Eda Gregr
30.11.2016 um 00:11

Das Postfach quillt über und der Chef liegt einem in den Ohren, dass dieses und jenes noch immer nicht fertig ist. Was tun?

Ein Seminar besuchen zum Thema Arbeitsmethodik und Zeitmanagement! Das liegt doch auf der Hand, oder nicht?
Wenn man seine Arbeit effizienter gestaltet, schafft man mehr und alles ist gut!
Und wenn man mehr schaffen will, machen einen die Coaches früher oder später auf das Pareto-Prinzip aufmerksam. Also dass 80% der Ergebnisse mit 20% des Aufwandes erreicht werden.

Was aber lässt sich aus dem Pareto-Prinzip ableiten? Wie kann man dieses Muster, das man tatsächlich überall im Arbeitsalltag finden kann, zu seinen Gunsten nutzen?

Natürlich darf man das Pareto-Prinzip nicht allzu wörtlich nehmen. Es ist schliesslich lediglich ein Muster unter vielen, denen man in der Arbeitswelt begegnet.
Ein anderes Muster wäre beispielsweise – ich nenne es mal – das Marathon-Prinzip: Für jede aufgegebene Arbeit hat man nur ein beschränktes Pensum am Energie zu Verfügung, welche es weise aufzuteilen gilt. Hie und da ein kurzer Sprint liegt durchaus drin, ob man damit aber schneller im Ziel ist, steht auf einem anderen Blatt. Vor allem kann man aber vergessen die ganze Strecke in diesem Tempo durchhalten wollen.
Aus dieser Metapher lässt sich ableiten, dass der Umstand, dass die Ferienabwesenheit eines Kollegen nicht zu einem Kollaps der Firma führt, noch kein Grund sein kann, dessen Stelle abzubauen. Das leuchtet im Grossen und Ganzen auch jedem ein.

Und was lässt sich dann aus dem Pareto-Prinzip ableiten?

Ist das nicht offensichtlich?

Es ist nicht die unter Managern populäre Strategie, 125% zu den neuen 100% zu erklären. Man könnte zwar meinen, dass man auf diese Weise mit 20% Aufwand die alten 100% erreicht, was eigentlich im Interesse des Arbeiter sein sollte, doch das ist natürlich Blödsinn. Indem man in eine grosse Schüssel Bockmist ein Schild steckt, auf dem „Kleine Schüssel Bockmist!“ steht, löffelt man diese deswegen noch lange nicht schneller aus.

Nein, es ist folgende Strategie: Man erklärt sich mit 80% zufrieden! Und kriegt im Gegenzug 400%. Tadaaa! Man kann nämlich statt einmal 100% auch fünfmal 20% leisten, welche an 5 verschiedenen(!) Projekten je 80% der Ergebnisse liefern. Und wenn man so viel Wert auf die jeweils restlichen 20% legt, dann kann man eine weitere Person einstellen, die dann mit je 20% ihres Aufwands wieder je 80% des Rests erledigt1. Damit wäre man dann schon bei fünfmal 96%, also insgesamt 480%. Damit senkt man zwar die vorher 4-fache Leistung pro Person auf eine 2.4-fache, aber okay, wenn man das unbedingt will… Man kann sich übrigens auf diese Weise beliebig nah an die 100%, resp. 500% herantasten: Mit 1000 Leuten ist die Differenz beispielsweise nur noch 21000*10-1000%, das ist ungefähr ein Zehncentsexdezilliardstel oder ein Irgendwas-mit-700-Nullen-stel, was den meisten Controllern eigentlich nicht mehr auffallen sollte.
Ich bin mir aber nicht sicher, ob ein Manager, der innerhalb der 80%-sind-genug-Strategie die Perfektion sucht, wirklich seinen Bonus Wert ist…

Mir stellt sich sogar die grundsätzliche Frage, ob es gerechtfertigt ist Boni an Bosse auszuzahlen, wenn diese ihre Angestellten in Kurse zu Arbeitsmethodik und Zeitmanagement schicken? Ist das nicht ein Eingeständnis dafür, dass sie zu knausrig sind um einen weiteren Mitarbeiter einzustellen um die völlig erschöpften zu entlasten? Dass sie ihrer Untergebenen schamlos ausbeuten, weil sie nicht nur keine Rücksicht auf deren Leid nehmen, sondern viel mehr weil sie daraus Profit schlagen?
Dass sich die Überforderten ihre Überforderung selbst zum Vorwurf machen, zeugt zwar von der Brillanz der Vorgesetzten, ändert aber nichts daran, dass ein solches Arbeitsmodell aus ethischer Sicht eigentlich nicht belohnt werden sollte.

Ist diese Haltung, dass der Grund für das Nichterfüllen des Pensums die suboptimale Arbeitsweise ist, nicht Victim-Blaming?
Wenn jemand sein Pensum kaum zu stemmen vermag, wessen Schuld ist das? Und bei wem liegt die Beweislast? Beim Angestellten, der nachweisen muss, dass es unter den gegebenen Umständen tatsächlich physikalisch nicht zu schaffen ist? Oder beim Vorgesetzten, der nachweisen muss, dass der Angestellte2 einfach ein fauler Sack ist?

Vielleicht liesse sich die 80-zu-20-Regel ja nutzen um festzustellen, ob man dem Angestellten zu viel aufgehalst hat? Wenn dieser nach ungefähr 2 Stunden3 nicht 80% seines Tagessolls erfüllt hat, stimmt das Pensum nicht4. Ich bezweifle jedoch, dass sich ein Vorgesetzter finden lässt, der diesen Indikator akzeptieren würden…

Ganz anders sieht die Situation natürlich aus, wenn man die Leute in diese Kurse schickt um das Defizit an Arbeit auf eine befriedigende Art und Weise über den ganzen Tag zu verteilen, denn auch Langeweile und Unterforderung besitzen Stresspotential, auf welches es zu reagieren gilt.
Jemandem mehr Arbeit zu geben, als er zu erledigen fähig ist, ist ethisch bedenklich. Ihm dagegen weniger zu geben, mag wirtschaftlich uninteressant und psychologisch zersetzend sein, doch daran ist ethisch nichts auszusetzen. Wenn Kurse zu Arbeitsmethodik und Zeitmanagement sich also nicht auf dem gleichen Niveau wie Schmink-Tips für verprügelte Frauen wiederfinden wollen, sollten sie sich das vielleicht zu Herzen nehmen.

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