Roger und der Doppeltrump

Meine Bubble ist eigentlich fantastisch. Keine Querdenker, keine Seuchenfreunde und nur wenige Katzenladies. Nichtsdestotrotz dringt hie und da über ein durchaus berechtigtes 🤦‍♂️auch mal was Bescheuertes bis zu mir durch. Beispielsweise Roger Köppels Trump-Rede-Analyse in seiner „autonomen Republik des freien Denkens“ (Weltwoche Daily, 7.12.2020)

Der Kontext

Zu Anfang gibt Köppel uns den Kontext zu seiner Position zu Donald Trump. Er sei eigentlich nie ein Fan von Trump gewesen. Er sei ihm immer in bisschen suspekt als Angeber, als Blöffer gewesen. Seine Perspektive habe sich aber verändert, als er 2016 am WEF an einem Panel teilnahm, wo die Rede auch auf Trump kam und wo sich plötzlich dieser Saal von hochdekorierten Akademikern, Wissenschaftlern, etc. über ihn auszulassen begann. Die Verachtung, das Gelächter und die Geringschätzung und Abschätzigkeit, die dort in einer geradezu aggressiven Manier zutage trat, hat ihn etwas misstrauisch werden lassen.

Was bis hierher auffällt, ist einerseits, dass er sich hier spontan schützend vor den geprügelten Hund stellt. Das zeugt von einem redlichen Charakter. Auch ich versuche auch in den übelsten Zeitgenossen das Gute zu sehen, doch normalerweise komme ich am Ende zum Schluss, dass die betroffene Person für ihre Position durchaus gute Gründe haben kann, nicht jedoch, dass die Position deshalb auch richtig ist. Das ist ein grossen Unterschied.

Und andererseits eine gewisse – ich nenne es mal – Reserviertheit gegenüber Wissenschaftlern. Köppel, der sonst nie ein Blatt vor den Mund nimmt und auch nicht davor zurückschreckt seine Gegner auch mal mit abschätzigen Begriffen zu umschreiben, mag sich über deren benehmen gewundert haben, vielleicht sogar zurecht, doch ist es nicht diese Charakterschwäche, die diesen Wissenschaftler ihre Orden beschert hat. Das sind gewissermassen zwei Personen: Der Lästerer und der Wissenschaftler. Die Schwächen des einen diskreditieren nicht die Expertise in seinem Fachgebiet des anderen.

Er habe dann in der Folge die Trumpgeschichte etwas genauer verfolgt und ihm sei aufgefallen wie gehässig und auch extrem verachtend amerikanische Leitmedien auf diesen Trump reagiert haben.

Etwas als „gehässig und verachtend“ zu bezeichnen, ist nicht ganz unproblematisch. Es sind emotionale Zuschreibungen, die oft weniger vom Schreiber beabsichtigt waren als viel eher vom abgeneigten Leser hineininterpretiert wurden. Genau wie ich das „hochdekoriert“ oben spontan nicht als anerkennend, sondern als einen zynischen Seitenhieb interpretiert habe.
Wichtiger finde ich aber, ob die Medien sich der Wahrheit verpflichtet fühlen. Ob sie sich dabei geschickt anstellen, ist leider eine ganz andere Frage. Ihre Attitüde halte ich dabei für eher nebensächlich. Genau wie ich auch der SVP ihre DasWirdManDochNochSagenDürfen nicht vorwerfe, solange diese nicht zu einem eigenständigen Problem wird.

Trump habe manchmal Dinge gesagt, die völlig absurd schienen, aber er habe auch immer wieder Dinge gesagt, die ihm eingeleuchtet haben und die er vernünftig fand.

Was nimmt man mit, wenn jemand mal absurdes und mal vernünftiges sagt (und tut)? Vor allem wenn oft erst nach eingehender Prüfung klar wird, ob etwas bestimmtes nun zum einen oder anderen gehört?
Ich finde, wir sind es der Vernunft schuldig, die eingehende Prüfung zu unternehmen und das Vernünftige mitzunehmen. Ich finde aber nicht, dass es sehr weise wäre, ihn zum Präsidenten zu machen, wo auch das absurde für bare Münze gehalten werden müsste. (Und im Interesse eines harmonischen Zusammenlebens erst recht nicht, wenn die politischen Gegner – auch nach eingehender Prüfung – noch immer alles alles für absurd halten. (Hier spielt meine Überzeugung rein, dass im Interesse eine produktiven Zusammenarbeit, die wir uns doch alle erhoffen, möglichst von allen Seiten akzeptierbare Kandidaten ins Rennen geschickt werden sollten.))

Und man habe festgestellt, dass dieser Trump eine gehörige Anhängerschaft mobilisieren konnte. Und diese Verachtung, die man in den Medien gespürt hat, die hat den Köppel immer mehr abgestossen, denn in dieser Verachtung gegenüber Trump sei immer auch die Verachtung gegenüber den sogenannt einfach Menschen zutage getreten, die eben in Trump investiert haben, die an Trump glaubten und immer noch an ihn glauben.

Eine grosse Anhängerschaft mobilisieren zu können, ist nicht notwendigerweise ein Qualitätsmerkmal. Es heisst bloss, dass man Dinge anspricht, die für viele Leute wichtig sind. Es heisst aber nicht unbedingt, dass diese Dinge auch tatsächlich das Gewicht haben, das ihnen die Leute beimessen.

Ich nehme an der Köppel hält nicht viel vom Kreationismus (auch wenn ich in diesem Betrag ein gewisses Sympathisieren mit religiösen Gefühlen zu spüren glaube). 40% der Amerikaner hängen diesem aber immer noch an. Und zu einem überwiegenden Teil in Trumps Gefolgschaft.
Wenn ich jemandem gegenüber eine gewisse Verachtung verspüre, von dem ich weiss, dass er es eigentlich besser weiss, aber aus politischem Kalkül mit dem Kreationismus liebäugelt, dann bedeutet das nicht notwendigerweise, dass ich auch die Kreationisten verachte. Den Kreationismus durchaus, weil fürchte, dass von ihm eine eminente Gefahr ausgeht, nicht aber die Kreationisten. Nicht dass ich diesen Leuten gegenüber nicht überheblich wäre, denn das bin ich wohl durchaus. Schliesslich halte ich sie für verblendet und bedenklich ungebildet, doch ich mache ihnen das nicht zwangsläufig zum Vorwurf. Ich halte sie für Opfer einer bedauerlichen Situation.
Wenn die Medien also eine gewisse Verachtung gegenüber dem Charakter Trumps zeigen, dann macht es sich der Köppel zu einfach, wenn er daraus auch auf eine Verachtung seiner Gefolgschaft schliesst. Für jene, die es besser wissen, durchaus, für die anderen empfinden sie eher Mitleid. Für die betroffenen Personen ist natürlich beides gleichermassen kränkend, doch sind es zwei sehr verschiedene Sachen, ob einem Böswilligkeit unterstellt wird oder Naivität.

Ich denke, dass vieles von dem, was als Verachtung gegenüber seiner Anhängerschaft interpretiert wird, in Tat und Wahrheit auf deren vermeintliche Bigotterie zielt: Wenn all die Dinge, die einen demokratischen Präsidenten in den Augen dieser Leute komplett disqualifiziert haben, bei Trump, der diese noch viel exzessiver zur Schau stellt, aber überhaupt kein Problem sind.
Das ist tatsächlich ein Kritikpunkt, den sich seine Anhänger gefallen lassen müssen. Andererseits denke ich nicht, dass es je die überragende Moral eines Kandidaten war, die jemanden überzeugt hat für ihn zu stimmen. Viel eher versucht man mit der Amoral des Gegenkandidaten dessen Anhänger abzuschrecken. Natürlich erfolglos.
Ich bezweifle daher, dass abgesehen von den „Trumpsycophanten“ sehr viele seiner Wähler seine Betrügereien, seine Lügen und seinen Narzissmus okay finden, doch gibt es für diese wichtigere Punkte, weshalb diese Dinge ihn nicht gleich disqualifizieren.
Ausser wenn einer der wichtigeren Punkte ist, den Gegnern ans Bein zu pinkeln, sind die Eigenschaften, obwohl man sie verachtet, vielleicht dennoch herzlich willkommen. (Diese Motivation halte ich allerdings für ausgesprochen arschlochig!)

Und damals sei ihm ein Phänomen bewusst geworden, das er so bezeichnen würde: Es gibt zwei Trumps. Es gibt sozusagen den Trump, den Angeber, den Trump, der es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, den Übertreiber und auch den Beleidiger Trump und vielleicht auch Trump, der es nicht ganz so ernst nimmt mit der ehelichen Treue etc. diesen egozentrischen, narzisstischen Showstar Trump. Aber es gibt oder gab daneben immer auch noch einen zweiten Trump. Und dieser Trump ist oder war der Trump, der fürs Volk gesprochen hat. Und der es in einer Art uns Weise gemacht hat, die ihn überzeugt habe.

Diese Zwei-Trump-Theorie ist fantastisch. Nicht neu. Aber äusserst effizient, wenn man sich mit gewissen Aspekten nicht beschäftigen will.
Die Frage ist aber, ob das legitim ist?
Bei gewissen Dingen macht es durchaus Sinn eine Zwei-Personen-Praxis zu vertreten. So sollte es keine Rolle spielen, ob jemand Volksmusik mag oder schwul ist, wenn es darum geht, ob er gewählt werden soll. Wenn es aber um die Ehrlichkeit geht, dann sieht sie Sache anders aus. Ich will nicht bestreiten, dass es manchmal nötig ist zu lügen, aber man wünscht sich schon jemanden, der das nicht auf die leichte Schulter nimmt. Wenn die Erfahrung aber zeigt, dass jemand nicht davor zurückschreckt zu lügen, wenn er sich davon einen Vorteil verspricht, dann kann man sich nicht wirklich darauf verlassen, dass er zu seinem Wort stehen wird – was in der Politik eine zentrale Forderung ist. Natürlich könnte man einwenden, dass man diese Gewissheit auch bei jemandem nicht hat, der noch nicht der Lüge überführt wurde, doch ich denke, dass es schon einen Unterschied macht bei der Wahl, wem man das vertrauen schenken will, wenn der eine von beiden regelmässig lügt und das auch bei wirklich unnötigen Sachverhalten. Und es macht mir etwas Sorgen, dass der Köppel das nicht so sieht.

Köppel scheint vielmehr beeindruckt davon zu sein, dass Trump fürs Volk spricht. Das scheint das einzige zu sein, was in seinen Augen einen Politiker legitimiert? Er führt aber nicht aus für welches Volk er spricht, respektive sprechen soll. Und auch nicht, was dann die Leute sind, für die er nicht spricht.
Hinzu kommt, dass fürs „Volk“ sprechen – insbesondere wenn es nur ein Teil der Bevölkerung ist – gern mit Populismus, Demagogie und Nationalismus einher geht. Und nicht immer mit den guten Varianten. (Nicht dass mir gute Varianten bekannt wären, aber ich nehme an der Köppel sieht das etwas differenzierter.)

Oder beeindruckt er Köppel vielleicht, weil er wie das „Volk“ spricht? Seine Sprache ist die eines Primarschülers und er hält sich nicht ans Protokoll, welches eine respektvolle Zusammenarbeit auch zwischen den Fronten ermöglichen soll. Er macht Leute lächerlich und pinkelt jedem beliebig ans Bein. Das ist erfrischend, ohne Zweifel, denn viele haben das verdient, aber so funktioniert Politik nicht, die darauf angewiesen ist, dass man auch zurücksteckt und Kompromisse findet. So gewinnt man Wahlen und stärkt das Selbstwertgefühl des „Volkes“, so bringt man aber nicht das Land vorwärts.

Als er sich intensiver mit dem Phänomen Trump zu beschäftigen begann, fiel Köppel auf dass der zweite Trump jemand ist, der Dinge auf den Tisch legte, die sonst weggewischt werden. Trump habe sich zur Wehr gesetzt gegen die Arroganz der Medien, gegen die Arroganz der politischen Eliten, auch gegen die Arroganz der Universitäten, die so tun als hätten sie absolute Wahrheiten, auch moralische Wahrheiten auf ihrer Seite.

Auch hier. Nicht alles, was vom Tisch gewischt wird, hat auf den Tisch etwas zu suchen. Den Leuten nicht zu erlauben andere aufgrund von Geschlecht, Hautfarbe oder sexueller Orientierung zu diskriminieren, ist keine Diskriminierung, auch wenn das „Volk“ es als genau das versteht und es wieder erlaubt sehen möchte. In den Biologiestunden den Kreationismus nicht zu unterrichten, ist keine Unterdrückung der Glaubensfreiheit durch arrogante Wissenschaftler, auch wenn das „Volk“ es als genau das versteht und ihn wieder im Unterricht sehen möchte. Und keine Mauer zu Mexiko bauen zu wollen, ist kein Landesverrat, wenn man das Problem offensichtlich an einem anderen Ort liegt, auch wenn das „Volk“ es als genau das versteht und sie gebaut sehen möchte.

Jede Zeitung glaubt alles besser zu wissen. Das mag arrogant wirken, ist aber insofern nicht tragisch, da es ja noch andere Zeitungen gibt, die ebenfalls um Glaubwürdigkeit buhlen. Jede Partei glaubt auf der moralisch besseren Seite zu stehen. Das mag arrogant wirken, ist aber insofern nicht tragisch, da sie ja mit anderen Parteien noch immer einen Konsens treffen muss. Jede wissenschaftliche Disziplin glaubt alles besser zu wissen als früher. Das mag arrogant wirken, ist aber insofern nicht tragisch, weil das tatsächlich auch stimmt. Das heisst nicht, dass man damit die absolute Wahrheit gefunden habe, sondern nur, im besten Fall, dass eine bestimmte Annahme nachweislich und in Übereinstimmung mit allen Peers absolut falsch ist.
Arroganz verdirbt des Spass, schmälert aber nicht die Wahrheit.

Und da habe sich Trump winkelriedmässig wirklich ins Zeug gelegt und für die Leute gekämpft, für die einfachen, von diesen hochfliegenden und hochwohllöblichen Institutionen nicht zur Kenntnis genommenen Menschen eingesetzt. Unter Inkaufnahme sehr grosser persönlicher Nachteile. Und dieser Trump imponiert ihm. Und diesen Trump hat Köppel verteidigt in Artikeln der Weltwoche.

Natürlich wie Winkelried. Wie der mythische Held, der sich am 9. Juli 1386 so tapfer in den Fersensporn seiner Feinde stürzte…
Dass Köppel Trump mit dem grössten Helden der Schweiz vergleicht, finde ich aber schon speziell. Es fühlt sich für einen SVP-Mann gleichermassen naheliegend wie blasphemisch an. Irgendwie ist es auf eine verquere Weise das gleiche wie die Identifikation von Jana aus Kassel mit Sophie Scholl. Hier einfach gefühlt etwas weniger Relativierung, dafür ein klitzekleines bisschen mehr Absolutismus. Auf jeden Fall aber ein trauriger Ausverkauf der Ideale.
Winkelried hat für seine Kameraden sein Leben gegeben. Dass Trump absurde Sachen macht und die Medien sich dann darüber lustig machen, kann man damit aber schwerlich vergleichen. Insbesondere, da er aus diesen Anfeindungen durchaus Profit zu schlagen versteht. Die Presse kritisiert ihn, er nennt sie Fake-News, die Glaubwürdigkeit der Presse nimmt Schaden und bei seine Anhängern wächst der Messias-Status. Bisweilen, so scheint es, legt er es sogar richtig drauf an. Je mehr ihn die einen hassen, desto mehr lieben ihn die anderen.
Ich bin mir also gar nicht so sicher, ob er wirklich Nachteile einfährt. Vielleicht sind das auch einfach nur die Kosten der Gesellschafts-Spaltung, aus der seine Energie gewinnt. Divide et impera!
Hinzu kommt, dass ich den verdacht hege, dass Trump sich eine Welt gebaut hat, in der er der allseits beliebte, strahlende Sieger ist. Kritik dringt nicht bis zu ihm vor und wenn doch, schmettert er sie eloquent ab, so dass felsenfest überzeugt davon ist, dass bis auf ein paar mächtige Verschwörer mit diabolischen Agenden alle zu ihm stehen. Das Volk und insgeheim auch die traditionell demokratisch wählenden Leute. Schliesslich kann niemand, der bei gesundem Verstand ist, bestreiten, dass er der beste ist, wos je hets gits.

Doch wenn Köppel Trump als Winkelried inszeniert, als einen mythischen Helden der bereit ist sein Leben zu Geben im Kampf gegen die Habsburger, dann spielt er damit verschiedenen absurden, bisweilen sogar gefährlichen Verschwörungstheorien in die Hand.
Eigentlich müsste sich Köppel als kritischer Geist von kruden Verschwörungstheorien distanzieren und stattdessen die tatsächlichen Mechanismen aufzeigen, welche am Werke sind. Doch das tut er nicht und so tummeln sich in den Kommentaren zu seinen Videos eine Menge Leute herum, die dort menschenverachtende Verschwörungstheorien propagieren.

Köppel sei immer wieder so der Gedanke gekommen, dass die Gegner vor allem über Egotrump sprechen, damit sie nicht über den Volkstribun und auch den Volksredner sprechen müssen, der sehr viel gutes macht. Auch in seiner Präsidentschaft sehr viel gutes macht.

Auch Trump unterstreicht das jedes mal, wenn er sich über die Fake-Medien ärgert, dass sie seine Leistungen unerwähnt lassen. Tatsächlich tun sie das aber nicht. Sie sind bloss nicht so begeistert von ihnen wie Trump und Köppel.
Jegliche Kritik einfach als eine an Egotrump zu verstehen und daraus zu schliessen, dass der Macher und Volkstribun aus ungeklärten Gründen nicht erkannt wird, ist ziemlich billig. Aber offenbar wirksam.

Auch dass er Trump als Volkstribun bezeichnet, ihn mit dem Ehrentitel Blochers schmückt ist interessant. Ein weiterer seltsamer Vergleich.

Ein Knackpunkt sei dann wohl gewesen, als in der Corona-Krise der Egotrump sich zu sehr in den Vordergrund schob. Der Volksredner sei da zu sehr in den Hintergrund getreten.

Kommt nur mir das so vor, als ob Köppel hier Trump strategische Fehler vorwirft ohne die Fehler zu benennen? Was hätte der Volksredner denn getan? Den Ernst der Lage und die Wichtigkeit der Schutzmassnahmen unterstrichen? Also Dinge mit denen sich auch die SVP schwer tut?

Und möglicherweise habe diese übersteuerte Egophase am Anfang der Pandemie dazu beigetragen ihn die Wahl zu kosten.

Trump wird sich damit sicherlich viel Sympathie im eigenen Lager verspielt haben. Das wird aber nicht allzu viele motiviert haben die Seite zu wechseln. Trump war von Anfang an ein Arsch und es hat seine Wähler nicht gestört. Auf der anderen Seite war seine Zustimmung immer lausig. Oder ist es wirklich so abwegig anzunehmen, dass eine Mehrheit ihn nicht so toll findet? Sich nicht von ihm beschützt fühlt?

Was mich dagegen ehrlich erstaunt, ist die Vorstellung, dass es in der Trumpfrage tatsächlich Unentschlossene geben soll. Bei seiner Begabung fürs Polarisieren halte ich das für beinahe ausgeschlossen. Entweder liebt man ihn oder man hasst ihn oder man hasst ihn, akzeptiert ihn aber, weil man sich etwas davon erhofft oder die andere Seite noch viel mehr hasst. Gleichgültig gibt es nicht.

Aber die Corona-Krise hat ihm sicherlich geschadet. Und genutzt. Weil sie mehr Gegner als Anhänger mobilisiert hat. Sowohl bei ihm, als auch bei Biden. Und das wird wohl den Ausschlag gegeben haben.

Köppels Ansicht nach haben die Medien ihre Glaubwürdigkeit verspielt in der Berichterstattung über diesen Trump, weil sie überhaupt nicht diesem Doppelphänomen gerecht werden wollten, sondern sich einfach nur eingeschossen haben auf die eine Seite, wo Trump ihnen natürlich auch immer wieder Munition geliefert habe.

Geht das? Köppel entdeckt die Doppeltrumpigkeit und die Medien verlieren ihre Glaubwürdigkeit, weil sie diese nicht auch erkennen?

Die Rede

Jetzt wendet sich Köppel der 46-Minuten-Rede zu, die vernichtende Reaktionen hervorgerufen haben soll. Er will jetzt auf diese Rede eingehen und einzelne Punkte herausarbeiten.
Die erste Frage sei, ob es Wahlbetrug gegeben habe.

Sollte die erste Frage nicht lauten, ob sich Trump jetzt schon zum Wahlsieger erklären darf? Ich meine, es ist ja noch nichts entschieden. Ich meine ja nur…

Natürlich gab es Wahlbetrug, meine Damen und Herren, so Köppel. Es habe Unregelmässigkeiten gegeben und das sei auch durch eidesstattliche Erklärungen beglaubigt worden. Von denen aber manche wohl nicht vor Gericht standhalten werden.

Manche? Alle Vorstösse vor Gericht wurden zurückgewiesen. Mehr als 50.
Darf man dann sagen, dass die Einwände gültig sind, wenn die Gerichte sie nicht akzeptieren?

Andere seien sehr überzeugend.

Wer entscheidet, was überzeugend ist? Die Gerichte oder die Medien? Oder irgendwelche Verschwörer, die dann die Gerichte und Medien darüber in Kenntnis setzen?

Es habe natürlich Unregelmässigkeiten gegeben und Wahlbetrug. Entscheidend aber sei, ob das in einer Dimension stattgefunden habe, die das Wahlergebnis kippen könnte. Aber die Behauptung, dass es keinen Wahlbetrug gegeben habe sei reinste Antitrumprethorik.

Und zu behaupten, dass es Wahlbetrug gegeben habe, während man auf Evidenzen hinweist, die vor Gericht nicht standhalten, ist demzufolge Protrumprethorik?

By the way, wenn etwas Anti- oder Pro-Irgendwas-Rhetorik ist, dann sagt das nichts über die Gültigkeit der vorgebrachten Argumente aus, sondern lediglich über die Art und Weise wie etwas formuliert wurde, hier beispielsweise auf welche Stilmittel das angesprochene Publikum am besten reagiert. Natürlich kann man damit die Meinung des Publikums subtil in die gewünschte Richtung komplimentieren, aber unverhohlenes Lügen ist kein Teil davon.

Das zweite Argument sei, dass zum ersten Mal in der Geschichte der vereinigten Staaten während des Spiels die Spielregeln geändert wurden, was die genauen Wahl- und Stimmabgabemechanismen angeht. Besonders in Pennsylvania, wo man einerseits die Briefwahl ermöglicht und anderseits die Sicherheitsmechanismen heruntergefahren habe. Und man könne sich die Frage stellen, warum sie das getan haben, schliesslich tun Politiker ja nie etwas ohne ein bestimmtes Motiv, sagt der Nationalrat Köppel.

Könnte der Grund die Pandemie gewesen sein?
Wäre das kein guter Grund um Briefwahlen im Eiltempo einzuführen?
Trump hat sich da zwar von Anfang an mit Händen und Füssen dagegen gewehrt, wohl wissend, dass das eher den corona-phoben Demokraten zugute kommen würde, aber er konnte es nicht verhindern.
Man könnte umgekehrt die Frage stellen, wie viel von der ungeschickten Handhabung und den holprigen Prozessen bei der brieflichen Stimmabgabe dann während der Wahl auf Hinderungsversuche der Trump-Administration zurückgehen. Hätte sich Trump dafür eingesetzt, dass die Briefwahl sauber ausgerollt wird, wie viele der Unstimmigkeiten wären dann wohl nicht aufgetaucht?

Und wenn man bedenkt, wie die Demokraten Trump während der letzten vier Jahre verteufelt haben, ihn sogar als Hitler bezeichnet haben, dann ist der Gedanke nicht abwegig, dass sie alles versuchen um diesen Hitler aus dem Amt zu bringen. Wenn schon nicht mit einem Attentat dann wenigstens mit Wahlbetrug. Das sei nicht so unplausibel.

Jemanden mit Hitler zu vergleichen (so deplatziert es auch sein mag) ist nicht das gleiche wie ihn als Hitler zu bezeichnen. Und aus einem unglücklichen Vergleich einzelner Exponenten zu schliessen, dass die ganze Partei sich für Attentate und Wahlbetrug stark machen wird, finde schon etwas gewagt. Könnte sowas nicht schon als Hetze ausgelegt werden? (Ich muss hier allerdings zu Köppels Verteidigung anführen, dass er sich grundsätzlich schwer mit Nuancen tut. So sah er bei AOC auch keinen Unterschied zwischen Rache und zur Verantwortung ziehen. Da kann er nichts dafür und man sollte lieber davon absehen dieses semantische Missgeschick als Hetze zu interpretieren.)

Es habe diese Jahr 80 Millionen Briefwahlzettel in den Vereinigten Staaten gegeben. Das sei sehr, sehr viel und das öffnet natürlich Tür und Tor für Manipulationen und für Fälschungen. Das sei das stärkste Argument, das Trump in seiner Rede vorgetragen habe.

Und selbst wenn hier der Manipulation und Fälschung Tür und Tor geöffnet worden sind. Welche rechtsstaatliche Instanz identifiziert es, bestätigt es und gebietet dem Einhalt? Ist es nicht zufälligerweise genau die Instanz, die keine Unregelmässigkeiten zu erkennen vermag?
Hat sich Köppel nicht erst kürzlich dafür stark gemacht, dass der Rechtsweg unbedingt eingehalten werden muss? Oder gilt das nur, wenn der Rechtsweg in die gewünschte Richtung weist?

Der dritte Punkt sei zu bestimmen, ob es reiche um zu zeigen, dass ein legitimer Präsident um seinen Posten gebracht wurde. Und hier sei das grosse Problem Trumps. Er habe nicht die Beweise, die wirklich überzeugend sind. Er könne Einzelfälle darlegen, aber er könne nicht zeigen, dass es im nötigen Ausmass passiert sei.

Und damit ist die Sache doch eigentlich erledigt? Oder? Ich meine, welche rechtsstaatlichen Möglichkeiten bleiben dann noch?

Indem Köppel das nicht ausführt, sondern einfach im Raum stehen lässt, radikalisiert er aber geradezu seine Gefolgschaft. Der richtige Weg wäre sich hier für einen legalen Weg stark zu machen um das (systemische?) Problem zu lösen.

Und dann erklärt Köppel, wo Trump den Fehler gemacht habe. Er habe zu spät reagiert. Nicht erst nach der Wahl. Er hätte sein Legal Team schon während dem Wahlkampf auf die Piste schicken müssen.

Hat er das nicht getan? Schon. Aber eben nicht genug.

Das sei ein Führungsfehler gewesen. Und den versuche er nun zu kompensieren, indem er seine Vorwürfe ins monströse und unseriöse überdreht.

Und hier wieder die Unterscheidung zwischen Egotrump und Volkstribun. Wenn es absurd ist, ist es der Egotrump. Aber das macht die Sache hier nicht zu einer der absurden. Man weiss dann zwar nicht, welche Vorwürfe der Volkstribun vorgebracht hätte, aber sicherlich wären sie dann richtig gut gewesen. Ziemlich praktisch. Das Durchdrehen Trumps beweist, dass die Wahrheit irgendwo da draussen ist.

Köppel bringt dann zwei Beispiele, wo Trump seines Erachtens übers Ziel geschossen sei. Die Stimmen, die in Wisconsin mitten in der Nacht auftauchten und Trumps Vorsprung zunichte machten und die Sache mit den Dominion Wahlmaschinen, die angeblich auf Knopfdruck Ergebnisse switchen können. Köppel meint dann, dass wenn Trump sowas sagt, und er sei jetzt nicht mehr Wahlkämpfer sondern Präsident, dann aktiviert er alle natürlichen Zweifel, die wir alle haben, gegenüber Google, gegenüber Big Tech, gegenüber irgendwelchen Computern. Köppel will theoretisch auch nicht ausschliessen, dass das technisch möglich ist, doch wenn der Präsident der Vereinigten Staaten solche Vorwürfe in den Raum stellen, und vor dem Siegel der Vereinigten Staaten sich hinstellen, dann habe er doch eine gewisse objektive Wahrheitsverpflichtung und er müsse bei belegbaren Fakten bleiben.

Soll das heissen, dass es Gelegenheiten gibt, in denen Trump „notwendigerweise“ der Volkstribun sein sollte und nicht der Egotrump? Und was wenn darauf einfach kein Verlass ist? Was wenn man nicht darauf vertrauen kann, dass jemand der objektiven Wahrheit verpflichtet ist und seine Fakten belegbar sind? Ist ein solcher Mensch immer noch wählbar in einem Rechtsstaat?

Ich fand es übrigens lustig, dass Köppel einem Wahlkämpfer offenbar Lügen durchgehen lässt. Einem Präsidenten aber nicht. Ich bin da wohl nicht so tolerant.
Und witzig fand ich auch, dass der unbegründete Blödsinn der Trump verzapft einen natürlichen Zweifel aufkommen lässt. Aber nicht an Trump, sondern an der Technologie.
Wäre Köppel doch nur auch Andersdenkenden gegenüber so wohlwollend…

Köppel bestreitet nicht, dass Trump das so empfindet, aber er hat keinen Beweis bringen können, dass das wirklich so ist.

Damit hätte er sich doch eigentlich den ganzen Beitrag sparen können, oder?

Eine Frage am Rande: Hält Köppel Trump für intelligent? Respektive woraus glaubt Köppel, dass Trump seine durchaus vernünftigen Gedanken schöpft? (Und woher seine absurden?) Und wenn Köppel dem intelligenten Trump zugesteht, dass dieser die Validität seiner schwachen Beweise aufrichtig für überzeugend hält, wie abwegig ist es da, dass die Medien die vernünftigen Dinge aufrichtig nicht für besonders vernünftig halten?
Ich meine, ja, die Medien machen sich über ihn lustig, aber vielleicht tun sie das, weil er jedes Kriterium einer (tragischen) Witzfigur erfüllt und nicht weil sie Angst vor seinen vernünftigen Gedanken haben. Ist Köppel schon mal der Gedanke gekommen, dass die Medien keine Agenda haben, sondern einfach nur ihre Arbeit tun? Sprich, dass deren Unzulänglichkeiten profane Gründe haben und nicht von irgendwelchen mächtigen Verschwörern eingefädelt wurden.

Der Egotrump will zwanghaft gewinnen. Dabei müsste gerade jetzt der Volkstribun zum amerikanischen Volk sprechen.

Was sollte der Volkstribun dem Volk denn sagen?

Köppel meint, er müsse die Leute auffordern wählen zu gehen. Weil er mit der Betrugsrhetorik und der Verschwörungsrhetorik das amerikanische Volk demotiviert bei den kommenden Senatswahlen nochmals ihre Stimme für die Republikaner abzugeben.

Mit dem amerikanischen Volk, deren Sache Trump immer so gut vertreten habe, meint Köppel tatsächlich nur die Republikaner.
Der Volkstribun ist nur seinem Volk verpflichtet!

Köppel befürchtet am Schluss, dass wenn man Egotrump jetzt weiter wüten lässt, dass er als Totengräber seiner selbst und seiner Politik in die Geschichte eingehen könnte. Und das wäre schade, weil es eine gute Sache war, dass er gewählt worden ist, der die Anliegen des Volkes vertreten hat gegen diese ganze heuchlerische, verlogene Superelite, gegen all diese polyglotten Sozialisten und Halbsozialisten und Salonsozialisten. Dass da mal einer aufgestanden ist und auch die Political Correctness zurück gekämpft hat. Das sei eine gute Sache. Und wenn er das jetzt noch kaputt macht auf seiner Egotrump-Schiene, dann wäre das wirklich tragisch.

Nehmen wir mal an, dass er wirklich erfolgreich gegen den Sumpf angekämpft hat und den Leute tatsächlich die Heuchelei und die Verlogenheit der Eliten vor Augen geführt hat und dass er den Vormarsch der Political Correctness gestoppt hat. Inwiefern würde sein jämmerlicher Niedergang diese Errungenschaft zunichte machen? Was man einmal gesehen hat, kann man nicht mehr ungesehen machen.
Und selbst wenn das Volk diese Dinge dank eines nächsten Volkstribuns wieder aus den Augen verliert, wäre das wirklich das schlimmste denkbare Erbe, das uns Trump hinterlassen kann?

Nicht das zerstörte Vertrauen in die Medien und in den Rechtsstaat aufgrund unbegründeter Vorwürfe? Nicht die immer unüberwindlichere Polarisation? Nicht die Salonfähigkeit der White Supremacy? Nicht die politisch motivierte Gewalt, zu der sich seine Anhänger legitimiert fühlen?

Aber Köppel schaut jetzt einfach mal, wie sich die Sache im Weiteren entwickeln wird.

Okay. Schauen wir.
Doch ich hätte da noch eine allerletzte Frage: Gibt es diese zwei Trumps wirklich? Der eine Trump ist ja nach allgemeiner Übereinkunft ein egomanisch, narzisstischer Angeber, der es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. Solche Menschen neigen dazu ihr Publikum mit Lügen um den Finger zu wickeln und auszunutzen. Woher nimmt Köppel die Gewissheit, dass es den zweiten Trump tatsächlich gibt und diese vernünftigen Dinge, die ihn so beeindrucken, nicht nur die Spinnweben sind, mit denen er sich seine konservativen Fliegen fängt?


Köppel hinterfragt übrigens ganz am Anfang dieses Beitrage in seiner Rubrik (?) „Willkommen in der verrückten Welt von Transgender“ auch noch kritisch die (niederen?) Motive für das Comingout von Elliot Page, dessen Wunsch künftig als „er“ angesprochen zu werden Köppel einfach ignoriert, und holt dann gleich auch noch aus zu einem wissenschaftlich wackligen Rundumschlag aus gegen die „Genderideologie – den Kreationismus der Linken“.
Auf den einen oder anderen Fehler in seiner Argumentation werde ich vielleicht ein andermal zu sprechen kommen, hier möchte ich nur folgendes zu denken geben: Als jemand, der sich gern selbst gegen den grössten Wiederstand des nicht ernst genommenen Volkes annimmt, ist Köppel hier erstaunlich taub für den Versuch des Gehörtwerdens eines Volkes, das seit Ewigkeiten ignoriert und bevormundet wurde.


Ich glaube, ich kaufe ihm die „autonome Republik des freien Denkens“ nicht ab. Ich glaube, er biedert sich bloss seiner immer querer denkenden Gefolgschaft an.

Woher kommst du?

Laut Dos Santos Pinto ist Rassismus gegen schwarze Menschen in der Schweizer Kultur so stark verankert, dass er den meisten Menschen nicht auffällt. Sie gab ein Beispiel: «Die Frage ‹Woher kommst du?› ist rassistisch.» Diese Frage werde innerhalb der ersten paar Minuten an Personen gestellt, die nicht weiss sind. «Damit ruft man eine Vorstellung von Personen hervor, die zur Schweiz gehören und solchen, die zuerst noch erklären müssen, warum sie da sind.»

20min.ch

Aus einer kulturelleren Perspektive

Dass die Schweizer Kultur xenophobe Tendenzen hat, steht ausser Frage. Dass sie folglich auch Schwierigkeiten mit Schwarzen hat, selbstverständlich auch. Ob das aber gleich mit Rassismus gleichgesetzt werden kann, da bin ich mir nicht so sicher.
Klar dunkelhäutige Menschen werden massiv diskriminiert, doch wurden das vor ihnen auch die Jugoslawen, Portugiesen und Italiener. Und davor wahrscheinlich auch die Aargauer, Thurgauer und Entlebucher.
Wenn man die Diskriminierung am Rassismus aufhängen will, dann müsste man doch klare Unterschiede erkennen bei der Behandlung der Fremden je nach Rassenzugehörigkeit.

Ich bin mir durchaus bewusst, dass der moderne Rassismus nicht mehr biologische Rassen voraussetzt, sondern seine Überlegenheit an der Herkunft, sprich der Kultur, aufhängt. Damit gesteht man ein, dass es theoretisch durchaus möglich ist, dass die Koredutten eine uns dermassen weit überlegene Zivilisation entwickelt haben, dass es ihr moralisches Recht wäre, uns einerseits mit Rat und Tat zur Seite zu stehen und andererseits uns auf angemessene Distanz zu halten. Dass bisher noch keine solche Kultur gefunden wurde, ist natürlich reiner Zufall und hat nichts damit zu tun, dass die eigene Lebensweise der Massstab ist. Und entsprechend ist es auch reiner Zufall, dass kulturelle Distanz mit unterschiedlicher Hautfarbe, Augenform und Behaarung korreliert1.

Daher hier zur leichteren Bestimmung der eigenen Rasse – ich meine – Kultur eine ethnographische Karte:

Karte der Verbreitung der Menschenrassen aus Meyers Konversationslexikon, 4. Auflage. 1885–1890

Und selbst wenn die Diskriminierung umso stärker ist, je grösser der Unterschied in der Hautfarbe ist, so würde ich dennoch vorsichtig sein mit dem Ausspielen der Rassismus-Karte.

Ein Rassist ist für mich ein Mensch, der überzeugt davon ist, dass eine bestimmte Rasse von Natur aus den anderen überlegen ist. Normalerweise die eigene2. Und diese Überlegenheit legitimiert den Rassisten darin, über die Köpfe der Primitiven hinweg über ihr Schicksal zu entscheiden. Traditionell tut man das in Form des Imperialismus3.

Die Schweiz hatte keine Kolonien (was sie aber natürlich nicht daran hinderte dennoch von jenen der anderen zu profitieren). Tatsächlich befand sie sich sogar eher auf der anderen Seite des Spektrums: Von den Naturforschern jener Zeit wurden die Eidgenossen gern als ungebildete Halbwilde beschrieben.

Tatsächlich gibt es aber auch andere Gründe als die Überlegenheit anderen Leute das Leben absichtlich schwer zu machen.
Zum Beispiel die Annahme, dass es Leuten umso schwerer fällt sich in eine Kultur zu integrieren, je unterschiedlicher die Kultur ist, aus der sie stammen. Die andere Kultur ist nicht schlechter oder besser. Sie ist nur anders und man befürchtet, es könnten Konflikte entstehen, wenn man diese mischt. Wenn also jemand beispielsweise aus einer „kommunistischen“ Kultur kommt, wo alles allen gehört, dann könnte man vermuten, dass er mir, wenn man ihn hier einstellt, meinen Kaffeerahm wegsäuft. Das ist kein Rassismus, weil man die andere Kultur nicht notwendigerweise als schlechter betrachtet. Es ist aber dennoch Diskriminierung auf Basis von Vorurteilen, die man über andere Gruppen hegt.
Oder man könnte Befürchten, dass wenn zu viele Fremde ihre Kultur hierher bringen, sich unsere dadurch verändern wird. Auch hier hält man die andere Kultur nicht notwendigerweise für schlechter, sondern einfach nur für anders. Man will einfach nicht, dass sich die eigene liebgewonnene ändert. Wenn also zu viele Leute aus einer „Santa Claus“ Kultur kommen, könnte das die Traditionen rund um Samichlaus und Christchindli verändern, was man eben zu verhindern versucht.

Man kann sich fragen, ob diese Unterscheidung überhaupt Sinn macht, denn für die Betroffenen macht es keinen grossen Unterschied. Denn egal ob das Gegenüber ein Rassist oder ein – ich nenne es mal – Kulturschützer ist, er wird diskriminiert, bedroht und manchmal sogar angegriffen.
Es macht aber (hoffentlich) einen Unterschied, wenn es darum geht, den Diskriminierenden dazu zu bewegen, die Diskriminierung zu beenden. Beim Rassisten wird das nämlich nicht klappen, weil die Minderwertigkeit in Blut/Kultur gemeisselt ist, während beim Kulturschützer immer noch Hoffnung besteht.
Wenn sich der Fremde integriert, sprich seinen eigenen Kaffeerahm mitbringt und Samichlaus statt Santa Claus anbetet, oder man an gewissen Aspekten der fremden Kultur Gefallen findet, dann braucht es keine Diskriminierung mehr um die Bedrohung abzuwenden. Beim Rassisten bleibt dagegen weiterhin die Überzeugung von der Überlegenheit und er wird sich auch weiterhin vor der genetischen/kulturellen Verschmutzung fürchten.

Der Lackmustest für Kulturschützer und Rassisten sind daher wohl die Secondos und Terzos. Sie sind hier geboren und aufgewachsen und idealerweise so integriert, wie man es sich von einem Menschen nur wünschen kann.
Zumindest das muss man der SVP lassen: Sie verschliesst sich nicht vor Patrioten mit Migrationshintergrund. (Strukturellen Rassismus zu fördern und mit Patrioten, die (leicht) über die Stränge schlagen, zu liebäugeln ist meines Erachtens mehr Opportunismus als Rassismus der unheilbaren Sorte.4)

Dass auch optimal integrierte Secondos und Terzios von den Kulturschützern diskriminiert werden, liegt daran, dass sie wie Fremde aussehen und heissen und dadurch versehentlich den Erst-Kultur-Hilfe-Reflex triggern.

Aus einer individuelleren Perspektive

Gespräche fangen so gut wie nie mit der Frage „Woher kommst du?“ an. Meist geht dem zumindest ein freundliches „Hallo“ voraus.
Wenn sie allerdings doch mal so anfangen, dann wohl tatsächlich meist aus rassistischen Motiven. Doch das erkennt man weniger an der Frage, sondern viel mehr daran, dass die Frage von einem (spürbar) xenophoben Arschloch gestellt wird. Und in einem solchen Fall schafft das Arschloch es auch die Frage nach der Uhrzeit diskriminierend klingen zu lassen.

Ein Gedanke am Rande:
Ich finde, man sollte sich stets bemühen von allen möglichen Interpretationen einer Aussage grundsätzlich immer die wohlwollendste als die beabsichtigte zu wählen. Selbst wenn eine weniger wohlwollende noch so nahe zu liegen scheint. Damit schenkt man seinem Gegenüber einen Nettigkeitsvorschuss und lässt ihm die Möglichkeit seine Arschlochigkeit explizit einzufordern. (#PrinzipDerWohlwollendenInterpretation)

Aber es stimmt schon, die Frage nach der Herkunft ist eine persönliche Frage. Doch das ist sie mit Absicht. Man will schliesslich etwas über die andere Person erfahren. Das muss zwangsläufig persönlich sein. Andernfalls hätte man sich nach dem Wetter erkundigt.
Wenn man also eine Person etwas besser kennen lernen will, kann man sie entweder etwas willkürliches fragen, beispielsweise könnte man sich höflich nach der Farbe ihrer Unterwäsche erkundigen, oder (ein bisschen fantasieloser) nach etwas offensichtlichem, das sie gerade von allen anderen unterscheidet:
Wenn die Person Zahnarzthelferin ist und lange, spitze Eckzähne hat, dann könnte man sie fragen, ob die Stomatologie schon immer ein Strigoi-Handwerk war (wobei man von vornherein ahnt, dass einem die Antwoxrt nicht gefallen wird).
Oder wenn eine Person die grüne Taschenbuchausgabe von der Herr der Ringe liest und dabei herrderringetaschenbuchausgabegrüne Pumps trägt, dann könnte man sie fragen, ob ihr das Buch gefällt (wobei man die Antwort eigentlich schon kennt).
Oder eben wenn die Person einer anderen Ethnie angehört, was man entweder an der Hautfarbe oder am Dialekt erkennt, dann wäre auch die Herkunft eine Frage wert.

Pangalactic Gargle Blaster… vielleicht will man auch lieber nicht wissen, was drin ist?

Ja, damit drückt man tatsächlich jedes Mal explizit aus, dass die Person sich von der Norm unterscheidet. Es impliziert aber keineswegs auch, dass man das persönlich für etwas schlechtes hält.
Als jemand, der Multikulti zu schätzen weiss, widerspiegelt es viel mehr die aufrichtige Freude an der Artenvielfalt. Ein Gourmet weiss die Verschiedenartigkeit der Zutaten im Zusammenspiel schliesslich zu schätzen.

Vielleicht haben die Vorbehalte gegen die Frage nach der Herkunft auch andere Ursachen:
Erstens wird man diese Frage wohl häufiger hören als die nach anderen Dingen, die einen von den anderen unterscheidet. Das wird einem – voraussichtlich – irgendwann mal so zum Hals raushängen, dass man – nachvollziehbar – ziemlich gereizt zu antworten beginnt. Doch wenn man sich an der gleichen Frage bei 1000 Menschen nicht gestört hat, dann kann man es der Person, die die Frage als 1001ste stellt, nicht wirklich übel nehmen.
Zweitens – und das wiegt wahrscheinlich deutlich schwerer – weil diese Frage unweigerlich in eine üble Verlegenheit führt. Denn welche Folgefrage wird dann wohl kommen: „Ach, ein Freund von mir, der Sepp, kommt auch von da. Kennst du den?“, „Ach, cool, ich liebe Cholera!“, „Ach, dort wurde ich mal von einem Hai gebissen!“ oder noch schlimmer „Nein, ich meine ursprünglich?“
Und drittens weil hier, im Gegensatz zu den meisten anderen persönlichen Fragen, die Chance wesentlich grösser ist, dass man die Person versehentlich an ein traumatisches Erlebnis erinnert wird, weil das Verlassen der Heimat in viel zu vielen Fällen nicht aus freien Stücken geschah.

Das bedeutet, dass die Frage nach der Herkunft schlicht kein besonders raffinierter Zug ist. Das ändert aber nichts daran, dass die Frage jedes einzelne mal berechtigt ist. Weil jeder von irgendwo her kommt und weil uns das interessiert. Und das nicht nur ein bisschen, sondern fundamental.
Das Interesse an der Herkunft des Gegenübers wurde uns in die Wiege gelegt. Mehr noch, es ist ein Überlebensinstinkt, der während Äonen unser Überleben und das unserer Nachkommen sicherte:

Von nah nicht flachlegen.
Von nicht nah umlegen.

Und wer will sich schon mit seinem genetisches Erbe anlegen?

Die Frage aufgrund des Risikos damit in ein psychologisches Wespennest zu stechen gesellschaftlich zu ächten, wäre aber auch problematisch: Weil man dann von der Wahrscheinlichkeit für eine Eigenschaft in einer Gruppe auf das Vorhandensein der Eigenschaft bei einem Individuum schliesst und sie deshalb anders behandelt. (#Diskriminierung)


Spezielles Fazit:

„Neger“ sagt man nicht. Das weiss man.
„Fräulein“ sagt man nicht. Das weiss man.
„Schwuchtel“ sagt man nicht. Das weiss man.
„Zigeuner“, „Schlampe“ und „Krüppel“ sagt man auch nicht. Das weiss man auch.

Irgendwann fiel auf, dass diese Bezeichnungen einen unangenehmen Ballast mit sich tragen5 und dass den Betroffenen wohler wäre, wenn man stattdessen andere Worte benutzen würde. Irgendwie hat es sich dann tatsächlich durchgesetzt, dass diese Worte nicht mehr verwendet werden. Und seither spricht man sie nur noch aus, wenn man sich unbedingt als rassistisches, sexistisches und/oder homophobes Arschloch outen will.

Was die Herkunft betrifft, so sollte es sich langsam herumgesprochen haben, dass auch diese ein potentiell problematisches Thema ist und folglich lieber mit Bedacht angesprochen werden sollte. Da dieses Wissen aber noch nicht gänzlich verinnerlicht wurde, ist man noch nicht automatisch ein rassistisches Arschloch ist, wenn man die Frage stellt.
Sie wird deshalb von den Angesprochenen auch noch nicht als Schlag ins Gesicht interpretiert, sondern lediglich als ein weiterer Tropfen, der seine Macht in der Masse entwickelt.6

Aber natürlich meint es auch niemand böse, wenn er Mohrenkopf sagt. Das heisst aber nicht, dass wir nicht unabsichtlich viel zu viele Verhaltensweisen an den Tag legen, die andere Gruppen verletzen. Nur weil wir es schon immer so gemacht, macht die Sache nicht harmlos. Und dass wir uns nicht im Klaren darüber sind, dass die Sache nicht harmlos ist, nimmt der Sache nicht den Schmerz für die Betroffenen.


Allgemeines Fazit:

Es gibt Dinge, die sind okay. Andere sind es nicht. Nicht notwendigerweise weil sie in irgendeiner Form schädlich oder vorteilhaft wären, sondern einfach weil man sich irgendwie darauf geeinigt hat, dass das jetzt so gilt.
Fräulein sagen ist nicht okay. Schweinefleisch essen ist okay. Zu fragen, auf welche Toilette Trans-Menschen gehen sollen, ist nicht okay. Rülpsen ist okay. Doch ist es. Sich nach der Herkunft erkundigen, ist nicht okay.
Es spielt, wie gesagt, keine Rolle, ob diese Tabus und Freiheiten berechtigt sind, es sind Rituale und Symbole mit denen sich die Leute in einer Gesellschaft schmücken um zu zeigen, dass sie dazugehören. Es sind aber nicht geheime Signale, welche Fremde entlarven. Denn alle wissen, was sich in einer Gruppe gehört und was nicht, und wenn man sich nicht daran hält, dann um zu zeigen, dass man nicht dazu gehören will.
Verdammt umständlich, könnte man meinen, wenn man nicht wirklich wissen kann, ob das Gegenüber tatsächlich die Überzeugungen der Gruppe teilt, deren Gewohnheiten er gerade an den Tag legt. Man kann aber aus dem erstaunten Blick des Gegenübers, wenn er feststellt, dass er die falschen Rituale für die richtigen gehalten hat, zweifelsfrei darauf schliessen, dass es sich um einen (schlecht vorbereiteten) Zeitreisenden handelt.

Dieser stete Wandel unserer Sitten und Gebräuche ist der Schutzmechanismus unserer Kulturen im Temporalen Kalten Krieg.


Noch ein Gedanke am Abschied:
Nach modernen ethischen Standards wären die Leute von früher allesamt Arschlöcher. Durchs Band. OHNE AUSNAHME! Das ist aber nicht böse gemeint. Sie wussten es (in vielen Fällen) einfach noch nicht besser. Und in vielen Fällen konnten sie es gar nicht besser wissen.

Interessanterweise ist die Sache aber wahrscheinlich nicht zeitinvariant. Leute aus dem 10. Jahrhundert, die nach heutigen Standards Arschlöcher waren, würden uns wohl nicht für Arschlöcher halten. Für eklig durchaus, aber sie würden uns nicht vorwerfen können, dass wir Leute nicht aufgrund von Geschlecht, Rasse, Herkunft, sexueller Orientierung, etc. diskriminieren. Ausser sie übernehmen die Moral von jemandem, der sich nochmals zehn Jahrhunderte früher wie einer benahm, den man im Frühmittelalter genauso wie heute ehrlicherweise als Arschloch hätte bezeichnen müssen.


Frage nach der Herkunft hin oder her, es gibt nur eine Antwort auf diese:

Ist es das Christentum wirklich wert, dafür verfolgt zu werden?

Im Kloster Einsiedeln veranstaltete die Hilfsorganisation «Kirche in Not» ein Risotto-Essen mit anschliessener Podiumsdiskussion und kath.ch berichtete darüber. Die Botschaft war klar:

Das Christentum ist die am meisten gefährdete Religion.
kath.ch auf fb

Steht das Christentum kurz vor dem Aussterben?

Wohlgemerkt, dass das Christentum offenbar auf der Liste der gefährdeten Arten steht, heisst nicht, dass es bereits vom Aussterben bedroht ist. Das heisst lediglich, dass die Gefahr besteht, dass es in absehbarer Zeit vom Aussterben bedroht sein könnte. Denn:

Weltweit werden 200 Millionen Christen verfolgt!
kath.ch

Wenn all diese Christen massakriert würden, was der Umstand, dass sie verfolgt werden, durchaus in Aussicht zu stellen scheint, wäre das natürlich eine humanitäre Katastrophe sonder gleichen, den 1. Platz unter der Weltreligionen würde es das Christentum (mit aktuell ca. 2.3 Mia Anhängern) aber nicht kosten.
Ja selbst wenn sich diese 200 Millionen statt sich dem Märtyrertod hinzugeben auf die Seite des Zweitplatzierten (dem Islam mit aktuell ca. 1.6 Mia Anhängern) schlagen würden, änderte das nichts an der Pole-Position des Christentums.
Das klingt jetzt nicht danach, dass das Christentum in absehbarer Zeit vom Aussterben bedroht sein wird. Ist es wirklich gefährdet, weil es immer schlimmer wird, oder ist es einfach nur ein interessantes Thema für die Medien?

Roberto Simona, Islamexperte von «Kirche in Not» und Kardinal Gerhard Müller sprachen klar von einer «Verschlimmerung der Situation für Christen» und wiesen dabei auf das Beispiel Irak hin. […] So lebten im Jahr 2003 rund 1,5 Millionen Christen im Irak. Heute dürften es nur noch zwischen 250’000 und 350’000 sein. Gezeigt wurden Bilder von Häusern in der christlichen Ninive-Ebene, die durch die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) zerstört wurden.
kath.ch

Ist die Entwicklung in einem Gebiet, das vom IS heimgesucht wird, wirklich repräsentativ für die globale Entwicklung des Christentums?
Sind dort nicht alle Formen von Andersdenken akut vom Aussterben bedroht?
Den Christen geht es dort zweifellos übel. Aber nicht weil sie Christen sind, sondern weil sie nicht die richtige Art Muslime sind.

Das ist etwa genauso eine Christenverfolgung wie es die Spanische Grippe war. Ja, Christen sind an ihr gestorben, sehr wahrscheinlich sogar mit Abstand am meisten, doch nicht, weil es der Influenzavirus besondern auf Christen abgesehen hätte, sondern weil es einfach von den Christen am meisten gab.

Das Christentum ist also die am meisten verfolgte und dadurch gefährdete Religion im Irak!

Was verstehen wir hier eigentlich unter Verfolgung?

Wenn man den Irak und den IS als Beispiel nimmt, dann klingt Verfolgung wie ethnische Säuberung. Wenn man sich aber die Quelle anschaut, welcher mit grösster Wahrscheinlichkeit die Zahl der verfolgen Christen entnommen wurde, den Weltverfolgungsindex von Open Doors, dann sieht es aber auf einmal nicht mehr so düster aus:

Open Doors folgt einem weiten Verständnis des Begriffs „Christenverfolgung“. Danach herrscht Verfolgung nicht nur, wenn der Staat Einzelne oder ganze Gruppen von Christen wegen ihres Glaubens einsperrt, verletzt, foltert oder tötet, wie es in vielen Ländern Realität ist. Verfolgung herrscht auch dann, wenn Christen aufgrund ihres Glaubens beispielsweise ihre Arbeit oder ihre Lebensgrundlage verlieren, wenn Kinder aufgrund ihres Glaubens oder des Glaubens ihrer Eltern keine oder nur eine schlechte Schulbildung bekommen oder Christen aufgrund ihres Glaubens aus ihren angestammten Wohngebieten vertrieben werden. Ebenso verhält es sich, wenn es Christen nicht erlaubt ist, Kirchen zu bauen oder sich auch nur privat zu versammeln, wenn die Registrierung einer christlichen Gemeinde oder Organisation nur unter schikanösen Bedingungen oder auch gar nicht möglich ist. Auch wenn es Andersgläubigen gesetzlich oder zumindest gesellschaftlich nicht erlaubt ist, zum Christentum zu konvertieren und sich zum christlichen Glauben zu bekennen – wenn Gläubige also mit Konsequenzen für Familie, Besitz, Leib und Leben rechnen müssen – spricht Open Doors von Christenverfolgung.
Definition von „Christenverfolgung“

Demzufolge wird man auch verfolgt, wenn man bloss diskriminiert wird. Man darf mich nicht falsch verstehen, jemanden aufgrund seiner Religion zu diskriminieren ist genau so inakzeptabel wie jemanden aufgrund seines Geschlechts, seiner Hautfarbe oder seiner sexuellen Orientierung zu diskriminieren. Aber es ist nicht ganz das, was man sich vorstellt, wenn man das Schreckgespenst einer Verfolgung heraufbeschwört.
Aber okay, wer sind wir, das Leid, welches verschiedene Menschen erfahren, gegeneinander abwägen zu wollen. Verfolgt wird, wer sich verfolgt fühlt. Punkt.

Von Christenverfolgung kann aber dennoch nur dann gesprochen werden, wenn diese gezielt als diese verfolgt (oder diskriminiert) werden, während alle anderen Gruppen mehr oder weniger in Ruhe gelassen werden.

Auch davon gibt es noch mehr als genug auf der Welt. In gewissen Ländern besteht genauso eine Aversion gegen Christen wie sie (bei uns) gegen Juden und Muslime vorhanden ist1.

Doch nicht mal überall, wo gezielt das Christentum verfolgt wird, kann man guten Gewissens von Christenverfolgung sprechen. Wenn beispielsweise  Kirchen abgerissen werden und der Bau von neuen verboten ist, so kann man das, entgegen der Ansicht von Open Doors, noch nicht notwendigerweise eine Christenverfolgung bezeichnen.
Kirchen sind nämlich immer auch politische Institutionen und sowas kann einer Regierung leicht mal ein Dorn im Auge sein. Die Frage ist daher allein, ob die Menschen in der Ausübung ihrer Religion im privaten Rahmen behindert werden und ob ihnen im alltäglichen Leben Nachteile daraus entstehen, wenn man weiss, dass sie Christen sind.
Kirchen zu bauen und sich zu organisieren, ist sicherlich ein Menschenrecht. Einer Gruppe dieses Recht aus Gründen der NATIONALEN SICHERHEIT2 zu verwehren ist aber nicht zwingend eine Einschränkung der Religionsfreiheit. Insbesondere dann nicht, wenn diese Möglichkeit auch anderen Gruppen aus dem gleichen Grund verboten ist.

Klar, Christen bauen ihre Kirchen nur um Nächstenliebe und Barmherzigkeit zu verkünden und haben nicht die geringste Absicht ins politische Geschehen einzumischen. Ich weiss das. Aber vielleicht ist es noch nicht ganz bis zu den Despoten durchgedrungen.

Aber es stimmt schon. Der Umstand, dass man der grössten Religion angehört, lindert nicht das Leid, welches einem zugefügt wird von jenen, die denken dass man dennoch falsch liegt. Die Menschen leiden und man muss ihnen helfen.
Dass manche Christen  das Leiden geniessen, ändert nichts daran!

Warum entziehen sie sich nicht einfach der Verfolgung?

Gerhard Pfister hat schon recht, wenn er sagt:

Wir machen uns viel zu wenig bewusst, dass das christlich geprägte3 Modell des Rechtstaates, das den Bürgern Religions- und Meinungsfreiheit gewährt, nicht das Regelmodell eines Staates auf der Welt ist, sondern das absolute Ausnahmemodell!

Die Frage ist, wie können wir Leuten konkret helfen, die unsere Hilfe dringend brauchen und in einem Land leben, wo die Menschenrechte unserer Ansicht nach4 mit Füssen getreten werden?

Wir können die mit Waffen beliefern. Oder mit Gebeten. Aus dass sie sich erheben und der Tyrannei ein Ende setzen.

Allerdings gilt für einen Christen stets das folgende Prinzip:

1 Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott angeordnet. 2 Darum: Wer sich der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Anordnung; die ihr aber widerstreben, werden ihr Urteil empfangen. 3 Denn die Gewalt haben, muss man nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes, dann wirst du Lob von ihr erhalten. 4 Denn sie ist Gottes Dienerin, dir zugut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst. Sie ist Gottes Dienerin und vollzieht die Strafe an dem, der Böses tut. 5 Darum ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen. 6 Deshalb zahlt ihr ja auch Steuer; denn sie sind Gottes Diener, auf diesen Dienst beständig bedacht. 7 So gebt nun jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt; Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt.
Römer 13

Da die Regierung selbst in den üblen Ländern von Gott eingesetzt ist5, kann ein Christ einem anderen schwerlich empfehlen sich den Gesetzen zu widersetzen. Geschweige denn ihm die dafür nötigen Mittel zur Verfügung stellen. Sei es nun in Form von Waffen oder Ziegelsteinen oder Gebeten6.

Darauf kann man natürlich erwidern:

29 Petrus aber und die Apostel antworteten und sprachen: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.
Apostelgeschichte 5

Jetzt müsste man nur noch wissen, wann das Gesetz des Landes dem Gesetz Gottes widerspricht…
Doch selbst dann sollen wir die Regierungsautorität akzeptieren, schliesslich haben Petrus und die Apostel die Strafe akzeptiert (und genossen):

40 und riefen die Apostel herein, schlugen sie und geboten ihnen, sie sollten nicht mehr im Namen Jesu reden, und ließen sie gehen.
41 Sie gingen aber fröhlich von dem Hohen Rat fort, weil sie würdig gewesen waren, um Seines Namens willen Schmach zu leiden,
Apostelgeschichte 5

Es ist aber natürlich nicht jedermanns Sache fröhlich „um Seines Namens willen Schmach zu leiden“. Die, die es tun, verdienen unseren Respekt.
Ich bin mir aber nicht so sicher, was ich von Leuten halten soll, die fröhlich andere „um Seines Namens willen Schmach leiden“ lassen.

Von daher ja, die Gesetze Gottes stehen über den Gesetzen der Länder. Aber da die Regierung und deren Gesetze von Gott eingesetzt sind, kann das Befolgen von diesen nicht falsch sein.
Wenn Organisationen wie «Kirche in Not» den Christen im Irak Hoffnung machen indem sie die auf Anordnung von der „Regierung“ zerstörten Häuser wieder aufbauen, so agieren sie offen gegen die Obrigkeit.

Klar, die Zustände sind inakzeptabel, aber sie sind von Gott angeordnet. Das heisst nicht, dass man nichts tun kann. Das heisst, dass man es richtig angehen muss. Indem man die Obrigkeit zum Umdenken bewegt. Und nicht indem man wie die CIA die Untertanen zur Revolte führt.

Darf man sich da über die Zurückhaltung wundern, wenn es darum geht Kirchen-Bauprojekte zu bewilligen?

Warum empfehlen der Papst und «Kirche in Not» den Christen im Irak, die sich durch ihre Religionszugehörigkeit in akuter Lebensgefahr befinden, nicht einfach zum (richtigen) Islam zu konvertieren?
Dadurch stirbt dort eine christliche Kultur, die dort seit Jahrtausenden heimisch ist, was schade ist. Doch das tut sie auch, wenn die Menschen, welche diese Kultur leben, umgebracht werden.
Sollte uns dann die diesseitige Unversehrtheit der Menschen nicht wichtiger sein als ihr jenseitiges Seelenheil?

Die Verbreitung der grossen Religionen verdankt sich ja nichts anderem als dem Umstand, dass ganze Völker gezwungen wurden sich zu bekehren. Wenn es für die Kirchen okay war, wenn Leute unter Druck zum Christentum konvertieren, warum ist es dann nicht okay, wenn sie unter Druck vom Christentum weg konvertieren?

 

Man darf mich nicht falsch verstehen. Es gibt durchaus Dinge, für die es sich zu kämpfen und Opfer zu bringen lohnt. Dazu gehört sicherlich auch die Religionsfreiheit.
Aber für eine konkrete Religion?

Aussprache von Namen

Man kennt das, am Flughafen wird ein Herr Queklakluklutak aus Oberägeri aufgefordert sich am Gate 9¾ zu melden, wobei die Lautsprecherstimme den Namen sowas von offensichtlich komplett falsch ausspricht, dass einem davon ganz peinlich wird.

Wieso schicken die Fluggesellschaften ihre Mitarbeiter nicht in einen Kurs, wo die diese lernen die Namen der Fluggäste richtig auszusprechen? Ist das wirklich zu viel verlangt?
Jap, denn ein gleich geschriebener Name kann an verschiedenen Orten verschieden ausgesprochen werden. Ja er kann sogar am gleichen Ort je nach Vorliebe des Namensträgers verschieden ausgesprochen werden. Solange die Fluggesellschaften also nicht vom Big Brother mit Insider-Infos zur korrekten Aussprache der Namen versorgt werden, bleibt ein solcher Kurs wohl eine Utopie.
Und selbst dann würde man noch über die Zungen der „Lautsprecheransagesprecher“ stolpern, die bisweilen schlicht und ergreifend nicht in der Lage sind die exotischen Laute zu artikulieren1.

Deshalb müssen wir die Flinte aber noch nicht ins Korn werfen. Was, wenn wir statt alle Namen richtig auszusprechen, uns darauf beschränken alle Namen falsch auszusprechen? In einer eindeutigen, unverwechselbaren und einheitlich falschen Form2, welche gern den Lokalkolorit des Gastgeberlandes wiederspiegeln darf. Das müsste sich doch machen lassen.

Denn wenn alle falsch behandelt werden, ist es keine Diskriminierung mehr!

Über Toleranz und Diskriminierung

A ‘tolerant country’ should allow discrimination based upon ‘religious beliefs’.
Jeb Bush

Meines Erachtens hätte Jeb does statt should sagen sollen. Dann hätte er nämlich durchaus recht gehabt, denn Toleranz ist tatsächlich nichts anderes als über Dinge hinweg zu sehen, die man eigentlich für falsch hält. In der Regel sind es kleine Sachen, wie der falsche Wein zum Fisch oder das Spaghettisieb im Führerschein, in diesem Fall ist es aber die Diskriminierung, welche indessen in jeder Form abzulehnen ist.
Das should dagegen stellt mich vor ein linguistisch-moralisches Dilemma: Wenn zu einer Weltanschauung explizit eine Handlung gehört, die allgemein klar als ein Verbrechen interpretiert wird, kann ich, der ich die Handlung ablehne, dann sagen, dass ein dieser Weltanschauung verschriebenes Land diese Handlungen erlauben soll? Darf ich, während ich aus einer Position argumentiere, die ich nicht teile, überhaupt von sollen sprechen? Sollen impliziert schliesslich immer auch den Wunsch der Umsetzung. Wenn ich die logische (und juristische) Notwenigkeit unterstreichen will ohne damit meine Zustimmung zum Ausdruck zu bringen, dann sollte ich lieber auf müssen zurückgreifen.
Mit should klingt das ja glatt so, als ob Jeb die Diskriminierung gutheissen würde und sie gern noch ausgeweitet sehen möchte. Das tun natürlich ziemlich viele Menschen – bloss nennen sie es dann nicht mehr Diskriminierung, sondern die einzig richtige Ordnung der Dinge.

Diskriminierung ist eine üble Sache, doch es kann sein, dass sie bisweilen leider dennoch notwendig ist. Dann braucht es aber wirklich gute Gründe, die auch von den Diskriminierten mitgetragen werden.
Möglich, dass Jeb im Besitz genau solcher wirklich guten Gründe ist. Doch dann hätte er can oder may sagen sollen.

 

Abstand nehmen von seinen Helden

Ich halte mich selbst eigentlich für einen Feministen, doch damit, was Jane Rayner hier verlangt, schiesst sie nun definitiv den Vogel ab. Dass man Frauen so lange bei der Stellenvergabe an Universitäten und auch anderswo bevorzugt, bis das Geschlechterverhältnis jenem der zur Verfügung stehenden qualifizierten Kandidaten entspricht, halte ich trotz der inherenten Diskriminierung für völlig richtig, Männern aber grundsätzlich nicht gestatten zu wollen, dass sie Lehrstühle und Führungspositionen inne haben können, ist absurd. Dass Männer im Laufe der Geschichte so manchen Blödsinn angestellt haben, mag schon stimmen, ihnen aber daraus eine kategorische Unfähigkeit attestieren zu wollen, geht gar nicht. Selbst wenn die Chance, der der Lehre und Führung innewohnenden Macht zu erliegen, bei Männern um Grössenordnungen ausgeprägter sein mag als bei Frauen, wie Rayner mit Studien zu belegen versucht, so darf man das trotzdem nicht jemandem zum Vorwurf machen, der es sich noch nicht zuschulden gemacht hat. Das mag zwar manchen lästig erscheinen, doch so funktioniert nun mal die Ethik und unser Rechtssystem.

In den Kommentaren versuchen zwar ein paar Verteidiger verzweifelt ihre Forderungen so umzuinterpretieren, dass der Diskriminierungsvorwurf entkräftet wird, doch ich frage mich, wieviel Spielraum so klare Worte lassen?
Ich vertrete hier ja auch immer die Position, dass man von allen möglichen Interpretationen stets die liebste unterstellen soll, doch hier ist der Bogen überspannt.

Ich frage mich, ob es objektive Kriterien gibt, die einem sagen können, ab wann bei einer Interpretation der Bogen überspannt ist und man allgemein akzeptieren muss, dass „sowas“ nun definitiv nicht mehr herausgelesen werden kann?
Allerdings fürchte ich, dass egal, wie grosszügig man die Kriterien formuliert, es wird immer irgendwelche Trottel geben, die auch dann noch das erwähnte „sowas“ drin erkennen werden.

Bisher hätte ich eigentlich alle Ideen Rayners unterschreiben können – insbesondere von ihren religionskritischen Argumenten war ich stets sehr angetan. Doch dass es gerechtfertigt sein soll, „den Fuchs lieber grundsätzlich vom Hühnerstall fernzuhalten“, wie Rayner es formuliert, kann ich – wie übrigens die meisten anderen Kommentatoren – beim besten Willen nicht nachvollziehen.

Kann es sein, dass Rayner und ich in den Punkten, wo wir uns einig sind, aus völlig unterschiedlichen, womöglich gar einander ausschliessenden Gründen die gleiche Position vertreten?
Soll vorkommen.

Oder hat sie vielleicht doch recht?
Könnte die Diskriminierung im Angesicht einer biologisch bedingten Schwäche doch gerechtfertigt sein?
Wenn man es nicht kategorisch macht, sondern mit einem Test (den durch eine biologisch bedingte Schwäche der Männer nur Frauen bestehen würden), dann würde auch der Vorwurf der Diskriminierung hinfällig.

 

 

Pontifex-Dialoge: Formel fürs Glücklichsein

Seit mir der Papst für ein Twitter-Follow einen Ablass vom Fegefeuer offeriert hat, führe ich von Zeit zu Zeit kleinere Dialoge mit dem Pontifex. Dies ist ein weiterer davon:

14. Februar 2014 – Valentinstag

Papst Franziskus @Pontifex_de
Liebe junge Menschen, scheut euch nicht, eine Ehe einzugehen. In einer treuen und fruchtbaren Gemeinschaft werdet ihr glücklich sein.

Dass  der Pontifex hier den Spassfaktor eines Spiels erklärt, für das er offiziell gesperrt ist, entbehrt nicht einer gewissen Komik.
Scheint so, als ob der Papst das erotische Potential des Valentinstags in moralische Bahnen zu kanalisieren versucht.

Eda Gregr @meskinaw @Pontifex_de Und wieso sollte ich in einer treuen und fruchtbaren Gemeinschaft ohne Trauschein weniger glücklich sein? Weil ihr mich diskriminiert?

Will man dem Papst glauben, so ist eine treue und fruchtbare (=kinderreiche) Ehe ein Garant für ein glückliches Leben.
Ich will ja gar nicht bestreiten, dass das sein kann, doch ich bezweifle, dass es das notwendigerweise so sein muss. Auch bezweifle ich, dass, wenn eine oder mehrere Komponenten davon fehlen, man – wie es der Tweet suggeriert – zwangsläufig unglücklich werden muss.

Sowohl Untreue als auch unerfüllter Kinderwunsch sind bei den meisten Paaren ein grosser Stressfaktor, aber nicht unbedingt bei allen. Manchen Paaren mag es helfen eine offene Beziehung zu führen, manche wollen vielleicht gar keine Kinder und für manche ist die Ein-Mann-Ein-Frau-Kiste einfach nicht ihr Ding. Werden diese Menschen ihr Glück dann nicht viel eher mit einer anderen Formel finden?
Und selbst wenn – und das ist ein sehr grosses Wenn – die Menschen irgendwie so verkabelt sind, dass sie Treue und Nachwuchs für ihr Seelenheil brauchen, dann ist immer noch nicht klar, warum auch der Trauschein unerlässlich sein soll. Dieser hat ja keinerlei Einfluss auf die Treue oder Zeugungsfähigkeit.

Nun ja, völlig unerheblich ist der Trauschein allerdings auch wieder nicht, denn die Gesellschaft neigt (jetzt vielleicht mal von Steuervorteilen abgesehen) sehr deutlich dazu dem Konkubinat Steine in den Weg zu legen – was tatsächlich ein gewisser Stressfaktor ist. An manchen Orten ein grösserer, an anderen ein kleinerer.
Diese Steine werden allerdings – und das ist bezeichnend – vor allem aus kirchennahen Kreisen geliefert. Also ausgerechnet von jenen Leuten, die uns glauben machen wollen, dass man mit der Ehe glücklicher fährt.

Dass die Chancen in der einzig tolerierten Form der Gemeinschaft glücklich zu sein besser stehen als in jeder anderen, mag schon stimmen, doch auf Grund dessen den Leuten pauschale Empfehlungen über die Art und Weise des Zusammenlebens geben zu wollen, ist genau so problematisch wie Leuten mit schwarzer Hautfarbe eine Musikkarriere, Leuten mit Brüsten eine Kindergärtnerinnenkarriere und Leuten mit einem Nachnamen mit der Endsilbe „ic“ eine kriminelle Karriere empfehlen zu wollen.

Kotz-Button auf fb für Schwulenbilder

Ich bin immer wieder überrascht, was für Aussagen, wenn in einem religiösen Kontext geäussert, man zwar nicht goutiert, aber dennoch durchgehen lässt.
Robertson: Facebook Should Have ‚Vomit‘ Button for Pictures of Gay Couples
Doch solche Ansichten sind nicht einfach ein bisschen verschroben, sondern in höchstem Masse diskriminierend und gefährlich.
Wovon hier der äusserst populäre und einflussreiche Prediger Pat Robertson nämlich spricht, sind nicht etwa Bilder von Kerlen in Lederkluft mit ausgeschnittenen Pobacken, sondern Leute, die einen glücklichen Moment auf einem Foto festgehalten und dieses auf Facebook geteilt haben.
Wenn man das gleiche sagen, aber statt der Schwulen Christen adressieren würde – und das nicht etwa bloss irgendwelche fundamentalistischen -, dann wird sehr deutlich wie menschenverachtend eine solche Einstellung ist.

Wenn im Namen einer Idee, hinter der ich stehe, etwas menschenverachtendes gesagt wird, dann erhebe ich so deutlich und so vernehmbar, wie es in meiner Macht steht, Einspruch. Eine Praxis, die meiner Erfahrung nach im Christentum nicht ganz so ausgeprägt ist. Aber vielleicht täusche ich mich auch und es gibt hunderte explizit christliche Webseiten, die mit Pat Robertson, der Homosexualitätskritik, dem Kreationismus und anderen heiklen Themen kritisch ins Gericht gehen. Würde mich freuen, wenn ihr dann hier die entsprechenden Links posten würdet.

Entdeckung von Diskriminierendem

Wir finden es empörend, wenn man eine Meinung nur deshalb nicht ernst nimmt, weil sie von einer Frau geäussert wurde. Wir stören uns aber nicht weiter daran, wenn die Ansicht von jemandem nicht Ernst genommen wird, der in Jeans statt im Anzug kam. Natürlich halten wir es für oberflächlich, aber eben nicht für empörend. Und dabei handelt er sich doch hierbei um den exakt gleichen Mechanismus der Diskriminierung basierend auf nichtreflektierten Vorurteilen.
Und wenn mir nun jemand vorwirft, ich würde offenbar die während Jahrtausenden anhaltende Unterdrückung der Frau für ein gleiches Bagatelldelikt wie den Snobismus im Bezug auf Kleider halten, so missversteht er mich und demonstriert gleichzeitig par excellence, wie selbstverständlich und in keinster Weise revisionsbedürftig wir gewisse Dinge akzeptieren, von denen wir ja noch nicht einmal selbst überzeugt sind.
Ich glaube, das Problem ist nicht, dass man etwas für richtig hält, sondern dass man es nicht gleich für einen Skandal hält. Der Rest folgt dann aus der Dynamik der Sache.

(Stellt sich nun nur noch die Frage, ob ich nicht beispielsweise eine Bank verklagen kann, weil sie einen bestimmten Dresscode verlangt?)