Nackte Tatsachen

Jesus hing nackt am Kreuz. Splitterfasernackt.
Theologen ergötzen sich an der Symbolik dieser Szene: Wie das Kreuz der Sünde jede Hülle nimmt. Irgendwie übersehen sie dabei aber, dass das Symbol des Christentums, Jesus am Kreuz, in Darstellungen stets die Lendengegend verhüllt.

Ja, man weiss, dass die Bedeckung des Gehänges wahrscheinlich weniger der Wohlanständigkeit geschuldet ist als viel mehr der Bemühung davon abzulenken, dass Jesus ein Jude war. Doch aus irgendeinem Grund scheint sich niemand daran zu stören, dass man dadurch das Symbol seiner wahrscheinlich mächtigsten Komponente, der Erniedrigung, beraubt und damit das Sterben von Jesus in eine Reihe stellt mit all den anderen sexy Heldentoden, wo sich einer für seine Kameraden oder die gute Sache opfert.

Sollte hier die Sache aber nichts anders liegen? Sollten ein Christ beim Betrachten der Szene von Jesus am Kreuz nicht etwas mehr empfinden als bei der Sterbeszene von Capitain Miller in Saving Private Ryan? Sollte er sich dabei nicht beschämt seiner eigenen Sünden bewusst werden?

Jesus wurde in seinem Tod dem Gespött jener preisgegeben, deren Seelen er mit seinem Opfer gerettet hat. Käme es seinem Plan da nicht näher, wenn er auch 2000 Jahre später bei seinem Publikum ein zwiespältiges Gefühl auszulösen vermochte?

Man stelle sich vor, man steht in der Kirche und kann sich nicht des Impulses erwehren, ob seinem Foltertod zu gröhlen. Weil er beispielsweise einen Elefanten-Tanga trägt. Man ist belustigt, man ist darob beschämt, man macht sich darob vor den Andersgläubigen lächerlich, man ist wütend und kann gleichzeitig auch Verständnis für all das aufbringen…

Und jetzt stelle man sich vor, wie die Welt aussehen würde, wenn das Christentum während 2000 Jahren ihre Gottesdienste in einem solch wilden Mix der Gefühle gefeiert hätte…

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