich doch mit den anderen Grundkräften der Physik einfach nicht unter einen Hut bringen lässt? Die gibt theologisch zwar nicht so viel her, aber man könnte sie durchaus als Aussetzen der Naturgesetze betrachten, welche vom Standardmodell beschrieben werden.
Darauf habe ich leider keine Antwort.


Epilog

Wie ich schon sagte, die Wesen, die Wunder und Hexereien gewähren, interessieren mich hier nicht. Allerdings würde das Vorhandensein von Wundern und Hexereien durchaus ein starkes Indiz für deren Existenz sein.
Und die Folgen eines wissenschaftlichen Beweises für die Existenz eines ganz bestimmten Gottes wären gewaltig, denn in der Folge davon würden sich Tausende, vielleicht sogar Millionen oder Milliarden von Seelen zusätzlich retten. Und das wäre doch fantastisch, oder?
Denn warum sonst versuchen Apologeten wohl seit Urzeiten die Existenz ihres Gottes zu beweisen?

Wunder taugen bei diesem Vorhaben nicht viel, weil sie zu unberechenbar auftauchen.
Hexereien dagegen… der Teufel kommt schliesslich jedem zu Hilfe der ihn um Hilfe bittet (man würde schliesslich niemanden auf den Scheiterhaufen stellen, nur weil er den Teufel angerufen hat, wenn dieser ihm dann in folge dessen gar nicht half). Das heisst, die „Wunder“ des Teufels sind berechenbar!

Und dadurch liesse sich doch eigentlich leicht die Existenz des Teufels beweisen.
Und durch die Existenz des Teufels wäre auch die des lieben Gottes bewiesen.

Liebe Gläubige, wäre es nicht wert, die eigene Seele zu opfern dadurch megavielen Seelen die Höllenqualen zu ersparen? Ich meine, es gibt schliesslich keinen grösseren Akt der Nächstenliebe…

  1. Wobei es keine Möglichkeit gibt, herauszufinden, ob ein zu untersuchendes Wasser und Brot bereits von Gebeten beschallt wurde!
  2. Schneewittchen ist doch kein Pseudonym des Teufels, oder?
  3. Und darauf bin ich gern bereit das Leben eines anderen zu Wetten!
  4. Wohlgemerkt: Heilung von Kranken nicht Heilung von Krankheiten!

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