Wozu die ganze Verwirrung?

Es steht ausser Frage, dass Jesus Dinge gesagt hat, die es nicht in die Bibel geschafft haben. Und Dinge es in die Bibel geschafft haben, die er nicht gesagt hat.
Nach Ansicht der Gläubigen sorgte aber der heilige Geist dafür, dass dennoch alles für seine Lehren wesentlich rein kam und alles, was von diesen Lehren ablenken könnte, draussen blieb.
Der heilige Geist stellte also irgendwie sicher, dass die Bibel so klar verständlich wie möglich und so verwirrend wie nötig formuliert wurde (und blieb).

Das wirft jetzt aber eine Frage auf: Wozu genau braucht es eigentlich die Verwirrung?1

Wieso kann in der Bibel nicht einfach alles klar sein?
Es geht nicht darum, dass wir mit allem einverstanden sind (schliesslich haben wir ja den freien Willen), es wäre bloss schön sich darin einig zu sein, womit wir einverstanden sind oder eben auch nicht.

Zur Illustration: Wenn Gott gesagt hätte, dass Kirscheis das beste Eis im Universum ist, dann kann man dem entweder zustimmen oder auch nicht. Und man kann darob auch gerne blutige Kriege führen. Doch völlig unabhängig vom Ausgang dieser Kriege sind sich alle darin einig – und das von Anfang an -, welches Eis für Gott die Nummer eins ist. Zu wissen, was Gott tatsächlich will, schränkt uns in unserer Willensfreiheit ja nicht ein.

Was spricht also dagegen, dass jeder einzelne Aspekt vom Willen Gottes so klar wie Kirscheis ist?2

Gott sei es angeblich wichtig, wie ich mich im Bezug auf ihn entscheide. Also ob ich ihn von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt liebe3. Das halte ich persönlich zwar für einen seltsamen Charakterzug für einen Gott, aber okay, er macht die Regeln.
Aber ich sehe beim besten Willen nicht ein, warum er es so einrichtet, dass ich ihm nur „persönlich“ begegnen kann, nachdem mir von einem Schadchen von ihm berichtet wurde?

Man darf mich nicht falsch verstehen. Partnervermittlungen können eine wertvolle Hilfe sein. Wenn sich die Beschreibungen der Angepriesenen aber von Agentur zu Agentur massiv unterscheiden, dann macht das die Entscheidung nicht wirklich leichter. Ich meine jetzt nicht, dass der eine die Dame als belesen und der andere als grossbusig beschreibt. Das kriegt man unter einen Hut. Die Abweichungen bewegen sich eher in Charakterbeschreibungen wie „barmherzig, gnädig, geduldig und von grosser Güte“4 vs. „kinder5-, völker6– und süssekätzchenmordend7„.
Beide dieser Eigenschaften können anziehend wirken… irgendwie… aber doch nicht gleichzeitig, oder?8

Okay, Gott wünscht sich, dass wir ihn lieben9 und schenkt uns die Bibel quasi als Kontaktanzeige.
Diese Kontaktanzeige ist ein durchaus beeindruckendes Werk. Denn es beschreibt nicht nur Gottes Vorzüge (und Schattenseiten), sondern es lehrt uns auch, was er von uns in einer Beziehung erwartet. Beispielsweise dass wir unseren Nächsten lieben … und ihn umbringen sollen, wenn er sich am Sabbat mit einer Krabbenschere den Bart rasiert.
Jaja, ich weiss, letzteres entspricht nicht (mehr?) dem „Geist der Bibel“. Das hindert aber einen geschickten Redner nicht daran, seinen Zuhörern weiss zu machen, dass sich Jesus genau das von uns wünscht.
Klar, das gelingt ihm nur dank fiesen Tricks, beispielsweise indem er er die Stellen hervorhebt, die seine Position zu stützen scheinen, und andere unterschlägt, die vielleicht ein anderes Licht auf die Fragestellung werfen könnten10.
Das ändert aber nichts daran, dass sich Gottes Wille in wesentlich mehr Richtungen deuten lässt seine Eis-Präferenz.

Jeder stimmt darin überein, dass etwas krumm ist, wenn ein Kirscheis statt Kirschen Erdbeeren enthält.
Irgendwie scheinen sich Gläubige aber nicht gross daran zu stören, wenn Folter als ein Akt der Liebe und Barmherzigkeit verkauft wird – wenn es Gottes Wille ist.
Nicht, dass das unvereinbar wäre. Irgendwie lässt sich das sicher auflösen.
Der (scheinbare) Widerspruch ist aber auf jeden Fall verwirrend.

Und um nochmals auf die ursprüngliche Frage zurückzukommen: Welchen Benefit hat diese bei der Lektüre der Bibel doch sehr präsente Verwirrung? Inwiefern dient es Gottes Heilsplan, wenn das Buch, welches Nächstenliebe predigt, die Leute auch dazu bringen kann, Krieg zu führen?

Oder anders formuliert:
Inwiefern dient es Gottes Heilsplan, wenn man sein Buch benutzen kann um effektiver Krieg zu führen?
So wird ein Schuh draus!
Eine Interpretation, die die Armee stärker macht, entspricht vielleicht nicht dem wahren „Geist der Bibel“, doch erhöht es die Chance auf einen schnellen Sieg, was auf lange Sicht die Opferzahlen tief halten könnte.
Und weniger Opfer bei einem Konflikt sind doch sicher wieder näher am wahren „Geist der Bibel“.

Und inwiefern dient es Gottes Heilsplan, wenn man mit seinem Buch die Sklaverei, Sexismus und Homophobie rechtfertigen kann?
Vielleicht indem man erlebt hat, wie schrecklich diese Dinge sind, dass man nie wieder auf die Idee kommen wird solches praktizieren zu wollen? Also Quasi Entwöhnung durch Überdosis? Wäre möglich, scheint aber aus unserer Perspektive nicht wirklich geklappt zu haben. 

Es gibt da aber noch einen weiteren Benefit der biblischen Verwirrung:
Den IKEA-Effekt!
Die Wertschätzung einer Sache wächst mit der Anstrengung, die man in diese Sache steckt.
In unserem Fall: Je mühsamer es ist, eine biblische Verwirrung aufzulösen, desto mehr ist bin ich davon überzeugt, dass ich mit dieser Interpretation richtig liege.

Eigentlich verblüffend, dass Gott sich lieber auf die Verhaltensökonomie verlässt als auf die Überzeugungskraft seiner Gebote.
Andererseits kann man bei einer Aussage wie „Kirscheis ist das beste Eis im Universum“ leicht nicht zustimmen. Bei einer Aussage, die man erst mühselig aus einem Haufen verwirrender Texte herausdestillieren musste, ist das dagegen wesentlich schwerer.11

Damit gibt es also zwei Wege zu Gott: Jenen der Einfältigen, die ungeachtet aller Verwirrungen einfach glauben, was man ihnen sagt, und jenen der Reichen, die es leisten können, sich so lange mit etwas zu beschäftigen, bis das Gehirn sie glauben lässt, dass das alles Sinn macht, um dadurch die kognitive Dissonanz aufzulösen, dass man so viel Zeit mit so viel Stuss verplempert haben.

Ungewisse Zukunft vs persönliche Vorlieben

Dass man sich gegen die Abschaffung der Sklaverei stellt, kann ich ja noch verstehen. Ich meine, die Wirtschaft hängt von ihr ab und auch die Bibel hat nichts gegen sie einzuwenden. Klar, es gibt da Missstände, aber die lassen sich auch beseitigen ohne gleich alles zu verbieten.
Die Sache ist aber die, dass sobald die Sklaverei abgeschafft ist und es auf der Hand liegt, dass die Entscheidung die Wirtschaft ganz und gar nicht in die Knie gezwungen hat und auch dass der moralische Zerfall in der Gesellschaft mitnichten zugenommen hat, dass dann die ethische Beurteilung der Optionen bei der Frage, ob man die Sklaverei wieder einführen soll, eine ganz andere ist.
Vorher musste man ein funktionierendes System gegen eine ungewisse Zukunft abwiegen. Jetzt eine funktionierende Zukunft gegen eine funktionierende Vergangenheit, wobei bei letzterer Menschen eigentlich unveräusserliche Rechte weggenommen werden. Während vorher die Angst vor dem Ungewissen zugunsten der Sklaverei sprach, tut es jetzt nur noch das Interesse am eigenen Profit und die Abneigung/Gleichgültigkeit den eigentlichen Sklaven (zu erkennen an deren Hautfarbe?) gegenüber.

Das gleiche Gedankenspiel könnte man auch für die Gleichstellung der Frau, die Legalisierung der Abtreibung oder eben auch für die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe machen.
Und im Grund auch für die Frage, ob man an einer gefährlichen Kreuzung eine Ampel aufstellen will. Zunächst weiss man nicht, ob die Ampel wirklich die Unfälle senken wird, und in dem Fall fragt man sich schon, ob das Geld nicht an einem anderen Ort besser investiert wäre. Wenn man sie aber erst mal gebaut hat und die Statistiken einen deutlichen Rückgang verzeichnen, dann wird es schwierig, die Ampel wieder abreissen zu wollen. Denn dann ist die Zukunft gewiss. Und es ist allein das Geld, das entscheidet. Und die Hoffnung etwas schneller von A nach B zu gelangen.

Sloweniens Stimmvolk hat sich gestern für die Rücknahme der gleichgeschlechtlichen Ehe ausgesprochen.

Und wie die SVP uns weiszumachen versucht, hat das Volk immer Recht.
Und des Volkes Entscheid hat selbst dann umgesetzt zu werden, wenn er völkerrechtlich umstritten ist und allein auf Phobien gründet.
Phobien, wie sie sich nur allzu leicht schüren lassen.

Eine ungewisse Zukunft kann furchteinflössend sein. In einem solchen Fall kann man dem Stimmvolk seine Vorsicht nicht verübeln. Doch nicht jede Zukunft ist so ungewiss, wie sie auf den ersten Blick vielleicht erscheinen mag.
Wir wissen, dass eine Ampel die Verkehrsunfälle senkt. Wir wissen, dass die Abschaffung der Sklaverei gut für die Wirtschaft ist. Wir wissen, dass da ein Klimawandel im Anmarsch ist. Wir wissen, dass die homosexuelle Ehe nicht die Qualität der heterosexuellen Ehe schmälert.

Und wir wissen, dass man das eigentlich wissen müsste. Dass viele aber lieber ihren persönlichen Vorlieben den Vorrang geben.