Roger und der Doppeltrump

Meine Bubble ist eigentlich fantastisch. Keine Querdenker, keine Seuchenfreunde und nur wenige Katzenladies. Nichtsdestotrotz dringt hie und da über ein durchaus berechtigtes 🤦‍♂️auch mal was Bescheuertes bis zu mir durch. Beispielsweise Roger Köppels Trump-Rede-Analyse in seiner „autonomen Republik des freien Denkens“ (Weltwoche Daily, 7.12.2020)

Der Kontext

Zu Anfang gibt Köppel uns den Kontext zu seiner Position zu Donald Trump. Er sei eigentlich nie ein Fan von Trump gewesen. Er sei ihm immer in bisschen suspekt als Angeber, als Blöffer gewesen. Seine Perspektive habe sich aber verändert, als er 2016 am WEF an einem Panel teilnahm, wo die Rede auch auf Trump kam und wo sich plötzlich dieser Saal von hochdekorierten Akademikern, Wissenschaftlern, etc. über ihn auszulassen begann. Die Verachtung, das Gelächter und die Geringschätzung und Abschätzigkeit, die dort in einer geradezu aggressiven Manier zutage trat, hat ihn etwas misstrauisch werden lassen.

Was bis hierher auffällt, ist einerseits, dass er sich hier spontan schützend vor den geprügelten Hund stellt. Das zeugt von einem redlichen Charakter. Auch ich versuche auch in den übelsten Zeitgenossen das Gute zu sehen, doch normalerweise komme ich am Ende zum Schluss, dass die betroffene Person für ihre Position durchaus gute Gründe haben kann, nicht jedoch, dass die Position deshalb auch richtig ist. Das ist ein grossen Unterschied.

Und andererseits eine gewisse – ich nenne es mal – Reserviertheit gegenüber Wissenschaftlern. Köppel, der sonst nie ein Blatt vor den Mund nimmt und auch nicht davor zurückschreckt seine Gegner auch mal mit abschätzigen Begriffen zu umschreiben, mag sich über deren benehmen gewundert haben, vielleicht sogar zurecht, doch ist es nicht diese Charakterschwäche, die diesen Wissenschaftler ihre Orden beschert hat. Das sind gewissermassen zwei Personen: Der Lästerer und der Wissenschaftler. Die Schwächen des einen diskreditieren nicht die Expertise in seinem Fachgebiet des anderen.

Er habe dann in der Folge die Trumpgeschichte etwas genauer verfolgt und ihm sei aufgefallen wie gehässig und auch extrem verachtend amerikanische Leitmedien auf diesen Trump reagiert haben.

Etwas als „gehässig und verachtend“ zu bezeichnen, ist nicht ganz unproblematisch. Es sind emotionale Zuschreibungen, die oft weniger vom Schreiber beabsichtigt waren als viel eher vom abgeneigten Leser hineininterpretiert wurden. Genau wie ich das „hochdekoriert“ oben spontan nicht als anerkennend, sondern als einen zynischen Seitenhieb interpretiert habe.
Wichtiger finde ich aber, ob die Medien sich der Wahrheit verpflichtet fühlen. Ob sie sich dabei geschickt anstellen, ist leider eine ganz andere Frage. Ihre Attitüde halte ich dabei für eher nebensächlich. Genau wie ich auch der SVP ihre DasWirdManDochNochSagenDürfen nicht vorwerfe, solange diese nicht zu einem eigenständigen Problem wird.

Trump habe manchmal Dinge gesagt, die völlig absurd schienen, aber er habe auch immer wieder Dinge gesagt, die ihm eingeleuchtet haben und die er vernünftig fand.

Was nimmt man mit, wenn jemand mal absurdes und mal vernünftiges sagt (und tut)? Vor allem wenn oft erst nach eingehender Prüfung klar wird, ob etwas bestimmtes nun zum einen oder anderen gehört?
Ich finde, wir sind es der Vernunft schuldig, die eingehende Prüfung zu unternehmen und das Vernünftige mitzunehmen. Ich finde aber nicht, dass es sehr weise wäre, ihn zum Präsidenten zu machen, wo auch das absurde für bare Münze gehalten werden müsste. (Und im Interesse eines harmonischen Zusammenlebens erst recht nicht, wenn die politischen Gegner – auch nach eingehender Prüfung – noch immer alles alles für absurd halten. (Hier spielt meine Überzeugung rein, dass im Interesse eine produktiven Zusammenarbeit, die wir uns doch alle erhoffen, möglichst von allen Seiten akzeptierbare Kandidaten ins Rennen geschickt werden sollten.))

Und man habe festgestellt, dass dieser Trump eine gehörige Anhängerschaft mobilisieren konnte. Und diese Verachtung, die man in den Medien gespürt hat, die hat den Köppel immer mehr abgestossen, denn in dieser Verachtung gegenüber Trump sei immer auch die Verachtung gegenüber den sogenannt einfach Menschen zutage getreten, die eben in Trump investiert haben, die an Trump glaubten und immer noch an ihn glauben.

Eine grosse Anhängerschaft mobilisieren zu können, ist nicht notwendigerweise ein Qualitätsmerkmal. Es heisst bloss, dass man Dinge anspricht, die für viele Leute wichtig sind. Es heisst aber nicht unbedingt, dass diese Dinge auch tatsächlich das Gewicht haben, das ihnen die Leute beimessen.

Ich nehme an der Köppel hält nicht viel vom Kreationismus (auch wenn ich in diesem Betrag ein gewisses Sympathisieren mit religiösen Gefühlen zu spüren glaube). 40% der Amerikaner hängen diesem aber immer noch an. Und zu einem überwiegenden Teil in Trumps Gefolgschaft.
Wenn ich jemandem gegenüber eine gewisse Verachtung verspüre, von dem ich weiss, dass er es eigentlich besser weiss, aber aus politischem Kalkül mit dem Kreationismus liebäugelt, dann bedeutet das nicht notwendigerweise, dass ich auch die Kreationisten verachte. Den Kreationismus durchaus, weil fürchte, dass von ihm eine eminente Gefahr ausgeht, nicht aber die Kreationisten. Nicht dass ich diesen Leuten gegenüber nicht überheblich wäre, denn das bin ich wohl durchaus. Schliesslich halte ich sie für verblendet und bedenklich ungebildet, doch ich mache ihnen das nicht zwangsläufig zum Vorwurf. Ich halte sie für Opfer einer bedauerlichen Situation.
Wenn die Medien also eine gewisse Verachtung gegenüber dem Charakter Trumps zeigen, dann macht es sich der Köppel zu einfach, wenn er daraus auch auf eine Verachtung seiner Gefolgschaft schliesst. Für jene, die es besser wissen, durchaus, für die anderen empfinden sie eher Mitleid. Für die betroffenen Personen ist natürlich beides gleichermassen kränkend, doch sind es zwei sehr verschiedene Sachen, ob einem Böswilligkeit unterstellt wird oder Naivität.

Ich denke, dass vieles von dem, was als Verachtung gegenüber seiner Anhängerschaft interpretiert wird, in Tat und Wahrheit auf deren vermeintliche Bigotterie zielt: Wenn all die Dinge, die einen demokratischen Präsidenten in den Augen dieser Leute komplett disqualifiziert haben, bei Trump, der diese noch viel exzessiver zur Schau stellt, aber überhaupt kein Problem sind.
Das ist tatsächlich ein Kritikpunkt, den sich seine Anhänger gefallen lassen müssen. Andererseits denke ich nicht, dass es je die überragende Moral eines Kandidaten war, die jemanden überzeugt hat für ihn zu stimmen. Viel eher versucht man mit der Amoral des Gegenkandidaten dessen Anhänger abzuschrecken. Natürlich erfolglos.
Ich bezweifle daher, dass abgesehen von den „Trumpsycophanten“ sehr viele seiner Wähler seine Betrügereien, seine Lügen und seinen Narzissmus okay finden, doch gibt es für diese wichtigere Punkte, weshalb diese Dinge ihn nicht gleich disqualifizieren.
Ausser wenn einer der wichtigeren Punkte ist, den Gegnern ans Bein zu pinkeln, sind die Eigenschaften, obwohl man sie verachtet, vielleicht dennoch herzlich willkommen. (Diese Motivation halte ich allerdings für ausgesprochen arschlochig!)

Und damals sei ihm ein Phänomen bewusst geworden, das er so bezeichnen würde: Es gibt zwei Trumps. Es gibt sozusagen den Trump, den Angeber, den Trump, der es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, den Übertreiber und auch den Beleidiger Trump und vielleicht auch Trump, der es nicht ganz so ernst nimmt mit der ehelichen Treue etc. diesen egozentrischen, narzisstischen Showstar Trump. Aber es gibt oder gab daneben immer auch noch einen zweiten Trump. Und dieser Trump ist oder war der Trump, der fürs Volk gesprochen hat. Und der es in einer Art uns Weise gemacht hat, die ihn überzeugt habe.

Diese Zwei-Trump-Theorie ist fantastisch. Nicht neu. Aber äusserst effizient, wenn man sich mit gewissen Aspekten nicht beschäftigen will.
Die Frage ist aber, ob das legitim ist?
Bei gewissen Dingen macht es durchaus Sinn eine Zwei-Personen-Praxis zu vertreten. So sollte es keine Rolle spielen, ob jemand Volksmusik mag oder schwul ist, wenn es darum geht, ob er gewählt werden soll. Wenn es aber um die Ehrlichkeit geht, dann sieht sie Sache anders aus. Ich will nicht bestreiten, dass es manchmal nötig ist zu lügen, aber man wünscht sich schon jemanden, der das nicht auf die leichte Schulter nimmt. Wenn die Erfahrung aber zeigt, dass jemand nicht davor zurückschreckt zu lügen, wenn er sich davon einen Vorteil verspricht, dann kann man sich nicht wirklich darauf verlassen, dass er zu seinem Wort stehen wird – was in der Politik eine zentrale Forderung ist. Natürlich könnte man einwenden, dass man diese Gewissheit auch bei jemandem nicht hat, der noch nicht der Lüge überführt wurde, doch ich denke, dass es schon einen Unterschied macht bei der Wahl, wem man das vertrauen schenken will, wenn der eine von beiden regelmässig lügt und das auch bei wirklich unnötigen Sachverhalten. Und es macht mir etwas Sorgen, dass der Köppel das nicht so sieht.

Köppel scheint vielmehr beeindruckt davon zu sein, dass Trump fürs Volk spricht. Das scheint das einzige zu sein, was in seinen Augen einen Politiker legitimiert? Er führt aber nicht aus für welches Volk er spricht, respektive sprechen soll. Und auch nicht, was dann die Leute sind, für die er nicht spricht.
Hinzu kommt, dass fürs „Volk“ sprechen – insbesondere wenn es nur ein Teil der Bevölkerung ist – gern mit Populismus, Demagogie und Nationalismus einher geht. Und nicht immer mit den guten Varianten. (Nicht dass mir gute Varianten bekannt wären, aber ich nehme an der Köppel sieht das etwas differenzierter.)

Oder beeindruckt er Köppel vielleicht, weil er wie das „Volk“ spricht? Seine Sprache ist die eines Primarschülers und er hält sich nicht ans Protokoll, welches eine respektvolle Zusammenarbeit auch zwischen den Fronten ermöglichen soll. Er macht Leute lächerlich und pinkelt jedem beliebig ans Bein. Das ist erfrischend, ohne Zweifel, denn viele haben das verdient, aber so funktioniert Politik nicht, die darauf angewiesen ist, dass man auch zurücksteckt und Kompromisse findet. So gewinnt man Wahlen und stärkt das Selbstwertgefühl des „Volkes“, so bringt man aber nicht das Land vorwärts.

Als er sich intensiver mit dem Phänomen Trump zu beschäftigen begann, fiel Köppel auf dass der zweite Trump jemand ist, der Dinge auf den Tisch legte, die sonst weggewischt werden. Trump habe sich zur Wehr gesetzt gegen die Arroganz der Medien, gegen die Arroganz der politischen Eliten, auch gegen die Arroganz der Universitäten, die so tun als hätten sie absolute Wahrheiten, auch moralische Wahrheiten auf ihrer Seite.

Auch hier. Nicht alles, was vom Tisch gewischt wird, hat auf den Tisch etwas zu suchen. Den Leuten nicht zu erlauben andere aufgrund von Geschlecht, Hautfarbe oder sexueller Orientierung zu diskriminieren, ist keine Diskriminierung, auch wenn das „Volk“ es als genau das versteht und es wieder erlaubt sehen möchte. In den Biologiestunden den Kreationismus nicht zu unterrichten, ist keine Unterdrückung der Glaubensfreiheit durch arrogante Wissenschaftler, auch wenn das „Volk“ es als genau das versteht und ihn wieder im Unterricht sehen möchte. Und keine Mauer zu Mexiko bauen zu wollen, ist kein Landesverrat, wenn man das Problem offensichtlich an einem anderen Ort liegt, auch wenn das „Volk“ es als genau das versteht und sie gebaut sehen möchte.

Jede Zeitung glaubt alles besser zu wissen. Das mag arrogant wirken, ist aber insofern nicht tragisch, da es ja noch andere Zeitungen gibt, die ebenfalls um Glaubwürdigkeit buhlen. Jede Partei glaubt auf der moralisch besseren Seite zu stehen. Das mag arrogant wirken, ist aber insofern nicht tragisch, da sie ja mit anderen Parteien noch immer einen Konsens treffen muss. Jede wissenschaftliche Disziplin glaubt alles besser zu wissen als früher. Das mag arrogant wirken, ist aber insofern nicht tragisch, weil das tatsächlich auch stimmt. Das heisst nicht, dass man damit die absolute Wahrheit gefunden habe, sondern nur, im besten Fall, dass eine bestimmte Annahme nachweislich und in Übereinstimmung mit allen Peers absolut falsch ist.
Arroganz verdirbt des Spass, schmälert aber nicht die Wahrheit.

Und da habe sich Trump winkelriedmässig wirklich ins Zeug gelegt und für die Leute gekämpft, für die einfachen, von diesen hochfliegenden und hochwohllöblichen Institutionen nicht zur Kenntnis genommenen Menschen eingesetzt. Unter Inkaufnahme sehr grosser persönlicher Nachteile. Und dieser Trump imponiert ihm. Und diesen Trump hat Köppel verteidigt in Artikeln der Weltwoche.

Natürlich wie Winkelried. Wie der mythische Held, der sich am 9. Juli 1386 so tapfer in den Fersensporn seiner Feinde stürzte…
Dass Köppel Trump mit dem grössten Helden der Schweiz vergleicht, finde ich aber schon speziell. Es fühlt sich für einen SVP-Mann gleichermassen naheliegend wie blasphemisch an. Irgendwie ist es auf eine verquere Weise das gleiche wie die Identifikation von Jana aus Kassel mit Sophie Scholl. Hier einfach gefühlt etwas weniger Relativierung, dafür ein klitzekleines bisschen mehr Absolutismus. Auf jeden Fall aber ein trauriger Ausverkauf der Ideale.
Winkelried hat für seine Kameraden sein Leben gegeben. Dass Trump absurde Sachen macht und die Medien sich dann darüber lustig machen, kann man damit aber schwerlich vergleichen. Insbesondere, da er aus diesen Anfeindungen durchaus Profit zu schlagen versteht. Die Presse kritisiert ihn, er nennt sie Fake-News, die Glaubwürdigkeit der Presse nimmt Schaden und bei seine Anhängern wächst der Messias-Status. Bisweilen, so scheint es, legt er es sogar richtig drauf an. Je mehr ihn die einen hassen, desto mehr lieben ihn die anderen.
Ich bin mir also gar nicht so sicher, ob er wirklich Nachteile einfährt. Vielleicht sind das auch einfach nur die Kosten der Gesellschafts-Spaltung, aus der seine Energie gewinnt. Divide et impera!
Hinzu kommt, dass ich den verdacht hege, dass Trump sich eine Welt gebaut hat, in der er der allseits beliebte, strahlende Sieger ist. Kritik dringt nicht bis zu ihm vor und wenn doch, schmettert er sie eloquent ab, so dass felsenfest überzeugt davon ist, dass bis auf ein paar mächtige Verschwörer mit diabolischen Agenden alle zu ihm stehen. Das Volk und insgeheim auch die traditionell demokratisch wählenden Leute. Schliesslich kann niemand, der bei gesundem Verstand ist, bestreiten, dass er der beste ist, wos je hets gits.

Doch wenn Köppel Trump als Winkelried inszeniert, als einen mythischen Helden der bereit ist sein Leben zu Geben im Kampf gegen die Habsburger, dann spielt er damit verschiedenen absurden, bisweilen sogar gefährlichen Verschwörungstheorien in die Hand.
Eigentlich müsste sich Köppel als kritischer Geist von kruden Verschwörungstheorien distanzieren und stattdessen die tatsächlichen Mechanismen aufzeigen, welche am Werke sind. Doch das tut er nicht und so tummeln sich in den Kommentaren zu seinen Videos eine Menge Leute herum, die dort menschenverachtende Verschwörungstheorien propagieren.

Köppel sei immer wieder so der Gedanke gekommen, dass die Gegner vor allem über Egotrump sprechen, damit sie nicht über den Volkstribun und auch den Volksredner sprechen müssen, der sehr viel gutes macht. Auch in seiner Präsidentschaft sehr viel gutes macht.

Auch Trump unterstreicht das jedes mal, wenn er sich über die Fake-Medien ärgert, dass sie seine Leistungen unerwähnt lassen. Tatsächlich tun sie das aber nicht. Sie sind bloss nicht so begeistert von ihnen wie Trump und Köppel.
Jegliche Kritik einfach als eine an Egotrump zu verstehen und daraus zu schliessen, dass der Macher und Volkstribun aus ungeklärten Gründen nicht erkannt wird, ist ziemlich billig. Aber offenbar wirksam.

Auch dass er Trump als Volkstribun bezeichnet, ihn mit dem Ehrentitel Blochers schmückt ist interessant. Ein weiterer seltsamer Vergleich.

Ein Knackpunkt sei dann wohl gewesen, als in der Corona-Krise der Egotrump sich zu sehr in den Vordergrund schob. Der Volksredner sei da zu sehr in den Hintergrund getreten.

Kommt nur mir das so vor, als ob Köppel hier Trump strategische Fehler vorwirft ohne die Fehler zu benennen? Was hätte der Volksredner denn getan? Den Ernst der Lage und die Wichtigkeit der Schutzmassnahmen unterstrichen? Also Dinge mit denen sich auch die SVP schwer tut?

Und möglicherweise habe diese übersteuerte Egophase am Anfang der Pandemie dazu beigetragen ihn die Wahl zu kosten.

Trump wird sich damit sicherlich viel Sympathie im eigenen Lager verspielt haben. Das wird aber nicht allzu viele motiviert haben die Seite zu wechseln. Trump war von Anfang an ein Arsch und es hat seine Wähler nicht gestört. Auf der anderen Seite war seine Zustimmung immer lausig. Oder ist es wirklich so abwegig anzunehmen, dass eine Mehrheit ihn nicht so toll findet? Sich nicht von ihm beschützt fühlt?

Was mich dagegen ehrlich erstaunt, ist die Vorstellung, dass es in der Trumpfrage tatsächlich Unentschlossene geben soll. Bei seiner Begabung fürs Polarisieren halte ich das für beinahe ausgeschlossen. Entweder liebt man ihn oder man hasst ihn oder man hasst ihn, akzeptiert ihn aber, weil man sich etwas davon erhofft oder die andere Seite noch viel mehr hasst. Gleichgültig gibt es nicht.

Aber die Corona-Krise hat ihm sicherlich geschadet. Und genutzt. Weil sie mehr Gegner als Anhänger mobilisiert hat. Sowohl bei ihm, als auch bei Biden. Und das wird wohl den Ausschlag gegeben haben.

Köppels Ansicht nach haben die Medien ihre Glaubwürdigkeit verspielt in der Berichterstattung über diesen Trump, weil sie überhaupt nicht diesem Doppelphänomen gerecht werden wollten, sondern sich einfach nur eingeschossen haben auf die eine Seite, wo Trump ihnen natürlich auch immer wieder Munition geliefert habe.

Geht das? Köppel entdeckt die Doppeltrumpigkeit und die Medien verlieren ihre Glaubwürdigkeit, weil sie diese nicht auch erkennen?

Die Rede

Jetzt wendet sich Köppel der 46-Minuten-Rede zu, die vernichtende Reaktionen hervorgerufen haben soll. Er will jetzt auf diese Rede eingehen und einzelne Punkte herausarbeiten.
Die erste Frage sei, ob es Wahlbetrug gegeben habe.

Sollte die erste Frage nicht lauten, ob sich Trump jetzt schon zum Wahlsieger erklären darf? Ich meine, es ist ja noch nichts entschieden. Ich meine ja nur…

Natürlich gab es Wahlbetrug, meine Damen und Herren, so Köppel. Es habe Unregelmässigkeiten gegeben und das sei auch durch eidesstattliche Erklärungen beglaubigt worden. Von denen aber manche wohl nicht vor Gericht standhalten werden.

Manche? Alle Vorstösse vor Gericht wurden zurückgewiesen. Mehr als 50.
Darf man dann sagen, dass die Einwände gültig sind, wenn die Gerichte sie nicht akzeptieren?

Andere seien sehr überzeugend.

Wer entscheidet, was überzeugend ist? Die Gerichte oder die Medien? Oder irgendwelche Verschwörer, die dann die Gerichte und Medien darüber in Kenntnis setzen?

Es habe natürlich Unregelmässigkeiten gegeben und Wahlbetrug. Entscheidend aber sei, ob das in einer Dimension stattgefunden habe, die das Wahlergebnis kippen könnte. Aber die Behauptung, dass es keinen Wahlbetrug gegeben habe sei reinste Antitrumprethorik.

Und zu behaupten, dass es Wahlbetrug gegeben habe, während man auf Evidenzen hinweist, die vor Gericht nicht standhalten, ist demzufolge Protrumprethorik?

By the way, wenn etwas Anti- oder Pro-Irgendwas-Rhetorik ist, dann sagt das nichts über die Gültigkeit der vorgebrachten Argumente aus, sondern lediglich über die Art und Weise wie etwas formuliert wurde, hier beispielsweise auf welche Stilmittel das angesprochene Publikum am besten reagiert. Natürlich kann man damit die Meinung des Publikums subtil in die gewünschte Richtung komplimentieren, aber unverhohlenes Lügen ist kein Teil davon.

Das zweite Argument sei, dass zum ersten Mal in der Geschichte der vereinigten Staaten während des Spiels die Spielregeln geändert wurden, was die genauen Wahl- und Stimmabgabemechanismen angeht. Besonders in Pennsylvania, wo man einerseits die Briefwahl ermöglicht und anderseits die Sicherheitsmechanismen heruntergefahren habe. Und man könne sich die Frage stellen, warum sie das getan haben, schliesslich tun Politiker ja nie etwas ohne ein bestimmtes Motiv, sagt der Nationalrat Köppel.

Könnte der Grund die Pandemie gewesen sein?
Wäre das kein guter Grund um Briefwahlen im Eiltempo einzuführen?
Trump hat sich da zwar von Anfang an mit Händen und Füssen dagegen gewehrt, wohl wissend, dass das eher den corona-phoben Demokraten zugute kommen würde, aber er konnte es nicht verhindern.
Man könnte umgekehrt die Frage stellen, wie viel von der ungeschickten Handhabung und den holprigen Prozessen bei der brieflichen Stimmabgabe dann während der Wahl auf Hinderungsversuche der Trump-Administration zurückgehen. Hätte sich Trump dafür eingesetzt, dass die Briefwahl sauber ausgerollt wird, wie viele der Unstimmigkeiten wären dann wohl nicht aufgetaucht?

Und wenn man bedenkt, wie die Demokraten Trump während der letzten vier Jahre verteufelt haben, ihn sogar als Hitler bezeichnet haben, dann ist der Gedanke nicht abwegig, dass sie alles versuchen um diesen Hitler aus dem Amt zu bringen. Wenn schon nicht mit einem Attentat dann wenigstens mit Wahlbetrug. Das sei nicht so unplausibel.

Jemanden mit Hitler zu vergleichen (so deplatziert es auch sein mag) ist nicht das gleiche wie ihn als Hitler zu bezeichnen. Und aus einem unglücklichen Vergleich einzelner Exponenten zu schliessen, dass die ganze Partei sich für Attentate und Wahlbetrug stark machen wird, finde schon etwas gewagt. Könnte sowas nicht schon als Hetze ausgelegt werden? (Ich muss hier allerdings zu Köppels Verteidigung anführen, dass er sich grundsätzlich schwer mit Nuancen tut. So sah er bei AOC auch keinen Unterschied zwischen Rache und zur Verantwortung ziehen. Da kann er nichts dafür und man sollte lieber davon absehen dieses semantische Missgeschick als Hetze zu interpretieren.)

Es habe diese Jahr 80 Millionen Briefwahlzettel in den Vereinigten Staaten gegeben. Das sei sehr, sehr viel und das öffnet natürlich Tür und Tor für Manipulationen und für Fälschungen. Das sei das stärkste Argument, das Trump in seiner Rede vorgetragen habe.

Und selbst wenn hier der Manipulation und Fälschung Tür und Tor geöffnet worden sind. Welche rechtsstaatliche Instanz identifiziert es, bestätigt es und gebietet dem Einhalt? Ist es nicht zufälligerweise genau die Instanz, die keine Unregelmässigkeiten zu erkennen vermag?
Hat sich Köppel nicht erst kürzlich dafür stark gemacht, dass der Rechtsweg unbedingt eingehalten werden muss? Oder gilt das nur, wenn der Rechtsweg in die gewünschte Richtung weist?

Der dritte Punkt sei zu bestimmen, ob es reiche um zu zeigen, dass ein legitimer Präsident um seinen Posten gebracht wurde. Und hier sei das grosse Problem Trumps. Er habe nicht die Beweise, die wirklich überzeugend sind. Er könne Einzelfälle darlegen, aber er könne nicht zeigen, dass es im nötigen Ausmass passiert sei.

Und damit ist die Sache doch eigentlich erledigt? Oder? Ich meine, welche rechtsstaatlichen Möglichkeiten bleiben dann noch?

Indem Köppel das nicht ausführt, sondern einfach im Raum stehen lässt, radikalisiert er aber geradezu seine Gefolgschaft. Der richtige Weg wäre sich hier für einen legalen Weg stark zu machen um das (systemische?) Problem zu lösen.

Und dann erklärt Köppel, wo Trump den Fehler gemacht habe. Er habe zu spät reagiert. Nicht erst nach der Wahl. Er hätte sein Legal Team schon während dem Wahlkampf auf die Piste schicken müssen.

Hat er das nicht getan? Schon. Aber eben nicht genug.

Das sei ein Führungsfehler gewesen. Und den versuche er nun zu kompensieren, indem er seine Vorwürfe ins monströse und unseriöse überdreht.

Und hier wieder die Unterscheidung zwischen Egotrump und Volkstribun. Wenn es absurd ist, ist es der Egotrump. Aber das macht die Sache hier nicht zu einer der absurden. Man weiss dann zwar nicht, welche Vorwürfe der Volkstribun vorgebracht hätte, aber sicherlich wären sie dann richtig gut gewesen. Ziemlich praktisch. Das Durchdrehen Trumps beweist, dass die Wahrheit irgendwo da draussen ist.

Köppel bringt dann zwei Beispiele, wo Trump seines Erachtens übers Ziel geschossen sei. Die Stimmen, die in Wisconsin mitten in der Nacht auftauchten und Trumps Vorsprung zunichte machten und die Sache mit den Dominion Wahlmaschinen, die angeblich auf Knopfdruck Ergebnisse switchen können. Köppel meint dann, dass wenn Trump sowas sagt, und er sei jetzt nicht mehr Wahlkämpfer sondern Präsident, dann aktiviert er alle natürlichen Zweifel, die wir alle haben, gegenüber Google, gegenüber Big Tech, gegenüber irgendwelchen Computern. Köppel will theoretisch auch nicht ausschliessen, dass das technisch möglich ist, doch wenn der Präsident der Vereinigten Staaten solche Vorwürfe in den Raum stellen, und vor dem Siegel der Vereinigten Staaten sich hinstellen, dann habe er doch eine gewisse objektive Wahrheitsverpflichtung und er müsse bei belegbaren Fakten bleiben.

Soll das heissen, dass es Gelegenheiten gibt, in denen Trump „notwendigerweise“ der Volkstribun sein sollte und nicht der Egotrump? Und was wenn darauf einfach kein Verlass ist? Was wenn man nicht darauf vertrauen kann, dass jemand der objektiven Wahrheit verpflichtet ist und seine Fakten belegbar sind? Ist ein solcher Mensch immer noch wählbar in einem Rechtsstaat?

Ich fand es übrigens lustig, dass Köppel einem Wahlkämpfer offenbar Lügen durchgehen lässt. Einem Präsidenten aber nicht. Ich bin da wohl nicht so tolerant.
Und witzig fand ich auch, dass der unbegründete Blödsinn der Trump verzapft einen natürlichen Zweifel aufkommen lässt. Aber nicht an Trump, sondern an der Technologie.
Wäre Köppel doch nur auch Andersdenkenden gegenüber so wohlwollend…

Köppel bestreitet nicht, dass Trump das so empfindet, aber er hat keinen Beweis bringen können, dass das wirklich so ist.

Damit hätte er sich doch eigentlich den ganzen Beitrag sparen können, oder?

Eine Frage am Rande: Hält Köppel Trump für intelligent? Respektive woraus glaubt Köppel, dass Trump seine durchaus vernünftigen Gedanken schöpft? (Und woher seine absurden?) Und wenn Köppel dem intelligenten Trump zugesteht, dass dieser die Validität seiner schwachen Beweise aufrichtig für überzeugend hält, wie abwegig ist es da, dass die Medien die vernünftigen Dinge aufrichtig nicht für besonders vernünftig halten?
Ich meine, ja, die Medien machen sich über ihn lustig, aber vielleicht tun sie das, weil er jedes Kriterium einer (tragischen) Witzfigur erfüllt und nicht weil sie Angst vor seinen vernünftigen Gedanken haben. Ist Köppel schon mal der Gedanke gekommen, dass die Medien keine Agenda haben, sondern einfach nur ihre Arbeit tun? Sprich, dass deren Unzulänglichkeiten profane Gründe haben und nicht von irgendwelchen mächtigen Verschwörern eingefädelt wurden.

Der Egotrump will zwanghaft gewinnen. Dabei müsste gerade jetzt der Volkstribun zum amerikanischen Volk sprechen.

Was sollte der Volkstribun dem Volk denn sagen?

Köppel meint, er müsse die Leute auffordern wählen zu gehen. Weil er mit der Betrugsrhetorik und der Verschwörungsrhetorik das amerikanische Volk demotiviert bei den kommenden Senatswahlen nochmals ihre Stimme für die Republikaner abzugeben.

Mit dem amerikanischen Volk, deren Sache Trump immer so gut vertreten habe, meint Köppel tatsächlich nur die Republikaner.
Der Volkstribun ist nur seinem Volk verpflichtet!

Köppel befürchtet am Schluss, dass wenn man Egotrump jetzt weiter wüten lässt, dass er als Totengräber seiner selbst und seiner Politik in die Geschichte eingehen könnte. Und das wäre schade, weil es eine gute Sache war, dass er gewählt worden ist, der die Anliegen des Volkes vertreten hat gegen diese ganze heuchlerische, verlogene Superelite, gegen all diese polyglotten Sozialisten und Halbsozialisten und Salonsozialisten. Dass da mal einer aufgestanden ist und auch die Political Correctness zurück gekämpft hat. Das sei eine gute Sache. Und wenn er das jetzt noch kaputt macht auf seiner Egotrump-Schiene, dann wäre das wirklich tragisch.

Nehmen wir mal an, dass er wirklich erfolgreich gegen den Sumpf angekämpft hat und den Leute tatsächlich die Heuchelei und die Verlogenheit der Eliten vor Augen geführt hat und dass er den Vormarsch der Political Correctness gestoppt hat. Inwiefern würde sein jämmerlicher Niedergang diese Errungenschaft zunichte machen? Was man einmal gesehen hat, kann man nicht mehr ungesehen machen.
Und selbst wenn das Volk diese Dinge dank eines nächsten Volkstribuns wieder aus den Augen verliert, wäre das wirklich das schlimmste denkbare Erbe, das uns Trump hinterlassen kann?

Nicht das zerstörte Vertrauen in die Medien und in den Rechtsstaat aufgrund unbegründeter Vorwürfe? Nicht die immer unüberwindlichere Polarisation? Nicht die Salonfähigkeit der White Supremacy? Nicht die politisch motivierte Gewalt, zu der sich seine Anhänger legitimiert fühlen?

Aber Köppel schaut jetzt einfach mal, wie sich die Sache im Weiteren entwickeln wird.

Okay. Schauen wir.
Doch ich hätte da noch eine allerletzte Frage: Gibt es diese zwei Trumps wirklich? Der eine Trump ist ja nach allgemeiner Übereinkunft ein egomanisch, narzisstischer Angeber, der es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. Solche Menschen neigen dazu ihr Publikum mit Lügen um den Finger zu wickeln und auszunutzen. Woher nimmt Köppel die Gewissheit, dass es den zweiten Trump tatsächlich gibt und diese vernünftigen Dinge, die ihn so beeindrucken, nicht nur die Spinnweben sind, mit denen er sich seine konservativen Fliegen fängt?


Köppel hinterfragt übrigens ganz am Anfang dieses Beitrage in seiner Rubrik (?) „Willkommen in der verrückten Welt von Transgender“ auch noch kritisch die (niederen?) Motive für das Comingout von Elliot Page, dessen Wunsch künftig als „er“ angesprochen zu werden Köppel einfach ignoriert, und holt dann gleich auch noch aus zu einem wissenschaftlich wackligen Rundumschlag aus gegen die „Genderideologie – den Kreationismus der Linken“.
Auf den einen oder anderen Fehler in seiner Argumentation werde ich vielleicht ein andermal zu sprechen kommen, hier möchte ich nur folgendes zu denken geben: Als jemand, der sich gern selbst gegen den grössten Wiederstand des nicht ernst genommenen Volkes annimmt, ist Köppel hier erstaunlich taub für den Versuch des Gehörtwerdens eines Volkes, das seit Ewigkeiten ignoriert und bevormundet wurde.


Ich glaube, ich kaufe ihm die „autonome Republik des freien Denkens“ nicht ab. Ich glaube, er biedert sich bloss seiner immer querer denkenden Gefolgschaft an.

Woher kommst du?

Laut Dos Santos Pinto ist Rassismus gegen schwarze Menschen in der Schweizer Kultur so stark verankert, dass er den meisten Menschen nicht auffällt. Sie gab ein Beispiel: «Die Frage ‹Woher kommst du?› ist rassistisch.» Diese Frage werde innerhalb der ersten paar Minuten an Personen gestellt, die nicht weiss sind. «Damit ruft man eine Vorstellung von Personen hervor, die zur Schweiz gehören und solchen, die zuerst noch erklären müssen, warum sie da sind.»

20min.ch

Aus einer kulturelleren Perspektive

Dass die Schweizer Kultur xenophobe Tendenzen hat, steht ausser Frage. Dass sie folglich auch Schwierigkeiten mit Schwarzen hat, selbstverständlich auch. Ob das aber gleich mit Rassismus gleichgesetzt werden kann, da bin ich mir nicht so sicher.
Klar dunkelhäutige Menschen werden massiv diskriminiert, doch wurden das vor ihnen auch die Jugoslawen, Portugiesen und Italiener. Und davor wahrscheinlich auch die Aargauer, Thurgauer und Entlebucher.
Wenn man die Diskriminierung am Rassismus aufhängen will, dann müsste man doch klare Unterschiede erkennen bei der Behandlung der Fremden je nach Rassenzugehörigkeit.

Ich bin mir durchaus bewusst, dass der moderne Rassismus nicht mehr biologische Rassen voraussetzt, sondern seine Überlegenheit an der Herkunft, sprich der Kultur, aufhängt. Damit gesteht man ein, dass es theoretisch durchaus möglich ist, dass die Koredutten eine uns dermassen weit überlegene Zivilisation entwickelt haben, dass es ihr moralisches Recht wäre, uns einerseits mit Rat und Tat zur Seite zu stehen und andererseits uns auf angemessene Distanz zu halten. Dass bisher noch keine solche Kultur gefunden wurde, ist natürlich reiner Zufall und hat nichts damit zu tun, dass die eigene Lebensweise der Massstab ist. Und entsprechend ist es auch reiner Zufall, dass kulturelle Distanz mit unterschiedlicher Hautfarbe, Augenform und Behaarung korreliert1.

Daher hier zur leichteren Bestimmung der eigenen Rasse – ich meine – Kultur eine ethnographische Karte:

Karte der Verbreitung der Menschenrassen aus Meyers Konversationslexikon, 4. Auflage. 1885–1890

Und selbst wenn die Diskriminierung umso stärker ist, je grösser der Unterschied in der Hautfarbe ist, so würde ich dennoch vorsichtig sein mit dem Ausspielen der Rassismus-Karte.

Ein Rassist ist für mich ein Mensch, der überzeugt davon ist, dass eine bestimmte Rasse von Natur aus den anderen überlegen ist. Normalerweise die eigene2. Und diese Überlegenheit legitimiert den Rassisten darin, über die Köpfe der Primitiven hinweg über ihr Schicksal zu entscheiden. Traditionell tut man das in Form des Imperialismus3.

Die Schweiz hatte keine Kolonien (was sie aber natürlich nicht daran hinderte dennoch von jenen der anderen zu profitieren). Tatsächlich befand sie sich sogar eher auf der anderen Seite des Spektrums: Von den Naturforschern jener Zeit wurden die Eidgenossen gern als ungebildete Halbwilde beschrieben.

Tatsächlich gibt es aber auch andere Gründe als die Überlegenheit anderen Leute das Leben absichtlich schwer zu machen.
Zum Beispiel die Annahme, dass es Leuten umso schwerer fällt sich in eine Kultur zu integrieren, je unterschiedlicher die Kultur ist, aus der sie stammen. Die andere Kultur ist nicht schlechter oder besser. Sie ist nur anders und man befürchtet, es könnten Konflikte entstehen, wenn man diese mischt. Wenn also jemand beispielsweise aus einer „kommunistischen“ Kultur kommt, wo alles allen gehört, dann könnte man vermuten, dass er mir, wenn man ihn hier einstellt, meinen Kaffeerahm wegsäuft. Das ist kein Rassismus, weil man die andere Kultur nicht notwendigerweise als schlechter betrachtet. Es ist aber dennoch Diskriminierung auf Basis von Vorurteilen, die man über andere Gruppen hegt.
Oder man könnte Befürchten, dass wenn zu viele Fremde ihre Kultur hierher bringen, sich unsere dadurch verändern wird. Auch hier hält man die andere Kultur nicht notwendigerweise für schlechter, sondern einfach nur für anders. Man will einfach nicht, dass sich die eigene liebgewonnene ändert. Wenn also zu viele Leute aus einer „Santa Claus“ Kultur kommen, könnte das die Traditionen rund um Samichlaus und Christchindli verändern, was man eben zu verhindern versucht.

Man kann sich fragen, ob diese Unterscheidung überhaupt Sinn macht, denn für die Betroffenen macht es keinen grossen Unterschied. Denn egal ob das Gegenüber ein Rassist oder ein – ich nenne es mal – Kulturschützer ist, er wird diskriminiert, bedroht und manchmal sogar angegriffen.
Es macht aber (hoffentlich) einen Unterschied, wenn es darum geht, den Diskriminierenden dazu zu bewegen, die Diskriminierung zu beenden. Beim Rassisten wird das nämlich nicht klappen, weil die Minderwertigkeit in Blut/Kultur gemeisselt ist, während beim Kulturschützer immer noch Hoffnung besteht.
Wenn sich der Fremde integriert, sprich seinen eigenen Kaffeerahm mitbringt und Samichlaus statt Santa Claus anbetet, oder man an gewissen Aspekten der fremden Kultur Gefallen findet, dann braucht es keine Diskriminierung mehr um die Bedrohung abzuwenden. Beim Rassisten bleibt dagegen weiterhin die Überzeugung von der Überlegenheit und er wird sich auch weiterhin vor der genetischen/kulturellen Verschmutzung fürchten.

Der Lackmustest für Kulturschützer und Rassisten sind daher wohl die Secondos und Terzos. Sie sind hier geboren und aufgewachsen und idealerweise so integriert, wie man es sich von einem Menschen nur wünschen kann.
Zumindest das muss man der SVP lassen: Sie verschliesst sich nicht vor Patrioten mit Migrationshintergrund. (Strukturellen Rassismus zu fördern und mit Patrioten, die (leicht) über die Stränge schlagen, zu liebäugeln ist meines Erachtens mehr Opportunismus als Rassismus der unheilbaren Sorte.4)

Dass auch optimal integrierte Secondos und Terzios von den Kulturschützern diskriminiert werden, liegt daran, dass sie wie Fremde aussehen und heissen und dadurch versehentlich den Erst-Kultur-Hilfe-Reflex triggern.

Aus einer individuelleren Perspektive

Gespräche fangen so gut wie nie mit der Frage „Woher kommst du?“ an. Meist geht dem zumindest ein freundliches „Hallo“ voraus.
Wenn sie allerdings doch mal so anfangen, dann wohl tatsächlich meist aus rassistischen Motiven. Doch das erkennt man weniger an der Frage, sondern viel mehr daran, dass die Frage von einem (spürbar) xenophoben Arschloch gestellt wird. Und in einem solchen Fall schafft das Arschloch es auch die Frage nach der Uhrzeit diskriminierend klingen zu lassen.

Ein Gedanke am Rande:
Ich finde, man sollte sich stets bemühen von allen möglichen Interpretationen einer Aussage grundsätzlich immer die wohlwollendste als die beabsichtigte zu wählen. Selbst wenn eine weniger wohlwollende noch so nahe zu liegen scheint. Damit schenkt man seinem Gegenüber einen Nettigkeitsvorschuss und lässt ihm die Möglichkeit seine Arschlochigkeit explizit einzufordern. (#PrinzipDerWohlwollendenInterpretation)

Aber es stimmt schon, die Frage nach der Herkunft ist eine persönliche Frage. Doch das ist sie mit Absicht. Man will schliesslich etwas über die andere Person erfahren. Das muss zwangsläufig persönlich sein. Andernfalls hätte man sich nach dem Wetter erkundigt.
Wenn man also eine Person etwas besser kennen lernen will, kann man sie entweder etwas willkürliches fragen, beispielsweise könnte man sich höflich nach der Farbe ihrer Unterwäsche erkundigen, oder (ein bisschen fantasieloser) nach etwas offensichtlichem, das sie gerade von allen anderen unterscheidet:
Wenn die Person Zahnarzthelferin ist und lange, spitze Eckzähne hat, dann könnte man sie fragen, ob die Stomatologie schon immer ein Strigoi-Handwerk war (wobei man von vornherein ahnt, dass einem die Antwoxrt nicht gefallen wird).
Oder wenn eine Person die grüne Taschenbuchausgabe von der Herr der Ringe liest und dabei herrderringetaschenbuchausgabegrüne Pumps trägt, dann könnte man sie fragen, ob ihr das Buch gefällt (wobei man die Antwort eigentlich schon kennt).
Oder eben wenn die Person einer anderen Ethnie angehört, was man entweder an der Hautfarbe oder am Dialekt erkennt, dann wäre auch die Herkunft eine Frage wert.

Pangalactic Gargle Blaster… vielleicht will man auch lieber nicht wissen, was drin ist?

Ja, damit drückt man tatsächlich jedes Mal explizit aus, dass die Person sich von der Norm unterscheidet. Es impliziert aber keineswegs auch, dass man das persönlich für etwas schlechtes hält.
Als jemand, der Multikulti zu schätzen weiss, widerspiegelt es viel mehr die aufrichtige Freude an der Artenvielfalt. Ein Gourmet weiss die Verschiedenartigkeit der Zutaten im Zusammenspiel schliesslich zu schätzen.

Vielleicht haben die Vorbehalte gegen die Frage nach der Herkunft auch andere Ursachen:
Erstens wird man diese Frage wohl häufiger hören als die nach anderen Dingen, die einen von den anderen unterscheidet. Das wird einem – voraussichtlich – irgendwann mal so zum Hals raushängen, dass man – nachvollziehbar – ziemlich gereizt zu antworten beginnt. Doch wenn man sich an der gleichen Frage bei 1000 Menschen nicht gestört hat, dann kann man es der Person, die die Frage als 1001ste stellt, nicht wirklich übel nehmen.
Zweitens – und das wiegt wahrscheinlich deutlich schwerer – weil diese Frage unweigerlich in eine üble Verlegenheit führt. Denn welche Folgefrage wird dann wohl kommen: „Ach, ein Freund von mir, der Sepp, kommt auch von da. Kennst du den?“, „Ach, cool, ich liebe Cholera!“, „Ach, dort wurde ich mal von einem Hai gebissen!“ oder noch schlimmer „Nein, ich meine ursprünglich?“
Und drittens weil hier, im Gegensatz zu den meisten anderen persönlichen Fragen, die Chance wesentlich grösser ist, dass man die Person versehentlich an ein traumatisches Erlebnis erinnert wird, weil das Verlassen der Heimat in viel zu vielen Fällen nicht aus freien Stücken geschah.

Das bedeutet, dass die Frage nach der Herkunft schlicht kein besonders raffinierter Zug ist. Das ändert aber nichts daran, dass die Frage jedes einzelne mal berechtigt ist. Weil jeder von irgendwo her kommt und weil uns das interessiert. Und das nicht nur ein bisschen, sondern fundamental.
Das Interesse an der Herkunft des Gegenübers wurde uns in die Wiege gelegt. Mehr noch, es ist ein Überlebensinstinkt, der während Äonen unser Überleben und das unserer Nachkommen sicherte:

Von nah nicht flachlegen.
Von nicht nah umlegen.

Und wer will sich schon mit seinem genetisches Erbe anlegen?

Die Frage aufgrund des Risikos damit in ein psychologisches Wespennest zu stechen gesellschaftlich zu ächten, wäre aber auch problematisch: Weil man dann von der Wahrscheinlichkeit für eine Eigenschaft in einer Gruppe auf das Vorhandensein der Eigenschaft bei einem Individuum schliesst und sie deshalb anders behandelt. (#Diskriminierung)


Spezielles Fazit:

„Neger“ sagt man nicht. Das weiss man.
„Fräulein“ sagt man nicht. Das weiss man.
„Schwuchtel“ sagt man nicht. Das weiss man.
„Zigeuner“, „Schlampe“ und „Krüppel“ sagt man auch nicht. Das weiss man auch.

Irgendwann fiel auf, dass diese Bezeichnungen einen unangenehmen Ballast mit sich tragen5 und dass den Betroffenen wohler wäre, wenn man stattdessen andere Worte benutzen würde. Irgendwie hat es sich dann tatsächlich durchgesetzt, dass diese Worte nicht mehr verwendet werden. Und seither spricht man sie nur noch aus, wenn man sich unbedingt als rassistisches, sexistisches und/oder homophobes Arschloch outen will.

Was die Herkunft betrifft, so sollte es sich langsam herumgesprochen haben, dass auch diese ein potentiell problematisches Thema ist und folglich lieber mit Bedacht angesprochen werden sollte. Da dieses Wissen aber noch nicht gänzlich verinnerlicht wurde, ist man noch nicht automatisch ein rassistisches Arschloch ist, wenn man die Frage stellt.
Sie wird deshalb von den Angesprochenen auch noch nicht als Schlag ins Gesicht interpretiert, sondern lediglich als ein weiterer Tropfen, der seine Macht in der Masse entwickelt.6

Aber natürlich meint es auch niemand böse, wenn er Mohrenkopf sagt. Das heisst aber nicht, dass wir nicht unabsichtlich viel zu viele Verhaltensweisen an den Tag legen, die andere Gruppen verletzen. Nur weil wir es schon immer so gemacht, macht die Sache nicht harmlos. Und dass wir uns nicht im Klaren darüber sind, dass die Sache nicht harmlos ist, nimmt der Sache nicht den Schmerz für die Betroffenen.


Allgemeines Fazit:

Es gibt Dinge, die sind okay. Andere sind es nicht. Nicht notwendigerweise weil sie in irgendeiner Form schädlich oder vorteilhaft wären, sondern einfach weil man sich irgendwie darauf geeinigt hat, dass das jetzt so gilt.
Fräulein sagen ist nicht okay. Schweinefleisch essen ist okay. Zu fragen, auf welche Toilette Trans-Menschen gehen sollen, ist nicht okay. Rülpsen ist okay. Doch ist es. Sich nach der Herkunft erkundigen, ist nicht okay.
Es spielt, wie gesagt, keine Rolle, ob diese Tabus und Freiheiten berechtigt sind, es sind Rituale und Symbole mit denen sich die Leute in einer Gesellschaft schmücken um zu zeigen, dass sie dazugehören. Es sind aber nicht geheime Signale, welche Fremde entlarven. Denn alle wissen, was sich in einer Gruppe gehört und was nicht, und wenn man sich nicht daran hält, dann um zu zeigen, dass man nicht dazu gehören will.
Verdammt umständlich, könnte man meinen, wenn man nicht wirklich wissen kann, ob das Gegenüber tatsächlich die Überzeugungen der Gruppe teilt, deren Gewohnheiten er gerade an den Tag legt. Man kann aber aus dem erstaunten Blick des Gegenübers, wenn er feststellt, dass er die falschen Rituale für die richtigen gehalten hat, zweifelsfrei darauf schliessen, dass es sich um einen (schlecht vorbereiteten) Zeitreisenden handelt.

Dieser stete Wandel unserer Sitten und Gebräuche ist der Schutzmechanismus unserer Kulturen im Temporalen Kalten Krieg.


Noch ein Gedanke am Abschied:
Nach modernen ethischen Standards wären die Leute von früher allesamt Arschlöcher. Durchs Band. OHNE AUSNAHME! Das ist aber nicht böse gemeint. Sie wussten es (in vielen Fällen) einfach noch nicht besser. Und in vielen Fällen konnten sie es gar nicht besser wissen.

Interessanterweise ist die Sache aber wahrscheinlich nicht zeitinvariant. Leute aus dem 10. Jahrhundert, die nach heutigen Standards Arschlöcher waren, würden uns wohl nicht für Arschlöcher halten. Für eklig durchaus, aber sie würden uns nicht vorwerfen können, dass wir Leute nicht aufgrund von Geschlecht, Rasse, Herkunft, sexueller Orientierung, etc. diskriminieren. Ausser sie übernehmen die Moral von jemandem, der sich nochmals zehn Jahrhunderte früher wie einer benahm, den man im Frühmittelalter genauso wie heute ehrlicherweise als Arschloch hätte bezeichnen müssen.


Frage nach der Herkunft hin oder her, es gibt nur eine Antwort auf diese:

Was tun mit Statuen von Rassisten?

Was, wenn man die Statue eines Rassisten durch Statuen von Leuten, die die Statue des Rassisten runterreissen, ersetzen würde?
Damit würde man die Geschichte nicht verdrängen indem man die Personen aus dem Sichtfeld entfernt. Man würde vielmehr zeigen, dass es sich hier um eine einstmals hoch geachtete Persönlichkeit handelte, die durch die veränderten Umstände heute aber nicht mehr als Inspiration betrachtet werden kann. Man wird also gleichermassen an die Qualitäten wie auch an die Abgründe dieser Person erinnert.

Und wenn sich irgendwann man rausstellen sollte, dass der Rassist doch kein Rassist war oder dass Rassismus eigentlich ganz okay ist, könnte man die Statuengruppe von den Leuten, die die Statue des Rassisten runterreissen, durch eine Statuengruppe ersetzen, wo eine Gruppe von Leuten dem rehabilitierten Rassisten dabei zujubeln, wie er die Leute vertreibt, die seine Statue runter zu reissen versuchen.

Und wenn man im Schatten der Statue mit der Familie picknickt, kann man auf eine der Statuen zeigen und sagen: Das war ich.

Gelebte Geschichte!

Autorenkooperation

Wenn man ein Team zusammenstellen müsste, das sich die Bibel ausdenken soll, was für Leute würde man dafür am besten nehmen? Rassisten? Sexisten? Homophobe? Von Gewalt besessene? Und Flat-Earther?

Online-Kommtatoren

Hier eine Idee… Was wenn all die Kaltschnäuzigkeit und der blanke Hass, der einem heutzutage in den Online-Kommentaren entgegenschlägt, nicht etwa Ausdruck von Rassismus, Sexismus und Homophobie sind, sondern die rationalen Analysen besorgter Bürger1?

Die Kommentatoren selbst sehen es auf jeden Fall so.
Sie verbreiten nicht Hass, sondern kritische Einschätzungen gewürzt mit Wortwitz2 und hie und da auch mal mit einem „Sapperlot nochmal“ um zu unterstreichen, wie wichtig es ihnen ist.3

Früher erfuhr man von Gott, was richtig, was falsch und was zu tun geboten war. Und wenn nicht von Gott selbst, dann von einem seiner Stellvertreter. Zu verstehen, was das eine richtig und das andere falsch macht, war eigentlich nicht nötig.
Die Aufklärung änderte dann aber alles und legte die Verantwortung in die Hände des Verstandes. Alles musste jetzt einen nachvollziehbaren Grund haben.
Während man sich also früher darauf verlassen konnte, dass wenn man tat, was einem (von Gott oder seinen Stellvertretern) gesagt wurde, dass das dann schon okay war, muss man heute selbst denken und herausfinden, was richtig ist und was falsch.
Und genau das tun heute auch alle. Das heisst sie wissen sehr genau, was richtig ist und warum es richtig ist und was falsch ist und warum es falsch ist.
Ja selbst der besorgte Bürger, der empfiehlt, dass Feministinnen mal richtig gevögelt werden sollten. Er ist nämlich überzeugt, dass es ihnen tatsächlich helfen würde, die „Sache“ zu verstehen, und er ist sich sicher, dass auch die Wissenschaft seine Einschätzung stützt.

Jeder hat heutzutage für jede seiner Überzeugungen sehr (nach seiner Ansicht) vernünftige Gründe. Alles andere würde bedeuten, dass man an den eigenen logischen Fähigkeiten zweifelt – was selbstverständlich nie jemand tut.
Und selbst wenn mal die vernünftigen Gründe fehlen, dann gibt es durchaus vernünftige Gründe für das Fehlen, so dass die Plausibilität der Überzeugungen zu keinem Zeitpunkt in Gefahr war.

Also nochmals zum mitschreiben: ALLE, ICH MEINE WIRKLICH ALLE ORIENTIEREN SICH HEUTZUTAGE AN DER VERNUNFT UND BERÜCKSICHTIGEN DABEI DIE ERKENNTNISSE DER WISSENSCHAFT.

Es besteht lediglich keine Einigkeit darüber, was konkret man für wissenschaftliche Erkenntnisse hält…
So wie ich den Kreationismus als Humbug abtue und seine Schlüsse kategorisch ignoriere, so schenkt unser „Feministen-Heiler“ der Psychologie keinen glauben – zumindest solange nicht, bis dort Studien durchgeführt werden, die einen Zusammenhang zwischen sexueller Befriedigung und der Akzeptanz von unterdrückenden Rollen zweifelsfrei bestätigen.

Der Knackpunkt steckt also in der Frage, ob die zur Verfügung stehende Information, welche von etwas, das einem als Wissenschaft erscheint, zur Verfügung gestellt wurde, gut genug ist, um als Basis für belastbare Schlussfolgerungen her zu halten.
Und da man diese Frage nur durch das Anwenden der eigenen Vernunft auf die Informationen beantworten kann, die einem von dem, was man für Wissenschaft hält, zur Verfügung gestellt wurde, ist am Ende einzig und allein massgebend, ob mir die Schlussfolgerung richtig erscheint. Was sie nur dann tut, wenn sie in mein Weltbild passt.

Da könnte man glatt die Flinte ins Korn werfen wollen. Aber ich denke nicht, dass es tatsächlich so hoffnungslos ist, schliesslich befindet sich das Weltbild eines jeden Menschen in einem steten Wandel. Sachte geformt von den Argumenten, mit denen er tagtäglich konfrontiert wird4.
Das heisst, dass es für jedes Weltbild einen der gegebenen Vernunft und den vorhandenen „wissenschaftlichen“ Daten genügenden Weg gibt, der es zu jedem beliebigen anderen Weltbild führt. Selbst von jenem des besorgten Bürgers5 hin zu dem der Unbekümmertheitsbürger / Systemtrottel / Gutmenschen. Der Weg wird wohl verschlungen sein und wilde Hacken schlagen und wenn man es schafft, diesen irgendwie grafisch darzustellen, wird die Linie sicherlich ein über die Person sehr aufschlussreiches Muster bilden…

Womöglich ist das Problem also nicht, dass die Menschen noch nicht gelernt haben selbst zu denken, sondern dass wir nicht damit umgehen können, dass sie es tun (und damit zu völlig absurden Schlussfolgerungen gelangen).

Wie steht es eigentlich um die Verlässlichkeit der Vernunft?
Kommen zwei Personen, die die exakt gleichen Voraussetzungen akzeptieren, nach Applikation ihrer Vernunft notwendigerweise zum gleichen Schluss?

Say Goodbye To Your History?

Die ein klitzekleines bisschen identitäre Vloggerin Lauren Southern meint in einem ihrer Youtube-Beiträge, dass an Trumps Bedenken, dass nach Lees Statue schon bald auch jene von Washington und Jefferson drankommen könnten, durchaus was dran sei, schliesslich hätten alle Menschen gute und schlechte Seiten. Und wenn man alle Statuen von Leuten abreissen würde, die Dreck am Stecken hatten, bliebe wohl keine mehr übrig. Die Idee von Denkmälern sei aber, die Leute daran zu erinnern, dass man aus der Geschichte lernen kann. Und das hätten wir bitter nötig.
Dem will ich gar nicht widersprechen. Es fragt sich nur, welche Lektion die Geschichte für einen bereit hält im Fall der Statue eines Südstaatengenerals?
(Und ob einem die wirklich in den Sinn kommt, wenn man in ihrem Schatten picknickt und/oder demonstriert?)

General Robert Edward Lee war ein hervorragender Stratege und Taktiker, der es regelmässig schaffte mit deutlich unterlegenen Kräften seinen Gegnern das Leben schwer zu machen. Seine Schlachten werden noch heute in Militärakademien als Fallbeispiele durchgenommen und seine Büste verdient an einem Ort, der Leichenberge zu schätzen weiss, sicherlich einen Ehrenplatz…

Es mag vielleicht noch okay sein, sich bei einem Picknick unter einem Denkmal über die hohen Verluste der Bolschewiken, Charlies, Krauts und Tommies zu amüsieren und sich dabei überlegen zu fühlen – sowas stärkt das nationale Selbstbewusstsein. Doch wenn die Toten Landsleute waren – und diese sich für nachweislich die bessere Sache eingesetzt haben, dann sollte man sich im Interesse eines harmonischen Zusammenlebens mit der Euphorie vielleicht lieber etwas zurückhalten.

Als Faustregel für Statuen könnte also gelten: An öffentlichen Plätzen lieber Statuen nur von jenen, die auf der siegreichen und/oder der moralisch richtigen Seite standen.

So zeigen Statuen von Siegern Stärke und Entschlossenheit, indem sie ein mahnender Finger für all jene sind, die mit dem Gedanken liebäugeln, irgendetwas mit Gewalt erzwingen zu wollen.
Und Statuen von Märtyrern zeigen Charakter1, weil sie uns daran erinnern, dass uns auch die drohende Niederlage nicht davon abhalten soll, das richtige zu tun.

Die Sache ist aber die, dass der Umstand, dass ein General, der vor 150 Jahren einen aussichtslos erscheinenden Krieg allein dank seines überragenden strategischen Geschicks gewann2 und damit die Zukunft des Landes massgeblich beeinflusst hat, zwar Geschichtsenthusiasten in Erregung versetzt, davon abgesehen aber nichts mehr bedeutet. Die Stärke und Entschlossenheit und auch der Charakter mögen vor 150 Jahren beeindruckend Gewesen sein, doch braucht davon in der Zwischenzeit nicht viel übrig geblieben sein.
Sicher, die Welt sähe heute anders aus, wenn er verloren3 hätte, aber das täte sie auch, wenn Jakob Jucker am 3. Juli 1863 Kohlsuppe gegessen hätte. (#Butterflyeffect)
Andererseits, er war ein Held und als ein solcher verdient er es, dass man sich seiner erinnert. Nicht weil er ohne Fehl und Tadel war, sondern weil er seinen Fehlern zum Trotz Grosses vollbrachte. (#Inspiration)

Bevor man aber eine Statue des Helden errichtet, sollte man sich vergewissern, dass er das Grosse schon aus den richtigen Gründen getan hat.
So wirft beispielsweise der Umstand, dass jemand die Sklaverei nur abschaffte, weil er bei einer Wette verloren hat, ein etwas schräges Licht auf unseres Helden.

Bei Washington, der als Oberbefehlshaber der Kontinentalarmee die Britten besiegte und in seiner Funktion als erster Präsident vor allem um innenpolitische Stabilität bemüht war, ist der Besitz von Sklaven noch kein so grosser Anachronismus.
Bei Jefferson jedoch, der sich neben der Trennung von Religion und Staat, der föderalen Struktur der Vereinigten Staat auch sehr deutlich für die Freiheit des Einzelnen einsetzte, passt das nicht mehr zusammen. In einem solchen Fall sendet eine Statue tatsächlich sehr gemischte Signale aus, welche nicht umkommentiert gelassen werden sollten. Was jedoch auch eine Chance ist, denn um wie viel lehrreicher ist ein Denkmal, wenn man sich beim Betrachten desselben bewusst würde, dass selbst ein so intelligenter Menschen wie Jefferson einen so massiven Widerspruch zu seinen eigenen Prinzipien nicht bemerken wollte. (#Demut)

Ein Frage am Rande: Was wenn man die Skulptur eines berüchtigten Rassisten nimmt und auf einem Sockel mit der Inschrift „Hoch lebe die Multikulti!“ stellt?4
Die Statue würde Rassisten anlocken und der Sockel sie vertreiben. Ignorieren geht nicht. Und sich bei einem (teil-)demolierten Denkmal zu treffen ist auch komisch.

Man könnte natürlich auch gleich Statuen von „Bösewichten“ aufstellen. Als Mahnmal für die dunkeln Abgründe der menschlichen Existenz. Als Erinnerung an die allzu leichte Verführbarkeit.
Hier muss man aber höllisch aufpassen, dass da nichts verwechselt werden kann. Es besteht nämlich die akute Gefahr, dass man den Verführer versehentlich für den Helden hält – so wurde er ja überhaupt erst zum „Bösewicht“. Respektive weniger versehentlich, dass man die Stärke des bösen Herrschers für eine bessere Führung als die Milde des netten Herrschers hält.

In meinen Augen könnte ein unverwechselbares Mahnmal beispielsweise eine Szene darstellen, in der ein Herrscher ein Massaker an wehrlosen Menschen anstellt. Was könnte daran nicht als Warnung vor skrupellos machthungrigen Herrschern verstanden werden? Als eine Aufforderung sich solchen Menschen entgegen zu stellen, in welcher Form sie auch auftauchen mögen.

 

Narmer-Palette,
gefunden in Hierakonpolis,
Prädynastische Periode, um 3000 v. Chr.

 

Wenn man sich aber die Narmer-Palette anschaut, dann wird genau das Massaker an wehrlosen Menschen als eine bewundernswertes Symbol der Macht benutzt.
Was mich abstösst, kann andere also durchaus auch anziehen.

 

Robert E. Lee Statue in Charlottesville

 

Wofür also steht die Statue von Robert E. Lee und wie kann man sie interpretieren?

Er hat zwar Schlachten gewonnen, den Krieg aber verloren. Sie steht also nicht zum Andenken daran, dass der Süden Siegertypen hervorbringt.
Er hat auch nicht für die gute Sache gekämpft. Er kämpfte für das Recht der Staaten, Bundesgesetze, die ihnen nicht passen, nicht umsetzen zu müssen5 oder andernfalls die Union verlassen zu dürfen. Und das Gesetz, das er aus Prinzip nicht übernehmen konnte/wollte, war die Abschaffung der Sklaverei – obwohl er diese privat eigentlich für eine üble Sache hielt, die sich – wie er überzeugt war – früher oder später von alleine erledigen würde. Die Statue steht also nicht dafür, dass sich eine Demokratie nicht von einer Minderheit erpressen lassen darf.
Sie steht demzufolge auch nicht für die Einheit der Nation.
Und auch nicht dafür, dass einem weder Wirtschaft noch Stolz im Weg stehen sollen, wenn es darum geht die Sklaverei abzuschaffen.
Die Statue glorifiziert aber auch nicht die Sklaverei – zumindest nicht für die, die sich gegen deren Entfernung wehren – zumindest nicht notwendigerweise. Ich denke nämlich nicht, dass sich heute noch irgendwer die Sklaverei zurückwünscht. Apartheid durchaus, aber nicht die Sklaverei. Schliesslich speisst sich der Rassismus heute in vielen Fällen aus der Verzweiflung der Arbeitslosigkeit. Da wünscht man sich weniger Leute, die einem die Arbeit wegnehmen, nicht billigere.
Die Statue steht auch nicht für eine Gesinnung, „deren Fundament auf der großen Wahrheit ruht, dass der Neger dem weißen Mann nicht gleichwertig ist“6 – auch wenn jene, die sich gegen deren Entfernung wehren, in einer überwiegenden Mehrheit diese teilen.

Sie steht für die Souveränität und den Stolz der Staaten. Dafür, dass die Minderheit sich nicht um die Marschrichtung der Mehrheit zu scheren braucht.
Sie steht für die Freiheit ein Rassist sein zu dürfen.
Sie könnte auch für das Recht auf Abtreibung und die Homoehe stehen, wenn die Südstaaten gegen den Willen der Nordstaaten diese hätten legalisieren wollen. Doch das taten sie (zufälligerweise) nicht und deshalb scharen sich heute Faschisten um das Denkmal und protestieren aus Liebe zur „westlichen Kultur“ gegen Juden, LGBT, Abtreibung und Rassenvermischung.

Es ist die Statue eines bemerkenswerten Mannes, der in einer schwierigen Zeit die – aus heutiger Sicht – genau falschen Entscheidungen traf. Was eigentlich ein guter Grund wäre für ein Mahnmal mit einer sehr ausführlichen Beschreibung der Umstände. So eins mit Seiten und Buchdeckeln drumrum vielleicht.
Es sind nicht Statuen, welche die Geschichte bewahren, sondern Bücher!
Statuen nieder zu reissen, lässt uns die Geschichte noch lange nicht vergessen, geschweige denn zerstören.
Im Gegenteil neigen Statuen eher dazu die Geschichte zu verzerren. Sie stellen die Helden als letztendliche Sieger dar.
Und Statuen reduzieren die Geschichte. Sie machen uns bloss darauf aufmerksam, dass es da mal einen Robert E. Lee gab. Was es mit ihm auf sich hatte, wird aber der Recherchefähigkeit oder der Fantasie des Betrachters überlassen.
Ist eine solche Verzerrung und Reduktion nicht viel eher eine Zerstörung der Geschichte?

Was zerstört die Geschichte wohl mehr? Keine Statue oder eine Hollywoodverfilmung der Geschichte?

Und so will ich auch mit Lauren Southerns Worten enden:

Destroy history and you will lose your sense of it,
Lose your sense of history and you’ll blindly repeat it.

Was wir um jeden Preis nicht mehr wiederholen wollen, ist der Aufstieg des Faschismus.
Dessen erster Schritt der Schutz der westlichen Kultur ist.
Für den sich die Identitären und Lauren Southern so engagiert einsetzen.

 

Aber seien wir ehrlich. Eigentlich geht es hier gar nicht um die Statue.
Nicht denen, die verhindern wollen, dass sie abgerissen wird, denn diesen geht es um den Schutz der „westlichen Kultur“, für die Lee nicht wirklich ein Vorreiter war.
Und auch nicht denen, die verhindern wollen, dass verhindert wird, dass sie abgerissen wird, denn diesen geht es darum, die Idee von der bedrohten „westlichen Kultur“ als eine faschistische blosszustellen, welches darauf ausgelegt ist die Menschenrechte auszuhebeln.
Die Statue ist lediglich der Ort, wo die Kameras stehen.

Wer hätte das gedacht?

Heutzutage ist jeder Samariter barmherzig. Die samarische Staatsbürgerschaft kriegt jeder Barmherzige sogar nachgeschmissen. Wenn wir also heute einen Samariter irgendwo jemandem helfen sehen, überrascht uns das nicht. Ganz im Gegenteil.

Vor 2000 Jahren schien das die Leute jedoch fast aus den Sandalen zu hauen. Wieso sonst hätte Jesus sie sonst in seinem berühmten Gleichnis verwendet?
Da wird ein Mann von Räubern ausgeraubt und verprügelt und im Strassengraben liegen gelassen. Die ersten beiden, die dann auftreten, sind ein Priester und ein Levit. Beide1 optimal bewandert in religiösen Angelegenheiten, beide wissen um das Gebot der Hilfeleistung2, doch ziehen beide weiter3. Als dritter betritt der Samariter die Bühne, hat Mitleid und hilft.

Damit wird nicht nur gezeigt, dass man auch entfernten Bekannten helfen soll4 (vgl. Lev 19,18), sondern dass man Barmherzigkeit manchmal auch dort findet, wo man sie eigentlich nie erwarten würde. Sogar bei Samaritern!

Das heisst, Jesus hat keine allzu hohe Meinung von Samaritern – auch wenn er durchaus ein paar nette kennt.

Wie nennt man doch gleich Leute, die solche Sachen sagen: „Ein paar meiner besten Freunde sind Dings, aber …“
Man nennt sie dingsophob.

Das darf doch einfach mal gesagt werden

Ich bin gegen Homo-Ehe
Punkt – Aus! Das darf doch einfach mal gesagt werden, was ist nur los im 21Jh? Ist dieser Satz bereits rassistisch? Unfassbar was sich in dieser Gesellschaft tut.
Kommentator auf 20min

Kein vernünftiger Mensch würde diesen Satz rassistisch nennen1. Homophob ist das gesuchte Wort. Und ja, der Satz ist bereits homophob. Weil er zum Ausdruck bringt, dass man jemandem aufgrund seiner sexuellen Orientierung etwas vorenthalten will2.
Ich möchte nicht ausschliessen, dass es triftige Gründe geben kann, welche eine solche Diskriminierung zum Wohl einer wichtigeren Angelegenheit unumgänglich machen und dass in einem solchen Fall sich gegen die Homo-Ehe zu stellen eine bedauerliche Notwendigkeit wäre. Doch so lange diese Gründe nicht präsentiert (und selbst von der homosexuellen Gemeinschaft akzeptiert) werden, gehe ich davon aus, dass die Aversion des Kommentators in persönlichen Vorlieben gründet und dass er, auch wenn er es nicht gern hört, homophob ist. Und das darf doch auch einfach mal gesagt werden.

Ich verstehe nicht ganz, was daran so unfassbar ist? Wessen Rechte werden hier in irgend einer Weise eingeschränkt? Kein Mensch hindert den Kommentator daran zu verkünden, welche Überzeugungen er hat. Man hindert lediglich auch niemanden daran, das, was der Kommentator gesagt hat, in einer Art zu kommentieren, die ihm womöglich die Lust nimmt, es zu wiederholen.

Dieser Kommentar stand übrigens im Kontext eines Artikels über die Morddrohung gegenüber einem EDU-Politiker wegen dessen problematischen Äusserungen über Homosexuelle. Sollte man nicht auch hier einfach mal sagen dürfen, dass man den anderen umbringen wird, ohne gleich als Rassist, äh, Mörder zu gelten?
Nun ja, nein, das darf es nicht. Im Gegensatz zu der Gefahr, in der man sich wähnt, wenn man sich in einem homophilen Umfeld gegen die Homo-Ehe ausspricht, ist jene, in der man sich wähnt, wenn man gefragt wird, ob man immun gegen Baseball-Schläger sei, eine gänzlich andere.
Wenn man sich gegen die Homo-Ehe ausspricht, kann man erwarten, dass man als homophob, bigott und als Anhänger einer bescheuerten Weltanschauung bezeichnet wird. Das tut weh, ohne Zweifel, hindert einen aber nicht daran auch weiterhin homophob, bigott und ein Anhänger der bescheuerten Weltanschauung zu sein. Man wird sich dann nicht automatisch darauf einstellen, dass man gleich den Arsch versohlt bekommt.
Wenn dagegen Gewalt angedroht wird, hofft man zwar, dass das bloss eine leere Drohung war, stellt sich aber lieber schon mal auf eine handfeste Auseinandersetzung ein. Und sollte es tatsächlich zu dieser kommen, was angesichts der Drohung nicht weiter überraschen würde, ist es durchaus möglich, dass man nie wieder in der Lage sein wird, homophob, bigott und ein Anhänger einer bescheuerten Weltanschauung zu sein.
Wir werden davor geschützt aufgrund unserer Überzeugungen Leid zu erfahren. Deswegen ausgelacht zu werden, gehört da aber noch nicht automatisch dazu.

Die Meinungsfreiheit ist also weniger alles sagen zu dürfen, als viel mehr sich alles anhören zu müssen.

Das Boot ist voll

Man kriegt es manchmal schon fast mit der Angst zu tun, wenn man auf den Internetseiten solider Zeitungen die Kommentare unter den Online-Artikeln liest. Ziemlich krass finde ich die Diskussion, wie man mit der erwarteten Flüchtlingswelle aus Nordafrika umgehen soll. Was mich erschreckt ist nicht die durchaus verständliche Furcht vor den Problemen, die sich daraus ergeben könnten, sondern die kaltschnäuzige Erbarmungslosigkeit und das völlig Unverständnis darüber,  dass es eine verzwickten Lage ist.

Entdeckung von Diskriminierendem

Wir finden es empörend, wenn man eine Meinung nur deshalb nicht ernst nimmt, weil sie von einer Frau geäussert wurde. Wir stören uns aber nicht weiter daran, wenn die Ansicht von jemandem nicht Ernst genommen wird, der in Jeans statt im Anzug kam. Natürlich halten wir es für oberflächlich, aber eben nicht für empörend. Und dabei handelt er sich doch hierbei um den exakt gleichen Mechanismus der Diskriminierung basierend auf nichtreflektierten Vorurteilen.
Und wenn mir nun jemand vorwirft, ich würde offenbar die während Jahrtausenden anhaltende Unterdrückung der Frau für ein gleiches Bagatelldelikt wie den Snobismus im Bezug auf Kleider halten, so missversteht er mich und demonstriert gleichzeitig par excellence, wie selbstverständlich und in keinster Weise revisionsbedürftig wir gewisse Dinge akzeptieren, von denen wir ja noch nicht einmal selbst überzeugt sind.
Ich glaube, das Problem ist nicht, dass man etwas für richtig hält, sondern dass man es nicht gleich für einen Skandal hält. Der Rest folgt dann aus der Dynamik der Sache.

(Stellt sich nun nur noch die Frage, ob ich nicht beispielsweise eine Bank verklagen kann, weil sie einen bestimmten Dresscode verlangt?)