Eda Gregr
07.05.2014 um 11:05

Giacobbo / MüllerIn der Facebookgruppe des Islamischen Zentralrates Schweiz (IZRS) geht es aufgrund eines Beitrags von Giacobbo / Müller zur Zeit gerade ziemlich stürmisch zu und her.
Die beiden Satiriker Viktor Giacobbo und Mike Müller machten sich in ihrer Sendung vom 4.5.2014 lustig über die religiösen Bedenken der Staatsbehörde für Islamische Angelegenheiten in den Vereinigten Arabischen Emiraten, welche eine Fatwa gegen eine mögliche One-Way-Marsmission ausgesprochen hat.
Der IZRS glaubt in den satirischen Kommentaren des Duos einen Akt des #Rassismus0 zu erkennen: „Muslime werden in nie dagewesener Klarheit kollektiv als dumm, rückständig und gefährlich karikiert.“ Und ein paar unserer muslimischen Mitbürger unterstreichen dessen Empörung mit markigen Kraftausdrücken, während andere muslimische Mitbürger die tobenden muslimischen Mitbürger ermahnen keine Fluchwörter zu benutzen, was aber wiederum andere muslimische Mitbürger nicht davon abhält die Witze eigentlich ganz witzig finden.

Wer sich den Beitrag ansehen will, er fängt ab Minute 27:40 an:

Ich frage mich, was die tobenden muslimischen Mitbürger wohl gesagt hätten, wenn die Satire von einem muslimischen Mitbürger stammen würde?
Vielleicht hätten es einige als blasphemisch bezeichnet1, doch in der Regel würde man eher erwarten, dass man mehrheitlich drüber gelacht hätte, denn über die eigene Kultur darf man sich bekanntlich lustig machen.
(Es gibt doch islami(sti)sche Satire, oder?)
Problematisch ist es einzig, wenn man sich über andere Kulturen lustig macht.

Man sagt, die Satire halte der Gesellschaft einen Spiegel vor – auf dass sie über sich selbst erschrickt und sich idealerweise zum besseren wandelt. Er zeigt nämlich Dinge, die eigentlich falsch sein sollten, es aber leider nicht wirklich sind. Und indem man darüber lacht verschwindet die Aura der Unantastbarkeit und man kann sich daran machen die Sache in Ordnung zu bringen.
Da ist schon was dran, nicht umsonst fürchten Diktaturen die Satire wie der Teufel das Weihwasser, schliesslich sind sie mit dem gegenwärtigen Zustand ganz zufrieden und sehen keinen Bedarf an irgendwelchen Reformen. Zumindest nicht jenen, die die Satire nahelegen würde.
(Oder gibt es Satire, die sich über zu viel Menschenwürde lustig macht?)

Wieso ist es aber so wichtig wichtig, wer den Spiegel hochhält?

Man lässt sich von anderen naturgemäss nicht gern belehren, sondern neigt dann instinktiv zu einer Abwehrhaltung, welche einen daran hindert überhaupt in den Spiegel zu schauen. Abgesehen davon, ist es aber eigentlich völlig egal, wer den Spiegel hochhält. Die Frage ist einzig, ob man sich selbst drin wiedererkennt.
In einem Spiegel sollte man das eigentlich immer, doch in Tat und Wahrheit ist die Satire gar kein Spiegel, sondern ein aus Klischee gezeichnetes Bild. Ein Spiegel ist es gewissermassen nur dann, wenn man es dem Porträtierten vorhält.
Wenn man es jemand anderem zeigt, dann macht es sich nur über den Abgebildeten lustig, was – nun ja – nicht unbedingt nett ist. Denn im schlimmsten Fall zementiert es die Klischees statt sie aufzuweichen.

Fazit:
Das heisst, ich darf zwar Witze über Juden machen, aber ich sollte nicht über diese lachen, wenn ich nicht selbst ein Jude bin.

Das klingt jetzt zugegeben etwas seltsam, doch so schlimm, wie es vielleicht auf den ersten Blick erscheint, ist es gar nicht, denn wir sind alle selbst „Juden“ genug um auch uns darin erkennen zu können. Sei es, dass wir ähnliche Eigenheiten haben, oder dass wir erkennen, dass wir uns von den unterstellten Eigenheiten die Sicht vernebeln lassen.

Hinzu kommt noch ein weiterer Punkt – meines Erachtens der wichtigste. Wenn das Publikum durchmischt ist und alle herzhaft lachen2 , dann verbindet das gemeinsame Lachen mehr als der Spott trennt.
Und genau diesen Punkt haben unsere muslimischen Mitbürger vom IZRS irgendwie übersehen.
Wir lachen bei Giacobbo / Müller, weil wir insgeheim wissen, dass wir selbst auch solche Baustellen haben. Kann es sein, dass der IZRS von irgendwelchen Baustellen einfach nichts wissen will.


0 Der Islam ist keine Rasse. Insofern kann sich über ihn lustig zu machen zwar unhöflich sein, jedoch nie uns nimmer Rassismus.

1 und den Häretiker gesteinigt.

2 Witzigerweise ist das selbst dann gegeben, wenn ein Jude sich in einem Stadion voller Antisemiten befindet – zumindest, wenn dieser es ist, der auf der Bühne die Witze erzählt.

3 Worüber man sich nicht alles lustig machen kann: George Carlin About Rape

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Eda Gregr
22.03.2014 um 20:39

Ein Text den ich beim Aufräumen immer wieder gern finde.



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Eda Gregr
01.01.2014 um 15:00

Ein netter Versuch, doch er baut auf einem naiven und völlig verzerrten Wissenschaftsbild auf, bei dem nur etwas als verstanden erklärt werden darf, wenn es auch nachgebaut wurde.
Insofern ist dieser Witz symptomatisch dafür, dass man etwas ablehnt, was man gar nicht verstanden hat.

Gibt es christliche Comedy, die sich über Atheisten, Evolution und die naturalistische Wissenschaft lustig macht?
In der die Themen, auf die gezielt wird, auch richtig und nicht nur als verzerrte Karikaturen dargestellt werden?

Da haben es die religionskritischen Comedians natürlich wesentlich einfacher, denn da die Ansichten der Christen alles andere als einheitlich sind, gibt es tatsächlich für jeden denkbaren Blödsinn eine Gruppe, die genau diesen glaubt (und aus der Bibel begründet).

Da bieten die Atheisten wesentlich weniger Angriffsfläche. Sie glauben einfach nicht an die Existenz Gottes und alles andere, was sie womöglich vielleicht doch glauben, ist allein ihrer persönlichen Beklopptheit geschuldet und hat mit dem Atheismus per se nichts zu tun. Und man kann sich ja nicht über eine Gruppe lustig machen allein aufgrund einer individuellen Idiotie eines ihrer Mitglieder.
Die Evolution gibt da schon wesentlich mehr her, denn hier gibt es durchaus einen positiv formulierbaren Grundkern, dem alle „Evolutionisten“ zustimmen würden. Also quasi sowas wie Dogmen. Beispielsweise, dass sich die Arten im Laufe der Zeit ändern, dass dies über sehr lange Zeiträume geschieht oder dass Menschen und Affen einen  gemeinsamen Vorfahren hatten. Dies als Dogmen zu bezeichnen ist aber insofern etwas problematisch, zum einen, weil diese Ansichten durch zahlreiche Belege gestützt werden, und zum anderen, weil man im Grunde augenblicklich bereit wäre, sie über den Haufen zu werfen, wenn die Evidenzen dies verlangen würden.
Dass man sich in Detailfragen, also beispielsweise ob der erwähnte Vorfahre eher auf blonde oder brünette Vorfahrinnen gestanden hat, nicht einig ist, schmälert in keinster Weise den inneren Zusammenhalt dieser Community. Denn obgleich man die These seines Gegenübers für löchrig hält, wird man nicht zögern, seine Position zu übernehmen, wenn die Löcher erst gestopft sind.

Wie will man sich über die Evolution lustig machen, wenn ein „Evolutionist“ seine These nur als einen kleinen Puzzlestein versteht, der – sollte er sich als falsch erweisen – am grossen Bild nichts ändern wird.
In der Religion verhält es sich etwas anders, womöglich weil es ein Puzzle mit wesentlich weniger Teilen ist. Details wiegen hier entsprechend schwerer und selbst die Antwort auf die Frage, ob Noah Blondinen oder Brünette bevorzugt hat, kann ohne weiteres moralische Konsequenzen in Form von Scheiterhaufen haben.

Ich sage nicht, dass das Christentum mit dem Humor auf Kriegsfuss stehen würde. Es gibt wunderbare Witze und Cartoons, die sich über die Tücken des christlichen Lebens lustig machen. Doch man begegnet kaum dem Humor als Waffe um fundamentale Überzeugungen zu hinterfragen.

Seltsam, dass Religionen umso mehr den Humor als Waffe verpönen, je weniger sie Hemmungen haben wirkliche Waffen in die Hand zu nehmen.

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Eda Gregr
16.06.2007 um 13:43

Ich glaube, das Problem mit dem Islam besteht darin, dass ihn die Muslime Ernst nehmen, und die Toleranz des Christentums verdankt sich dem Umstand, dass die Christen dieses nicht mehr ganz so Ernst nehmen.
Natürlich wissen wir, dass die Bibel die Homosexualität nicht billigt und als Heilung die Todesstrafe empfiehlt, doch wird heute kaum jemand ernsthaft verlangen, dass dieser Grundsatz wortwörtlich durchgesetzt werden soll. Denn noch vor das Wort Gottes wird bei uns der gesunde Menschenverstand gesetzt – in der stillschweigenden Annahme, dass dies im Grunde schon ein und dasselbe sein wird.
Sollte das Christentum wieder an ideologischer Macht gewinnen, so wird sich das auch in der Politik bemerkbar machen, denn ich glaube kaum, dass in einem demokratischen Land mit tiefgläubigen Christen beispielsweise die Abtreibung oder Euthanasie lange wird legal bleiben können. Und das völlig ungeachtet all der Versprechen, dass die Religion sich nur auf das Seelenheil des Suchenden konzentrieren wird. Die Religion hilft uns zu unterscheiden, was richtig und falsch ist, und demzufolge wird ein erstarkter Glaube auch jedes andere Feld, in dem über richtig und falsch entschieden werden muss, beeinflussen.

Ich frage mich, ob unsere Gesellschaft, die die biblischen Gesetze dem Konzept nach akzeptiert und deren Umsetzung sehr tolerant praktiziert, diese Gesetze auch heute noch allein auf der Basis dessen als im Grunde rechtskräftig versteht, weil sie in der Bibel stehen? Also ich finde, dass ein Gesetz, nur weil es auch in der Bibel steht, an Plausibilität und Rechtskräftigkeit weder gewinnt noch verliert.

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Eda Gregr
30.04.2006 um 20:15

Ich vermute auch in Österreich und Deutschland sind Raser und die von ihnen ausgehende Gefahr für sich selbst und alle übrigen Verkehrsteilnehmer ein Thema. Es ist mir daher ein Rätsel, wie die Fernsehsender auf die Idee kommen, Filme wie The Fast and the Furious zur Primetime über den Äther zu schicken. Ist das nicht Aufwiegelung zu kriminellem Verhalten? Ich merke ja bereits an mir selbst, dass ich allein wegen ein paar Szenen dieses Films in einen Geschwindigkeitsrausch verfalle. In meinem Fall ist das natürlich nichts schlechtes, denn da ich weder Führerschein noch Auto habe, renne ich einfach etwas schneller dem Zug hinterher und erwische ihn für einmal sogar, aber behüte Gott wenn ich in diesem Zustand etwas mit noch mehr PS unter den Hintern bekäme.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sich meine Velofahrtechnik nach einer Star-Trek-Raumschlacht verändern konnte. Ich liess mich jeweils absichtlich von einem Auto überholen, klemmte mich dann an dessen Stossstange und feuerte vor meinem inneren Auge aus allen Phaser- und Disruptoren- und Polaron-Bänken eine Salve auf dieses ab. Und wenn das noch nicht reichte, schickte ich ihnen auch gleich noch ein paar Photonen-, Quanten-, Transphasen-, Tri-Kobalt- und Chronotontorpedos hinterher. Wie gesagt, zum Glück sass ich da nur auf einem Fahrrad, denn andernfalls hätte ich mit einem einzigen solchen Manöver wohl ein ganzes Parsek ins Jenseits befördert.

Sind es die Einschaltquoten, die die Fernsehsender vergessen lassen, dass der Einfluss aufs Publikum, den sie ihren Werbepartnern verkaufen, auch von ihnen selbst ausgehen kann? Ist das nicht sträflich naiv?
Ich plädiere daher für eine Kollektivschuld, welche man den Medien anhängen kann, wenn etwas passiert, was so aussieht, als ob es von ihnen inspiriert worden wäre. Und als Beweis dafür, dass dieses Gesetz auch tatsächlich greift, müsste man als erstes mich in den Kerker werfen, weil ich dieses Gesetz hier im DisOrganizer initiert habe.

 

Dies darf aber nicht mit jener Art von Selbstzensur verwechselt werden, zu welcher die Politiker als Reaktion auf die Unruhen in der arabischen Welt nach der Veröffentlichung der 12 Mohammed-Karikaturen in der dänischen Tageszeitung Jyllands-Posten aufgerufen haben.  Es ist nämlich ein fundamentaler Unterschied zwischen Imitation und Reaktion. Letztere ist nämlich etwas, das gelernt und kultiviert werden muss, mitunter eben gerade durch die Konfrontation mit dem Auslöser.

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