Wie viele Verse : Genozid

Ein Spielchen gefällig?
Ich gebe einen Bibelzitat vor, welches von einem Laien in der Regel falsch interpretiert wird, und du musst die Sache allein mit Bibelversen klar stellen.
Wie viele sind dazu mindestens nötig?

Ich wähle aus dem alten Testament:

Den Krieg gegen die Midianiter

1 Und der HERR redete mit Mose und sprach: 2 Übe Rache für die Israeliten an den Midianitern, und danach sollst du versammelt werden zu deinen Vätern. 3 Da redete Mose mit dem Volk und sprach: Rüstet unter euch Leute zum Kampf gegen die Midianiter, die die Rache des HERRN an den Midianitern vollstrecken. […] 7 Und sie zogen aus zum Kampf gegen die Midianiter, wie der HERR es Mose geboten hatte, und töteten alles, was männlich war. […Gewaltorgie…] 9 Und die Israeliten nahmen gefangen die Frauen der Midianiter und ihre Kinder; all ihr Vieh, alle ihre Habe und alle ihre Güter raubten sie 10 und verbrannten mit Feuer alle ihre Städte, wo sie wohnten, und alle ihre Zeltdörfer. 11 Und sie nahmen die ganze Beute und alles, was zu nehmen war an Menschen und Vieh, 12 und brachten’s zu Mose und zu Eleasar. […] 14 Und Mose wurde zornig über die Anführer des Heeres [..] 15 und sprach zu ihnen: Warum habt ihr alle Frauen und Mädchen leben lassen? […] 17 So tötet nun alles, was männlich ist unter den Kindern, und alle Frauen, die schon einen Mann erkannt und bei ihm gelegen haben; 18 aber alle Mädchen, die noch nicht bei einem Mann gelegen haben, die lasst für euch leben. […Putzorgie…] 25 Und der HERR redete mit Mose und sprach: 26 Nimm die gesamte Beute an Menschen und Vieh auf. […Verwaltungsorgie…] 31 Und Mose und der Priester Eleasar taten, wie der HERR es Mose geboten hatte. 32 Und die sonstige Beute, die das Kriegsvolk gemacht hatte, betrug 675000 Schafe, 33 72000 Rinder, 34 61000 Esel; 35 an Frauen aber 32000, die noch nicht bei einem Mann gelegen hatten. […Buchhaltungsorgie…] 54 Und Mose und der Priester Eleasar nahmen das Gold von den Hauptleuten über Tausend und über Hundert und brachten es in die Stiftshütte, dass der HERR der Israeliten gedenke.
4. Mose 31LUT 20171

Die spontane, aber falsche Interpretation

Gott befielt Moses den Genozid an den Midianitern und überlässt die Jungfrauen den Juden als Sexsklavinnen.

Diese Interpretation müsste eigentlich deshalb falsch sein, weil man sowas nicht von einer netten Gottheit/Persönlichkeit zu hören erwarten würde. Insbesondere nur ein paar Kapitel nachdem diese sich vertraglich dazu verpflichtet hatte, in Zukunft davon abzusehen die Menschen und alles lebendige Getier mit Sintfluten heimzusuchen. Ich will nicht behaupten, dass ein Heer, das sich über ein Land ergiesst und alles gnadenlos vernichtet, mit einer (Sint-)Flut zu vergleichen ist, eine gewisse metaphorische Parallele ist jedoch nicht abzustreiten. Für die Midianiter muss es sich auf jeden Fall ziemlich zynisch angehört haben…

Ein Genozid war es. Es wurde nämlich nicht nur eine Familie oder ein Land aufgelöscht, sondern ein ganze Ethnie bestehend aus fünf separaten Völkern/Stämmen, welche je einen eigenen König hatten. Und die aller Wahrscheinlichkeit nach miteinander immer mal wieder im Krieg waren. Denn warum sonst hätten sie fünf Könige gehabt?
Eine Familie umbringen, kann Sinn machen, wenn man beispielsweise ein Exempel statuieren will. Es gibt zweifellos pädagogisch bessere Wege, aber okay.
Auch ein Volk ausmerzen, kann Sinn machen, wenn sich bei diesem beispielsweise eine irre Idee eingenistet hat. Wie zum Beispiel die Demokratie.
Aber mehrere untereinander verfeindete Völker, denen nur gemeinsam ist, dass sie einen gemeinsamen Stammvater haben? Das ist ein ganz anderes Kaliber an Dreistigkeit und ganz eindeutig Genozid. Dass da womöglich auch auswärtige Händler und Touristen über den Jordan gingen, ändert daran nichts.

Und die Jungfrauen waren als Sexsklavinnen gedacht. Warum sonst wäre es so wichtig, dass sie noch bei keinem Mann gelegen haben? Wenn es nur um „gewöhnliche“ Sklavenarbeit geht, dann spielt Geschlecht und sexuelle Erfahrung doch keine Rolle. Höchstens das Alter könnte ein Indiz für Aufmüpfigkeit sein?
Oder sollte auf diese Weise bloss sichergestellt werden, dass garantiert kein reinrassiger Midianiter mehr zur Welt kommen kann?

Nun denn, das Spiel ist eröffnet.

PS. Ich habe bei dem Zitat ein paar Auslassungen […] vorgenommen, weil sie meines Erachtens nicht direkt mit dem von mir beabsichtigten Punkt zu tun haben. Zur Illustration habe ich farblich markiert, was genau ich übersprungen habe und welches Thema es behandelte:


Ich möchte an dieser Stelle der Vollständigkeit halber dennoch kurz skizzieren, worum es in den ausgelassenen Passagen ging (heller schattiert sind Stellen, die zum Thema gehören, aber nicht ausgelassen wurden):

(gelb) ohne hier für mich relevantes Thema

Zur Gewaltorgie (rot): 
Erst wird gesagt, dass alles, was männlich war, getötet worden sei – wozu eigentlich auch männliche Kinder, Rinder und die zwittrige Hirse gehören müssten – und dann werden hier noch ein paar Männer namentlich genannt, die dabei getötet wurden (konkret die Namen der fünf Könige). Das ist doppeltgemoppelt. Föllerei sozusagen. Und als solches selbstredend eine Orgie.
Interessanterweise blieben aber die Buben trotz der Erklärung, dass alles, was männlich war, am Leben. Die galten (damals?) offensichtlich noch nicht als männlich. Das kann ich irgendwie nachvollziehen, schliesslich sind sie noch nicht geschlechtsreif, aber es wäre schon nicht schlecht, wenn man das mal deutlich aussprechen würde – das würde dann auch ein ganz neues Licht auf christliche Homophobie und Pädophilie werfen.

Zur Putzorgie (blau):
Hier erklärt Gott den Menschen wie was (spirituell) zu reinigen ist. Dieser Teil nimmt (erfreulicherweise?) mehr Platz in Anspruch als die Gewaltorgie.
Interessant finde ich aber schon, dass man sich nach einem von Gott aufgetragenen Gemetzel (spirituell) reinigen muss.

Zur Verwaltungsorgie (grün):
Hier tobt sich der Autor darüber aus, wie die Beute verteilt werden solle (in etwa im gleichen Präzisionsgrad wie bei der Putzorgie).

Zur Buchhaltungsorgie (orange):
Hier wird aufgezählt, was alles erbeutet wurde und wer wie viel wovon erhielt. Das ist der bei weitem ausführlichste Teil dieses Kapitels und wie es scheint der krönende Abschluss eines erfolgreichen Genozids.

Stoppt ALLE Kriege !!

 

ALLE Kriege stoppen??
Geht das überhaupt?

Aufhören die Anderen umzubringen. Das ist machbar. Sogar ziemlich schnell. Einfach die Waffen nicht mehr benutzen. Und diese – nur für alle Fälle – in die (dafür vorgesehenen Recycling-)Tonnen werfen. Dafür braucht es keine 365 Tage.
Aufhören die Anderen umbringen zu wollen. Das ist der schwierige Teil.

Selbst wenn wir das Problem, dass womöglich zu viel geschehen ist, um dem Anderen einfach so verzeihen zu können, beiseite lassen, so bleibt doch die Meinungsverschiedenheit bestehen, welche – weil sie nicht auf eine für alle Seiten akzeptable Weise aufgelöst werden konnte – überhaupt erst zum Krieg geführt hat. Die Meinungsverschiedenheit kann darüber bestehen, wem ein gewisser Landstrich gehört, wieviel ein verzweifelt benötigtes Produkt kosten darf, welchen Gott man anbeten soll oder ob man eine unbeliebte Bevölkerungsgruppe einfach eliminieren kann.
Ich will nicht bestreiten, dass man sich in viel zu vielen Fällen nicht genug Mühe gegeben hat, einen Kompromiss zu finden. Manchmal gibt es allerdings auch keinen Raum für Kompromisse. Wenn ein Land alle Juden vernichten will, dann ist auch selbst nur die Hälfte nicht akzeptabel.

Oder vielleicht doch?
Die Organisation, in welcher der Freund, der am 1. Januar auf Facebook den Aufruf alle Kriege zu stoppen gepostet hat, als Funktionär tätig ist, hält beispielsweise den an den Amalekitern verübten Genozid für okay. Und diese Organisation wird gemeinhin als Hüter der Moral des Abendlandes betrachtet! Was dann wohl heisst, dass wenn es darum geht eine verfahrene Meinungsverschiedenheit beizulegen, der moralisch akzeptable Handlungsspielraum erstaunlich gross sein kann…

Wenn wir also den Krieg mit dem IS beenden wollen, welche Kompromisse sind wir bereit dafür einzugehen?
Opfern wir die Frauen- und die Schwulenrechte?
Kein Problem. Die sind dem Hütern der Moral eh schon lange ein Dorn im Auge.
Übernehmen wir Sharia und den Wahabismus?
Sharia okay, schliesslich umfasst sie mehr oder weniger die gleichen Regeln, wie sie auch im Handbuch jener Organisation zu finden sind. Aber zum Islam konvertieren? Ausgeschlossen! Nicht mal wenn sich damit ein Blutbad verhindern liesse! Oder vielleicht sogar eben gerade deshalb nicht, weil es ein Blutbad verhindern würde? Nichts unterstreicht schliesslich Nächstenliebe und Gewaltlosigkeit besser der geschundene, blutige Körper eines Märtyrers.

Von daher bin ich mir – ehrlich gesagt –  nicht ganz sicher, wie ernst das mit dem Frieden gemeint ist. Getötete Missionare heilig zu sprechen, erscheint mir nicht gerade förderlich für den bitter nötigen Dialog, wenn diese von der anderen Seite als Provokateure betrachtet werden.

Nun ja, vielleicht sollten wir uns lieber nicht an Religionen orientieren, wenn wir Kriege beenden wollen. Schliesslich verdankt sich ihr kompromissloses Einstehen für den Frieden weniger ihrer Menschenliebe, als viel mehr dem Umstand, dass man es ihnen seit der Aufklärung einfach nicht nicht mehr erlaubt, offen zur Gewalt aufzurufen…

 

ALLE Kriege stoppen??
Klar! Aber zu welchem Preis?

Es gibt bekanntlich Dinge, die man nicht tolerieren darf.
Darin sind sich alle einig. Nicht ganz so einig sind sich alle jedoch darin, welche Sachen das konkret sind, die nicht toleriert werden dürfen. Das unterscheidet sich von „Kultur“ zu „Kultur“. Was dem einen bis zum äussersten schützenswert erscheint, mag für den anderen bis zum äussersten nicht tolerierbar sein.
Und da gibt es schnell mal keinen Spielraum für Kompromisse.

Allerdings – quasi als Silberstreifen am Horizont – neigen die Menschen im grossen und ganzen zum Prinzip „Leben und Leben Lassen“. Wenn man sie nicht zum Gegenteil anstachelt (sei es aus wirtschaftlichen, folkloristischen oder religiösen Gründen), ist es ihnen eigentlich ziemlich egal, was die Anderen treiben.
Die Anderen sind übrigens alle, die nicht zur Familie gehören. Und das ist im übertragenen Sinn die dunkle Wolke vor dem Silberstreifen am Horizont, denn die Anderen können das eine oder andere moralisch nicht so gefestigte Familienmitglied auf doofe Gedanken bringen. Und in einem solchen Fall muss man aktiv werden. Dass Fremde den Weg zur Hölle beschreiten, ist zwar bedauerlich, aber sie sind frei, es zu tun. Wenn aber einem Schutzbefohlenen eine solche Gefahr droht, sieht die Sache gaaanz anders aus…

Um alle Kriege zu stoppen, muss man alle auf die gleiche Seite kriegen. Man muss dazu nicht in jedem Punkt einer Meinung sein, aber die Spielräume für Kompromisse der Meinungen müssen eine Schnittfläche haben.
Ich mag mich irren, aber mir scheint es plausibel, dass dafür Meinungen prädestiniert sind, die einen grossen Spielraum für Kompromisse haben. Und auch wenn Religionen selbst den Genozid an von Gott gehassten Völkern zu akzeptieren bereit sind, denke ich, dass sie grundsätzlich zu eher engen Spielräumen neigen…

 

ALLE Kriege stoppen??
Indem wir diesen Auftrag nicht nur liken, sondern teilen! ♥♥♥

Ich nehme an, weil einen Facebook-Posts zu teilen wesentlich schneller den Frieden herbeiführt als wenn man ihm bloss likt. Wohl weil Teilen eine christliche Tugend ist?
Ich frage mich, über welchen Mechanismus das funktionieren soll?
Wenn der Post ein simples Rezept für ein waffenzersetzendes Gas enthalten würde, könnte ich es mir vorstellen.
Oder wenn das Bild mittels neurolinguistischer Programmierung die Aggressivität beim Betrachter nachhaltig senken könnte.
Aber einfach durch das Teilen eines Mems, dem wir eh alle eigentlich grundsätzlich zustimmen? Wohlgemerkt, das Mem enthält nicht den geringsten Anhaltspunkt darüber, wie man das konkret bewerkstelligen soll. Auf die übliche Weise, also dass man den Krieg ein für alle Mal zu beenden gedenkt, indem man ihn gewinnt, funktioniert es ja offensichtlich nicht so gut.

Also durchs Teilen/Liken! Was sowas wie Beten ist: Man unterstreicht dadurch seinen dringenden Wunsch und hat das Gefühl etwas Gutes getan zu haben ohne dabei selbst aktiv werden zu müssen.
Allerdings… Teilen/Liken wird im Gegensatz zum Beten nachweislich erhört!
Nicht von den Kriegstreibern (zu denen wir mit unseren wirtschaftlichen Interessen eigentlich auch selbst gehören.) Auch nicht von Gott. Aber durchaus von den Algorithmen… Und die antworten sogar. (Noch) nicht indem sie den gewünschten Frieden herstellen, dafür aber indem sie uns mehr von solchem Zeug und dazu passender Werbungen zeigen…

 

Aber okay, stoppen wir ALLE Kriege!!
Wir haben 365 Tage Zeit dafür.
Wieso nicht 234 Tage?
Oder 42?