Offener Brief an einen ganz bestimmten Werbeträger

Lieber Roger

Rolex, Mercedes-Benz, Credit Suisse, Jura, Moët & Chandon, Barilla, Lindt, Wilson, Uniqlo, Netjets, Sunrise, Rimowa, on

Quelle: Rogers Webseite

Ich meine … echt jetzt?

Du bist zweifellos einer der besten Sportler, die es gibt. Und das wird auch allgemein anerkannt. Und die Sportart, in der du brillierst, ist keine der knausrigen. Du solltest also eigentlich ganz passabel von den Preisgeldern leben können.
Als Sportler macht es sicherlich auch Sinn, wenn du dir deine Sportbekleidung (uniklo), deine Sportschuhe (on), dein Sportmaterial (Wilson) und die Bespannung (Barilla) sponsorn lässt. Schliesslich liegt dort deine Expertise. Wenn nicht du, wer sonst könnte beurteilen, welches Material geeignet ist, seine sportlichen Fähigkeiten optimal zu entfalten?

Aber das andere Zeug?
Klar deine Rolex leistet dir gute Dienste. Sie zeigt dir die Zeit an.
Aber würde das eine Casio nicht genauso tun?
Gut möglich, dass die Rolex die Zeit viel superer anzeigt, doch kannst du das zum einen nicht wirklich sachverständiger als andere beurteilen und zum anderen spielt das nicht wirklich eine Rolle.
Klar, du benutzt diese Marken, sie gefallen dir und du bist zufrieden mit ihnen. Doch die Frage ist, ob die gleichen Produkte von anderen Marken, auch wenn sie dir eine Spur weniger gefallen würden, deinen sportlichen Erfolg ernsthaft gefährden würden?
Nun ja, Moët & Chandon würde das auch ganz alleine schaffen. Also ich meine, deine Karriere ruinieren…

Mir ist schon bewusst, dass dir all das Geld quasi nachgeschmissen wird. Und da du die Produkte ohnehin benutzen und sie deinen Freunden empfehlen würdest, passt es ja.
Mir ist auch bewusst, dass noch sehr viele andere dir gern Geld nachschmeissen würden. Was du aber dankend ablehnst, auch wenn du deren Produkte vielleicht ohnehin schon benutzt und sie deinen Freunden empfiehlst.
Und mir ist ebenso bewusst, dass du, wenn du dir nicht sorgfältig aussuchst, von dem du dir Geld nachschmeissen lässt, Gefahr läufst, dass andere aufhören dir Geld nachzuschmeissen und dass dir dann am Ende womöglich insgesamt weniger Geld nachgeschmissen werden könnte.

Ich will daher nicht bestreiten, dass du dir neben der sportlichen Expertise im Laufe deiner Karriere auch eine beeindruckende in Sachen Sponsoring-Kompatibilität angeeignet hast.

Du könntest also neben Sportartikeln sicherlich guten Gewissens auch Werbung für Sponsoren-Vermittler machen:

Mein Sponsoring-Portfolio-Manager
SpopoMa™
sorgt dafür, dass sich meine diversifizierten Werbeverträge nicht in die Quere kommen
und ich optimal absahnen kann.

Roger, ein Sportler, der sich zu vermarkten versteht

Ich könnte mir aber vorstellen, dass solche Werbung zu jener Art gehört, die andere Sponsoren ein bisschen verschreckt…

Sie würde nämlich an deinem properem Teflon-Image kratzen und dich als den knallhart kalkulierenden Businessman zeigen (der du in Tat und Wahrheit auch bist).


Frage am Rande: Wenn man über Werbeverträge Unsummen aus zweifelhaften Firmen rausholt und alles Geld dann in (effektive) wohltätige Projekte steckt, gehört man dann zu den Guten oder zu den Bösen?
Ja, ich tue Gutes durch die wohltätigen Projekte, aber in der anderen Schale der Karmawaage liegen die dunkeln Machenschaften meiner Werbepartner, die dank meinem guten Image länger unbehelligt weiter machen können…


Wie ich schon sagte. Du besitzt in verschiedenen Bereichen ein wertvolles Fachwissen, welches jeden jede deiner Empfehlungen mehr als ernst nehmen lassen sollte. Und es ist sicherlich auch völlig berechtigt, wenn du dich für deine Expertise bezahlen lässt.
Du machst aber auch Werbung für Sachen, die dir im besten Fall nur gefallen. Und das ist für andere eigentlich kein guter Grund sich das Zeug zu kaufen, geschweige denn dich dafür zu bezahlen.

Klar, manche Leute macht es glücklich, mit dem gleichen Rollkoffer wie du durch die Welt zu jetten. Sollen sie es ruhig tun. Aber passt es zu dir und deinem authentisch sympathischen Image, das dich überhaupt erst zu einer so begehrten Werbefigur macht, dass du dich dafür bezahlen lässt, dass andere Leute deinem Geschmack nacheifern können?

Ist es zu viel verlangt, dass ich von Held etwas mehr erwarte?
Du kannst einschätzen, ob ein Turnschuh etwas taugt. Das ist keine Geschmacksache. Genau an der Fähigkeit, das einschätzen zu können, hängt auch deine Karriere . Bei der Schokolade ist das jedoch nur eine Geschmacksache. Du hast dir die Fähigkeit zwischen guter und schlechter Schokolade zu unterscheiden, nicht hart erarbeitet.
Ist es zu viel verlangt, dass ich mir wünsche, dass Helden nur dafür Lohn einheimsen, was sie auch tatsächlich geleistet haben?

Ausser natürlich, du hast – ohne dass ich das mitbekommen habe – Ernährungswissenschaft studiert und dein Urteil spiegelt den State of the Art der Schokoladenforschung wieder. Dann sorry!

So aber untergräbst du mit deinem einnehmenden Lächeln das Vertrauen in Expertise. Vermittelst die Ansicht, dass Gefühle Evidenzen ebenbürtig sind.

Und damit untergräbst du irgendwie sogar die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft.

Niemand will dir das Recht nehmen, die Schokolade zu essen, die dir am besten schmeckt. Und auch nicht den Leuten, die es interessiert, zu sagen, welche das ist.
Wenn du aber Geld dafür nimmst, dann ist das … auch angesichts der Millionen, die du dafür kassierst … irgendwie … billig?

Wie ist es eigentlich auf der gleichen Seite zu stehen wie die Arschlöcher?

Liebe gemässigte Christen

Nach dem Tod von Stephen Hawking geisterten verschiedene Beiträge fundamentalistischer Christen durch die sozialen Medien, in denen sich diese genüsslich darüber ausliessen, dass Hawking jetzt in der Hölle schmort. 

Euch ist schon klar, liebe Christen, dass das Eure Arschlöcher sind?

Ihr haltet diese Menschen doch für Arschlöcher, oder? Nicht bloss für ein bisschen unsensibel, weil sie laut aussprechen, was man eigentlich bloss denken sollten?

Ich persönlich halte jeden für ein Arschloch, der sich über das Leid anderer freut. Ob diese es nun verdient haben oder nicht, spielt dabei eigentlich kein Rolle. Und da die Hölle das ewige Leid ist, das man mit einem endlichen Leben noch nicht verdienen kann, spricht nichts dagegen jeden für ein Arschloch halten, dem der Umstand Freude bereitet, dass irgend jemand dorthin kommt.

Stephen Hawking akzeptierte nicht Jesus. Das bedeutet nach Eurer Überzeugung doch glasklar, dass für ihn die Sache gelaufen ist und er sich deshalb schon bald genau dort wiederfinden wird.

Wie ist es mit Euch, liebe Christen? Gibt es etwas erfreulicheres als wenn Gottes Wille geschieht? Und indem jemand, der Jesus den Rücken zukehrt, in die Hölle kommt, geschieht doch genau das… Freut also auch Ihr Euch darüber, dass Hawking in der Hölle schmort?

Natürlich wünscht ihr es niemandem (und sicherlich würdet ihr es auch nie jemandem auf eine so erbärmliche Art und Weise unter die Nase reiben), aber wer in die Hölle kommt, tut es – nach eurer Ansicht – aus freien Stücken. Und indem er Jesus nicht akzeptieren wollte (nicht akzeptieren können ist nach eurer Ansicht schliesslich keine Option, weil dann ja die Willensfreiheit nicht gegeben wäre), wünscht er sich ganz offensichtlich in die Hölle zu kommen.
Folglich hat sich nicht nur Gottes Wille, sondern auch Hawkings Wunsch erfüllt. Also ein Win-Win. Wenn das kein Grund zur Freude ist…
Und es ist ja auch nicht so, dass sich der Wunsch in einer für den Wünschenden überraschenden Form erfüllt hätte (vergleichbar mit der Art wie fiese Dschinns gern die Wünsche ihrer „Opfer“ erfüllen). Hawking wusste, was die Alternative zum Himmel ist. Nun ja, er scheint nicht gewusst zu haben, dass der Himmel real ist, aber er wusste sehr genau, dass er dort nicht hinkommen würde, wenn es diesen doch geben sollte.

Ja, Ihr mögt euch nicht so recht darüber freuen, aber dürft ihr das überhaupt? Euch nicht nicht so recht darüber freuen, meine ich. Damit würdet ihr ja zum Ausdruck bringen, dass der göttliche Plan Schwachstellen hat…

Gott hingegen darf darüber traurig sein, dass sein raffinierter Plan alle Menschen in den Himmel zu lotsen, wieder mal nicht aufgegangen ist. Er darf enttäuscht sein, dass nicht mal eine 2000 Jahre alte Androhung von Höllenqualen einen von ALS gezeichneten Astrophysiker dazu bewegen konnte, an ihn zu glauben.
Aber dürft das auch Ihr? Seine Geschöpfe, die ihr die Ewigkeit an seiner Seite verbringen wollt?

Natürlich dürft (und solltet) ihr entsetzt sein über diese Unfähigkeit Gottes!

Und natürlich dürft (und solltet) ihr offen dazu stehen, dass sein Plan Scheisse ist, wenn dieser zulässt, dass Leute ewiglich gefoltert werden!

Alles worauf es schliesslich ankommt, ist, dass ihr Jesus akzeptiert. Und das tut Ihr doch. Man kann auch Götter, die man für bescheuert hält, als Erlöser akzeptieren.

Schliesslich erlaubte es sich selbst der Papst ans Bein Gottes zu pinkeln als er im April 2018 dem achtjährigen Emanuele erklärte, dass sein kürzlich verstorbener, atheistischer Vater natürlich im Himmel sei. Schliesslich habe er seine vier Kinder taufen lassen und er sei, wenn man Emanueles Wort Glauben schenken darf, ein guter Mensch gewesen. Gott lässt seine Kinder schliesslich nicht im Stich…
Aber natürlich lässt Gott seine Kinder im Stich. Nämlich dann wenn sie nicht genau das tun, was er von ihnen verlangt. (Es lässt sich sogar sehr genau beziffern, wie viele Seelen es sind, die er in Stich lässt: Stand heute mindestens 107’999’856’000123.) Der Papst hat dreist gelogen und damit erfreulich deutlich zum Ausdruck gebracht, was er persönlich von Gottes Plan hält. Also dürft ihr das sicherlich auch.

Zugegeben, eine solche Einstellungen wird wohl eine Zeit lang für dicke Luft im Himmel sorgen, aber selbst euer jähzorniger Gott wird sich irgendwann einmal beruhigen4.

Das heisst, als Christen braucht ihr euch tatsächlich nicht zwingend darüber zu freuen, dass ein Atheist in der Hölle schmort. Sind die Arschlöcher vielleicht also doch nicht Eure?
Aber als Christen dürft ihr euch darüber freuen. Es sind also doch Eure. Sorry.
Das heisst, dass selbst wenn ihr den Arschlöchern noch so vehement widersprecht (wonach es von aussen übrigens nicht aussieht5), sind es Eure. Ihr seht daneben einfach etwas netter aus.

Ihr beide akzeptiert Jesus. Und ihr beide glaubt, dass es eigentlich nur darauf ankommt. Und dass man allein dadurch gerettet wird. Und Ihr beide befürchtet, dass auch der jeweils andere dieses Kriterium erfüllt haben könnte – trotz eurer gegenseitigen Antipathie (ja, die Chance ist gross, dass auch sie Euch für unsympathisch halten) – und dass ihr euch im Himmel begegnen werdet.

Und vielleicht solltet Ihr auch noch folgendes bedenken: Ihr seid beide Mitglieder der grössten Religion. Was schätzt Ihr, zu einem wie grossen Teil verdankt sich die Popularität Eures Glaubens wohl der Qualität, die Ihr in diesem erkennt? Und zu einem wie grossen der Möglichkeit sich darin als Arschloch voll entfalten zu können? Hm?

Und genau das wirft die eigentliche Frage dieses Artikels auf:

Was wenn meine Seite nur dank der Arschlöcher gewinnt?

Stellen wir uns folgendes hypothetische Szenario vor: Ich möchte, dass der Staat sich aus möglichst allem raus hält. Damit würde ich tendenziell ins rechte politische Spektrum gehören. Anderen mag das eigentlich egal sein, ihnen ist nur wichtig, dass ihr Volk möglichst reinrassig bleibt. Auch diese Position ist traditionell im rechten Spektrum angesiedelt.
Das heisst, wenn es um die Auswahl der politischen Vertreter für die Regierung geht, dann ist die Chance gross, dass die Kandidaten, die sich dafür einsetzen wollen, dass sich der Staat aus allem raus hält, auch die Fantasien der Rassisten zu erfüllen versprechen.
Was, wenn erst eine solche unheilige Allianz dem Kandidaten den Sieg ermöglicht?

Im Idealfall würde ich mir natürlich eine Partei suchen, die den Staat aus allem raushalten will und die die kulturelle Vielfalt zu schätzen weiss. Wenn es aber eine solche Partei nicht gibt, muss ich im Interesse meiner primären Interessen (Staat hält sich aus allem raus) eben Abstriche bei meinen sekundären Idealen (Multikulti) in Kauf nehmen6.

Doch wie werde ich mich gegenüber der Umsetzung der Forderungen meiner arschigen Verbündeten verhalten? Von Forderungen, die meinen Überzeugungen zutiefst zuwiderlaufen, denen ich aber mit meier Stimme den Weg bereitet habe. Was muss, resp. kann ich tun?
Oder würde ich deren Gefahr verharmlosen?

Ich meine, natürlich sind die Gefahren, die von einer Idee ausgehen, nie wirklich so gross, wie von den Gegnern befürchtet. Doch sind sie auch nie so vernachlässigbar, wie von den Befürwortern beteuert. Da frage ich mich dann aber, wo auf diesem Spektrum befinde ich mich wohl als Gegner, wenn ich in einer unheiligen Allianz mit den Befürwortern stecke? Ich glaube nicht in der Mitte.

Wenn ich also möglicherweise blind bin für die Arschlochigkeit meiner Verbündeten und folglich auch für die Absurdität ihrer Argumente, wie finde ich dann raus, dass Arschlöcher und die von mir tolerierten Ansichten verwerflich sind?
Woran erkenne ich, dass ich auf der falschen Seite stehe?

Das ist knifflig. Aber ich persönlich habe zumindest das Gefühl auf der gleichen Seite mit meinen Idolen zu stehen. Und auf der gegenüberliegenden Seite der Arschlöcher.
Das ist natürlich noch keine Garantie dafür, dass ich richtig liege, denn die, die meine Position gut repräsentieren, sind immer Helden und die Gegner immer Arschlöcher.

Aber nun ja, wenigstens stehe ich auf der gleichen Seite wie Stephen Hawking und auf der gegenüberliegenden von denen, die sich darüber freuen oder es auch nur für gerechtfertigt halten, dass er in der Hölle schmort. Und das ist zumindest schon etwas.

Wie ist es bei euch, liebe gemässigte Christen, nagt es nicht manchmal ein klitzekleines Bisschen am Vertrauen in Euren Glauben, dass es bei euch andersrum ist? Und würdet ihr im Himmel nicht lieber Stephen Hawking begegnen als diesen Arschlöchern? Hm?

Rumpeldipumpel, Eda

Schutz der Verleumdeten und Vergewaltigten

Wie der Titel dieses Artikels so lautet auch die Überschrift zu den hier zitierten Passagen aus der Lutherbibel 20171.
Bevor du weiter liest, geneigter Leser, lehne dich zurück und überleg dir, wie du Verleumdete und Vergewaltigte schützen würdest?

13 Wenn jemand eine Frau heiratet, zu ihr eingeht und ihrer überdrüssig wird 14 und legt ihr etwas Schändliches zur Last und bringt ein böses Gerücht über sie auf und spricht: Diese Frau hab ich geheiratet, und als ich zu ihr ging, fand ich sie nicht als Jungfrau, 15 so sollen Vater und Mutter der jungen Frau die Zeichen ihrer Jungfräulichkeit nehmen und vor die Ältesten der Stadt im Tor bringen. 16 Und der Vater der jungen Frau soll zu den Ältesten sagen: Ich habe diesem Mann meine Tochter zur Frau gegeben; nun ist er ihrer überdrüssig geworden 17 und legt ihr Schändliches zur Last und spricht: Ich habe deine Tochter nicht als Jungfrau gefunden. Hier aber sind die Zeichen der Jungfräulichkeit meiner Tochter. Und sie sollen die Decke vor den Ältesten der Stadt ausbreiten. 18 Und die Ältesten der Stadt sollen den Mann nehmen und züchtigen 19 und ihm eine Buße von hundert Silberstücken auferlegen und sie ihrem Vater geben, weil der Mann über eine Jungfrau in Israel ein böses Gerücht aufgebracht hat. Und er soll sie als Frau behalten und darf sie sein Leben lang nicht entlassen. 

5. Mose 22, 13-19

Echt jetzt? Das betrachtet man als Schutz von Verleumdeten und Vergewaltigten? Indem man dem Vater der Braut Geld gibt und das Opfer bei ihrem Mobber lässt?

Aber okay, man kann nicht bestreiten, dass das eine abschreckende Wirkung haben könnte für den Mann. Wenn sich der Verdacht als unbegründet erweist, so ist er 100 Silberstücke los (wofür man sich 3 bis 4 Sklaven hätte kaufen können) und hat die Frau auf Ewig am Hals, während er sie ansonsten problemlos auch mit einem Scheidebrief hätte loswerden können (vgl. 5.Mose 24, 1) – bloss dass ihm dann die Genugtuung der Steinigung verwehrt geblieben wäre.

Der nächste Teil ist dagegen der wirklich starke Tobak!

So stark, dass ich mich genötigt fühle, meine Beschwerde in Form eines offenen Briefes an einen der Repräsentanten des „lieben“ Gottes zu richten.

Lieber Markus

20 Ist’s aber die Wahrheit, dass sie nicht mehr Jungfrau war, 21 so soll man sie heraus vor die Tür des Hauses ihres Vaters führen, und die Leute der Stadt sollen sie zu Tode steinigen, weil sie eine Schandtat in Israel begangen und in ihres Vaters Hause Hurerei getrieben hat; so sollst du das Böse aus deiner Mitte wegtun.

5. Mose 22, 20-21

Echt jetzt? Es war irgendwann einmal okay eine Braut zu steinigen, weil sie Sex vor der Ehe hatte?

Wobei nein, sorry, stimmt so nicht ganz. Ich muss die Frage anders formulieren: Echt jetzt? Es war irgendwann einmal okay eine Braut zu steinigen, wenn es dem Bräutigam etwas ausmacht, dass sie Sex vor der Ehe hatte? Denn es scheint ja keine Pflicht gegeben zu haben den Ältesten der Stadt alle Hochzeitsnachtdecken vorzulegen, damit sie die Sache gewissenhaft überprüfen können, oder?

Jetzt mal ganz davon abgesehen, dass eine saubere Hochzeitsnachtdecke kein Beweis für eine fehlende Jungfräulichkeit ist. Das weisst du doch, Markus, oder? Und das sollte doch eigentlich auch dein allwissender Gott wissen, nicht wahr?

Als moderner Repräsentant Gottes auf Erden wirst du wahrscheinlich einsehen, dass man sich heute die Steinigung sparen kann. Wir leben schliesslich in einer anderen Zeit und der Effekt, der damals mit einer solch grausamen Strafe erzielt wurde, lässt sich heute mit weit subtileren Mitteln erreichen. (Denn Gott geht es schliesslich um den Wirkung der Strafe und nicht um die Strafe selbst, oder?)

Nichtsdestotrotz bleibst du die Antwort schuldig, unter welchen Umständen es gerechtfertigt sein könnte ein Gesetz zu erlassen, das einem ermöglich eine Frau wegen Sex vor der Ehe zu steinigen! Denn offenbar fühlt sich Gott zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte dazu genötigt. Nicht jedoch später es wieder aufzuheben.

Diese Frage ist umso dringender, als du doch sicherlich auch dafür plädierst, dass Sex vor der Ehe eigentlich überhaupt nichts verwerfliches ist, oder? Dass wenn es einvernehmlich passiert, dass es dann völlig okay ist, oder?

Oder findest du, dass es im Interesse der Gesellschaft und des allgemeinen Seelenheils liegt, mit geeigneten Massnahmen den Sex vor der Ehe (insbesondere bei Frauen) einzuschränken? Weil der allwissende Gott es besser weiss und weil der allgütige Gott sonst natürlich keine Bräute hätte steinigen lassen?

Du bist überzeugt davon, dass auch wenn man heute niemanden mehr deswegen steinigen sollte, sich nichts daran geändert hat, welche Dinge gut und welche böse sind.

Ausser natürlich in den Fällen, wo Jesus sagte, dass von nun an etwas anders gilt.
Wie zum Beispiel beim Händewaschen (Matthäus 15,20).
Nicht aber beim Ehebrechen. Jesus hat in der berühmten Episode mit dem ersten Stein nur die Strafe ausgesetzt, nicht aber den Ehebruch für nicht mehr strafrechtlich relevant erklärt.

Das heisst dann, dass auch die Strafen für Sex vor der Ehe (und vergewaltigt werden innerhalb der Stadtmauern und Masturbation und Blasphemie und Apostasie) lediglich ausgesetzt sind?
Und dass, wenn es nötig sein sollte2, diese jederzeit (bis hin zur Steinigung) wieder eingesetzt werden kann?

Für dich sich Gut und Böse in Stein gemeisselt.
Und die Strenge der Strafe allein den Umständen geschuldet.

Im Humanismus mit seiner – ich nenne es mal – adaptiven Moral ist es gang und gäbe, dass etwas, das früher böse war, heute für unbedenklich gehalten wird, und anderes, das früher okay war, heute unakzeptabel ist. Die Strenge der Strafe ist ebenfalls den Umständen geschuldet – doch verlangen diese nach einhelliger Meinung niemals, dass jemand gesteinigt wird.
Warum die Sinneswandel?
Weil man es früher einfach nicht besser wusste3.

Was man früher zum Beispiel nicht wusste, respektive kannte, war die vergleichsweise bescheidene Wirksamkeit von pädagogischen Massnahmen wie Körperstrafen oder Steinigungen.

Ein alles wissender Gott dagegen…

Ich frage mich, was das für ein Mensch sein muss, der die Steinigung einer vergewaltigten Frau zu rechtfertigen versucht. Ich frage mich, was das für ein Mensch sein muss, der sowas nicht verurteilt. Ich frage mich, was das für ein Mensch sein muss, der ein Wesen bewundert, das solche Regeln aufgestellt hat?

Herzliche Grüsse
Eda

ps. Hätte fristlose Scheidung und Landesverweis damals wirklich nicht auch gereicht?


Das zum Steinigen von entjungferten Bräuten wäre damit gesagt, der Schutz der Verleumdeten und Vergewaltigten geht aber weiter:

22 Wenn jemand dabei ergriffen wird, dass er bei einer Frau schläft, die einen Ehemann hat, so sollen sie beide sterben, der Mann und die Frau, bei der er geschlafen hat; so sollst du das Böse aus Israel wegtun. 

5. Mose 22, 22

Sprich: Töte die Vergewaltigte. (Wohlgemerkt, in diesem Abschnitt der Bibel geht es laut Überschrift und die Opfer von Verleumdungen und Vergewaltigungen, was bedeutet, dass der Sex zwischen den Männern und den Frau nicht einvernehmlich war!) Aber wenigstens hat die Frau die Genugtuung, dass auch ihr Peiniger einen grausamen Tod stirbt. Das ist nett von der Bibel.

23 Wenn eine Jungfrau verlobt ist und ein Mann trifft sie innerhalb der Stadt und schläft bei ihr, 24 so sollt ihr sie alle beide zum Stadttor hinausführen und sollt sie beide steinigen, dass sie sterben, die Jungfrau, weil sie nicht geschrien hat, obwohl sie doch in der Stadt war, den Mann, weil er seines Nächsten Braut geschändet hat; so sollst du das Böse aus deiner Mitte wegtun. 

5. Mose 22, 23-24

Sprich: Für eine verlobte Vergewaltigte gilt das gleiche: Opferhilfe durch fliegende Steine, die sie von der Pein eines versauten Lebens befreien, und gestillte Rachegelüste. Wäre vielleicht nett, wenn sie beim Vergewaltiger den ersten Stein werfen dürfte? Und sich erst dann steinigen lassen könnte?

25 Wenn aber jemand ein verlobtes Mädchen auf freiem Felde trifft und ergreift sie und schläft bei ihr, so soll der Mann allein sterben, der bei ihr geschlafen hat, 26 aber dem Mädchen sollst du nichts tun, denn sie hat keine Sünde getan, die des Todes wert ist; sondern dies ist so, wie wenn jemand sich gegen seinen Nächsten erhöbe und ihn totschlüge. 27 Denn er fand sie auf freiem Felde, und das verlobte Mädchen schrie, und niemand war da, der ihr half. 

5. Mose 22, 25-27

Sprich: Wenn die Verlobte aber ausser theoretischer (!) Hörweite vergewaltigt wurde, darf es weiter leben! Das ist doch grosszügig.

28 Wenn jemand eine Jungfrau trifft, die nicht verlobt ist, und ergreift sie und schläft bei ihr und wird dabei betroffen, 29 so soll der, der bei ihr geschlafen hat, ihrem Vater fünfzig Silberstücke geben und soll sie zur Frau haben, weil er ihr Gewalt angetan hat; er darf sie nicht entlassen sein Leben lang.

5. Mose 22, 28-29

Sprich: Wenn die Jungfer unverheiratet ist, erwartet sie mit dem (um ein bis zwei potentielle Sklaven ärmereren) Vergewaltiger ein „und so lebten sie bis ans Ende ihrer Tage“… So süss… Wenn das keine Happy End ist… Hach…

Ähm… Warum gilt die Stadt-Feld-Unterscheidung nicht auch im Fall von verheirateten Frauen?

Und überhaupt: Warum berücksichtigt man bei Verleumdung und Vergewaltigung überhaupt den Beziehungsstatus?


Und?
Hättet du, lieber Leser, die Verleumdeten und Vergewaltigten auch auf diese Weise geschützt?

Ein moralstiffendes Buch

Wenn wir ein beliebiges Buch lesen, nehmen wir einfach mal Harry Potter, dann können wir die Handlungen der dort beschriebenen Personen zu Maximen erklären und entsprechend unsere Moral daraus ableiten.

Wir können uns also beispielsweise an Harry, Ron und Hermine halten und das Gute anhand von dem definieren, was sie machen. Oder wir nehmen uns ein Beispiel an Lord Voldemort und den Todessern und verinnerlichen deren Handlungen als ideal. Entsprechend sind dann die Handlungen der Gegner automatisch die moralisch verwerflichen.
Und wenn man seinem Favoriten die Fähigkeit einräumt die Dinge langfristig betrachten zu können, dann können sich auch Handlungen, die auf den ersten Blick vielleicht nicht gerade nett erscheinen, als von der Liebe getrieben erweisen, indem sie sich durch ihre pädagogische (& rassenhygienische) Wirkung in der Zukunft moralisch auszahlen werden.

Wenn wir uns nun die Geschichten in der Bibel anschauen, aus denen wir angeblich unsere abendländische Moral destillieren, mit welcher Fraktion aus der Welt von Harry Potter stehen diese wohl eher im Einklang?

Wer liesse wohl eher die besiegten Gegner töten? Harry oder Voldemort?
Wer liesse wohl eher Andersdenkende umbringen? Harry oder Voldemort?
Wer liesse wohl eher vergewaltigte Frauen steinigen? Harry oder Voldemort?
Wer liesse wohl eher Homosexuelle zum Tode verurteilen? Harry oder Voldemort?
Wer schreckt auch nicht davor zurück Kinder zu töten? Harry oder Voldemort?
Wer würde wohl eher Sexismus propagieren? Harry oder Voldemort?
Wer würde wohl eher Sklaverei tolerieren? Harry oder Voldemort?
Wer würde wohl eher Genozid gutheissen? Harry oder Voldemort?

Ich frage mich, ob die Bibel nicht vielleicht ein Harry Potter Roman sein könnte, der aus der Perspektive der Todesser verfasst wurde?

oder sonst

Okay, man kann von Jesus nicht verlangen, dass er für uns die Probleme der Welt löst. Das ist unsere Aufgabe…

Moment Mal!

Warum eigentlich können wir nicht erwarten, dass Jesus bei der Lösung unserer Probleme mit anpackt? Ja, wir haben sie uns selbst eingebrockt1. Aber das ist doch kein Grund uns nicht dennoch zu helfen, oder?
Ganze Berufszweige leben davon uns aus dem Schlamassel zu helfen, in das wir uns selbst geritten haben. Zahnärzte zum Beispiel. Oder Schlüsseldienste. Oder Babysitter.
Apropos Babies. Auch als Eltern tun wir nichts anderes. Wir retten die Kinder vor Scheren, Erdnüssen und hungrigen Bären. Und das sogar umsonst. Und wir verlangen noch nicht mal Dankbarkeit. Ja, wir wünschten sie uns schon, aber helfen tun wir auch ohne.
Klar, manchmal lassen wir die Kleinen etwas zappeln. Doch das hat (vom Unterhaltungswert mal abgesehen) stets pädagogische Motive: Wir hoffen, dass sie was draus lernen. Wobei wir es natürlich nicht übertreiben und der Gesundheit des Kindes stets grösseres Gewicht beimessen als dem angestrebten Lerninhalt. Und auch wenn die Probleme die Fähigkeit des Kindes übersteigen, helfen wir. Und auch, wenn es uns ganz lieb drum bittet.
Kurz, wir helfen eigentlich immer.
Und selbst wenn wir nicht direkt helfen, dann weil wir überzeugt sind, dass das Nichthelfen eine indirekte Hilfe ist. Wobei aber schon wichtig ist, dass das Kind das auch weiss. Die Familie zu verlassen und dann 30 Jahre später den Erfolg des Sprösslings sich zuschreiben zu wollen, so funktioniert das nicht.
Aber auch die direkte Hilfe ist eine indirekte Hilfe: Zu wissen, dass einem geholfen wird, wenn man Hilfe benötigt, ist eine wertvolle Erfahrung, die einen lehrt auch anderen zu helfen. Wie sonst sollten die Kleinen lernen, anderen Leuten in schwierigen Situationen beizustehen? Indem man mit guten Beispiel vorangeht.

Wieso also hilft uns Jesus nicht?

Ich meine deutlich! Beispielsweise indem – Zack! – alle Ebola-Kranke auf wundersame Weise von einem Moment auf den anderen wieder gesund sind. Und nicht bloss durch kryptische Zeichen, die nur ein paar Auserwählte zu lesen verstehen, denen aber ohnehin nie jemand irgendetwas glaubt – und Jesus weiss sehr genau, dass ihnen nie irgendjemand irgendetwas glaubt…

Will er uns damit lehren Verantwortung für unser Tun zu übernehmen? Vielleicht. Doch tastet man sich bei dieser Lektion nicht nach und nach an die Verantwortung heran? Erst lehrt man das Kind Verantwortung für die eigenen Schnürsenkel zu übernehmen. Und erst später… sehr viel später für vollautomatische Waffen und Komplikationen bei der Niederkunft…
Und indem uns Jesus auch dann nicht hilft, wenn wir dabei drauf gehen, geht auch der pädagogischer Effekt flöten. Ausser vielleicht bei den Nächsten, die lernen, dass Jesus nie hilft. Was meines Erachtens nicht wirklich eine gute Lektion von einem liebenden Wesen ist, das sich angeblich Sorgen um mich macht.
Ich hege daher den leisen Verdacht, dass es Gott eher sogar ein Dorn im Auge ist, wenn wir uns gegenseitig helfen. Sich gegenseitig lieben, durchaus, sich gegenseitig helfen, ich weiss nicht. Als die gesamte Menschheit sich das letzte Mal zusammengetan hat um gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen, stieg Gott vom Himmel herab, schaute sich um und zerstört den Turm von Babel. Und sabotierte ein für alle Mal die Kommunikation zwischen den Menschen – was für die gegenseitige Unterstützung schon ziemlich hinderlich ist.
Ich meine, wo lehrt Gott uns, uns gegenseitig zu helfen? Mit dem barmherzigen Samariter? Jenem Gleichnis, wo ein Priester und ein Levit, welche beide bestens bewandert waren in den Lehren des Herren, an einem Verletzten vorbei liefen und erst der Samariter, der von dem, was Gott von uns will, keine Ahnung hat, sich seiner erbarmte? Ja, mit dieser Geschichte gibt Jesus den Menschen tatsächlich den Auftrag anderen zu helfen, gesteht damit aber auch ein, dass das vorher nirgends erwähnt wurde.
Und selbst hier ist die Hilfe nur ein Mittel zum Zweck. Worum es eigentlich ging, ist zu klären, wer denn gemeint ist mit dem Nächsten in der Nächstenliebe. Deshalb wird auch nicht spezifiziert, wie weit die Hilfe gehen soll – ich meine in der institutionellen Richtung. Was uns Jesus hier gebietet, ist, im übertragenen Sinn, dem Hungernden einen Fisch zu geben, nicht jedoch ihn zu lehren, wie man fischt. Und nur letzteres ist nachhaltige Hilfe. Und wie ich schon sagte, ich argwöhne, dass Gott solche nicht gerne sieht. Jesus hat Leprakranke geheilt, nicht jedoch die Lepra aus der Welt getilgt. Manchmal ist eine kleine Hilfe eigentlich gar keine Hilfe.

Irgendwie passt das alles aber schon zusammen.
Einfach weniger zu der liebenden Vaterfigur, als die er sich gerne in den Werbeprospekten präsentiert. Als solcher würde er uns nämlich durchaus immer mal wieder helfen.
Sondern viel mehr zu einem Klempner, der durch sein Nichts- und Wenigtun nur den Preis in die Höhe zu treiben versucht. Und die Währung ist in diesem Fall Unterwürfigkeit der Anbetung.

Ich will Gott nicht unterstellen, dass es ihm nur um unterwürfige Anbetung geht. Dass das der ganze Grund für die Schöpfung war. Die unterwürfige Anbetung könnte alternativ auch ein Mittel zum Zweck sein:
Jemandem, den man unterwürfig anbeten muss, traut man nicht auf Augenhöhe zu begegnen. Warum könnte es im Interesse Gottes sein, dass wir ihm nicht auf Augenhöhe begegnen? Klar er ist mächtig und wissend, aber das war Einstein auch. Das ist kein Grund nicht zusammen ein Bier zu trinken und wenigstens für kurze Zeit so zu tun, als sei man ebenbürtig. Nur so macht es Spass. Die ganze Zeit drauf rum zu reiten, wie unwürdig man ist, da kommt doch keine Freude auf (okay, bei manchen vielleicht schon). Vor allem aber, was wirft das für ein Licht auf jemanden, der sowas einfordert? Im Fall der englischen Königin dient das der Machterhaltung, weil wenn man vergisst, dass sie Macht hat, hat sie keine Macht mehr. Wenn man dagegen vergisst, dass Einstein schlau ist, kann er uns jederzeit relativ schnell das Gegenteil berechnen. Wieso verhält sich Gott wie die englische Königin und nicht wie Einstein? Was sagt das über seine Wissen und seine Macht aus?
Jemanden, dem man sich nicht auf Augenhöhe zu begegnen traut, zieht man tendenziell nicht zur Rechenschaft, wenn er was fürchterliches angestellt hat. Man wird viel eher vor sich hinmurmeln, dass das so schon seine Richtigkeit haben wird. Was könnte Gott angestellt haben? Keine Ahnung. Ich hoffe, es ist die Sintflut. Und nicht etwas, das er mit der Sintflut zu vertuschen versucht, denn was immer man zu vertuschen versucht, sollte so als Daumenregel schlimmer sein als das, womit man es vertuscht.
Wäre Gott sowas zuzutrauen? Ein Verlangen nach unterwürfiger Anbetung oder allein auf Illusion basierende Macht oder eine unrühmliche Vergangenheit? Also ich finde, dass die Indizien dafür sprechen… Allerdings ist er nicht von dieser Welt und deshalb ist es prinzipiell nicht möglich, irgend etwas über ihn und sein Motive auszusagen mit Begriffen von dieser Welt.

Oder vielleicht doch?

Das alte Testament lehrt uns, dass Leute – seien sie nun von dieser Welt oder von einer anderen – , die Gott persönlich kennen und tatsächlich das tun, was er will, die grosse Ausnahme sind.
Gläubige schliessen daraus, dass die Welt deshalb in einem so jämmerlichen Zustand ist. Doch übersehen sie dabei, dass viele der Dinge, die Gott von den Menschen damals wollte, – nun ja – sagen wir mal – haarsträubend waren.
Da kann man es niemandem verdenken, wenn er sich weigerte seinen Nachbaren zu töten, nur weil sich dieser rasierte.
Eine naheliegendere Schlussfolgerung wäre daher, dass die persönliche Bekanntschaft mit Gott trotz seiner Göttlichkeit keinen besonders überzeugenden Eindruck hinterlässt. Ich meine gut ein Drittel seiner Engel ist desertiert. Adam und Eva haben in den Apfel gebissen, wohl wissend, dass sie damit ihrem ewigen Aufenthalt im Paradies ein jähes Ende setzen würden. Und die Juden, die mit Moses aus Ägypten flohen und das Wunder des geteilten Meeres hautnah miterlebten, zogen ihm schon bald ein goldene Kalb vor!
Keine Bilanz, auf die ein Chef stolz sein sollte…

Und überhaupt, ich sehe nicht ein, warum man jemandem, der sich nach hiesigen Massstäben lausig verhält, alles durchgehen lassen soll, nur auf sein Versprechen hin, es uns nach unserem Tod zu erklären?
Es ist natürlich durchaus möglich, dass ich dann tatsächlich die versprochene Erklärung bekomme und mich diese auch überzeugt und ich auch einsehe, warum sie mir erst dann und nicht schon vorher gegeben werden könnte, doch ich würde nicht viel drauf wetten.

Aber vielleicht irre ich mich ja und Jesus will uns helfen mit all seiner Macht. Bloss dass die aus seiner transzendenten Position heraus nicht mehr sehr stark ist. Wer weiss? Oder vielleicht sind seine Kenntnisse über unsere Universum auch nur sehr, sehr beschränkt und die einzige Form der Interaktion mit unserer Welt sind Stimmen im Kopf. Auch darauf würde ich nicht viel wetten, aber möglich wäre es durchaus.
Aber auch in diesem Fall könnte er sich nützlich machen. Beispielsweise indem wir ihn zum Übermitteln von Nachrichten über weite Distanzen einsetzen: „Eda an Jesus. Eda an Jesus. Sag bitte Siggi in seinem nächsten Zwiegespräch mit dir, er solle den roten Draht kappen und auf keinen Fall den blauen.“
Skeptiker würde dies zwar nicht von der Existenz des biblischen Gottes überzeugen. Zurecht, muss man sagen. Aber ist das so wichtig? Ist das Entschärfen einer Bombe, die viele Menschen in den Tod gerissen hätte, nicht wichtiger?

Kommt schon, Christen. Sagt Jesus, dass zu viel auf dem Spiel steht, um sich darüber zu streiten, wer wie und ob an wen glaubt. Sagt ihm, dass er jetzt gefälligst den Arsch in Bewegung setzen soll. Und droht ihm, wenn nötig. Erklärt ihm, dass er euch andernfalls vergessen kann. Ich meine, wenn ihr zwischen der Rettung von einer Million Menschen und eurer Seele entscheiden müsstet, wie würdet ihr euch entscheiden?

Stellt ihm ein Ultimatum!

Zugegeben, eine geliebten Person vor ein Ultimatum zu stellen, ist nie gut. Doch den schlechten Ruf, den das Ultimatum hat, hat es nicht wirklich verdient. Es stellt nämlich die Liebe nicht in Frage. Im Gegenteil, es bestätigt sie sogar. Es nimmt der geliebten Person einfach die Möglichkeit sich weiterhin verschiedene Optionen offen zu halten. Was meist eh unfair dem anderen gegenüber ist. Von daher, ist ein Ultimatum nichts anderes als den gegenüber zu zwingen, das Richtige zu tun. Und das sollte doch eigentlich im Interesse eines aufrichtigen und liebenden Jesus sein.
Zwingt Jesus sich für eine Fussballmannschaft zu entscheiden. Und zwar in einer Art, dass beide Mannschaften seine Entscheidung erfahren. Und wenn ihm beide Schnuppe sind, dann sollen ach das beide Mannschaften wissen.

Beendet daher eure Gebete ab heute nicht mehr mit „Amen“. Sondern mit „oder sonst…“
Ich meine, ihr habt euch ja gut überlegt, wofür ihr betet. Nach eurer Ansicht wäre die Erfüllung eures Gebets völlig im Interesse Gottes.
Einverstanden. Aufgrund unserer Nichtganzallwissenheit, kann das auch mal nach hinten rausgehen, aber das gehört zum Lernprozess.

Vielleicht sollte Gott langsam lernen, uns zu lehren Verantwortung zu übernehmen, wofür wir beten?

Die LIEBE Schweiz

 

Abschaffung aller Hausaufgaben
Einstellung aller Waffenproduktionen
Bedingungsloses Grundeinkommen
Aufnahme von Flüchtlingen
Vaterschaftsurlaub
Tierrechte
1 : 12

 

Die Ideen mögen verrückt sein und vielleicht sogar verhängnisvoll, doch ändert das nichts daran, dass sie LIEB sind.
Ich denke nicht, dass das irgendwer bestreiten würde.
Doch Vorsicht, nicht jede Idee, mit der man nur das Beste für die Menschen und die Schweiz will, ist auch LIEB. Jeder denkt das zwar von seinen Ideen – bloss stimmen dem nicht alle zu. Das Burkaverbot beispielsweise hilft nach den Vorstellungen der Initianten die Werte der Schweiz zu sichern und es befreit auch muslimische Frauen aus der Unterdrückung einer archaischen Religion. Edle Absichten, doch die Kritiker bezweifeln diesen Effekt.
LIEBE Ideen sind hingegen solche, auf die ausschliesslich mit „WER SOLL DAS BEZAHLEN?“ reagiert wird. Eine Reaktion die bei Kritikern des Burkaverbots eigentlich nie zu hören ist.

Würden wir nicht alle gerne LIEB sein?
Wenn wir es uns leisten könnten…..

Wenn man sich diese Ideen genauer anschaut, dann sind sie auf einmal nicht ganz so umfinanzierbar, wie es vielleicht auf den ersten Blick erscheint.

Warum probieren wir sie dann nicht einfach?
Wenn es sich jemand leisten kann LIEB zu sein, dann doch die Schweiz?
Okay, sie kann es sich leisten, weil sie es in der Vergangenheit nicht war. Aber das ist kein Argument, dass man nicht auch auf LIEBE Weise prosperieren kann!

Wenn wir es umsetzen, wird man uns für unseren Mut bewundern. Uns um unsere Güte beneiden. Und sicher auch für verrückt halten, weil wir so leichtsinnig unsere Freiheit, unsere Sicherheit und unseren Wohlstand riskieren. Doch man würde es uns gönnen, wenn es klappt. Und sicherlich schon bald nachziehen.

Lasst und utopisch sein!
Lasst es uns versuchen!
Schliesslich wollen doch alle LIEB sein, oder etwa nicht?

Zugegeben, die Kommentarsektionen in Online-Medien vermitteln eher den Eindruck, dass es den Leuten zutiefst zuwider läuft, wenn es anderen gut geht. Insbesondere wenn diese nichts dafür zu tun brauchen1. Allerdings fürchten diese Leute bloss, dass in diesem Fall sie dafür aufkommen müssen und dass es am Ende einem, der nichts tut, besser geht als einem, der sich den Arsch aufreist. Das wäre natürlich durchaus falsch. Wenn es jedoch jenem besser geht, ohne dass es diesem dadurch schlechter geht, dann wäre nichts dagegen einzuwenden. Nun ja, auch nicht ganz. Dem, der mehr dafür tut, dass es ihm gut geht, sollte es schon besser gehen als dem, der weniger dafür tut. Was auch durchaus vernünftig klingt – auch wenn diese Forderung allein für sich schon utopisch ist.
Insofern denke ich nicht, dass die Leute nicht LIEB sind. Sie sind bloss auch GERECHT. Zwei Konzepte, die bekanntlich nicht so problemlos unter einen Hut zu bringen sind. Schliesslich ist Verzeihen ein Wesensmerkmal der LIEBE und gleichzeitig eine Suspension der GERECHTIGKEIT.

Dass die obigen Forderungen auch GERECHT umgesetzt werden können, bestreitet niemand. Bloss ihre Finanzierbarkeit.

Von daher…

Lasst uns utopisch sein!
Lasst es uns versuchen!
Lasst uns die Vorreiter sein!
Ist es nicht sympathischer, wenn man etwas LIEBES probiert und dabei scheitert, als wenn man in allem LIEBEN stets nur (viel zu spät) nachzieht?

Moralkonzepte von Christen und Atheisten

Atheisten glauben nicht an Gott, weil sie sich nicht an seine Regeln halten wollen.
Wenn dem so ist, müsste man doch eigentlich erwarten – insbesondere wo sich die göttlichen Gebote doch zu einem grossen Teil mit den juristischen Gesetzen decken -, dass sich das in der Kriminalitätsstatistik niederschlägt. Doch das tut es nicht. Atheisten sind in Gefängnissen ganz und gar nicht übervertreten. Und auf den Himmel zu verzichten nur um eine Schandtat nicht zu tun, scheint nicht besonders logisch.

Die Atheisten halten sich an die Gesetze, weil die Moral in ihre Herzen eingeschrieben ist.
Das heisst, dass die Intuition darüber, was richtig und was falsch ist, die es tatsächlich zu geben scheint1, eine gottgegebene Fähigkeit ist. Die Wissenschaft hält es zwar für eine im Laufe der Evolution entwickelte Fähigkeit, doch kommt das unter dem Strich aufs gleiche raus2.

Halten wir also fest: Irgendwie fühlen wir alle3, dass es nicht richtig ist Kinder umzubringen. Es fühlt sich daher selbst dann falsch an, wenn es wirklich gute Gründe gibt, es dennoch zu tun.
Was ist aber, wenn Gott Abraham befielt seinen Sohn Isaak umzubringen? In diesem Fall hat das Töten des Kindes nicht nur aufgrund der Allwissenheit und Allgüte Gottes den ultimativ guten Grund, sondern ist – weil von Gott befohlen und weil was von Gott befohlen, automatisch moralisch gut ist – moralisch gut4. Und entsprechend müsste die ins Herzen eingeschriebene Moral diese Ausnahme vom Tötungsverbot enthalten. Sprich es dürfte sich nicht falsch anfühlen.

Tut es aber.
Oder tut es das nicht?
Schwer zu sagen.

Aber es muss ja nicht gleich um Mord und Totschlag gehen. Auch anderes Fehlverhalten fühlt sich, wie ich aus eigener Erfahrung weiss, schlecht an. Die Vorstellung gegen jedes der 10 Gebote zu verstossen, fühlt sich schlecht an56. Ob es sich schlecht anfühlt sich mit einem gleichgeschlechtlichen Partner zu verlustieren(Lev. 18:22), kann ich leider nicht beurteilen7. Allerdings fühlt es sich ganz und gar nicht schlecht an Crevetten zu essen (Lev. 11:10), Mischgewebe zu tragen (Lev. 19:19) und meistens auch nicht sich zu rasieren (Lev. 19:27).
Ich behaupte nicht, dass diese Dinge nach Ansicht der Christen auch heute noch falsch sein sollten. Ich will gern glauben, dass Jesus diesbezüglich was geregelt hat. Ich frage mich nur, wieso etwas, dass sich früher falsch angefühlt haben müsste, wenn es doch in die Herzen der Menschen eingeschrieben ist, sich heute nicht mehr falsch anfühlt? Oder hat Jesus, während er da so am Kreuz rumhing, vielleicht auch noch mit Tipex rumhantiert?

Oder steht bei jedem was anderes auf dem Herzen? Dann würde aber jeder eine andere Moral haben. Und was für den einen falsch ist, könnte für den anderen durchaus richtig sein. Doch genau das scheint empirisch betrachtet eben gerade nicht der Fall zu sein8.
Allerdings kommt man zu diesem Schlüss über gross angelegte Experimente, in welchen Leute hypothetische moralische Dilemma lösen müssen. Wenn es um das persönliche Erleben geht, sieht es schnell ziemlich anders aus. Bei Christen stellt sich da schnell mal eine Moralvorstellung ein, welche sehr individuelle Züge aufweist: Es gibt allgemeine Regeln und wo es seinen Interessen dient, gewährt Gott Dispensen.

Robert L. Dear, Jr., der am 27. November 2015 in einer Planned-Parenthood-Klinik in Colorado Springs drei Menschen erschoss, soll beispielsweise überzeugt davon sein, dass solange er glaubt, dass er errettet wird, er alles tun darf9. Klingt irgendwie so, als ob da einer an Gott glaubt, um ungestraft jede Schandtat begehen zu können.
Klar, man kann dieses und viele weitere Beispiele leicht abtun, weil diese Typen offensichtlich psychisch krank sind. Doch man es muss ja nicht immer gleich um Mord und Totschlag gehen. Viele Christen sind überzeugt davon einen Auftrag von Gott bekommen zu haben, wenn es darum geht, gegen die gleichgeschlechtliche Ehe einzustehen. Oder wenn es darum geht Verhütung auf der Basis der Enthaltsamkeit zu propagieren. Oder wenn es darum geht fremden Leuten unaufgefordert von Jesus zu erzählen. In all diesen Fällen mischen sie sich ungefragt in die Angelegenheiten anderer ein, während die oberste Direktive „Liebe den Nächsten wie dich selbst“ doch eigentlich Toleranz10 für die Eigenarten der anderen fordert. Liebe zwingt den anderen nämlich nicht zu seinem Glück, sie akzeptiert seine Entscheidung und lässt ihn gewähren (wie Gott es tut). Aber da sie offenbar im Herzen spüren, dass es das richtige ist, hat die oberste Direktive – natürlich im Interesse des anderen – kurzzeitig den Platz zu räumen (was dann wohl heisst, dass Gott es doch nicht tut, wenn er Leuten den Auftrag gibt, offen gegen meine Entscheidung zu opponieren).

Atheisten kennen keine Dispensen. Etwas übles ist selbst dann übel, wenn es keinen anderen Weg als den üblen gibt. Das hindert sie zwar genauso wenig wie die Theisten daran, es dennoch zu tun, aber wenigstens reden sie es nicht schön.

Wir haben hier also gewissermassen zwei Moralkonzepte. Auf der einen Seite – ich nenne sie mal – das praktische: Die Regeln sollten allen bekannt sein und für alle gelten. Und auf der anderen das transzendentale: Die meisten Regeln sind bekannt und der Rest wird unauffällig auserwählten Personen offenbart.
Ich bin überzeugt, dass das praktische Moralkonzept dem transzendentalen vorzuziehen ist, weil die Möglichkeit, dass Handlungen von aussen befohlen werden können, ohne dass man die Echtheit überprüfen könnte, einfach dazu einlädt ausgenutzt zu werden. Dem ist meines Erachtens selbst eine verunglückte Kombination von vermurksten Regeln vorzuziehen – so sie für alle gleichermassen gelten. Verlässliche und möglichst nicht widersprüchliche Regeln schaffen nämlich Ordnung, selbst dann wenn sie blöd sein mögen.

Aber vielleicht liege ich mit all dem auch furchtbar falsch und die Atheisten glauben einfach nur wegen der Lücke zwischen den Geboten und Gesetzen nicht an Gott. Sprich sie glauben nicht an Gott, weil sie masturbieren wollen.

Die Diskrepanz zwischen Prinzipien und den dazugehörigen Handlungen

Laut einer Barna-Studie hält bei Evangelikalen nur ein kleiner Bruchteil (4%) eine Abtreibung für moralisch akzeptabel, während es bei den Atheisten eine überwiegende Mehrheit (71%) ist1. Da die Barna Group eine evangelikales Meinungsforschung-Unternehemen ist, gehe ich jetzt mal einfach davon aus, dass diese Zahlen der Wahrheit entsprechen.

Das Center For Reason untersuchte 2006 die Fragestellung, ob Christen wirklich weniger Abtreibungen haben als Nicht-Christen, wie dies von Christen gern behauptet wird. Das hat sich aber nicht bestätigt. Es gibt in diesem Punkt offenbar keinen signifikanten Unterschied zwischen den Religionen (inkl. Nicht-Religionen)2.

Wahre Christen werden hier natürlich einwenden, dass es keine wahren Christen sind, denn wahre Christen haben keine Abtreibungen. (Das gilt aber auch für keine wahren Schotten ;)

Nichtsdestotrotz ist das eine interessante Diskrepanz zwischen den Prinzipien und den dazugehörigen Handlungen. Wenn unmoralisches Verhalten jenes ist, das sich von dem unterscheidet, das man eigentlich für das richtige hält, dann sind Religiöse offensichtlich wesentlich unmoralischer als Atheisten.
Man könnte schon einwenden, dass sich die Atheisten ihre Prinzipien einfach so zurechtlegen, dass sie ihren Anforderungen genau entsprechen, am Ergebnis ändert das jedoch nichts, denn obgleich sie dieser Argumentation folgend jede beliebige Abscheulichkeit moralisch gutheissen könnten, rangieren sie in Kriminalstatistiken klar hinter den Angehörigen von Religionen, die das nicht können.
Vielmehr sieht es so aus, als ob von Christen die Prinzipien sehr oft nur genau so lange hochgehalten werden, wie sie ihnen nicht im Weg stehen. Von daher ist es eigentlich auch nicht weiter überraschend, dass sie sich für ein strengeres Justizsystem aussprechen, damit die Polizei das durchsetzt, wozu sie offenbar selbst nicht in der Lage sind. Aus einer verhaltensökonomischen3 Perspektive wäre eigentlich eine durchaus vernünftige Strategie, wenn man damit nicht auch Leuten seine Wertvorstellungen aufdrücken würde, die sie gar nicht teilen wollen. Das mag – da durch Gott abgesegnet – moralisch vorbildlich sein, ethisch ist es jedoch nicht haltbar.