Eda Gregr
15.04.2017 um 15:35

 

ALLE Kriege stoppen??
Geht das überhaupt?

Aufhören die Anderen umzubringen. Das ist machbar. Sogar ziemlich schnell. Einfach die Waffen nicht mehr benutzen. Und diese – nur für alle Fälle – in die (dafür vorgesehenen Recycling-)Tonnen werfen. Dafür braucht es keine 365 Tage.
Aufhören die Anderen umbringen zu wollen. Das ist der schwierige Teil.

Selbst wenn wir das Problem, dass womöglich zu viel geschehen ist, um dem Anderen einfach so verzeihen zu können, beiseite lassen, so bleibt doch die Meinungsverschiedenheit bestehen, welche – weil sie nicht auf eine für alle Seiten akzeptable Weise aufgelöst werden konnte – überhaupt erst zum Krieg geführt hat. Die Meinungsverschiedenheit kann darüber bestehen, wem ein gewisser Landstrich gehört, wieviel ein verzweifelt benötigtes Produkt kosten darf, welchen Gott man anbeten soll oder ob man eine unbeliebte Bevölkerungsgruppe einfach eliminieren kann.
Ich will nicht bestreiten, dass man sich in viel zu vielen Fällen nicht genug Mühe gegeben hat, einen Kompromiss zu finden. Manchmal gibt es allerdings auch keinen Raum für Kompromisse. Wenn ein Land alle Juden vernichten will, dann ist auch selbst nur die Hälfte nicht akzeptabel.

Oder vielleicht doch?
Die Organisation, in welcher der Freund, der am 1. Januar auf Facebook den Aufruf alle Kriege zu stoppen gepostet hat, als Funktionär tätig ist, hält beispielsweise den an den Amalekitern verübten Genozid für okay. Und diese Organisation wird gemeinhin als Hüter der Moral des Abendlandes betrachtet! Was dann wohl heisst, dass wenn es darum geht eine verfahrene Meinungsverschiedenheit beizulegen, der moralisch akzeptable Handlungsspielraum erstaunlich gross sein kann…

Wenn wir also den Krieg mit dem IS beenden wollen, welche Kompromisse sind wir bereit dafür einzugehen?
Opfern wir die Frauen- und die Schwulenrechte?
Kein Problem. Die sind dem Hütern der Moral eh schon lange ein Dorn im Auge.
Übernehmen wir Sharia und den Wahabismus?
Sharia okay, schliesslich umfasst sie mehr oder weniger die gleichen Regeln, wie sie auch im Handbuch jener Organisation zu finden sind. Aber zum Islam konvertieren? Ausgeschlossen! Nicht mal wenn sich damit ein Blutbad verhindern liesse! Oder vielleicht sogar eben gerade deshalb nicht, weil es ein Blutbad verhindern würde? Nichts unterstreicht schliesslich Nächstenliebe und Gewaltlosigkeit besser der geschundene, blutige Körper eines Märtyrers.

Von daher bin ich mir – ehrlich gesagt –  nicht ganz sicher, wie ernst das mit dem Frieden gemeint ist. Getötete Missionare heilig zu sprechen, erscheint mir nicht gerade förderlich für den bitter nötigen Dialog, wenn diese von der anderen Seite als Provokateure betrachtet werden.

Nun ja, vielleicht sollten wir uns lieber nicht an Religionen orientieren, wenn wir Kriege beenden wollen. Schliesslich verdankt sich ihr kompromissloses Einstehen für den Frieden weniger ihrer Menschenliebe, als viel mehr dem Umstand, dass man es ihnen seit der Aufklärung einfach nicht nicht mehr erlaubt, offen zur Gewalt aufzurufen…

 

ALLE Kriege stoppen??
Klar! Aber zu welchem Preis?

Es gibt bekanntlich Dinge, die man nicht tolerieren darf.
Darin sind sich alle einig. Nicht ganz so einig sind sich alle jedoch darin, welche Sachen das konkret sind, die nicht toleriert werden dürfen. Das unterscheidet sich von „Kultur“ zu „Kultur“. Was dem einen bis zum äussersten schützenswert erscheint, mag für den anderen bis zum äussersten nicht tolerierbar sein.
Und da gibt es schnell mal keinen Spielraum für Kompromisse.

Allerdings – quasi als Silberstreifen am Horizont – neigen die Menschen im grossen und ganzen zum Prinzip „Leben und Leben Lassen“. Wenn man sie nicht zum Gegenteil anstachelt (sei es aus wirtschaftlichen, folkloristischen oder religiösen Gründen), ist es ihnen eigentlich ziemlich egal, was die Anderen treiben.
Die Anderen sind übrigens alle, die nicht zur Familie gehören. Und das ist im übertragenen Sinn die dunkle Wolke vor dem Silberstreifen am Horizont, denn die Anderen können das eine oder andere moralisch nicht so gefestigte Familienmitglied auf doofe Gedanken bringen. Und in einem solchen Fall muss man aktiv werden. Dass Fremde den Weg zur Hölle beschreiten, ist zwar bedauerlich, aber sie sind frei, es zu tun. Wenn aber einem Schutzbefohlenen eine solche Gefahr droht, sieht die Sache gaaanz anders aus…

Um alle Kriege zu stoppen, muss man alle auf die gleiche Seite kriegen. Man muss dazu nicht in jedem Punkt einer Meinung sein, aber die Spielräume für Kompromisse der Meinungen müssen eine Schnittfläche haben.
Ich mag mich irren, aber mir scheint es plausibel, dass dafür Meinungen prädestiniert sind, die einen grossen Spielraum für Kompromisse haben. Und auch wenn Religionen selbst den Genozid an von Gott gehassten Völkern zu akzeptieren bereit sind, denke ich, dass sie grundsätzlich zu eher engen Spielräumen neigen…

 

ALLE Kriege stoppen??
Indem wir diesen Auftrag nicht nur liken, sondern teilen! ♥♥♥

Ich nehme an, weil einen Facebook-Posts zu teilen wesentlich schneller den Frieden herbeiführt als wenn man ihm bloss likt. Wohl weil Teilen eine christliche Tugend ist?
Ich frage mich, über welchen Mechanismus das funktionieren soll?
Wenn der Post ein simples Rezept für ein waffenzersetzendes Gas enthalten würde, könnte ich es mir vorstellen.
Oder wenn das Bild mittels neurolinguistischer Programmierung die Aggressivität beim Betrachter nachhaltig senken könnte.
Aber einfach durch das Teilen eines Mems, dem wir eh alle eigentlich grundsätzlich zustimmen? Wohlgemerkt, das Mem enthält nicht den geringsten Anhaltspunkt darüber, wie man das konkret bewerkstelligen soll. Auf die übliche Weise, also dass man den Krieg ein für alle Mal zu beenden gedenkt, indem man ihn gewinnt, funktioniert es ja offensichtlich nicht so gut.

Also durchs Teilen/Liken! Was sowas wie Beten ist: Man unterstreicht dadurch seinen dringenden Wunsch und hat das Gefühl etwas Gutes getan zu haben ohne dabei selbst aktiv werden zu müssen.
Allerdings… Teilen/Liken wird im Gegensatz zum Beten nachweislich erhört!
Nicht von den Kriegstreibern (zu denen wir mit unseren wirtschaftlichen Interessen eigentlich auch selbst gehören.) Auch nicht von Gott. Aber durchaus von den Algorithmen… Und die antworten sogar. (Noch) nicht indem sie den gewünschten Frieden herstellen, dafür aber indem sie uns mehr von solchem Zeug und dazu passender Werbungen zeigen…

 

Aber okay, stoppen wir ALLE Kriege!!
Wir haben 365 Tage Zeit dafür.
Wieso nicht 234 Tage?
Oder 42?

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Eda Gregr
10.03.2017 um 13:26

 

Abschaffung aller Hausaufgaben
Einstellung aller Waffenproduktionen
Bedingungsloses Grundeinkommen
Aufnahme von Flüchtlingen
Vaterschaftsurlaub
Tierrechte
1 : 12

 

Die Ideen mögen verrückt sein und vielleicht sogar verhängnisvoll, doch ändert das nichts daran, dass sie LIEB sind.
Ich denke nicht, dass das irgendwer bestreiten würde.
Doch Vorsicht, nicht jede Idee, mit der man nur das Beste für die Menschen und die Schweiz will, ist auch LIEB. Jeder denkt das zwar von seinen Ideen – bloss stimmen dem nicht alle zu. Das Burkaverbot beispielsweise hilft nach den Vorstellungen der Initianten die Werte der Schweiz zu sichern und es befreit auch muslimische Frauen aus der Unterdrückung einer archaischen Religion. Edle Absichten, doch die Kritiker bezweifeln diesen Effekt.
LIEBE Ideen sind hingegen solche, auf die ausschliesslich mit „WER SOLL DAS BEZAHLEN?“ reagiert wird. Eine Reaktion die bei Kritikern des Burkaverbots eigentlich nie zu hören ist.

Würden wir nicht alle gerne LIEB sein?
Wenn wir es uns leisten könnten…..

Wenn man sich diese Ideen genauer anschaut, dann sind sie auf einmal nicht ganz so umfinanzierbar, wie es vielleicht auf den ersten Blick erscheint.

Warum probieren wir sie dann nicht einfach?
Wenn es sich jemand leisten kann LIEB zu sein, dann doch die Schweiz?
Okay, sie kann es sich leisten, weil sie es in der Vergangenheit nicht war. Aber das ist kein Argument, dass man nicht auch auf LIEBE Weise prosperieren kann!

Wenn wir es umsetzen, wird man uns für unseren Mut bewundern. Uns um unsere Güte beneiden. Und sicher auch für verrückt halten, weil wir so leichtsinnig unsere Freiheit, unsere Sicherheit und unseren Wohlstand riskieren. Doch man würde es uns gönnen, wenn es klappt. Und sicherlich schon bald nachziehen.

Lasst und utopisch sein!
Lasst es uns versuchen!
Schliesslich wollen doch alle LIEB sein, oder etwa nicht?

Zugegeben, die Kommentarsektionen in Online-Medien vermitteln eher den Eindruck, dass es den Leuten zutiefst zuwider läuft, wenn es anderen gut geht. Insbesondere wenn diese nichts dafür zu tun brauchen1. Allerdings fürchten diese Leute bloss, dass in diesem Fall sie dafür aufkommen müssen und dass es am Ende einem, der nichts tut, besser geht als einem, der sich den Arsch aufreist. Das wäre natürlich durchaus falsch. Wenn es jedoch jenem besser geht, ohne dass es diesem dadurch schlechter geht, dann wäre nichts dagegen einzuwenden. Nun ja, auch nicht ganz. Dem, der mehr dafür tut, dass es ihm gut geht, sollte es schon besser gehen als dem, der weniger dafür tut. Was auch durchaus vernünftig klingt – auch wenn diese Forderung allein für sich schon utopisch ist.
Insofern denke ich nicht, dass die Leute nicht LIEB sind. Sie sind bloss auch GERECHT. Zwei Konzepte, die bekanntlich nicht so problemlos unter einen Hut zu bringen sind. Schliesslich ist Verzeihen ein Wesensmerkmal der LIEBE und gleichzeitig eine Suspension der GERECHTIGKEIT.

Dass die obigen Forderungen auch GERECHT umgesetzt werden können, bestreitet niemand. Bloss ihre Finanzierbarkeit.

Von daher…

Lasst uns utopisch sein!
Lasst es uns versuchen!
Lasst uns die Vorreiter sein!
Ist es nicht sympathischer, wenn man etwas LIEBES probiert und dabei scheitert, als wenn man in allem LIEBEN stets nur (viel zu spät) nachzieht?

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Eda Gregr
06.03.2017 um 00:22

Gruppen. Es gibt viele verschiedene Gruppen. Alles was Menschen verbindet, macht sie zu einer Gruppe. Männer sind eine Gruppe. Blonde auch. Brillenträger und Postbooten sind Gruppen. Schwangere, Volvo-Fahrer, Stiere im Sternzeichen und Tennisspieler ebenso. Und auch Philatelisten und Rassisten.

Wenn ein Politiker eine Gruppe komplett hinter sich zu scharen vermag…
dann stinkt da was!

 

Ausgenommen sind natürlich sehr kleine Gruppen, weil es da schon mal zufällig passieren kann.
Und natürlich auch die Gruppe derer, die diesen Politiker gewählt haben.

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Eda Gregr
05.03.2017 um 16:01

Man kann durchaus meinen, dass die Grenzen zu verriegeln und alle Muslime zu überwachen, das Leben der Amerikaner sicherer macht. Das halte ich zwar für ausgemachten Blödsinn und ich kann gerne darlegen, warum ich es für ausgemachten Blödsinn halte, aber man kann es tatsächlich meinen. Und wenn man das meint, können einem Trumps Handlungen als Präsident durchaus sinnvoll und richtig erscheinen. Das will ich gar nicht bestreiten.
Doch wie um alles in der Welt kann man nicht den Kopf über das Lügen schütteln?

Okay, vielleicht schütteln auch seine treuesten Anhänger darüber den Kopf, genau wie sie über Trumps Pussy Gate den Kopf geschüttelt haben. Das sei falsch, das hätte er nicht tun und sagen dürfen, aber hey, wenn seine politischen Entscheidungen die richtigen sind, sei’s drum. Es gibt wichtigeres. Das kann ich nachvollziehen.
Nicht ganz so gut kann ich zwar nachvollziehen, dass die gleichen Leute, die heute grosszügig über solche unmoralischen Ausrutscher hinwegsehen, vor noch gar nicht so langer Zeit sehr empört darüber waren, dass ein Präsident über einen ausserehelichen Blowjob log und die Frau eines anderen Präsidenten ein ärmelloses Kleid trug, aber hey, in diesen beiden Fällen waren auch die politischen Entscheidungen der Präsidenten offensichtlich nicht die richtigen und so haben die Präsidenten weder durch gute Arbeit noch durch Ehrlichkeit (respektive durch angemessen gekleidete Begleitung) die hohen Werte der USA zu repräsentieren geschafft.

Hinzu kommt, dass Präsidenten manchmal keine andere Wahl bleibt als zu lügen. Sei es um Agenten zu schützen. Oder um eine Massenpanik zu verhindern. Oder auch nur um die Leute zu etwas wichtigen zu motivieren. Das ist zwar nicht ganz koscher, aber es ist von allen schlechten Wegen womöglich der am wenigsten schlechte. Ich bin daher gern bereit hier den „Benefit of the doubt“ gelten zu lassen.

Aber – und das ist ein grosses Aber – die Lügen sollte so stichhaltig sein, dass sie erst rauskommen, nachdem sie ihren (guten!!!) Zweck erfüllt haben.
Also beispielsweise erst nachdem der Irak vom üblen Despoten befreit und ein stabiles politisches System etabliert wurde. Dann kann sich gern herausstellen, dass da nie Massenvernichtungswaffen waren. Wie gesagt, das ist nicht okay, ganz und gar nicht, aber wenn das Ergebnis besser ist als alles, was man von allen denkbaren Varianten hätte erwarten können, dann soll es mir recht sein.
Wohlgemerkt, das Ergebnis des Irakkrieges war nicht gut. Aber zumindest hat man damit gerechnet oder zumindest inständig gehofft, dass es gut rauskommt. Der Wille war da. Und die Lüge verschaffte die zur Erfüllung erforderliche Zeit.

Aber hier und heute? Trump sagt Dinge, die an Ort und Stelle offensichtlich nicht der Wahrheit entsprechen. Damit kauft er keine Zeit.
Darf man wirklich so leichtfertig mit der Wahrheit umgehen?
Okay, vielleicht sind es Nebelgranaten, mit denen er von den wichtigen Dingen ablenkt… Was dann gewissermassen eine Lüge 2. Ordnung wäre, welche der Regierung Zeit verschaffen soll, damit sie die (guten!!!) Ergebnisse erzielt, bevor sie durch die Aufmerksamkeit verunmöglicht werden. Vielleicht ist das Vertrauen in die Politik inzwischen so geschwächt, dass man die Lüge 2. Ordnung braucht, weil die der 1. Ordnung eh nicht mehr abgekauft wird?

 

Allerdings… Ich bin mir nicht sicher, ob es „das gute Ergebnis“ wirklich gibt, welches man mit den bedenklichen Methoden errungen hat.
Klar, das Unrechtsregime wurde ersetzt durch ein so vorbildliches, wie man es sich nur wünschen kann. Alle Kriterien für einen Erfolg sind mehr als übertroffen, doch man weiss, dass es mit einem Trick erreicht wurde, was das Vertrauen in die Politik schmälern wird. Was einen dann womöglich den nächsten Erfolg kosten wird. Man erkauft sich damit den Erfolg auf Kosten der zukünftigen Erfolge. Das ist nicht nachhaltig.
Mit einem Trick zu gewinnen, funktioniert, ist aber nicht nachhaltig.

Deshalb sollten Politiker und Präsidenten zur Rechenschaft gezogen werden können, wenn sie beim Lügen erwischt werden. Selbst dann, wenn es gut raus gekommen ist. Damit will ich den Politikern nicht ihre politische Immunität streitig machen, denn die brauchen sie natürlich. Es ist ihr Job, wenn nötig, auch sehr unpopuläre Entscheidungen umsetzen. Doch sie müssen belegen können, dass sie stets nach besten Wissen und Gewissen gehandelt haben. Und das tun sie indem sie die Gründe für ihre Entscheidungen offen legen. Und wenn sie lügen, also falsche Gründe angeben, und für diese Lügen, wenn die dann mal ans Licht kommen, keine wirklich guten Gründe anführen können (welche es durchaus geben kann), dann untergraben sie damit das Vertrauen in Politiker insgesamt und das sollte strafbar sein. Strafbar in einer Art und Weise, dass die Bevölkerung das Gefühl hat, dass die zu erwartenden Konsequenzen die Politiker vom Lügen abhalten werden und damit das Vertrauen in deren Ehrlichkeit wiederherzustellen fähig sind. Weil wir können es uns nicht leisten, den Politikern nicht zu trauen.

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Eda Gregr
11.11.2016 um 10:53

Das Problem mit Trump ist, dass WENN er die Wahl gewinnt und sich entgegen allen Erwartungen als ein hervorragender Präsident erweist, dann kann das langfristig dennoch verheerend sein, eben weil er entgegen den Erwartungen ein hervorragender Präsident wurde und damit alle Hoffnungen zunichte machte, anhand nachvollziehbarer Kriterien unter den Kandidaten den fähigen zu erkennen1.

Er mag klug und besonnen sein, doch das, was er von sich gibt, ist von dem, was ein Verrückter sagen würde, nicht zu unterscheiden. Woran hätten wir also erkennen können, dass er das Zeug zu einem grossartigen Präsidenten hat?

Klar, er hat uns immer und immer und immer wieder gesagt, dass er der einzige ist, der die Probleme lösen kann, und er flehte uns geradezu an ihm zu glauben, aber im Grunde tut das ja jeder Kandidat.

Wodurch unterscheidet er sich also von allen anderen Kandidaten?

Sicher nicht durch das Wahlprogramm, denn das erweckt zumindest den Anschein solid republikanisch zu sein2. Deshalb können auch „vernünftige“ Republikaner hinter ihm stehen und über die Absurditäten hinwegsehen, die im Wahlkampf offenbart wurden.

  • Was ihn von den anderen Kandidaten unterscheidet, ist, dass er kein Politiker ist.

Das stimmt. Und das war wahrscheinlich auch der wichtigste Grund für seinen Sieg. Die Hoffnung auf einen Wandel. Aber macht ihn die Unerfahrenheit in der Politik auch verlässlich erfolgreicher? Nicht unbedingt. Vielleicht sogar im Gegenteil. Für eine Herzoperation ist es besser sich für einen Herzchirurgen zu entscheiden als für einen Immobilienmogul – auch wenn letzterer vielleicht tatsächlich neue Ideen einbringt.
In den Augen mancher Leute ist die Verkommenheit der Politik (oder Medizin) dermassen umfassend, dass für sie jede Veränderung gut und wünschenswert ist. Ich denke dagegen, dass neue Ideen nicht notwendigerweise gute Ideen zu sein brauchen – insbesondere dann nicht, wenn einem das fachspezifische Know how fehlt, gute von schlechten Ideen zu unterscheiden.
Das ist ein witziges Phänomen unserer Gesellschaft: Es gibt Berufe, bei denen man andächtig schweigt, wenn deren Vertreter aus dem Nähkästchen plaudern, und es gibt andere, wo jeder mitreden zu können glaubt. Einem Herzchirurgen oder Physiker redet man in der Regel nicht rein, einem Philosophen oder Politiker jedoch unentwegt. Doch auch dort gibt es eine Lernkurve, die man erstmal meistern muss, bevor man was brauchbares zustande bringt.
Aber natürlich hindern verdrehte Vorstellungen niemanden daran dennoch die richtigen Entscheidungen zu treffen, schliesslich findet auch ein blindes Huhn mal ein Korn, es wäre aber keine sehr gute Strategie, die meisten richtigen Entscheidungen bei jenem Kandidaten zu erwarten, der die verdrehtesten Vorstellungen besitzt.

  • Was ihn auch noch von den anderen Kandidaten unterscheidet, ist, dass er reich und nicht von Spenden abhängig ist.

Das stimmt zwar auch, aber das heisst nicht, dass er deswegen keine Interessenkonflikte hätte. Und um die geht es bei diesem Punkt ja vor allem. Wenn es beispielsweise darum geht eine Entscheidung zu treffen, welche die Ölindustrie empfindlich treffen würde, was beeinflusst einen dann mehr, der Umstand, dass die Ölindustrie mir dabei half Präsident zu werden, oder der Umstand, dass ein grosser Teil meines Vermögens in in diesem Sektor angelegt ist?
Wenn man einfach nur einen Haufen Geld unter der Matratze hat, sonst aber keinerlei Investitionen in was auch immer. Dann ist man unabhängig. Aber sonst?
Genau deshalb verdienen Politiker schliesslich grosszügig. Um sie unabhängig von anderweitigen Einnahmequellen zu machen.
Hinzu kommt, dass die Industrie den Kandidaten unterstützt, der ihren Anliegen ohnehin schon nahe steht und so oder so eine ihnen genehme Politik betrieben hätte. Sie verhalfen ihm nur zum Sieg, nicht zu seiner Position. Der Interessenkonflikt ist daher vielleicht kleiner, als man befürchtet.
Auch nicht unterschätzen sollte man, dass es nicht nur zwei Wege gibt, von denen der schlechtere grundsätzlich von finanzstarken Interessengruppen propagiert wird.
Unabhängigkeit und Reichtum sind also auch keine Garantie für Erfolg.

  • Was ihn ganz besonders von seinen Konkurrenten unterscheidet, ist, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt.

Das kann man auf zwei Arten verstehen.
Zum einen, dass man sich politische Korrektheit schenkt und sich nicht scheut auch mal jemanden vor den Kopf zu stossen. Das ist zweifellos erfrischend und sicherlich oft auch nötig um einem Problem auf den Grund zu gehen.
Und zum anderen, dass man sagt, was sich richtig anfühlt und sich nicht gross darum schert, ob es auch wirklich stimmt. Ganz nach dem Motto „man wird das doch noch sagen dürfen“. Das ist leicht mit der ersten Art zu verwechseln, hier versucht man sich damit aber der Verantwortung für die Konsequenzen zu entziehen. Als Privatperson sind die Konsequenzen einer Falschaussage gering, als Prominenter und insbesondere als Politiker können sie fatal sein, weil eine Falschaussage die Gesellschaft leicht zu realer gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und Diskrimination führen kann. Oder anders rum: Je korrekter die Einschätzung einer Situation, desto vorhersagbarer das Resultat bei einer Intervention. Und je falscher die Einschätzung, desto zufälliger das Ergebnis. Und je näher die Situation bereits am Optimum ist, desto fataler wird ein zufälliges Ergebnis mit grosser Wahrscheinlichkeit sein. Falschaussagen sind deshalb ebenfalls kein Garant für Erfolg.

Politifact.com unterziegt die Aussagen der Kandidaten einem Fakten-Check und kommt bei Trump zu einem verheerenden Ergebnis:

politifact trump vs clinton

Quelle: http://www.politifact.com/

Trumps Verteidiger versuchen sich hier gern damit heraus zu reden, dass es nicht um wahr oder falsch geht, sondern darum, ob es sich richtig anfühlt. Und selbst wenn es faktisch nicht stimmen mag, so holt man die Leute dort ab, wo sie sind. Sprich er stellt die richtigen Fragen. Die Fragen, die die Leute beschäftigen.
Da ist durchaus was dran. Man muss die Sorgen der Leute adressieren, auch wenn sie unbegründet sind. Man sollte einfach solche Fragen, auf die es bereits eine Antwort gibt, nicht unnötig offen lassen, nur weil das Publikum die Antwort nicht mögen würde. Und man sollte das Publikum nicht auf neue Fragen aufmerksam machen, die auf falschen Voraussetzungen basieren3, nur weil sie den Hass auf den Gegner schüren. Und vor allem sollte man mit reisserischen Fragen nicht von den wirklich wichtigen Fragen ablenken, die sich aus den Evidenzen ergeben.
Als Persönlichkeit mit politischem Einfluss ist man moralisch verpflichtet, die Fakten zu kennen. Über die Interpretation kann man streiten, die Fakten aber müssen korrekt sein.
Ich denke nicht, dass Trump diese evidenz-leugnende Entwicklung in Gang gesetzt hat. Ich denke nur, ihn interessieren Evidenzen schlicht nicht und das kam ihm in einem Klima, wo wichtiger ist, was für wahr gehalten wird, als was tatsächlich wahr ist, wunderprächtig zugute.

In gewissem Sinne macht den Trump die Eigenschaft kein Blatt vor den Mund zu nehmen also in höchsten Masse unfit fürs Amt, weil er sich der Tragweite seiner Meinung nicht bewusst ist.
Und sollte es nur kalkulierte Wahlkampf-Taktik war, dann macht es die Sache auch nicht besser, denn woher sollte man das wissen? Dass es nur eine Strategie war, die er gleich nach Amtsantritt wieder ablegen würde? Insbesondere, wo man ihn nie irgendwo in seiner diplomatischen, selbstbeherrschten Rolle gesehen hat.

  • Was ihn von den anderen Kandidaten unterscheidet, ist, dass er für die einfachen Leute spricht.

Dass er wie ein 9-jähriger spricht und von den einfachen Leuten verstanden wird, heisst nicht zwangsläufig, dass er auch im Interesse der einfachen Leute spricht. Und selbst wenn er und sie tatsächlich überzeugt davon sind, dass er die Interessen der einfach Leute vertritt, bedeutet das nicht, dass er das auch tatsächlich tut.
Das Dilemma ist hier, dass jeder Politiker überzeugt davon ist, langfristig den einfachen Leuten zu helfen.
Aber es stimmt schon, die einfachen Leute haben zu wenig Gehör in der Politik. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob es wirklich die vernünftigste Strategie ist, einen Reichen dorthin zu schicken um für sie zu reden. Okay, dieser würde sicherlich besser behandelt und ernster genommen werden als ein waschechter Joe der Klempner und kurzfristig höchstwahrscheinlich mehr Ziele umsetzen, allerdings wären damit die einfachen Leute mit ihren Interessen nicht wirklich in die Politik eingebunden.
Für besser halte ich es, wenn die Leute selbst in die Politik gehen. Wenn die anderen lernen müssen mit ihnen nicht nur auf theoretischer Ebene zu verhandeln sondern auch auf praktischer.
Allerdings ist nicht gesagt, dass es dann auch so aussehen würde, als ob die einfachen Politiker tatsächlich den Interessen der einfachen Leute dienen würden. Das ist das Dilemma mit der Lernkurve vom ersten Unterschied weiter oben. Wenn sie sich in die Materie eingearbeitet haben, sehen sie vielleicht vielversprechendere Wege als die, für die sie gewählt wurden. Und auch hierbei wäre es von Vorteil ein einfacher Mensch zu sein, wenn man den Interessen der einfachen Leute dienen will.
Dass Trump von den einfachen Leuten angehimmelt wird, bedeutet, dass er sagt, was sie hören wollen, es heisst aber nicht, dass er es aus dem gleichen Grund denkt, wie die einfachen Leute. Und entsprechend ist dann auch nicht gesagt, dass er, vor veränderte Tatsachen gestellt, immer noch gleich handeln würde, wie die einfachen Leute es sich wünschen. Also auch hier kein Garant für Erfolg.

  • Was ihn von den anderen Kandidaten unterscheidet, ist, dass wirklich alle gegen ihn sind.

Das stimmt. Aber das ist kein Qualitätsmerkmal. Das macht es viel mehr noch schwerer den Erfolg zu erkennen, geschweige denn anzuerkennen.

  • Was ihn von den anderen Kandidaten unterscheidet, ist, dass er ein wirklich erfolgreicher Geschäftsmann ist.

Ob das wirklich stimmt, darüber spalten sich die Geister. Er sagt ja, andere sagen nein. Fakt ist, dass er mit verschiedenen Firmen bankrott gegangen ist, sich immer wieder hoch gerappelt hat und irgendwie keine Steuern zahlt. Aber okay, nehmen wir einfach an, dass er wirklich ein fähiger Geschäftsmann ist. Ist das aber ein Grund ihn zu wählen? Sind die Fähigkeiten, die jemanden zu einem guten Geschäftsmann machen, die gleichen wie die, die jemanden zu einem guten Staatsmann machen?
Ich bin mir da nicht so sicher. Allein schon weil es sehr unterschiedliche Formen von Unternehmen gibt und sehr verschiedene Arten, was diese unter Erfolg verstehen. In manchen Fällen ist Erfolg ein hoher Ertrag für die Teilhaber. In anderen die Nachhaltigkeit sowohl der Produktion wie auch der Personalentwicklung. Wenn also ein in einer Art von Firma erfolgreicher Chef nicht automatisch auch in anderen Arten von Firmen erfolgreich sein wird, dann wird der Umstieg in die Politik vielleicht auch nicht so einfach sein. Führen und Verhandeln können Firmenchefs, doch mit welchem Ziel im Auge?
Und lässt sich wirklich jeder Aspekt der Unternehmensführung in die Politik übertragen? Wahrscheinlich nicht. Das macht aber eigentlich auch nichts, sofern man weiss, was sich übertragen lässt und was nicht. Hier stellt sich aber die Frage, wie fähig Geschäftsleute darin sind zu erkennen, wo ihre Strategie nicht angewendet werden sollte[4- Wenn man nur einen Hammer hat, sieht dann nicht jedes Problem aus wie ein Nagel?]?
Geschäftsleute als Berater einstellen. Auf jeden Fall. Ihnen blind das Steuer überlassen? Eher nicht. Schliesslich ist es eine der Hauptaufgaben der Politik, gerade die Wirtschaft, weil sie so wichtig ist, beispielsweise im Interesse der Umwelt in Schach zu halten.
Es ist gut, wenn Geschäftsleute wie auch alle anderen Berufsgruppen in der Politik eingebunden werden, dass eine besondere unter ihnen besonders fähig wäre, kann man aber nicht sagen. Von daher ist der Umstand, dass Trump ein erfolgreicher Geschäftsmann ist, noch kein Grant dafür, dass er seinen Job gut machen wird.

Hinzu kommt noch, dass nirgends mehr als in der Geschäftswelt Schein mehr zählt als Sein. Und nirgends ist Sein nötiger und Schein verheerender als in der Politik. Auch wenn es nicht die politische Erfolge schmälert…

  • Was ihn von den anderen Kandidaten unterscheidet, ist der Glamourfaktor!

Okay. Da ist vielleicht was dran. Das könnte tatsächlich ein Erfolgsgarant sein.
Der Glamourfaktor erspart es einem, etwas leisten zu müssen, um erfolgreich zu sein. Egal was man auch tut, mit einer Prise Glamour erscheint alles gleich viel erfolgreicher.
(Genau deshalb wiegt in der Impfdebatte, die im Grunde eine politische ist, Jenny McCarthys Meinung mehr als die eines renommierten Immunologie.)

Und das bringt uns zum bizarrsten Punkt: Was genau wäre denn der Erfolg, durch den sich Trump als hervorragender Präsident erweisen könnte?

Mehr als 4 von 10 Demokraten und Republikaner halten die Politik der anderen Partei für fehlgeleitet und für eine ernste Gefahr für die Nation4 und sie macht ihnen Angst5. Das ist keine Basis für Kompromisse, die beide Seiten akzeptieren könnten.
Klar ist Trump ein Ekel, denkt sich der Republikaner, aber ist zumindest keine Gefahr für die NATIONALE SICHERHEIT6
Der Demokrat denkt dagegen, dass Trump auch eine Gefahr für die NATIONALE SICHERHEIT darstellen würde, auch wenn er kein Ekel wäre.

Wie um alles in der Welt könnte da eine Lösung für ein beliebiges Problem aussehen, welches beide Seiten als Erfolg betrachten könnten?

Umweltpolik: Trump wendet den Klimawandel ab. Demokraten applaudieren, Republikaner monieren, dass diese überflüssige Anstrengung auf die Kosten der Wirtschaft ging.
Kriminalität: Trump senkt die Kriminalitätsrate drastisch. Wenn er es mit Law & Order macht, applaudieren die Republikaner und die Demokraten beklagen die Missachtung der Menschenrechte. Wenn er es mit Kuscheljustiz und Waffengesetzen schafft, applaudieren die Demokraten und die Republikaner ärgern sich über fehlende Rache Gerechtigkeit und Freiheit.
Internationale Konflikte: Trump beseitigt sie. Die Demokraten applaudieren, die Republikaner halten es für ein finanzielles und spirituelles Risiko.
Homophobie: Wenn Trump die Rechte von LGTB beschneidet, applaudieren die Republikaner und die Demokraten buhen. Wenn er die Rechte ausbaut, ist es umgekehrt.
Zugegeben, die Beispiele sind ein bisschen grob skizziert, aber die Richtung sollte klar sein.
Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, es einer ernstzunehmenden Mehrheit Recht zu machen.

Ausser eben mit dem Glamour-Bonus…
Wenn es egal ist, was man macht, sofern man es mit Klasse macht…

Trump…

Wie gesagt, wenn sich Trump als hervorragender Präsident erweist, dann erwischt uns das mit runtergelassener Hose.
Und wir haben keine Ahnung, woran wir den würdigen Nachfolger erkennen sollen.

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Eda Gregr
10.11.2016 um 21:12

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Eda Gregr
29.10.2016 um 14:59

Das Urteil

84% der Zuschauer hätten den Kampfpiloten freigesprochen, der ein Passagierflugzeug mit 164 Passagieren abschoss, um 70’000 Menschen in einem Fussballstadion zu retten.

Es ist das klassische Trolley-Problem1:

trolleyproblem

zumindest fast:

Hier sind nämlich noch etwas zu berücksichtigen:

  • Weder die Beweggründe, noch der Zweck der Tat oder die Art der Ausführung waren besonders verwerflich.

Wodurch eine Mordanklage eigentlich etwas fehl am Platz ist. Über Todschlag könnte man aber reden.

Doch genau das ist ja das Dilemma bei Trolley-Problem ist: dass man mit beiden Varianten gegen das Gesetz verstösst. Denn sowohl eine Handlung, die zum Tod einer Person führt, wie auch das Unterlassen einer Handlung, die einen Menschen retten würde, stehen unter Straffe.
Und so lange es keine verbindliche Richtlinie gibt, die das regeln würde, kommt man aus dem Dilemma nicht raus.

In unserem Szenario gibt es aber diese Richtlinie, wodurch es noch einige weitere Punkte zu beachten gilt:

  • In der Verfassung steht ausdrücklich geschrieben, dass in einem solchen Fall nicht geschossen werden darf, weil man Leben nicht gegeneinander aufwiegen darf.
  • Der Pilot weiss um den obigen Punkt, hat sich intensiv mit ihm auseinander gesetzt und hält die Entscheidung für falsch.
  • Der Pilot ist ein Soldat und handelte gegen den ausdrücklichen Befehl seiner Vorgesetzten, die sich an die Verfassung halten.

Wie gesagt, all das berücksichtigend, sprachen ihn 84% der Zuschauer von der Mordanklage frei.

Ich frage mich – und darauf will ich eigentlich hinaus -, wie sich das Verhältnis verändert hätte, wenn man ein paar Details verändert hätte. Wobei wir weiterhin voraussetzen, dass der Pilot auch weiterhin für den Tod aller ums Leben gekommener verantwortlich gemacht worden wäre, selbst wenn es nicht wirklich Sinn macht.

Wie viele hätten den Piloten von der Anklage freigesprochen, wenn sie Situation wie folgt ausgesehen hätte:

Ein von (islamistischen / christlichen / veganen / einfach nur verrückten) Terroristen entführtes Flugzeug voller (normaler Leute / Schweizer / schwangerer Frauen / Wirtschaftleute / Politiker / Kleriker / Ärzte / Lehrer / Journalisten / Juristen / Wissenschaftler / Flüchtlinge / Häftlinge) fliegt auf ein Stadion in (der Schweiz / Deutschland / Indien, Syrien) voller (normaler Leute / Schweizer / schwangerer Frauen / Wirtschaftleute / Politiker / Kleriker / Ärzte / Lehrer / Journalisten / Juristen / Wissenschaftler / Flüchtlinge / Häftlinge) zu. In der Maschine sitzen 164 todgeweihte Menschen, im Stadion (7’000’000 / 700’000 / 70’000 / 7’000 / 700 / 70 / 7). Die einzige Möglichkeit die Leute im Stadion zu retten, ist das Flugzeug abzuschiessen. Die Verfassung schreibt für diesen Fall (den Nichtabschuss / den Abschuss) vor, die Vorgesetzten geben dem Befehl zum (Nichtabschuss / Abschuss) und der Pilot, der ein (Soldat / ehemaliger Soldat / Zivilist) ist, schiesst. Noch zu erwähnen ist, dass die Familie des Piloten (ganz weit weg / im Flugzeug / im Stadion) ist.

Das sind 4 x 13 x 4 x 13 x 7 x 2 x 2 x 3 x 3 = 681’408 Varianten und wenn es ums Prinzip geht, müsste das Ergebnis eigentlich immer das gleiche sein. Es müsste das gleiche sein, weil die 164 Menschen im Flugzeug in diesem Szenario auf jeden Fall sterben würden. Dadurch ist es auch nicht mehr so wichtig, wie viele Leute im Stadion sind. Zum Tragen käme die Zahl nur, wenn die Leute im Flugzeug im Fall eines Absturzes ins Stadion irgendwie garantiert überleben würden. Dann würde man nämlich Menschenleben gegeneinander aufwiegen, was man laut der Verfassung im Film eben nicht darf.

84% sprachen den Piloten frei. Das heisst, für die Mehrheit sind die Konsequenzen wichtiger als die Gesetze.
In der Gesprächsrunde schien das vor allem bei den Konservativen (Hurter, Müller) der Fall gewesen zu sein, während die Liberalen (Galladé, Lang) sich lieber nach dem Gesetz richten wollten.

Wenn die Passagiere den Terroranschlag irgendwie garantiert überlebt hätten und man Menschenleben gegeneinander abwiegen müsste, hätte das die Position der Liberalen wohl nicht geändert. Vor die Wahl gestellt, hätten sie sich der Entscheidung zwischen Menschenleben abzuwägen entzogen und sich an den geltenden Regeln orientiert.
Für die Konservativen dagegen würde das Urteil vermutlich sehr von den Umständen abhängen. In manchen Konstellationen zweifellos zu Recht. Beispielsweise je nach dem, ob 70’000 oder 7 Menschen im Stadion wären. Oder ob die Familie des Piloten in der entführten Maschine sitzt. In anderen Konstellationen wäre es jedoch äusserst bedenklich. Wenn es beispielsweise davon abhängen würde, welche Art von Menschen im Stadion und im Flugzeug sind (normaler Leute / Schweizer / schwangerer Frauen / Wirtschaftleute / Politiker / Kleriker / Ärzte / Lehrer / Journalisten / Juristen / Wissenschaftler / Flüchtlinge / Häftlinge).

Wir gingen jetzt immer davon aus, dass der Pilot unter allen Umständen geschossen hätte. Und wir fragten uns, welchen Einfluss die Umstände auf das Urteil gehabt haben.
Man könnte sich aber auch fragen, wie das Urteil ausgesehen hätte, wenn er nicht geschossen hätte. Und welchen Einfluss die Umstände dann auf das Urteil gehabt hätten, wenn er wegen „Mord“ in 70’000 Fällen angeklagt worden wäre.
Ich denke – und das ist das faszinierende am Trolley-Problem -, dass auch wenn die Handlung moralisch geboten sein mag, das Unterlassen der Handlung nicht wirklich übel genommen werden kann. Was in sich schon wieder ein Dilemma darstellt.

Auch ungeklärt bleibt die Frage, ob für einen Soldaten, der Befehlen gehorchen muss, welche aus strategischen Gründen durchaus auch Opfer kosten können, andere Regeln gelten als für einen Zivilisten, dem der „Weitblick“ fehlt und seine Entscheidung auf der Basis wesentlich kurzfristigerer Konsequenzen treffen muss.

 


 

Und dann, eine Woche später:

Reimann kritisiert, dass Besko die Schweiz verlassen musste.«Es ist eine verpasste Chance.» Der ausgeschaffte Rapper hätte junge Migranten positiv beeinfussen können. «Man muss abwägen: er nützt uns hier mehr als in Kosovo.» Reimann interveniert sogar schriftlich beim Chef des Staatssekretariat für Migration, Mario Gattiker. Zwar sei er immer noch für eine strenge Haltung bei der Ausschaffung von kriminellen Ausländern. «Aber was, wenn nicht das, ist ein Härtefall?»
SVP-Reimann unterstützt ausgeschafften Rapper – 20min

Lukas Reinmann scheint aus dem TV-Film «Terror – Ihr Urteil» gelernt zu haben, dass die Konsequenzen schwerer wiegen als die Buchstabentreue.
Und der beliebteste Leser-Kommentar zu diesem Artikel war der folgende:

20min-reimann_unterstuetzt_rapper

Ich weiss zwar nicht, wofür „murrli“ beim Fernsehexperiment war, aber ich vermute sehr für Freispruch.
Und ich unterstelle jetzt mal verwegen, dass „murrli“ Galladé und Lang es da ziemlich übel nahm, dass sie lieber 70’000 Menschen sterben liessen als das bestehende Gesetz nicht anzuwenden.

Macht nur mich das stutzig?

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Eda Gregr
19.09.2016 um 23:01

Durch die Sozialen Medien ging der folgende Vergleich zwischen dem Islamischen Staat und Saudi Arabien:

In den Sozialen Medien wurde auch der folgende Ausschnitt aus der Serie Newsroom oft geteilt:

Die Tea Party ist inzwischen ein bisschen von der Bildfläche verschwunden. Ihre Basis findet man inzwischen wohl hinter Donald Trump.
Auch die Taliban hat an Medienpräsenz eingebüsst. Heute hätte Will McAvoy daher eher vom IS gesprochen.

In Europa ist die religiöse Komponente nicht so ausgeprägt, die Ressentiments sind aber mehr oder weniger die gleichen.

Die AfD verlangt vielleicht nicht das gleiche Strafmass wie Saudi Arabien und der IS, aber was bestraft werden soll, ist verblüffend ähnlich.
Und was die AfD in Deutschland ist, ist die SVP in der Schweiz.

Die Generäle der SVP poltern gegen die Kuscheljustiz.
Und unter den Fusssoldaten ist die Einführung der Todesstrafe für besonders abscheuliche Verbrechen und die Idee Dieben die Hände zu amputieren aber oft gar nicht so abwegig.

 

 

Nachtrag 22.9.2016:

Schweizer Rechtsstaat und Sharia widersprechen sich übrigens nicht zwangsläufig. Wenn ein Dieb sich selbst nach den Vorschriften seiner heiligen Schrift bestrafen will, dann kann er das gerne tun. Weil Handlungsfreiheit. Er kann sich allen Gesetzen unterwerfen, denen er sich unterwerfen will, er darf einfach nicht andere diesen Gesetzen unterwerfen. Weil Religionsfreiheit.

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Eda Gregr
17.09.2016 um 12:00

Die Keuschheit (und insbesondere jene der Frau) ist das Problem!
Nicht, dass nicht Sex zu haben etwas schlechtes ist, das Problem ist das Interesse aller anderen am Nichthaben!
Was aber jemand im Bett tut oder nicht tut, geht weder die Gesellschaft etwas an, noch den zukünftigen Partner!

Warum zum Teufel interessiert sich überhaupt jemand dafür?

Das lästige an sexuell übertragbaren Krankheiten ist, dass man nicht weiss, ob der Partner sie hat. Wenn der Bräutigam eine gesunde Braut haben möchte, bleibt ihm daher nichts anderes übrig als sich auf die Übertragung zu konzentrieren, sprich sich mit Heuristiken1 zu begnügen wie jener, dass die Enthaltsamkeit des Partners das Risiko vermindert, sich sexuell übertragbare Krankheiten einzufangen. Deshalb das Interesse an der Enthaltsamkeit (und dem Ehrenwort, welches alleine für die Wahrhaftigkeit der Enthaltsamkeit bürgen kann), obwohl es eigentlich *nur* um die Gesundheit geht.

Zur Illustration: Wenn wir die Mitglieder einer Expedition zum Nordpol zusammenstellen, ist es essentiell, dass alle noch beide Beine haben. Im Rekrutierungsprozess werden wir aber nicht nach den Holzhackgewohnheiten fragen, sondern (mehr oder weniger unauffällig) die Beine zählen. Anders sähe es aus, wenn beispielsweise Zigarettenrauchern mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit hie und da einfach ein Bein abfallen würde. Da wir dann nicht wissen könnten, ob einem Kandidaten während der Expedition ein Bein abfallen wird, würden wir ihn nach seinen Rauchgewohnheiten befragen – und uns eine Vorstellung zu machen versuchen, wie ehrlich wohl die Antwort war.
Das Holzhacken wird kein Thema sein2 – auch dann nicht, wenn es die häufigste Beinverlustursache ist. (Wenn uns das konkrete Verhältnis von Beinen zu Expeditionsteilnehmern so wichtig ist, werden wir höchstens eine Klausel in den Vertrag setzen, dass im Fall eines Beinverlusts vor dem Start der Expedition, die Teilnahme nochmals überdacht werden kann.)

Wenn man es von dieser Seite betrachtet, dann zielen eigentlich alle gesellschaftlichen Regeln darauf ab, Handlungen zu verhindern, welche nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit negative Folgen haben werden. Verhalten, deren Konsequenzen sofort offensichtlich sind, interessieren dagegen nicht wirklich, respektive nur dann, wenn ein Regel die Wahrscheinlichkeit für solche Vorkommnisse zu ändern vermag.3

Insofern machte es für eine Gesellschaft schon Sinn, der Ausbreitung von sexuell übertragbaren Krankheiten mittels weiblicher Enthaltsamkeit (und der Besessenheit von Ehre, welche grundsätzlich ein Garant für die Wahrhaftigkeit sein soll und überall dort zum Einsatz kommt, wo verlässliche Evidenzen fehlen) vorzubeugen4. Entsprechend musste sich die Gesellschaft auch für die Umsetzung der verordneten Lösungsstrategie interessieren und nötigenfalls angemessene Sanktionen ergreifen. Schliesslich gilt es Epidemien vorzubeugen, welche eine ernstzunehmende Gefahr für die ganze Gesellschaft darstellen.
Die Enthaltsamkeit selbst interessiert also nur insofern, als dass deren Fehlen, aufgrund der Unsichtbarkeit der Krankheit, eine potentielle Gefahr für den Rest der Gesellschaft darstellt. Genau wie die Gesellschaft sich weniger für der Impfstatus um des Kindes selbst willen interessiert, denn dessen Sorge obliegt der Verantwortung seiner Eltern, sondern viel mehr zum Wohl der Gesundheit seiner Klassenkameraden und aller anderen.

Bloss dass man heute dank des medizinischen Fortschritts eine ansonsten nicht sichtbare Infektion durchaus diagnostizieren kann!
Damit braucht der Bräutigam sich nicht mehr auf Heuristiken (und Ehrenworte) zu verlassen, sondern kann sich die vollständige Information in Form von einem ärztlichen Attest besorgen. Gesund oder Nichtgesund, das ist, was ihn interessiert. Wieso es dieses oder jenes ist, braucht ihn dagegen nicht zu kümmern. Ausser natürlich wenn es da noch was anderes gibt, das ihm Sorgen macht…5
Vielleicht die Frage, ob das Kind wirklich seins ist? Auch hierfür gibt es Atteste.
Oder vielleicht interessiert es ihn, mit welchen Leistungen die seinen verglichen werden? … Ist es wirklich gerechtfertigt aus Rücksicht auf die Unsicherheit vereinzelter Männer Frauen pauschal zu diskriminieren?

Die Gesellschaft interessiert es nicht, von wem ein Kind ist – vorausgesetzt es ist nicht von einem fremden Fötzel. Es interessierte sie nur so lange, wie die Unmöglichkeit der Klärung der Vaterschaft es unmöglich machte, gemäss klarer Regeln zu handeln. Wenn ich nicht rausfinden kann, wer der biologische Vater ist, taugt die Regel nichts, dass der biologische Vater für die Kosten aufkommen muss. Die Pflicht zur Enthaltsamkeit, welche einen Dritten als Vater ausschliessen sollte, wurde ersetzt durch die Pflicht zur Kontrolle, welche im Bezug auf Vaterschaftsfragen (wie auch auf den Gesundheitszustand der Gesellschaft) gleichermassen zuverlässiger wie auch wesentlich weniger diskriminierend ist.

Wenn jemand der Pflicht zur Kontrolle nicht nachkommt, dann ist das sein Problem6
Und wenn die Frau dem Mann ein gefälschtes Attest gezeigt hat, dann interessiert es die Gesellschaft nur insofern als es sich um Urkundenfälschung handelt, welche, wenn toleriert, zu massiven Problemen führen würde. Was die Sache war, über die gelogen wurde, spielt hier dagegen keine Rolle mehr7.

Und dann gibt’s da noch dieses seltsame Religion-Gott-Gespann, das auch unbedingt mitreden will.
Dass es ihnen um die Gesundheit geht, ist geheuchelt. Nicht umsonst stemmen sie sich regelmässig gegen medizinischen Fortschritt, weil sie darin ein Herumpfuschen in den Plänen Gottes sehen. Krankheiten füllen die Kirchen und eine solide medizinische Versorgung leert sie.
Auch die Ehelichkeit der Kinder geht es nicht. Priester lieben schliesslich alle Kinder gleichermassen.
Das Interesse der Religionen an der Keuschheit ist meines Erachten rein voyeuristischer Natur. Sie wollen wissen was in den Schlafzimmern läuft. Und sie wollen dabei mitreden8.

Fazit

Keuschheit ist ein Relikt aus einer Zeit, in der die Ehre überall dort einspringen musste, wo die Evidenzen fehlten. Und genau wie all der andere Blödsinn, den man dachte im Namen der Ehre tun zu müssen, gehört sie entsorgt. Und jeder, der seine Keuschheit zur Schau tragen zu müssen glaubt, sollte wie jeder andere behandelt werden, der der Öffentlichkeit Dinge auf die Nase zu drücken versucht, die niemanden zu interessieren haben. Wie beispielsweise die Grösse seines Gemächts.
Daher plädiere ich dafür das Tragen des Schleiers als einen Akt von Exhibitionismus zu interpretieren.

Wohlgemerkt, ich verlange nicht, den Schleier verbieten. Wenn schon, dann das Flitzen zu legalisieren!

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Eda Gregr
16.09.2016 um 11:40

svp-sp-initiativeAm 25. September 2016 wird im Kanton Luzern über die Volksinitiative «Für faire Unternehmenssteuern» abgestimmt. Die Parole der Gegner ist die Frage, ob man wirklich jene bestrafen will, die Arbeitsplätze schaffen. Gemeint sind natürlich die Unternehmen.

Die Frage ist durchaus berechtigt. Wenn die Unternehmen Arbeitsplätze schaffen, sollte man sie doch eigentlich lieber belohnen statt sie zu bestrafen.
Nicht zuletzt, weil man mit Belohnung ein Verhalten fördert und mit Bestrafung es zu verändern versucht. Und Arbeitsplätze zu schaffen ist zweifellos ein wünschenswertes Verhalten.

Daher gilt:
Jedes zusätzliche ‰ Unternehmenssteuern reduziert den Gewinn eines Unternehmens.
Kleinere Gewinnspannen machen den Standort für Unternehmen weniger attraktiv.
Weniger attraktive Standorte ziehen weniger Unternehmen an.
Weniger neue Unternehmen schaffen weniger neue Arbeitsplätze.
Und jeder nicht geschaffene Arbeitsplatz macht macht den Kanton traurig, weil Nichtarbeitende weniger Steuern zahlen.

Umgekehrt macht jedes ‰ weniger Unternehmenssteuer den Kanton glücklicher, weil er von arbeitenden Arbeitnehmern mehr Steuern bekommt als vom nicht arbeitenden Arbeitsfähigen.

Fazit:

Der Sinn einer Steuersenkung ist es, dass man im Endeffekt mehr Geld einnimmt.
Finanzdirektor Marcel Schwerzmann1

Ich nehme an, der Mechanismus dieser Win-Win-Win-Strategie2 ist folgender: Jeder nicht für Steuern ausgegebene Franken wird in neue Arbeitsplätze investiert, was Produktivität und Gewinne steigert, die wiederum in neue Arbeitsplätze investiert werden, was Produktivität und Gewinne steigert, … Und alle sind beschäftigt und glücklich und fleissig am Steuern zahlen.3

Wieso dann nicht die Unternehmen für ihren Effort Arbeitsplätze zu schaffen nicht mit viel, VIEL, V I E L tieferen Steuern belohnen?

Vielleicht liesse sich sogar eine negative Unternehmenssteuer einführen? Statt Steuern bezahlen zu müssen, würden die Firmen Subventionen erhalten! Das würde die Erfolgsspirale noch viel, VIEL, V I E L mehr ankurbeln.

Dass tiefere Steuern die Wirtschaft ankurbelt, bestreiten die Befürworter der Initiative gar nicht. Sie merken lediglich an, dass man trotz florierender Wirtschaft nicht wie erwartet mehr Geld eingenommen hat und dass es allmählich wirklich knapp wird bei der Finanzierung von Bildung, Sozialem, Sicherheit, Umwelt und Infrastruktur – was sich übrigens über kurz oder lang nachhaltig auf die Standortattraktivität auswirken wird. Und sie merken auch an, dass grosse Firmen nicht notwendigerweise auch viele Angestellte zu haben brauchen und sich daher über deren Steuern weniger an der Finanzierung der von der Gemeinschaft zur Verfügung gestellten Infrastruktur beteiligen, als sie sie in Anspruch nehmen – was unfair ist, weil das dann von anderen gestemmt werden muss.

Schauen wir uns also mal die Gründe an, warum man laut nein-zur-sp-steuerinitiative.ch die Initiative ablehnen soll:
(ich beziehe mich auch auf die Ausführungen zu diesen Punkten auf der Webseite)


  • Wenn man falsch abgebogen ist und man zurück fährt, wirft einen das zurück? Schon, aber wäre man besser dran, wenn man einfach weiter geht? Kaum. Und dass hinter einem andere in die gleiche Strasse einbiegen, bedeutet nicht, dass man demzufolge doch auf dem richtigen Weg ist. Vielleicht können sie es sich im Gegensatz zu uns ja leisten.
  • weil sie unser Finanzproblem verschärft
    Hier gestehen die Gegner ein, dass es tatsächlich ein massives Finanzproblem im Kanton Luzern gibt, welches die aktuelle Steuerpolitik verursachte, verschärfte oder zumindest nicht zu beseitigen fähig war. Dass der Effekt der Steuerinitiative aber einen gegenteiliger zum erhofften sein könnte, ist durchaus ein valider Einwand, der aber wesentlich ausführlicher begründet werden müsste als mit dem Satz: „Eine Abkehr von der eingeschlagenen Steuerstrategie würde jene wenigen Unternehmen aus unserem Kanton vertreiben, die für den Grossteil der Unternehmenssteuern im Kanton Luzern aufkommen und die ihren Steuersitz jederzeit problemlos verlegen können.“ Wenn sie nämlich so problemlos wieder abziehen können, dann werden sie es tun, sobald sich die Gelegenheit bietet – und andere Kantone sind ja drauf und dran Gelegenheiten zu bieten. Interessant wäre es, zu erfahren, wie viel diese wenigen Unternehmen,  im Kanton Luzern in Infrastruktur und Arbeitsplätze investiert haben? Denn je freizügiger sie es taten, desto weniger problemlos wird ein Abzug sein. Und wir wollen ja nur die nicht bestrafen, die Arbeitsplätze schaffen.

  • Dass man Volksentscheidungen Zeit geben sollte um sich zu entfalten, sehe ich als experimentalpolitisch orientierter Stimmbürger natürlich ein. Allerdings weiss ich auch, dass man Kriterien haben muss, welche einem bestimmen lassen, ob ein Experiment gescheitert ist. Die Gegner sagen nicht, dass es bald besser wird. Sie sagen nur, dass es sich anders zu überlegen schlecht ist. Auf Fehler nicht zu reagieren ist aber auch ein Risiko für die so hoch geschätzte Planungssicherheit.

  • Das ist ein witziger Einwand. Die SP nennt ihre Initiative „Für faire Unternehmenssteuern“ und die Gegner erwidern, dass die Umsetzung der Initiative unfair wäre. Können wir uns darauf einigen, dass beide Seiten unter Fairness etwas anderes verstehen?
  • weil sich tiefe Firmensteuern auszahlen
    Es stimmt schon, dass „Wer Gewinne erzielt, zahlt Steuern“. Die Frage ist nur, ob sich mit den Steuern, die man erhält, alles nötige finanzieren lässt? Und das allgemeine Eingeständnis, dass es Finanzprobleme gibt, bedeutet, dass es sich noch nicht wirklich ausgezahlt hat, auch wenn der eine oder andere Posten sich vergrössert haben mag.

Unter dem Strich heisst das: Es gibt ein wachsendes Finanzproblem, welches die aktuelle Steuerpolitik offenbar nicht zu entschärfen fähig war. Die Befürworter hoffen mit ihrer Initiative das Steuer herum zu reissen, die Gegner befürchten, dass man sich damit nur noch tiefer in den Schlamassel rein manövrieren würde. Als Lösung schlagen diese statt dessen vor, vorerst einfach mal weiter zu machen und zu hoffen, dass es gut kommt.

Persönlich neige ich zur Befürwortung der Initiative, ziehe aber den Hut vor den Bürgerlichen für ihren Einsatz zugunsten der Experimentalpolitik.

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Eda Gregr
02.08.2016 um 15:53

Bierdusche für Erich Hess
Ein Gast im Garten der linksalternativen Beiz Luna Llena leerte SVP-Nationalrat Erich Hess ein Bier über den Kopf. Danach folgte ein Spiessrutenlauf durchs halbe Berner Nordquartier.
bazonline.ch

Meine Schwiegergrossmutter schwört auf Bier als Shampoo, doch weder entschuldigt das die Tat, noch tut es hier irgendetwas zur Sache! Sowas macht man nicht – auch wenn es eine wunderbare Hommage an die Tagesanzeiger-Schlagzeile vom 13.4.2016 ist: „Auch im Schweizer Bier steckt Unkrautvernichter“.

Ich nahm die Geschichte – leicht amüsiert – zur Kenntnis, sah dann aber auf Facebook, dass ein Freund eines Freundes in ihr genau das wiederzuerkennen glaubt, was in der Schweiz falsch läuft und was ihn – wohl aus ethischen Gründen (?) – zwingt konsequent rechts zu wählen:

Genau aus solchen Gründen bin ich Trotzwæhler und stimme konsequent und unbesehen nur noch rechts – Gewalt und Intoleranz kommt heutzutage grossmehrheitlich von links!
ein Kommentar zum Artikel auf Facebook

Die Strategie, seine Stimme unbesehen jener Seite zu geben, deren Anhänger seltener zur Gewalt1 greifen, halte ich zwar für etwas naiv, weil eine Seite nur begrenzt für die Idiotie ihrer Anhänger verantwortlich gemacht werden kann (dazu weiter unten mehr), aber okay. Es gibt noch wesentlich schlechtere Strategien als die – ich nenne sie mal – konsequent pazifistische um sich für eine Seite zu entscheiden.

Eine Frage muss vorher aber noch geklärt werden: Wie wichtig sollen die Fakten sein bei der Beurteilung, welche Seite mit weniger Gewalt und Intoleranz in Verbindung gebracht werden kann?
Vielen reicht das intuitive Gefühl über die Zahl der Übergriffe, persönlich lege ich da schon aber schon grossen wert auf Statistiken. Ich sehe nämlich keine andere Möglichkeit einem allfälligen Bias vorzubeugen.
Schauen wir uns deshalb mal die Datenlage an: Laut Sicherheit Schweiz – Lagebericht 2016 des Nachrichtendienstes des Bundes 2 sieht die Entwicklung in der Zeit von 2006 bis 2015 wie folgt aus:

Dem NDB gemeldete rechts- oder linksextrem
motivierte Ereignisse seit 2010 (ohne Schmierereien)

Links- und Rechtsextrem motivierte Ereignisse

Quelle: http://www.news.admin.ch

In der Schweiz kommt politisch motivierte Gewalt, welche insgesamt zurück zu gehen scheint, also tatsächlich deutlich häufiger aus dem linken Lager3. Ob man das Verhältnis aber „grossmehrheitlich“ nennen kann und ob die Zahl von Straftaten gross genug ist um eine ausschliesslich konsequent pazifistische Strategie zu rechtfertigen, sei mal dahingestellt.
Erwähnenswert ist hier aber, dass die Wahrscheinlichkeit, dass bei einer rechtsextremistischen Straftat Gewalt zur Anwendung kommt, wesentlich höher ist als bei einer linksextremistischen. Sprich die Linke „mobilisiert“ zwar mehr Krawallmacher, die rechte dafür unter ihren mehr gewaltbereite.

Was meines Erachtens auch noch berücksichtigt werden sollte, ist die Frage, welche politischen Forderungen die beiden extremistischen Lager haben, welche sie mit den Krawallen zu erzwingen versuchen4? Respektive wessen Forderungen bereits politisch umgesetzt werden?
Mit dem immer fremdenfeindlicheren Klima in der Schweiz, welches von der Rechten geschürt wird, werden immer mehr menschenverachtende Gesetze erlassen und alle feuchten Träume der Rechtsextremisten erfüllen sich von ganz allein. Für sie erübrigen sich also weitere Krawalle5.
Das heisst dann also, dass die Gewalt der Linksextremen auf deren Frustration darüber zurück zu führen ist, dass die Menschenrechte zugunsten des Profits mit Füssen getreten werden. Und das geschieht, weil Leute wie der Kommentator von oben unbesehen der rechten Seite seine Stimme gaben. Wenn er etwas gegen die Gewalt der Linksextremen hätte tun wollen, hätte er deren Krawallen durch seine Stimme den Wind aus den Segeln nehmen können. Was dann allerdings wohl wieder die Rechtsextremen aus der Reserve gelockt hätte…
Was lernen wir draus? Dass man die Gewaltbereitschaft der Anhänger nur dann angemessen vergleichen kann, wenn ihre Empörung über die vorhandenen Zustände ungefähr gleich gross ist.

Schauen wir uns jetzt aber mal die Situation in Deutschland an. Die Partei, die am ehesten mit der SVP vergleichen kann, welche das rechte Spektrum abdeckt, ist die AfD, die zur Zeit aber nur etwa 11% der Bevölkerung hinter sich vereint – verglichen mit den rund 30% der SVP. Dort haben die Rechtsextremen also weit weniger Gesinnungsgenossen in der Regierung6. Wie steht es dort um die Straftaten aus Links- und Rechtsextremismus?

Die Entwicklung sieht in Deutschland laut dem Statistik-Portal [hier und hier] ganz anders aus als in der Schweiz:

Polizeilich erfasste politisch motivierte Kriminalität und Gewalttaten
in Deutschland seit 2001 (ev. mit Schmierereien?)

AnzStrDE_2_2001-2015

Quelle: http://de.statista.com

Hier haben eindeutig die Rechtsextremen mehr auf dem Kerbholz, allerdings ist dafür der Anteil der Gewalttaten kleiner7. Und die Tendenz ist eher steigend.
Zusätzlich habe ich hier auch noch eine Aufteilung der Straftaten nach Art des Delikts:

Anzahl der politisch motivierten Straftaten
mit rechts- und linksextremistischem Hintergrund
in Deutschland im Jahr 2015:

Politisch motivierte Straftaten in Deutschland

Etwas unbefriedigend, dass der mit Abstand grösste Posten „Andere Straftaten“ nicht aufgedröselt wird.
Quelle: http://de.statista.com

Wie ist es möglich, dass sich das Verhältnis zwischen der Kriminalität von Rechts und Links sich zwischen Schweiz und Deutschland so unterscheidet? Ist Rechts nicht überall Rechts? Und Links nicht überall Links? Sind nicht Rechtsextremisten in der Schweiz und Rechtsextremisten in Deutschland nicht von der gleichen Idee beseelt?
Unser Facebook-Kommentator lehnt das linke Gedankengut ja ab, weil es angeblich deren Anhänger dazu bringt Gewalt auszuüben. Wenn das gleiche Gedankengut aber anderswo eine andere Zahl von Menschen dazu bringt ein unwürdiges Verhalten an den Tag zu legen, dann spielen vielleicht noch andere Faktoren eine Rolle und nicht nur das Gewaltpotential der Idee.

Wie weit kann also eine Partei für die Idiotie ihrer Anhänger verantwortlich gemacht werden? Vielleicht wäre das auch so ein Punkt, den man sich hätte ansehen müssen, bevor man sich für die konsequent pazifistische Strategie entscheidet.
Von welcher Seite bekommen die Krawallmacher (deutlichere) Anweisungen?8
Rechts dürften es wohl rassistische Äusserungen von Rechtspolitikern sein, welche die Rechtsextremen motivieren könnten gegen Ausländer vor zu gehen. Solche Äusserungen gibt es.
Links dürften es dagegen eher kapitalismuskritische Äusserungen von Linkspolitikern sein, welche die Linksextremen motivieren könnten die Schaufenster von Konsumtempeln einzuschlagen. Kapitalismuskritische Tweets werden sich sicher finden lassen, doch aus diesen eine Legitimation für Gewalt gegen Kapitalisten abzuleiten, wird wohl eher schwierig. Was Links angreift ist ein in ihren Augen schlechtes System, während das, wovor sich Rechts fürchtet, schlechte Menschen (aus dem Ausland) sind.
Ich denke, um zu Entscheiden, welche Seite den schlechteren Einfluss hat, sollte man sich deren Äusserungen auf Social Media anschauen. Wer weiss, vielleicht stellt sich dann heraus, dass Rechts eng verbandelt ist mit den Neonazis. Und dass Links und der Schwarze Block völlig unabhängig voneinander sind. Oder vielleicht stellt sich auch heraus, dass es genau umgekehrt ist. Oder vielleicht auch was ganz anders. Je nach Antwort müsste man sich dann vielleicht nochmals die Strategie überdenken, oder?

 

Bezeichnend finde ich übrigens auch, dass im Kommentar nicht nur von (politischer) Gewalt die Rede war, sondern auch von Intoleranz. Ist es nicht gerade die Rechte, die es nicht so mit der Toleranz hat? Minarett- und Burkaverbot sind fast schon Inbegriff der SVP-Politik und ganz klar intolerant. Auch das Ächzen beim Thema gleichgeschlechtliche Ehe ist intolerant. Ich sage nicht, das Toleranz immer die angemessene Haltung ist, ich stelle nur fest, dass die Rechte wenig Hemmungen hat die Entfaltungsfreiheit anderer Kulturen einzuschränken. Toleranz ist Duldung. Insbesondere von Fremdem. Wenn man also gegen Intoleranz ist, kann man gar nichts rechts stimmen.

 

 

Und ganz zum Schluss. Ganz ehrlich. Hätte jemand Cédric Wermuth ein Bier über den Kopf geschüttet, hätte der Facebook-Kommentator dies nicht auch bloss amüsiert zur Kenntnis genommen?

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Eda Gregr
20.07.2016 um 21:56

Nach Art. 37c1.3 der Zivilstandsverordnung kann die Zivilstandsbeamtin oder der Zivilstandsbeamte Vornamen zurückweisen, welche die Interessen des Kindes offensichtlich verletzen.

Satan, Bierstübl, Puhbert, Pillula, Sputnik, Störenfried, Oma, Rosenherz, Venus, Pfefferminze oder Verleihnix wurden daher als Vornamen abgelehnt. Das scheint auch Sinn zu machen. Oder scheint es nur so? Klar, Namen wie Puhbert sind einfach zu verlockend um nicht zum Ärgern verwendet zu werden, doch genauso scheinen schlechtere Noten mit dem Namen Kevin oder Mandy vorprogrammiert zu sein, welche Lehrer nachgewiesenermassen mit Inkompetenz assoziieren. Wieso werden dann nicht auch diese im Interesse des Kindswohls abgelehnt? Zumindest so lange, bis sich die Situation geändert hat und die Ressentiments der Lehrer gelegt haben?

Eine genauere Analyse der Studie von Astrid Kaiser und Julia Kube, welche belegen soll, dass Kevin kein Name, sondern eine Diagnose ist, zeigt aber ein anderes Bild. Die Namen werden zwar vielleicht schon mit Inkompetenz assoziert, einen messbaren Effekt hat das aber offenbar doch nicht. Nomen non est Omen.

Wenn nun aber der Name Kevin doch keinen nachweislich nachteiligen Effekt auf das Kind hat, was der Zivilstandsverordnung eine wissenschaftlich fundierte Legitimierung gäbe die Namen der Kinder abzusegnen, müssen wir dann nicht auch dem Artike 37C1.3 in Frage stellen? Oder zumindest verlangen, dass man ihn nur dann gelten lässt, wenn wissenschaftlich saubere Evidenzen für dessen Wirkung vorliegen? Im Moment argumentiert man mit dem gesunden Menschenverstand.
Aber wir wissen nur zu gut, dass man dem nicht immer trauen kann…

Und sollten keine systematische Diskriminierung von Menschen mit Namen wie Satan, Bierstübl, Puhbert, Pillula, Sputnik, Störenfried, Oma, Rosenherz, Venus, Pfefferminze oder Verleihnix aus zu machen sein, ist es dann gerechtfertigt ihren Eltern vorzuschreiben, wie sie ihre Kinder nicht nennen dürfen?

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Eda Gregr
25.05.2016 um 22:03

„Auge für Auge, Zahn für Zahn“ ist zwar barbarisch und nachweislich nicht besonders effizient in Sachen Verbrechensprävention, eine gewisse naive Eleganz aufgrund der Klarheit im Strafmass kann man einem solchen Rechtssystem aber nicht absprechen. Wenn einem Bürger der Zahn ausgeschlagen wird, sorgt die Gesellschaft dafür, dass dem Übeltäter ebenfalls ein Zahn ausgeschlagen wird. Und die Sache ist geregelt1. Der Trick ist, dass man die Strafe von einer unbeteiligten Drittperson ausführen lässt, wodurch beide Parteien halbwegs überzeugt sein können, dass die Strafe weder zu hart noch zu mild vollstreckt wurde.

Klar, noch besser wäre, wenn das Opfer dem Täter einfach so verzeihen würde. Damit wäre der Welt der Verlust eines weiteren Zahnes erspart geblieben. Das Problem ist aber, dass dies den Täter nicht davon abhalten wird im Bedarfsfall nochmals wem einen Zahn auszuschlagen.
Die Sache sieht jedoch auf einmal anders aus, wenn das Opfer dem Täter auch noch den anderen Zahn zum Ausschlagen anbietet2 3. Wegen dem einen Zahn hat der Täter nämlich noch kein schlechtes Gewissen, schliesslich hat es das Opfer nach seiner Ansicht ja verdient4, doch spätestens nach dem zweiten, dritten Zahn ist die Schuld beglichen und ein ungutes Gefühl macht sich bemerkbar. Von diesem Moment an geht der Täter mit Schuldgefühlen durch die Welt und trachtet danach diese wieder gut zu machen. Beispielsweise indem er dem nächsten, der es verdient einen Zahn ausgeschlagen zu bekommen, keinen Zahn ausschlägt5, was idealerweise ein Glücksgefühl hervorruft, welches ihn veranlasst niemals mehr irgendwem einen Zahn ausschlagen zu wollen.6
Doch selbst wenn die Andere-Zahn-Hinhalten-Strategie tatsächlich den Täter langfristig davon abhält, nochmals gewalttätig zu werden, so bezweifle ich, dass sie das auch bei anderen potentiellen Zahn-Ausschlägern schafft. Die Aussicht7, jemandem auch einen zweiten Zahn ausschlagen zu müssen, wird wohl kaum jemanden davon abhalten den ersten – wohlverdienten – auszuschlagen. Klar, der zweite Zahn wird, wie oben erwähnt, schlussendlich dazu führen, dass dem Täter die Lust vergeht, je wieder einen Zahn ausschlagen zu wollen, doch dieser Effekt ist meines Erachtens nur erfahrbar, nicht aber vermittelbar, weil nicht wirklich abschreckend.
Und auch wenn es die zukünftigen Täter entgegen allen Erwartungen doch überzeugen sollte, dass das schlechte Gewissen hinterher ziemlich übel sein wird, dann werden diese dem einfach dadurch vorbeugen, dass sie erstmal nur einen halben Zahn ausschlagen um sich – als treue Gesetzesbürger – einfach etwas später8 auch noch der zweiten Hälfte des nach ihrer Ansicht völlig begründeten Gewaltausbruchs zu widmen.

Randnotiz: Ist es nicht irgendwie komisch, dass in der Erziehung9 von Fremden auf die Strategie des Verzichts auf Gewalt gesetzt wird („Ich aber sage euch: Verzichtet auf Gegenwehr, wenn euch jemand Böses antut! Mehr noch: Wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die linke hin.“ Matthäus 5:39), während man dies bei der der eigenen Kinder offenbar tunlichst zu unterlassen hat(„Wer seine Rute schont, der haßt seinen Sohn; wer ihn aber liebhat, der züchtigt ihn bald.“ Sprüche 13:24)?
Der Schluss liegt daher nahe, dass es bei der anderen Backe gar nicht um die Erziehung des Täters geht, sondern allein um die persönliche Verarbeitung des an einem verübten Unrechts – wobei die Frage, ob es nicht vielleicht ein bisschen „verdient“ war, gänzlich ausgeklammert wird.
Das Argument, dass es bei Kindern einfach einer anderen Art von Erziehung bedürfe als bei Erwachsenen, halte ich für wenig überzeugend, denn die Trennung zwischen Kindheit und Erwachsensein wurde zu jener Zeit noch nicht so gelebt, wie man es heute tut10. Und hinzu kommt noch, dass es Christen gibt, welche die körperliche Züchtigung der Ehefrau für ein von der Bibel gestütztes Erfolgsrezept halten11, was meinen Schluss über den Zweck der anderen Backe klar unterstützt.

Beide Methoden konzentrieren sich auf das Opfer: Im Zahn-für-Zahn Fall wird dessen Rachelust gestillt und im Andere-Backe Fall wird das Leid als willkommene Etappe auf dem Heilsweg verkauft. Beides ziemlich egoistisch, finde ich. Es wird nämlich nirgends das nächste Opfer berücksichtigt. Dabei ist doch eigentlich das das wichtigste. Denn im Gegensatz zu nächsten Opfer ist beim aktuellen der Schaden bereits angerichtet und lässt sich auch nicht mehr rückgängig machen. Damit will ich das Opfer nicht alleine lassen, ganz im Gegenteil, ihm soll jede nur erdenkliche Hilfe zuteil kommen – sofern diese Hilfe das nächste Opfer nicht in Gefahr bringt.
Wenn es das nächste Opfer nicht gäbe (was es nach Ansicht des Endzeitpropheten Jesus wohl nicht mehr tun sollte), wäre es Johannes wie Thaddäus wie man mit den Täter umspringt. Daher ist ein versöhnlicher Ansatz gar keine schlechte Idee. Wenn es aber mehr oder weniger nächste Opfer geben kann, sollte man sich – so finde ich zumindest12 – tunlichst bemühen, es weniger sein zu lassen – selbst wenn das bedeutet, dass der „Gerechtigkeit“ nicht ganz genüge getan wird13.
Und wenn die Zahl der der nächsten Opfer mit der Behandlung der Täter korreliert, so ist das ein vielversprechender Hebel um anzusetzen.

Wieso also den Täter nicht mit den folgenden Worten im Strafvollzug willkommen heissen: „Eines Tages wirst du hier wieder raus kommen und es besteht die Möglichkeit, dass du in meine Nachbarschaft leben wirst. Deshalb tue ich mein Bestes dich zu einem guten Nachbaren zu machen.“14

Ob es Kuscheljustiz ist oder nicht, sollte nicht die Frage sein. Einzig und allein sollte der Erfolg zählen. Und der Erfolg ist weniger nächste Opfer. Und die nächsten Opfer kann man zählen.
Weniger Opfer ist aber nicht gar keine. Deshalb wird man sich bei jedem nächste Opfer fragen, ob es mit einem härteren Strafsystem nicht hätte verhindert werden können? Man hätte natürlich genauso gut auch fragen können, ob es mit einem kuscheligeren Strafsystem nicht hätte verhindert werden können – was sogar naheliegender wäre, wenn man sich die Korrelation zwischen Kuscheljustiz und Kriminalitätsrate anschaut, aber in solchen Situationen fällt einem diese in der Regel nicht auf. Die Antwort auf die Frage könnte dann unter Umständen so lauten: „Ja, mit einem härteren Strafsystem hätte womöglich genau diese eine Tat verhindert werden können, doch wären stattdessen X andere, vielleicht sogar viel schlimmere Verbrechen begangen worden, die uns jetzt aber zum Glück erspart geblieben sind.“
Einem Opfer und dessen Angehörigen spendet das natürlich wenig Trost. Doch darauf dürfen wir als Gesellschaft keine Rücksicht nehmen. Wir müssen so vielen wie möglich ein so sicheres Leben wie möglich garantieren.

Uns stehen verschiedene Strategien zur Verfügung, deren Erfolg wir durch entsprechende Untersuchungen in Pilotprojekten und aus Erfahrungen in anderen Ländern durchaus grob abschätzen können. Manche der Strategien verhindern eine Art von Verbrechen, während sie auf andere Arten kaum einen Einfluss haben. Manche Strategien lassen sich mit anderen kombinieren, mit anderen hingegen nicht. Manche sind intuitiv, andere weniger…
Sich für eine Strategie oder eine Kombination von Strategien zu entscheiden, bedeutet aber immer auch die Opfer, welche eine andere Strategie oder Kombination von Strategien verhindert hätte, in Kauf zu nehmen. Deshalb muss man wirklich sehr gute Gründe haben, warum man sich so und nicht anders entschieden hat. Und „Gott will es so!!!“ ist (trotz der ansonsten durchaus überzeugenden drei Ausrufezeichen) kein wirklich sehr guter Grund. Ein wirklich sehr guter Grund ist einer, den alle (zähneknirschend15) zu akzeptieren bereit sind. Und die Wünsche einer imaginären Gestallt kann ich – wenn ich die Wünsche für verhängnisvoll erachte – nicht mal zähneknirschend akzeptieren.

Das heisst aber, dass selbst wenn luxuriöse Haftbedingungen die Kriminalitätsrate proportional um Luxus senken, so können wir diese Option durchaus über Bord werfen – sofern wir eine andere Strategie zur Verfügung haben, die mindesten die gleiche Erfolgsquote hat. Bloss um unsere Rachelust zu befriedigen – so natürlich diese auch sein mag – dürfen wir aber nicht einfach ein paar Opfer mehr hinnehmen.
Insbesondere da es ja eigentlich nicht mal wirklich unsere Rache ist. Das Opfer ist ein anderer, wir wollen bloss den Täter bestrafen. Klar, so funktioniert soziale Kontrolle: Indem man jemanden der sich gegen die Regeln verhalten hat, kollektiv bestraft: Was du deinem Peiniger antun willst, das füg auch den Peinigern von anderen zu16. Allerdings gibt es, wie wir inzwischen wissen, wesentlich effektivere Methoden jemanden daran zu erinnern sich lieber an die Regeln zu halten und unsere Neigung die Täter zu stigmatisieren – schliesslich wollen wir wissen, ob ein Zahnausschläger in unserer Nachbarschaft wohnt – ist da möglicherweise eher hinderlich dabei ihn zu einem guten Nachbaren zu machen.

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Eda Gregr
26.02.2016 um 10:17

Es gibt zwei Arten von Gästen: die, dich ich auch mal besuchen kann, und die, die mich dafür bezahlen, dass ich es nicht tue. Abgesehen davon, gibt es keine Unterschiede. Sie brauchen weder im Haushalt zu helfen, noch sich Sorgen zu machen, dass ich über ihre Witze nicht lache.
Ian Hazelwood

In den Kommentarspalten zu Artikeln über die Durchsetzungsinitiative liest man oft, dass wenn sich ein Gast nicht benimmt, es nur recht und billig sei, ihn vor die Tür zu setzen.

Hm… Ist es nicht in gewissem Sinne die Pflicht der Gäste sich ein bisschen neben der Spur zu bewegen? Schliesslich sind sie ja „Fremde“, was sich eben genau durch ihr anderes Verhalten äussert. Und genau deshalb beherbergen wir sie ja, um ein bisschen mit dem Exotischen konfrontiert zu werden und idealerweise unsere etwas eingefahrene Vorstellungen zu hinterfragen. (Oder einfach um bessere Geschäftsbedingungen zu schaffen…)
Und mal abgesehen davon ermöglicht es uns, wenn wir selbst mal irgendwo Gäste sind, auch etwas neben der Spur zu sein…

Nicht umsonst ist das Gastrecht eines der ältesten Gesetze überhaupt. Und ich würde sogar kühn behaupten, auch eins der effektivsten. Dass man nicht töten oder stehlen soll, braucht man einem nicht erst zu erklären. Das ist selbstredend. Dass es von Vorteil sein kann, einem Fremden sicheres Geleit zu gewähren und ihm gegenüber tolerant zu sein, ist dagegen nicht mehr so intuitiv. Und doch ist genau dies stets der erste Schritt, wenn man sich zusammen setzt und miteinander zu reden beginnt.

Wieviel neben der Spur man sich zu bewegen erlauben darf, ist natürlich eine andere Frage, doch meines Erachtens stellt sich die im Kontext der Durchsetzungsinitiative gar nicht, denn Ausländer, die hier den grössten Teil ihres Lebens verbracht haben, sind nicht mehr wirklich Gäste.

Gehört man nicht irgendwann einmal zum Inventar?

Ich denke, der exakte Zeitpunkt, ab welchem man nicht mehr bloss Gast in einem Land ist, ist, wenn man seinen Wohnsitz nach Art. 23 ZGB in diesem Land bezieht. Je nach Aufenthaltsbewilligung darf man mehr oder weniger arbeiten, Militärdienst leisten und abstimmen, ansonsten aber geniesst man die exakt gleichen Pflichten und Rechte wie jeder andere Schweizer auch.

Man könnte einwenden, dass die Schweiz (wie wohl auch so gut wie jedes andere Land) mit diesen Einschränkungen gegen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verstosse. Laut Artikel 23 hat nämlich jeder das Recht auf Arbeit, dies beinhaltet keinen individuellen Anspruch auf einen Arbeitsplatz, sondern das Recht auf einen Schutz vor unverschuldeter Arbeitslosigkeit – wie hier aufgrund des fehlenden Schweizer Passes, da man zufälligerweise irgendwo anders zur Welt kam oder Eltern hat, die zufälligerweise irgendwo anders zur Welt kamen. Laut Artikel 21 hat jeder das Recht, an der Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten seines Landes unmittelbar oder durch frei gewählte Vertreter mitzuwirken, sprich zu wählen – was Ausländer aber nicht dürfen. Und laut Artikel 20 darf niemand gezwungen werden, einer Vereinigung anzugehören – in diesem Fall wird dies gegenüber den Schweizer Männern verletzt, da diese unter Androhung von Konsequenzen gezwungen werden der Vereinigung Armee anzugehören.
Doch da die Verweigerung der in den Artikeln 23 und 21 erwähnten Rechte offensichtlich durch das exklusive Recht, nicht dem Militärverein angehören zu müssen, kompensiert wird, hat wohl alles schon seine Richtigkeit. Und überhaupt geht es, wie sich kürzlich mal jemand im Zusammenhang mit der Durchsetzungsinitiative geäussert hat, nun langsam wirklich zu weit mit den sich ständig ausweitenden Menschenrechten!

Hört man sich bei den Befürwortern der Durchsetzungsinitative ein bisschen um, so erfährt man, dass abgesehen davon, dass Unschuldigen eh keine Ungemach droht, Ausländer sich auch längst hätten einbürgern lassen können. Und dass sie das nur deshalb nicht tun, weil sie sich vor dem Militärdienst drücken wollen. Und dass wer nicht bereit sei im Notfall Blut für die Schweiz zu vergiessen, nun mal nicht wie ein Schweizer behandelt werden könne.

Das stimmt schon, wenn die Ausländer den Schweizer Pflichten nicht nachkommen, dann müssen sie mit Konsequenzen rechnen genau wie auch jeder Schweizer bei Pflichtverletzung mit Konsequenzen zu rechnen hat. Dass die Ausländer nicht Militärdienst leisten dürfen, spielt hier keine Rolle, denn sie könnten, weil sie müssten, wenn sie Schweizer werden würden, wenn sie wollten.
Und im Moment bestehen diese Konsequenzen eben aus dem Verbot zu wählen und in Zukunft im Falle einer Gefährdung der öffentlichen Sicherheit in besonderem Masse aus einer kompromisslosen Abschiebung1.

Bloss, dass Schweizer Männer, die sich vor derselben Pflicht drücken (die Unfähigen und die Memmen also), weder Stimmverlust noch Landesverweis fürchten müssen. Bei ihnen ist es mit einem Wehrpflichtersatz getan.
Und Frauen müssen gar nicht erst ins Militär2 und brauchen wie die Ausländer auch keinen Wehrpflichtersatz zu zahlen. Ergo haben Ausländerinnen exakt die gleichen Pflichten wie die Schweizerinnen, aber nicht die gleichen Rechte – was, wie mir scheint, irgendwie nicht ganz koscher ist3.
Witziges Detail nebenbei: Während Frauen und Männer in der Schweiz vor dem Gesetz nicht wirklich gleich sind, es sei hier als Beispiel nur die Wehrpflicht angeführt, sind männliche und weibliche Ausländer in der Schweiz vor dem Gesetz zumindest im diesen einen Punkt gleicher, ergo einen Schritt voraus.

Wieso verlangen wir eigentlich nicht von jedem, der nicht Militärdienst leistet, den Wehrpflichtersatz? Egal ob Mann oder Frau oder Schweizer oder Ausländer. Zu diesem Wehrpflichtersatz müsste – schliesslich geht es beim Militär um die Bereitschaft Blut zu vergiessen – natürlich auch noch eine Blutspende-Pflicht hinzu kommen!4

Okay, das nahm jetzt eine selbst für mich überraschende Wendung.

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