Offener Brief an die katholische Kirche

Liebe katholische Kirche

Ist es richtig, dass ihr es als eine eurer Hauptaufgaben betrachtet, möglichst viele Seelen zu retten? Und dass ihr jede Unternehmung unterlassen werdet, wenn durch diese langfristig weniger Seelen gerettet werden sollten?
Und gehe ich recht in der Annahme, dass die Kriterien, die entscheiden, wann eine Seele gerettet wird, sich im Laufe der Zeit nicht ändern? Schliesslich gab es meines Wissens seit einiger Zeit kein Update mehr für die Bibel, euer Seele-Rettungs-Handbuch. Und wenn ich das richtig verstanden habe, dann laufen die Kriterien irgendwo entlang der Linie, ob man Jesus als Erlöser akzeptiert hat?
Und könnte man sagen, dass nach eurem eigenen Verständnis der von der katholischen Kirche empfohlene Weg, von allen der erfolgversprechendste ist? Andernfalls würdet ihr doch sicher umschwenken auf einen erfolgversprechenderen Kurs, nicht wahr?

Wie erfolgreich wart ihr denn im Laufe der Geschichte?
Wie viele eurer Schäfchen haben es wohl eurer Ansicht nach in den Himmel geschafft?
Kriegt ihr heute prozentuell mehr Seelen in den Himmel als – sagen wir mal – vor 100, 200, 500, 1000, 1500, 2000 Jahren? Schliesslich haben sich eure Methoden massiv gewandelt im Laufe der Zeit.
Und wie standen die Chancen für Nicht-Katholiken in den verschiedenen Epochen in den Himmel zu kommen?

Klar, sowas ist schwer abzuschätzen, doch ihr müsst zumindest eine grobe Vorstellung haben. Wie könntet ihr sonst wissen, ob all die Verbesserungen, die ihr eingeführt habt, die erwünschte Wirkung zeigen?

Ich habe mal ein bisschen recherchiert. Im Jahr 1910 waren also etwa 34.8% der Weltbevölkerung Christen und im Jahr 2010 nur noch 32.8%1. Wenn ihr den Prozentsatz der geretteten Schäfchen in eurer Herde in dieser Zeit nicht gesteigert habt, dann macht ihr einen schlechten Job2.

Und habt ihr ihn gesteigert?
Um wie viel?
Wenn ich es richtig gerechnet habe, müsstet ihr unter der (hypothetischen) Annahme, dass 1910 10% eurer Schäfchen gerettet wurden, es inzwischen auf mehr als ca. 11% geschafft haben3. Ansonsten wäre der Anteil an geretteten Seelen global gesunken. Im Fall von 20% geretteten Schäfchen 1910, müsstet ihr jetzt ca. 21.5% sein. Und bei 90% geretteten Schäfchen 1910, bei ca. 95.5%.
Und? Habt ihr es geschafft?

Aber selbst wenn ihr es nicht geschafft habt und heute mehr Seelen zur Hölle fahren als jemals zuvor, so ist das natürlich kein Grund die Flinte ins Korn zu werfen. Schliesslich verdanken die wenigen, die es noch schaffen, es eurem Weg. Das tun sie doch, oder?

Wie sah es aber in den Jahrhunderten davor aus? In der Zeit, als man noch nicht ungestraft ans Bein der Kirchen pinkeln konnte?

Kamen beispielsweise zur Zeit der Inquisition mehr eurer Schäfchen in den Himmel als unmittelbar davor?
Oder als heute?
Und wenn ja, sehnt ihr sie zurück?

Und was geschah eigentlich, wenn ihr euch mal versehentlich verrannt habt? Sowas kann passieren. Irgendwie versteht man was falsch und gibt den Schäfchen irrtümlich einen Auftrag, der Gott massiv missfällt. (Sowas kann passieren. Jeder macht mal Fehler.)
Da der Auftrag von euch kommt (einer durch und durch vertrauenswürdigen Organisation) und eure Schäfchen es nachweislich nicht besser wissen können, kann Gott sie zur Hölle fahren lassen? Euch schon, denn ihr hättet es besser wissen müssen, aber auch all die Menschen, denen ihr mehr oder weniger absichtlich die Bildung vorenthalten habt, die es ihnen überhaupt erst ermöglicht hätte das selbst zu beurteilen?
Das kann ich mir nicht vorstellen. So fies kann kein allgütiger Gott sein…
Insofern vermute ich, dass eure schändlichste Zeit vielleicht auch jene war, in der am meisten Seelen gerettet wurden.
Wäre es da nicht eure moralische Pflicht, wieder unmoralisch zu werden?

Oder ist euch die Quote der geretteten Seelen egal und alles was zählt, ist, dass Jesus nicht vergessen geht?
Heute 90% von 10 Milliarden Seelen zu retten wäre sicherlich nett, wenn es aber in einer fernen Zukunft eine Undezilliarde Seelen geben wird, dann ist es selbstredend um Grössenordnungen wichtiger, dass Jesus auch dann noch mitmischt. Man muss schliesslich Prioritäten setzen. Koste es was es wolle.

Mit fre­undlichen Grüssen
Eda Gregr

Die Diskrepanz zwischen Prinzipien und den dazugehörigen Handlungen

Laut einer Barna-Studie hält bei Evangelikalen nur ein kleiner Bruchteil (4%) eine Abtreibung für moralisch akzeptabel, während es bei den Atheisten eine überwiegende Mehrheit (71%) ist1. Da die Barna Group eine evangelikales Meinungsforschung-Unternehemen ist, gehe ich jetzt mal einfach davon aus, dass diese Zahlen der Wahrheit entsprechen.

Das Center For Reason untersuchte 2006 die Fragestellung, ob Christen wirklich weniger Abtreibungen haben als Nicht-Christen, wie dies von Christen gern behauptet wird. Das hat sich aber nicht bestätigt. Es gibt in diesem Punkt offenbar keinen signifikanten Unterschied zwischen den Religionen (inkl. Nicht-Religionen)2.

Wahre Christen werden hier natürlich einwenden, dass es keine wahren Christen sind, denn wahre Christen haben keine Abtreibungen. (Das gilt aber auch für keine wahren Schotten ;)

Nichtsdestotrotz ist das eine interessante Diskrepanz zwischen den Prinzipien und den dazugehörigen Handlungen. Wenn unmoralisches Verhalten jenes ist, das sich von dem unterscheidet, das man eigentlich für das richtige hält, dann sind Religiöse offensichtlich wesentlich unmoralischer als Atheisten.
Man könnte schon einwenden, dass sich die Atheisten ihre Prinzipien einfach so zurechtlegen, dass sie ihren Anforderungen genau entsprechen, am Ergebnis ändert das jedoch nichts, denn obgleich sie dieser Argumentation folgend jede beliebige Abscheulichkeit moralisch gutheissen könnten, rangieren sie in Kriminalstatistiken klar hinter den Angehörigen von Religionen, die das nicht können.
Vielmehr sieht es so aus, als ob von Christen die Prinzipien sehr oft nur genau so lange hochgehalten werden, wie sie ihnen nicht im Weg stehen. Von daher ist es eigentlich auch nicht weiter überraschend, dass sie sich für ein strengeres Justizsystem aussprechen, damit die Polizei das durchsetzt, wozu sie offenbar selbst nicht in der Lage sind. Aus einer verhaltensökonomischen3 Perspektive wäre eigentlich eine durchaus vernünftige Strategie, wenn man damit nicht auch Leuten seine Wertvorstellungen aufdrücken würde, die sie gar nicht teilen wollen. Das mag – da durch Gott abgesegnet – moralisch vorbildlich sein, ethisch ist es jedoch nicht haltbar.

Christliche Ursachen und Wirkungen

Je­der weiß, dass Chris­ten we­ni­ger sau­fen als Athe­is­ten.
Im Bible Belt wird of­fen­sicht­lich we­ni­ger gesoffen.
(Im Bible Belt gelten die strengsten Alkohol-Gesetze.)
Der Glaube be­dingt die stren­gen Ge­setze und ist da­durch di­rekte Ur­sa­che für den ge­rin­ge­ren Konsum.
frei nach Gregor, Rechtsanwalt

Dass es möglich oder gar wahrscheinlich ist, dass Christen weniger saufen als Atheisten, will ich gar nicht bestreiten. Ich halte lediglich Gregors „Beweisführung“ für völlig absurd und bar jeder Vernunft.

„Jeder weiss“ ist schon mal eine viel zu starke Aussage – auf mich trifft sie zum Beispiel nicht zu. Es mag durchaus plausibel sein, dass Christen weniger saufen als Atheisten, schliesslich versuchen Religionen seit jeher Exzesse aller Art zu unterbinden. (Der Schweinefleisch-Konsum im Judentum ist wohl relativ niedrig und Vergewaltigungen im Islam den offiziellen Zahlen nach wohl auch.) Ob das Christentum im Bezug aufs Saufen aber wirklich erfolgreicher ist als andere, weniger transzendente Strategien, ist so ohne weiteres schwer zu sagen. Erfahrungen sind aufgrund des Confirmation Bias nämlich ein denkbar ungeeigneter Ratgeber. Da müssen schon saubere Studien her, die genau dieser Fragestellung auf den Grund gehen.

Wenn das Christentum einen nachweisbar senkenden Effekt auf das Saufverhalten haben soll, dann müsste – so Gregors Logik – im Bible Belt der USA deutlich weniger gesoffen werden als in weniger religiösen Regionen. Dass dem tatsächlich so ist, untermauerte er mit der Grafik links, welche – wohlgemerkt – weder irgendwelche Quellen angibt, noch überhaupt erwähnt, was damit eigentlich gezeigt werden soll! Es könnte also genauso gut die Zahl der Menschen sein, die aus Mexiko importierte Zitronen kaufen oder am Tag mehr als 300 Meter laufen. Soviel zur Sorgfalt, mit der er seine Argumente vorbringt.

Quelle: Friendly Atheist

Bevor ich mich dem Gregors Argument zuwende, zunächst zwei Karten, welche die geografische Lage sondieren:

Importance of Religion (Quelle: Friendly Atheist)
Bible Belt (Quelle: Wikipedia)

Wenn wir also den Gegenpol zum Bible Belt suchen, im Vergleich zu dem die markanteste Differenz auszumachen sein müsste, dann wäre das dann wohl Neuengland.

Ich habe mich also auf die Suche gemacht und Gregors Grafik aufgespürt. Und es thematisiert tatsächlich Alkoholkonsum und nicht etwa Zitronenimporte. So weit so gut:

Alcohol Use in Past Month among Persons Aged 12 or Older (Quelle: SAMHSA, Figure 3.1)

Tatsächlich zeigt die Grafik, dass im Bible Belt im Vergleich zu Neuengland einen tieferen Alkoholkonsum hat, es ist jedoch fraglich, ob dies wirklich der Religiosität oder vielleicht doch der strengeren Gesetzgebung zu verdanken ist? Schliesslich ist in vielen Counties im Bible Belt der Alkoholverkauf untersagt oder zumindest sehr streng reglementiert:

Where is Al­co­hol Still Ban­ned in the U.S.? (Quelle: BBC)

Um die Wirkung eines Einflusses zu bewerten, hält man für gewöhnlich alle anderen Einflüsse konstant. Um zu sehen, ob Religion das Trinkverhalten beeinflusst, würde man daher nicht Gruppen vergleichen, von denen die eine in einem Staat ist, in dem der Alkoholkonsum verboten ist, und die andere in einem wo er legal ist. Daran scheint sich Gregor aber nicht nur nicht zu stören, für ihn stellt das viel mehr eine Bestätigung seiner These dar. Denn schliesslich war es das im Bible Belt tief verwurzelte christliche Gedankengut, das die Bürger dieser Staaten dazu brachte Repräsentanten zu wählen, die eine Lockerung der eigentlich im Jahre 1933 abgeschafften Prohibition verhinderten und damit den Alkoholkonsum tief halten.

Alternativ hätte er übrigens auch einwenden können, dass drakonische Gesetze und Strafen Übertretungen und Verbrechen nicht verhindern – der Vergleich zwischen den USA und Europa legt diesen Schluss ja durchaus nahe – und die Prohibition im Bible Belt daher keinen Einfluss auf den Alkoholkonsum habe, doch das würde wohl Gregors biblischem Rechtsempfinden wider sprechen.

Das Problem ist aber, dass die strengen Gesetze im Bible Belt auch die dortigen Atheisten gegen ihren Willen vom Alkohol fern halten, während die liberaleren Gesetze Neuenglands den dortigen Christen nichts gegen ihren Willen aufdrängen, was je nach Anzahl der nicht so streng Gläubigen im Bible Belt (mind. 20%) die Differenz zwischen den beiden Staaten merklich zugunsten des positiven Einflusses des Christentums verfälscht.
Ausser natürlich man könnte nachweisen – wovon Gregor seit jeher überzeugt ist – , dass Atheisten sich weniger an die Gesetze halten und diese deshalb an ihrem natürlichen Trinkverhalten nichts ändern. Doch wenn man sich Statistiken anschaut, die die Religiosität gegen Verbrechen abbilden, dann wird dies nicht bestätigt – eher im Gegenteil.

Property crime correlated with religion in daily life (Quelle: Secularist10)

Was ist aber vom Argument zu halten, dass die Leute entsprechend ihrer christlichen Weltanschauung eine Politik wählen, die die positiven, christlichen Werte verstärkt? Das ist eine raffinierte Strategie sich vor der Situation zu drücken, wo man seinen christlichen Idealen mit grosser Wahrscheinlichkeit untreu geworden wäre. Es ist eine Form von gesellschaftlicher Selbstkontrolle. Statt durstig in einem Laden auf ein Bier verzichten zu versuchen, organisiert man es lieber so, dass es im Laden gar kein Bier gibt.
Das Problem ist, dass gewisse Einschränkungen, die man im Interesse der eigenen Religion gesetzlich verankert, von anderen Weltanschauungen nicht verlangt werden. Wie kommen die anderen dann aber dazu sich diesen Einschränkungen auch beugen zu müssen? Das ist eine eklatante Missachtung der Trennung von Kirche und Staat und damit eigentlich auch ein Verstoss gegen die Glaubens- und Gewissensfreiheit.
Natürlich ist das im Fall von Alkohol nicht ganz so schwerwiegend, denn Massnahmen, die den Missbrauch und die gesellschaftlichen Folgen reduzieren sind im Interesse aller. Wenn allerdings ein Gesetz nicht mit Finanzierbarkeit, Gesundheit, Sicherheit oder von mir aus auch mit Schönheit begründet wird, sondern mit dem Willen Gottes, dann geht es zu weit.

Gregors These ist, dass das Christentum die Menschen vor dem Saufen dessen tragischen Konsequenzen bewahrt.
Man kann natürlich in weiser Voraussicht die Situationen vermeiden, in denen man in Versuchung geraten könnte.
Die zentrale Frage ist aber, wie man reagiert, wenn man mitten in der Versuchung steckt. Und ob einem da das Christentum auch helfen kann?

Ein schönes Beispiel, wo dies offensichtlich nicht wie gewünscht funktioniert, sind die Vorsätze religiöser Jugendlicher bis zur Ehe enthaltsam zu leben. Man kann es sich noch so sehr vornehmen, wenn es heiss wird, erkennt man sich nicht mehr wieder und tut, was man nicht zu tun sich vorgenommen hat. Deshalb findet man auch ausgerechnet im Bible Belt die meisten Teenager-Schwangerschaften:

US teen birth rates by state per 1000 girls aged 15-19 years 2009 (Quelle: Wikimedia)

Das heisst nicht notwendigerweise, dass die Jugendlichen in den Südstaaten mehr Sex haben, sie haben einfach weniger Ahnung von Verhütung, geschweige denn den nötigen Schutz zur Hand.
Wenn das Ziel ist Teenager-Schwangerschaften zu senken, da diese für die betroffenen oft tragische Folgen haben, dann taugt das Christentum im Bible Belt wesentlich weniger als der Atheismus in Neuengland.

Aus diesem sexuellen Kontext werden auch die Begriffe für die beiden Zustände cool state und hot state entlehnt.
Die Alkohol-Gesetze wurden im cool state beschlossen. Man ist ruhig, rational und langfristig kalkulierend. Der Will etwas gegen den Alkoholmissbrauch zu tun, hat allerdings wenig mit Jesus und der Bibel zu tun, denn alle, auch die Atheisten in Neuengland, sind sich einig, dass da irgendetwas getan werden muss. Das Leid, das der Alkohol verursacht, ist ja offensichtlich und lässt niemanden kalt. Es sind sich auch alle einig, dass die Prohibition eine Lösung für das Problem ist. Bloss bezweifeln die Liberalen, dass diese Lösung das gewünschte Ergebnis liefert, geschweige denn dass sie gerechtfertigt ist.

Durstig vor einer Flasche Bier stehen, das ist dagegen der hot state. Hier soll Jesus mal zeigen, was er drauf hat!

Der hot state war schon immer eine Herausforderung für das Christentum. 1973 unternahmen Darley & Batson das berühmte „Good Samaritan Experiement„, das in verschiedenen Formen seither etliche male wiederholt wurde und wo genau die von Gregor prophezeihte christliche Wirkung sich einfach nicht einstellen wollte.

Damit bleibt von Gregors Argument, warum Christen weniger als Atheisten saufen, eigentlich nicht viel übrig…

Obwohl…

Die von Gregor gepostete Grafik sprach vom Alkohol-Konsum (Alcohol Use), nicht jedoch vom Saufen (Binge Alcohol Use). Und das ist ja nicht dasselbe.
Witzigerweise ist auf der gleichen Seite auch eine Grafik zu diesem Thema:

Binge Alcohol Use in Past Month among Persons Aged 12 or Older (Quelle: SAMHSA, Figure 3.5)

Und hier ist der Abstand zu Neuengland auf einmal nicht mehr so deutlich. Vielmehr befindet sich jetzt grosse Teile des Bible Belts auf einmal im Mittelfeld…

 

Zum Abschluss noch eine letzte Grafik – in meinen Augen eine der aufschlussreichsten, denn sie stellt die Entwicklung des Alkoholkonsums innerhalb der letzten vier Jahrzehnte dar:

change in per capita alcohol consumption between 1970 and 2007 (Quelle: GeoCurrents)

Wie es aussieht, scheint Jesus die Leute in letzter Zeit eher beim Trinken anzuspornen…

 


 

Disclaimer: Ich habe die verwendeten Statistiken nicht sehr genau auf ihre Richtigkeit überprüft. Ich habe jeweils mit so wenigen Stichworten wie möglich gegoogelt und die Grafiken nur dann übernommen, wenn ich andere mit ähnlichen und keine mit völlig anderen Ergebnissen gefunden habe.

Pontifex-Dialoge: Einheit der Religion

Seit mir der Papst für ein Twitter-Follow einen Ablass vom Fegefeuer offeriert hat, führe ich von Zeit zu Zeit kleinere Dialoge mit dem Pontifex. Dies ist ein weiterer davon:

28. Januar 2014

Papst Franziskus @Pontifex_de
Beten wir für die Einheit unter den Christen. Es gibt Vieles und sehr Wertvolles, was uns verbindet!

Das Christentum ist stolz drauf mit seinen ca. 2.26 Milliarden Anhängern die grösste Religion der Welt zu sein. Dass sich die vielen, vielen verschiedenen christlichen Konfessionen aber in kaum einem Punkt einig ist, tut dem keinen Abbruch.

Seltsam, dass egal welcher Religion man auch angehört, eine deutliche Mehrheit ist überzeugt davon, dass es die falsche ist.

Eda Gregr @meskinaw
@Pontifex_de Meine Vermutung: Die Differenzen innerhalb der Religion sind grösser als zwischen den Religionen. Das Wertvolle aber haben alle Religionen.

Was die Rassenfrage betrifft, ist man sich inzwischen ziemlich einig, dass eine solche Einteilung aus genetischer Sicht beim Menschen nicht haltbar ist. Die genetischen Differenzen zwischen den Individuen innerhalb einer angeblichen Rasse sind nämlich deutlich grösser als die zwischen den Rassen selbst [Wikipediaraceandgenomics.org]. Bei echten Unterarten ist das andersrum.
Parallel dazu könnte man doch mal die Differenzen zwischen den Konfessionen innerhalb der Religionen mit denen zwischen den Religionen vergleichen.

Religion zu definieren ist schwierig, wenn nicht gar unmöglich, doch kann man sich sicher drauf einigen, dass sie menschliches Verhalten, Handeln, Denken und Fühlen prägt und Wertvorstellungen normativ beeinflusst. Das tut sie in der Regel, indem sie innerhalb der Gruppe, welche sich um ein Set von Dogmen schart, diese Verhalten und Wertvorstellungen fördert.
Ob das Dogma nun lautet „Jesus ist ein cooler Typ“ oder „Mohammed ist eine cooler Typ“ oder „Krishna ist ein cooler Typ“ und die Verhaltensweisen darin bestehen, dass man sich bekreuzigt, صلى الله عليه وسلم‎ sagt oder Räucherstäbchen anzündet, ist eigentlich unerheblich, denn es sich nur Oberflächlichkeiten. Wesentlich wichtiger für das Zusammenleben sind die Wertvorstellungen, nach denen man lebt.

  • Stellung zur Homosexualität?
  • Stellung zum Ehebruch?
  • Stellung zum Haareschneiden?
  • Stellung zur Arbeit am Sonntag?
  • Stellung zur Sklaverei?
  • Stellung zu Tierrechten?
  • Stellung zum Führerschein für Frauen?
  • Stellung zur Polygammie?
  • Stellung zur Vergewaltigung?
  • Stellung zur Inzest?
  • Stellung zur Masturbation?
  • Stellung zum Frauenstimmrecht?
  • Stellung zur Abtreibung?
  • Stellung zur Todesstrafe?
  • Stellung zur Beschneidung?
  • Stellung zur Speisevorschriften?
  • Stellung zu Kleidervorschriften?
  • Stellung zur Wissenschaft?
  • Stellung zu allen anderen Themen?
  • Stellung zu anderen Stellungen.
  • Stellung zu Sexstellungen?

Jede Konfession innerhalb einer Religion hat andere Antworten auf diese Fragen.
Da die Antworten immer okay oder nicht okay lauten, liesse sich eine Clusteranalyse über alle Religionen und Konfessionen erstellen und mal überprüfen, ob mehr Differenzen zwischen den Konfessionen oder den Religionen bestehen.

Ich tippe darauf, dass die Antworten keine deutliche Trennung zwischen den Religionen auszumachen erlauben werden. Aber wie gesagt, es ist nur eine Vermutung. Doch müsste es eigentlich möglich sein hier Fakten sprechen zu lassen.
Und sollte ich recht haben, dann verbindet das Wertvolle nicht Religionen sondern die Menschheit – denn ein Monopol auf etwas bestimmtes  Wertvolles besitzt ja keine Religion. Ausser man betrachtet den Pileolus (das weisse, päpstliche Scheitelkäppchen) als etwas vom Wertvollen.

Eda Gregr @meskinaw
@Pontifex_de Mir scheint es auch, dass die Differenzen so gross sind, dass nur noch beten hilft.

Wenn der Papst eine Einheit will, dann müssen sich alle christlichen Konfessionen über die Antworten zu den Wertefragen einig werden. Doch da es hier nicht Argumente waren, welche die Position einer bestimmten Konfession festgelegt haben, werden es auch nicht Argumente sein, welche die Position der Konfessionen ändern werden. Hier helfen in der Tat nur die klassischen Methoden: Köpfeeinschlagen und/oder Beten.

Die Kraft des Glaubens

Wenn man sagt, dass Millionen von Menschen aus ihrem Glauben die Kraft nehmen anderen Menschen zu helfen, dann mag man damit womöglich die Überzeugung dieser Millionen von Menschen wiedergeben, doch heisst das nicht, dass sie ohne ihren Glauben nicht geholfen hätten.
Denn wenn der Glaube tatsächlich verstärkt zur Hilfsbereitschaft motiviert, dann müsste man doch eigentlich ein deutliches Gefälle zwischen Gläubigen und Ungläubigen finden, oder nicht? Doch genau das tut man nicht. Vielmehr sieht es so aus, als ob diese Leute auch sonst geholfen hätten und dass der Glaube hier lediglich einem Bedürfnis, welches immer schon da war, einen Namen gab.
(Eine andere, wenn auch etwas weniger schmeichelhafte Interpretation der Daten könnte auch lauten, dass vom Glauben vorzugsweise asoziale Menschen angezogen werden, deren ursprünglich fehlendes Mitgefühl dann durch diesen auf ein normales Niveau angehoben wird…)

Der Glaube lässt die Menschen also nicht notwenigerweise mehr helfen, aber vielleicht lässt er die Helfer mehr riskieren? Am liebsten fern der Heimat, in Ländern mit bitterster Armut.
Interessanterweise scheint in diesen Ländern die Religion in der Regel eine sehr wichtige Rolle zu spielen – wenn auch aus Sicht der Helfer meist die falsche – während in Ländern, die sich nicht mehr soviel aus dem Glauben machen, die Hilfe nicht ganz so dringend ist.
In den „atheistischeren“ Ländern wird aber nicht weniger geholfen, sondern anders. Hier ist die Hilfe institutionalisiert, so dass das, was an anderen Orten von Menschen mit ihren beschränkten Mitteln aufopfernd geleistet werden muss, hier von weit mächtigeren Organisationen wesentlich effizienter übernommen wird. (Selbstverständlich funktionieren diese Organisationen viel zu oft alles andere als optimal, nichtsdestotrotz ist die soziale Sicherheit in den „atheistischeren“ Ländern in einem Masse gewährt, wie man in Gottesstaaten davon nicht mal zu Träumen wagte.)

Um es etwas provokativ zu formulieren: Wenn die soziale Sicherheit durch Institutionen gewährleistet ist, dann kann man es sich leisten, dass die Leute etwas kaltschnäuziger werden. In den Ländern mit bitterster Armut ist diese nicht gegeben und deshalb ist man auch auf den persönlichen Einsatz möglichst vieler Menschen angewiesen. Doch da es dort mit grosser Wahrscheinlichkeit auch mit dem Bewusstsein für die Menschenrechten nicht nicht besonders gut bestellt ist, wird die Hilfe wesentlich selektiver stattfinden und stigmatisierte Bevölkerungsgruppen tendenziell weniger in deren Genuss kommen. Und die Hilfe wird wohl auch nicht dergestalt sein, dass die generelle Situation zu ändern versuchen würde.
Die institutionalisierte Hilfe ist demgegenüber vergleichsweise blind, was Geschlecht, Hautfarbe, Sprache, Religion oder sexueller Orientierung betrifft, und neigt langfristig dazu die ganze Situation zu ändern.

Unsere Vorstellung davon, wie man Menschen helfen soll, lässt sich ziemlich gut mit dem folgenden nicht aus China stammenden Sprichwort ausdrücken:

„Gib einem Hungernden einen Fisch, und er wird einmal satt,
lehre ihn Fischen, und er wird nie wieder hungern.“

Doch ist das leider eine romantisch verklärte Vorstellung, die bestenfalls noch in einer Jäger- und Sammlerkultur ihre Gültigkeit hätte. Heute braucht’s dazu ne Lizenz! Schliesslich müssen ökologische, ökonomischen und ethische Auflagen erfüllt und irgendwann mal Steuern bezahlt werden.
Wenn man heute jemandem in persönlichem Einsatz das Fischen beibringt, dann ermöglich man ihm vielleicht etwas länger dahin zu vegetieren, doch um ihm die Möglichkeit zur Entfaltung zu geben, braucht es wesentlich mehr.

Das Ganze und die Teile davon

Wenn das Ganze mehr als die Summe seiner Teile ist und wenn bei einer Abstimmung 40% der Urne fern bleiben und von den Übrigen 46% für Ja und 54% für Nein stimmen, was entgeht uns dann, wenn wir die Differenz zwischen dem Ganzen und der Summe der Teile ignorieren?
Wie gross ist diese Differenz genau?
Und hätten diese das Ergebnis noch kippen können?

Das ist meine neuste Geschäftsidee: Ich mobilisiere (gegen ein bescheidene Entschädigung) die Differenz zwischen dem Ganzen und der Summe der Teile für Ihre Sache!
Nun ja, Mobilisieren ist wahrscheinlich das falsche Wort, denn wenn sie mobilisiert sind, sind die Leute nicht mehr Teil der Differenz sondern eins der Teile der Summe. Bezeugen trifft es daher wohl besser: „In der Summe stimmten 54% für Nein, doch im Ganzen 56% für Ja. Das Ergebnis lautet also 54% Nein zu 56% Ja, wodurch die Abstimmung dann wohl knapp aber klar als angenommen betrachtet werden kann.“

Ein gewundenes Plädoyer fürs e-Voting

Demokratie ist das Konzept, dass man über eine Sache diskutiert und sich dann dem Mehrheitsentscheid anschliesst – ob dieser einem nun gefällt oder nicht. Das ist nicht immer einfach. Insbesondere wenn man weiss, dass die getroffenen Entscheidungen falsch und vielleicht sogar verhängnisvoll sind. Und man muss sich damit begnügen, dass einem als einzige Form des Protestes die Diskussion bleibt, die vielleicht irgendwann ein mal die Meinung der Mehrheit ändern wird.
In der Zwischenzeit muss man mit jedem Ergebnis leben können. Der einzige Trost dabei ist, dass, obgleich die politischen Gegner alles falsch machen, sie es immerhin mit den besten Absichten zum Wohl der Schweiz tun.

Wenn man sich heute aber etwas umhört, so entsteht schnell der Eindruck, als ob grundsätzliche Zweifel an den guten Absichten der gegnerischen Politiker bestehen würden. Und nicht nur an denen, selbst die eigenen sind vom Verdacht nicht befreit. Es geht ihnen nur um den eigenen Profit und um die Karriere, so heisst es, und sie wollen uns verkaufen an die WHO.
Mit diesem Generalverdacht bröckelt aber einer einer Grundpfeiler der Demokratie, nämlich dass wir trotz aller Differenzen über den Weg doch das gleiche Ziel vor Augen haben: Das Wohl der Schweiz und der ganzen Welt.

Alle Wege führen nach Rom

Die letzen, beunruhigenden Gedanken mal beiseite gelegt, was können wir aus diesen Überlegungen festhalten? Dass für einen echten Demokraten das Ergebnis einer Abstimmung eigentlich egal ist, er wird so oder so dahinter stehen.
Alle Wege sind schliesslich nach Rom projektiert. Manche haben eine etwas geschicktere Wegführung als andere.

Was also spricht gegen das e-Voting? Wenn es ja egal ist, welche Entscheidung getroffen wird, dann sind auch Sicherheitslücken im Grunde kein Problem. Wir stimmen ja nicht über das Ziel ab, sondern über den Weg dorthin. Und jede einzelne Wahlmöglichkeit ist in den Augen vieler Patrioten eine gute Wahl.
Ausser natürlich der beunruhigende Gedanke von oben sollte wirklich wahr sein. Dann ist e-Voting aufgrund seiner Anfälligkeit natürlich sehr problematisch. Allerdings auch nicht viel mehr als das klassische, in keiner Weise anfällige Wahlverfahren. Denn obgleich die Absichten hinter manchen zur Abstimmung stehenden Gesetzestexte diabolisch sein können, so sind es aber nicht die Absichten jener, die mit bestem Wissen und Gewissen und in grosser Zahl für diese stimmen. (Vorausgesetzt, dass bei Abstimmungsergebnis von 60:40 nicht wirklich 40% der Bürger die Schweiz vorsätzlich zugrunde richten wollen.)

Der Statistischer Aspekt

Wo man nicht betrügen kann, betrügt man nicht. Und wo man betrügen kann, betrügt man. Wahlbetrug lässt sich aber mittels Benford’s Gesetz nachweisen.  Insofern wäre es doch mal lustig zu schauen, welche Interessen hinter der Politik stehen.

 

Marketing für Gott, die Katz und den Teufel

Vielleicht ist ja Gott wirklich ein ganz lieber und tut tagtäglich Gutes indem er Kranke und Sieche heilt und Zicklein vor dem Ertrinken rettet. Bloss dass es niemandem auffällt, weil der Teufel es mit seinen Missetaten statistisch exakt ausgleicht.
Das wäre zwar ein enormer Aufwand für den Teufel, der an Mächtigkeit die paar Wunder Gottes weit in den Schattens stellt, doch wer weiss…

Unter dem Strich wäre es in diesem Fall wohl besser, wenn sich Gott aus den Belangen der Welt raushält und sich darauf beschränkt beim Jüngsten Gericht den Nachschlag zu verteilen.
In diesem Fall gäbe es aber eine geradezu magnifizente Strategie, welcher der Satan folgen könnte: Gesetzt den Fall, dass es Gott wirklich gibt und er der biblische Gott ist und Jesus effektiv der einzige Weg zur Erlösung ist und alle anderen Wege schnurstracks in den Banketsaal des Teufels führen, dann wäre es die mit Abstand beste Strategie, die Gebete der Moslems zu erhören. Nur die herzensguten und es müssen längst nicht alle sein. Einfach deutlich mehr und deutlich deutlicher als der Zufall sie erfüllen könnte.
Für die Menschen gäbe es keinen Grund an Allah zu zweifeln. Wieso auch? Er offenbart sich mit seiner Barmherzigkeit und gern auch mit einer Prise Humor. Und wenn irgendwelche islamistischen Fanatiker völlig hirnverbranntes Zeug anstellen, dann deutet nichts an den Wundern des Teufels darauf hin, dass er den Blödsinn der Fundamentalisten irgendwie billigt.
Und auf der anderen Seite, würde es schon etwas seltsam klingen, wenn die Christen, die ihre Treue zu Gott und Jesus weiter halten, zerknirscht zu erklären versuchten, dass die Heilung eines krebskranken Kindes ein perfides Werk des Teufels sei.
Auf diese Weise würde der Teufel ein Paradies auf Erden und einen unerschöpflichen Nachschub an Seelen für die Hölle erschaffen.
Und hier wage ich mich jetzt etwas aus dem Fenster hinaus: Wenn stressfreie Rinder die besseren Steaks hergeben, dann würde es mich nicht wundern, wenn dies auch für stressfreie Seelen gilt.

Und diese Strategie ist selbst dann anwendbar, wenn der Teufel die oben erwähnten statistischen Signifikanzen verwischt. Er müsste einfach ein paar Anstrengungen mehr zugunsten einer der Religionen unternehmen. Bei der Mammutaufgabe sollte das aber eigentlich nicht mehr gross ins Gewicht fallen.

Aber wie gesagt, diese Strategie funktioniert wirklich nur, wenn es Gott wirklich gibt und er der biblische Gott ist und Jesus effektiv der einzige Weg zur Erlösung ist und alle anderen Wege schnurstracks in den Banketsaal des Teufels führen. Sprich, wenn wir die Bibel wörtlich nehmen.