Suche Crew für mein Generationenschiff

Hier mein Problem: Ich möchte Kepler-186f besuchen. Ich habe auch schon ein Generationenschiff, doch mir fehlt noch die Besatzung. Und ich grüble jetzt darüber nach, wie ich diese zusammen kriege.

Ich könnte natürlich ein Inserat aufgeben. Ähnlich jenem, mit dem Ernest Shackelton 1914 Mitglieder für seine Antarktisexpedition suchte:


Es werden Männer gesucht für eine gefährliche Reise. Kleines Gehalt, bittere Kälte, lange Monate in kompletter Dunkelheit, dauernd in Gefahr, sichere Heimkehr zweifelhaft. Ehre und Anerkennung im Fall der Rückkehr.


Jeff Albertson

Doch ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich damit die richtigen Leute ansprechen würden… Ich meine, es sollen Trekkies werden und nicht unbedingt schon welche sein…

Er hatte Glück. Das schon. Unter den 5000 Bewerbern fand er tatsächlich 27 brauchbare Männer. (Die übrigens nicht nur Kälteresistenz und handwerkliches Geschick, sondern auch eine gute Singstimme mitbringen mussten!)
Mir ist allerdings nicht bekannt, wie viele Expeditionen, die mit einer ähnlichen Annonce gestartet sind, am Ende kein so glückliches Ende nahmen. Diese Methode braucht also nicht zwangsläufig gut zu sein. Und vielleicht sogar erst recht nicht dann, wenn man nicht nur die Skills der Besatzung braucht, sonder auch die von deren Kindern und Kindeskindern.
Andererseits könnte der Umstand, dass man auch die nächsten Generationen braucht, die Sache auch vereinfachen, weil ich schliesslich die Besatzungsmitglieder aller Generationen gleich behandeln muss. Und da die der nächsten Generationen nicht gefragt werden (können), ob sie mitmachen wollen, es nur fair ist, wenn auch die der ersten Generation nicht gefragt werden.
Das bedeutet, dass ich mir die Kosten für die Annonce und die Bewerbungsgespräche sparen und direkt zur Vertragsunterzeichung in contumaciam (sprich Abduktion1) schreiten kann.

Gut möglich, dass die Besatzung in Folge dessen etwas angepisst sein wird. Doch lieber eine angepisste, fähige Crew als eine enthusiastische, aber völlig inkompetente.

Ein wichtiges Kriterium sollte daher sein, dass die Crewmitglieder nicht nachtragend sind. Welche anderen Fähigkeiten und Eigenschaften sonst noch nützlich sein könnten, darüber tappe ich leider noch ein bisschen im Dunkeln.

Tricia Helfer

Ich dachte kurz daran eine Casting-Firma mit der Suche nach geeigneten Kandidaten zu betrauen. Die hätten mir aber wahrscheinlich Tricia Helfer vorgeschlagen, weil die in Ascension und Battlestar Galactica bereits Erfahrungen auf sowas wie Generationenschiffen sammeln konnte. Nichts gegen Tricia Helfer, auch bei mir steht sie hoch oben auf der Favoriten-Liste, doch da sie bei der Casting-Firma das Ergebnis von Typecasting gewesen wäre, wäre sie als eine der Bösen angeheuert worden. Und Böse wollen wir auf unserem Schiff lieber keine haben. Auch dann nicht, wenn sie wie Tricia Helfer aussehen. Sogar ganz besonders dann nicht.

Was also muss ich von meiner Crew erwarten?

Technisches Know how und handwerkliches Geschick sind sicher nett, aber in diesem Fall nicht unumgänglich. Das Raumschiff fliegt sich schliesslich mehr oder weniger von selbst. Es brauchen keine Sonnensegel gesetzt und wieder eingeholt zu werden und die Chancen, in was rein zu donnern, sind im interstellaren Raum verschwindend klein – wobei (näher betrachtet) genau das in gewisser Weise ja das erklärte Ziel der Mission ist…

Es sieht so aus, als brauche es nichts weiter als einer Gruppe von Leuten, die es miteinander aushalten und sich (und ganz besonders mir) nicht irgendwann an die Gurgel gehen.

Vielleicht sollte ich mich daher weniger auf die „Nützlichkeit“ auf dem Schiff konzentrieren und mehr auf das, wofür sie dann später gebraucht werden?

Was will ich eigentlich auf Kepler-186f?
Ich will es besuchen.
Vielleicht ein paar Fotos machen.
Die lokalen Spezialitäten probieren.

Wir werden Touristen sein!

Ich muss also optimale Touristen (respektive deren Vorfahren) mitnehmen.

Da wir nicht wissen, was genau uns dort erwartet, sollten wir sicherheitshalber lieber Touristen des Typs Abenteuerer sein. Auch wenn das vielleicht auf den ersten Blick nicht so aussehen wird, schliesslich entsteigen wir dort alle gemeinsam einem Ding, dass so ziemlich jedes Kriterium eines Kreuzfahrtschiffes erfüllt.

Nein!
Nicht Kreuzfahrerschiff!!
Kreuzfahrtschiff!!!

Meine Crew soll also Kondition2, einen guten Orientierungssinn3, ein Gespür für Kommunikation 4, einen robusten Magen5 und eine lange Hose6 besitzen.
Für weitere Modifikationen, sei es nun im Aussehen oder beim Metabolismus, nehmen wir CRISPR mit. Es sollte also auch die Bereitschaft vorhanden sein, sich neue Körperteile zuzulegen.

Die soziale Struktur

Und last but definitely not least: Braucht es eine Hierarchie an Bord meines Generationenschiffs?
Braucht es einen Kapitän?

Wie wir schon gesehen haben, ist da nichts im Weg, dem man ausweichen müsste. Und wenn da doch mal was wäre, dem man besser ausweichen sollte, dann ist da mehr als genug Platz um das zu tun. Dafür braucht es keinen Kapitän. Das kriegt auch ein lausiger Autopilot hin. Und der kann auch den Start und später den Tempomaten und die Navigation übernehmen.

Überhaupt scheint mir, dass es einen Kapitän nur braucht, wenn Entscheidungen getroffen werden, deren Konsequenzen (noch) nicht absehbar sind. Wenn die aber bekannt sind und man sich einig ist, welche man bevorzugt, dann weiss jeder, was zu tun ist.
Das heisst, je berechenbarer die Welt umso weniger brauchts nen Chef.

Das allereinzigste Unberechenbare auf unserer Reise Richtung Sternbild Cygnus wird die Liebe sein!
Und so wünschenswert es auch wäre, wenn sich Liebesangelegenheiten mit einem Machtwort regeln liessen, so funktioniert die Liebe leider nicht.

Für den Flug braucht es also keinen Kapitän.
Und vor Ort?
Wir … sind … keine … Armee … AUSRUFEZEICHEN
Wir sind TOURISTEN!

Okay, Touristen sind kein Zivilisten. In Massen können sie einer Kultur Schaden zufügen, der traditionell eigentlich Armeen vorbehalten sein sollte7, doch ich bezweifle, dass wir die kritische Masse erreichen werden, welche für sowas nötig ist, selbst auf Kepler-186f.

Und ›Tourist‹, so wusste Rincewind inzwischen, bedeutete ›Idiot‹

(Aus dem gleichen Grund sind übrigens auch Missionare keine Zivilisten;)

Moment! Das bringt mich jetzt aber auf eine Idee…

Vielleicht könnte die Einführung einer massgeschneiderten Religion die noch verbleibenden unberechenbaren Situationen auf dem Schiff entschärfen helfen? Sie würde zwar nichts flicken oder so, aber vielleicht wenigstens die Schäden etwas erträglicher machen. Denn wenn Religionen eins können, dann unzufriedene Leute daran hindern, Dampf abzulassen. Respektive den Dampf in eine nützliche Richtung kanalisieren. Normalerweise in die eines Sündenbocks, dessen Lynchen8 die Moral der Gemeinschaft stärkt (und sei es auch nur durch das kollektive schlechte Gewissen).
In dem Fall müssten wir dann wohl auch einen Sündenbock mitnehmen, der sowas wegstecken kann. Einen Batman.

Neee, lieber nicht… So eine Religion wird man, wenn man sie sich erst mal eingebrockt hat, nämlich nicht mehr so einfach los.

Rekrutierung

Da wir jetzt so ungefähr wissen, wonach wir Ausschau halten, müssen wir uns noch überlegen, wie wir das tun sollen. Da wir die Kandidaten, wie oben erklärt, nicht informieren können, müssen wir die Tests dezent in ihren Alltag integrieren: Wir lassen sie mal in einem Zug festsitzen oder wir lassen sie von einem ungeschickten Kellner bedient werden oder wir lassen sie einer alten Dame begegnen, die einen Fernseher über die Strasse trägt. Solche Sachen.
Und mit der heute überall präsenten Überwachung, sollte es uns nicht schwer fallen, die Reaktionen unauffällig zu sammeln und fachkundig auszuwerten.

Moment mal…

Ich sass erst kürzlich in einem Zug fest. Und der Kellner gestern war ausgesprochen ungeschickt. Und die Tasche der alten Hexe war schon erstaunlich schwer…

Werde ich gerade getestet?
Wofür?
Auch für eine Expedition?

Das lässt sich nicht ausschliessen…

Ich glaube, da gab es mal Gerüchte9 über eine Wesenheit, die eine Crew für etwas sucht, das eine Ewigkeit dauern soll… Könnte es das sein?

Könnte es sein, dass Jehowa gerade sein (T)raumschiff Paradies besatzt?
Könnte es sein, dass die Auswahlkriterien in der Bibel festgehalten wurden?
Oder ist das Auswahlkriterium, wie wir auf bescheuerte vermeintliche Auswahlkriterien reagieren?

Ich habe mir ein Generationenschiff gebaut, weil noch kein Antrieb zu kriegen war, der mein Schiff auf (annähernde) Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen fähig wäre. Einer Wesenheit, die mächtiger10 ist als ich, könnte ein solcher aber durchaus zur Verfügung stehen – wodurch sich die Reise für seine Expeditionsteilnehmer auf einen Wimpernschlag verkürzen würde. Und das würde auch die Sache mit Himmel und Hölle erklären: Während die Auserwählten mit Warp-Antrieb zu fremden Welten reisen, muss der Rest sich mit dem konventionellen begnügen. Was lange dauert. Eine objektive Ewigkeit. Eine Hölle der Langeweile.

Mein Problem mit der Pascalschen Wette war immer, dass der Himmel, wie er uns von den Religionen versprochen wird, sich für mich als eine geistige Folterkammer darstellt. Wenn der Himmel aber die lichtgeschwinde Reise zum nächsten Ort ist und die Hölle die im Schneckentempo, dann könnte der Himmel vielleicht doch die bessere Option sein, trotz des launischen Kapitäns. Denn den muss man Dank Zeit-Dilatation ja nicht allzu lange ertragen.

Die Bibel ist also ein Werbeprospekt für eine Fähre, deren Kapitän eine Art Trump ist?

Cherry Picking

Das Buch der Liebe

Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Wasch dir vor dem Essen die Hände. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich werde dir den Bauch aufschlitzen und dir deine Eingeweide herausreissen, wenn du mich nicht liebst. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich.

Ein Gedankenexperiment: Man lege „Das Buch der Liebe“ (siehe oben) zwei Leuten vor. Nennen wir sie Christian und Christoph. Auf die Frage, ob sie einen repräsentativen Satz nennen können, antworten sie folgendes:

Christian: „Ich liebe dich.“
Christoph: „Ich werde dir den Bauch aufschlitzen und dir deine Eingeweide herausreissen, wenn du mich nicht liebst.“

Welcher der beiden hat recht und wer cherrypickt?

Die überwiegende Mehrheit der Sätze entspricht tatsächlich exakt jenem vom Christian. Allerdings ist der Satz von Christoph nicht einfach ein anderer etwas seltenerer Satz. Er lässt uns alle anderen Sätze auf einmal ganz anders sehen. Es geht im Buch der Liebe zwar immer noch um Liebe, aber ich sollte es vielleicht lieber nicht mehr meiner Liebsten zum Valentinstag schenken…

 

 

Da ist aber noch ein anderer Satz: „Wasch dir vor dem Essen die Hände.“
„Das Buch der Liebe“ muss zwar eindeutig als ein verstörendes Werk betrachtet werden muss, von dem man besser die Hände lässt. Doch das ändert nichts daran, dass es durchaus richtig ist, sich die besagten Hände vor dem Essen zu waschen.
Bedeutet das, dass es doch ein Buch ist, das man verschenken kann? Und sogar nicht nur zum Valentinstag. Ich meine, die Anweisung sich die Hände zu waschen, kann einem schliesslich buchstäblich das Leben retten.
Ist vielleicht dieser Satz der repräsentativste? Weil nützlichste. Und alle anderen die gecherrypickten?

 

 

Vielleicht hilft uns ein Blick in den Kirschbaum aller Bücher weiter:

Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man denn Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln? So bringt jeder gute Baum gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt schlechte Früchte. Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen. Jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Darum, an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.
Matthäus 7,15–20

Im „Buch der Liebe“ ist die Liebeserklärung eindeutig das Schafskleid und durch das Bauchaufschlitzen wird der inwendige Wolf entlarvt. Und die Fäule der Frucht ist die Furcht, die einen beschleicht, wenn einem klar wird, dass es sich um eine obsessive Liebe handelt.
Ergo ist das „Buch der Liebe“ ein fauler Baum.
Aber die Sache mit dem Händewaschen ist eindeutig eine gute Frucht.
Also ist es ein guter Baum, weil ein fauler Baum nicht gute Fürchte bringen kann…

Der Rückschluss von der Qualität einer Frucht auf die Qualität des Baumes ist nicht ganz unproblematisch. Wenn alle bisher getesteten Früchte eines Baumes sich als faul erwiesen, erhöht das zwar die Wahrscheinlichkeit, dass auch die nächste zu testende Frucht faul ist, es macht es aber keineswegs notwendig. Das wäre ein Fehlschluss (ein so genanntes argumentum ad arborem).

Was faule Früchte sind, ist klar. Für die kann es aber verschiedene Ursachen haben:
Wenn es eine Baumkrankheit ist, welche alle Früchte faul werden lässt, dann ist es wohl schon ein fauler Baum und der hat dann wohl nur faule Früchte.
Wenn es aber eine Krankheit ist, die nur die Früchte befällt und sich allein über diese ausbreitet, dann ist es trotz der faulen Früchte offensichtlich kein fauler Baum. Denn er wird das nächste Jahr wieder gute Früchte tragen.
Wenn man die Krankheit nicht kennt, kann man aus der blossen Existenz von faulen Früchten keine Rückschlüsse auf die Gesundheit des Baumes ziehen.

Wohlgemerkt, in beiden Fällen kann es Sinn machen, den Baum auszureissen. Selbst dann wenn nur die Früchte faul sind. Dies kann nötig sein um die Fäule daran zu hindern auch noch die Früchte auf anderen Bäumen zu befallen.

Diese Vorstellung, dass ein Baum ausschliesslich gute oder faule Früchte tragen kann, ist absurd. Eine echt faule Frucht.
Da wollen wir lieber nicht der Empfehlung folge leisten, die uns die Bibel gibt für den Fall, wenn wir irgendwo faule Früchte finden…